Donnerstag, 21. Oktober 2010

Klirrende Kälte

Als ich klein war, hab ich mal eine Leiche gesehen. Es war an einem Sonntag. Mein Vater schleppte mich jedes Wochenende zum Grab meiner Urgroßmutter. Soll eine sehr weise Frau gewesen sein.
Er nutzte die Gelegenheit auch, mir die Gräber der gefallenen Soldaten des 1. Weltkrieges zu zeigen. Als Kind hat man manchmal Probleme, sich phonetisch gleichende Wörter mit unterschiedlichen Bedeutungen auseinander zu halten und für mich beinhalteten diese Gräber keine umgekommenen Soldaten, sondern solche, denen der Krieg schlicht gefallen hatte. Selbst als Kind ohne genaue Vorstellung von den Leiden eines Krieges, irritierte mich das. Ich fragte nie nach und betrat den Friedhof nur mit Unbehagen.
Damals war es März. Die klirrende Kälte färbte meinen Atem weiß und meine Nase rot. Es war noch während meiner Grundschuljahre. Ich trug zusätzlich zu meiner dicken Jacke eine Kombination aus Mütze, Schal und Fäustlingen - alles in Gelb gehalten, damit man mich im Straßenverkehr gut erkennen konnte.
Vater hatte mich an der Hand genommen. Ich stolperte neben ihm her. Er war in Eile an diesem Tag. Das zügige Gehen fiel mir schwer, da mir meine Winterschuhe leicht zu groß waren. Wir folgten nicht dem normalen Fußweg, sondern schlüpften zwischen den Gräbern hindurch. Dort häuften sich braune, gefrorene Schneereste. Wir hinterließen Fußabdrücke und ich weiß noch, wie unangenehm mir das war.
Es gab kein einziges Grab in der Nähe, welches Blumen aufweisen konnte. Die Abwesenheit jeglicher bunter Flora betrübte mich.
Wir beschritten einen weiteren unwirtlichen Weg, als mein Vater in seiner Hektik ohne jegliche Vorwarnung stehen blieb. Ich konnte nicht plötzlich anhalten und rannte gegen sein rechtes Bein. Der Tadel dafür blieb aus. Mein Vater starrte auf einen Mann, der sich zwischen zwei großen Grabsteinen in eine rostbraune Decke gewickelt hatte. Er lag auf dem Rücken. Ein ausgestreckter Arm lugte hervor
"Papa, was macht der Mann hier?", fragte ich.
Mein Vater zögerte keine Sekunde so wie Eltern nun mal nicht lange überlegen müssen, wenn sie eine angenehme Lüge der unbequemen Wahrheit bevorzugen.
"Er schläft."
"Papa, ich glaube, der Mann ist tot."
Jetzt ließ sich mein Vater Zeit mit der Antwort. "Auf einem Friedhof befinden sich nun mal tote Menschen", sagte er und ging weiter.
Sein Tempo steigerte sich noch. Ich lief hinterher, lediglich bemüht in meinen großen Schuhen zu ihm aufzuschließen.

Ich würde gerne mit einer edlen Tat meines Vaters abschließen. Er benachrichtigte die Polizei und stiftete Geld für eine richtige Beerdigung des Mannes. Mir ist nichts dergleichen bekannt. Ich sprach ihn nie auf den Toten an. Er hoffte wohl, dieser eine Spaziergang sei in meinen Kindheitserinnerungen verloren gegangen.

Freitag, 27. August 2010

Zweieinhalb Wochen

Meine Freundin testet Hotels. Sie wird von ihrem Arbeitgeber durch ganz Europa geschickt, untersucht akribisch die Sauberkeit, den Service und das Ambiente, vergleicht hoteleigene Anpreisungen mit den realen Verhältnissen und verfasst dazu Berichte, die online veröffentlicht werden. Im Fernsehen gibt es manchmal Reportagen über Hoteltester. Meine Freundin sagt, das würde sie auch gerne mal machen.
Ihre Arbeit braucht ein bisschen Tarnung. Sie trägt besonders gerne weiße, oftmals stark verkürzte Kleidung - weil deutsche Frauen ihres Alters diesen Aufzug im Urlaub bevorzugen würden. Daheim hat sie ein Solariumabo. Sie möchte streifenfreie Bräune. Unsere Putzfrau kommt zweimal die Woche, während meine Freundin andernorts Staubdicken auf Bilderrahmen und Deckenventilatoren überprüft.
Ihr schlimmster Fall war die rennende Kakerlakenherde, ihr bester der gutaussehende Nachtportier. Wegen beidem lag sie weinend in meinen Armen. Ein Fehler. Ein Alptraum. Nachts beobachte ich sie im Schlaf. Der Nachtportier kommt sie wohl öfters besuchen als die Kakerlaken. Wegen mir hat sie noch nie nächtliche Anwandlungen bekommen.
Meine Freundin nimmt immer alle kleinen Pflegebedarfsets aus den Hotels mit und erzählt mir etwas von 10 Euro Einsparung jeden Monat.
"Hallo Schatz. Da bin ich wieder." Inklusive Shampoo und Duschgel, viele viele Haarnetzpackungen, Schuhreinigung und Nähzeug.
Mit einem Lächeln kommt sie zurück. Die Willkommensschokolade bekomme ich nie zur Sicht.
Wenn wir beide duschen gehen, brauchen wir zusammen etwa siebenachtel eines Fläschchens auf. Der Rest steht solange im Bad herum, bis wieder genau eine Portion Haarwaschmittel daraus wird. Einmal bin ich zu spät auf Arbeit erschienen. Stau war meine Begründung. Die Wahrheit: Es dauert sehr lange, einachtel Restshampoo aus mehreren kleinen Flaschen herauszuschütten.
Als wir zusammen kamen, hatte meine Freundin lange, honigblonde Haare - genau solche Haare, wegen denen Männern zur Überzeugung gelangen, Frauen seien den Genuss wert.
Zweieinhalb Wochen später kam sie mit einem Bobschnitt vom Friseur. Das wäre jetzt modisch. Ich lag nicht weinend in ihren Armen.
Die Shampoo-Angelegenheit ist noch nicht ausgestanden. Für die Dusche im Fitnessstudio habe ich mir andere Hygieneartikel zugelegt. Jetzt sparen wir eben nur noch fünf Euro im Monat. Ich verstecke die Flaschen in meinem Auto. Für den Anschein nehme ich die Hotelflakons mit, und lass sie in der fremden Dusche in den Abguss laufen.
Mein Verrat an ihr ist definitiv schlimmer als ihr Fremdgehen, denn ich werde weitermachen und nicht heulend zusammenbrechen. Bis sie mich irgendwann entlarvt. Allein der Gedanke: Sie riecht an meinen Haaren und kann den Geruch nicht identifizieren. Ich habe mir eine Liste an Ausreden zurecht gelegt.
Es gab im Fitnesscenter eine Werbeaktion mit Gratispröbchen. Ich hatte mein Shampoo vergessen und mir welches geliehen. Da war noch eine fast volle Flasche von meinen Vorgänger in der Kabine - von diesem überteuerten, im Fernsehen aggressiv beworbenen Shampoo. Da hab ich zugegriffen.
Irgendwann wird es herauskommen. Sie wird einen Aufstand machen. Vielleicht muss ich Rückzahlungen an die Haushaltskasse leisten. Vielleicht trennen wir uns sogar.
Wegen Haarshampoo.
Wegen des Nachtportiers.
Eigentlich hat sie angefangen, weil sie sich die Haare abschnitt.

Donnerstag, 26. August 2010

Ein Kapitel nach dem Essen

„Bei diesem Wetter sollten wir nicht hier drin versauern“, hatte sie gesagt und ihn dazu gedrängt, einen Spaziergang durch die Innenstadt zu machen. Sie hatte es geliebt, die fremden Menschen zu beobachten. „Die jungen Leute“, wusste sie zu sagen, „leben intuitiver als wir. Wir rechnen nur an unserer Rente herum und schränken uns vor lauter Angst selbst ein. Sie hingegen nehmen sich einfach, was sie haben wollen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Dabei stehen sie noch vor der Herausforderung, sich eine Basis zum Leben aufzubauen, und wir sollten diejenigen sein, die nichts mehr zu verlieren haben, denn wir sind am Ende unseres Lebens angekommen.“
Er hatte wie so oft nicht gewusst, was er antworten sollte. Solche Gedanken hatten ihn nie beschäftigt.
Meist waren sie nur an den Geschäften vorbei gebummelt, hatten den Zoo besucht oder waren auf ihr Anregen in Museen und zu öffentlichen Anlässen gegangen. Selten hatten sie sich mit Gleichalt­rigen getroffen.
„Die sind alle so verbohrt“, hatte sie den Kopf geschüttelt. „Sie haben gar nichts gelernt in ihrem Leben. Wir sind doch alle gleich in unseren Belangen. Nur weil sie alt sind, wollen sie als etwas Besseres behandelt werden. Dabei sind sie diejenigen mit Erfahrung, die wissen soll­ten, dass es an ihnen ist, die Mitmenschen respektvoll und als Gleichgesinnte zu behandeln, und mit dieser Erkenntnis etwas Wertvolles an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Denkst du das nicht auch?“
Er hatte die Schultern hoch gezogen. „Ich weiß nicht.“
Wie jedes Mal, wenn er seine Unsicherheit gezeigt hatte, hatte sie gelacht, sein Gesicht mit ihren Händen umfasst und es kurz gedrückt.
„Entschuldige, ich weiß, dass dir diese Themen nicht belieben.“
Es entsprach der Wahrheit, dass er jedes gesellschaftspolitische Thema umging. Er war als Arbei­ter aufgewachsen, war als solcher über fünfzig Jahre tätig gewesen und lebte nun von seiner Rente. Sie war dieje­nige mit der Bildung gewesen, die Worte wie „Bewusstsein“ und „Verantwortung“ aus vollster Überzeugung benutzte, die bei Diskussionen gut durchdachte Argumente hervorbringen konnte, die ihn gelehrt hatte, Verpflichtungen als Teil seines Lebens zu sehen, nicht als Lebens­grundlage.
In der Anfangszeit, als sie sich kennen gelernt hatten, hatte sie ununterbrochen geredet. Dabei hatte das Leuchten in ihren Augen etwas in ihm erweckt, an dessen Existenz er vorher nie geglaubt hatte. Er hatte sie dorthin ausgeführt, wo sie sich wohl fühlte. Er hatte ihr die Grund­lage zu einem sorgenfreien Leben geboten. Er war ihr mit all seiner Treue verfallen. Über all die Jahre hinweg war das Leuchten ihrer Augen nie verschwunden, wenn sie ein Thema ansprach, das sie bewegte.
Mittwochs waren sie gern in ein Lokal nahe ihrer Wohnung eingekehrt. Es war ihr wöchentli­cher Luxus gewesen und dazu eine über die Jahre geliebte Gewohnheit.
Später, als ihr erster Schlaganfall sie in den Rollstuhl gezwungen hatte, hatte er alles unternom­men, um ihr vorheriges Leben weiterzuführen. Wenn sie sich auch nicht mehr artikulieren konnte, wusste er doch, dass ihr Geist immer noch vorhanden war. Morgens beim Frühstück durchsuchte er die Zeitungen nach Anlässen, die sie interessieren könnten.
Sie hatte ihm nicht mehr danken können, aber manchmal hatten ihre Augen geleuchtet. Dann hat­te er den Kopf gesenkt und leicht gelächelt.
Nach dem zweiten Schlaganfall hatten die Ärzte sie nicht mehr aus dem Krankenhaus gelassen. Er war an ihrer Seite verweilt, hatte ihre Hand gehalten und manchmal ein wenig erzählt von dem neuen Gi­raffenkind im Zoo, von der Baustelle in ihrer Straße oder dass sie in ihrem Lieblingspark neue Bäume gepflanzt hatten. Er war noch nie ein großer Redner gewesen und als ihm die Stille zu unheimlich wurde, hatte er vor lauter Verzweiflung angefangen, ihr Bücher vorzulesen. Es waren ihre Bücher gewesen, die sie alle schon oft gelesen hatte. Wenn sie das Gewohnte nicht mehr besu­chen konnte, musste er es eben zu ihr bringen. Er las jeweils ein Kapitel nach ihrem Frühstück. Da­nach schlief sie ein und er ging, erledigte Einkäufe, reinigte die Wohnung und löste die Rätsel in der Tageszeitung. Nachmittags kam er wieder und las weiter.
An einem Mittwoch ging er nach langem noch mal in das Restaurant.
„Guten Tag“, begrüßte ihn die Wirtin und hielt ihm die Speisekarte hin. „Das freut mich aber, Sie noch mal bei uns zu sehen. Wo ist denn Ihre Frau?“
„Ich habe sie letzte Woche zu Grabe getragen“, antwortete er mit leiser Stimme.
Die Wirtin zuckte zusammen und hielt ihre Hand immer noch über den Tisch, obwohl er ihr die Speisekar­te längst abgenommen hatte. „Das tut mir leid“, sagte sie und er fühlte die Ehrlichkeit in dieser Aussa­ge, auch wenn er nicht in ihr erschüttertes Gesicht blickte.
Er bestellte ein Bier und sie ging zurück in die Küche. Sie wischte sich eine Träne weg, be­vor diese den Weg aus dem Auge gefunden hatte.
„Was ist passiert?“, fragte ihr Mann sie und unterbrach seine Arbeit, die Schnitzel zu panieren.
„Du kennst doch die beiden alten Leute, die jeden Mittwoch kommen.“
„Die Dame jetzt im Rollstuhl, er sehr still?“
„Genau.“
„Was ist mit denen?“
„Der Mann ist wieder da. Seine Frau ist tot.“
„Ich kümmere mich drum“, sagte er.
„Danke. Ich kann das nicht. Das geht mir einfach zu nah. Sie war so nett.“
Der Wirt wusch sich gründlich die Hände und zapfte das Bier.
„Das ist nett, dass Sie sich zu mir setzen“, sagte der alte Mann, als der Wirt zu ihm kam.
„Das ist das Mindeste, was ich tun kann“, antwortete der. Er erwartete, dass der alte Mann von seiner Frau erzählte, dass er weinte und zu viel Bier trank. Doch er aß und trank in gleich gebliebe­ner Ruhe.
„Meine Frau war diejenige von uns“, sagte er, als er das Besteck auf den Teller legte, „die mit den Leuten geredet hat. Ich kann das immer noch nicht.“
„Es tut mir sehr leid, dass Ihre Frau gestorben ist“, sagte der Wirt.
„Ja. Das ist das schlimmste, was passieren konnte. Und ich werde den Rest meines Lebens damit verbringen, um sie zu trauern. Ich vermisse sie sehr. Aber es entspräche nicht ihrem Wunsch, wenn ich mich jetzt komplett aufgebe. Wir hatten ein erfülltes Leben zu­sammen und deshalb beinhaltet je­der meiner Gedanken an meine Frau die Freude, sie überhaupt an meiner Seite gewusst zu haben. Ich werde bald neben ihr beerdigt werden und dieser Gedan­ke hilft mir sehr weiter. Ich bin ihr mein ganzes Leben lang gefolgt und mir ist dabei nie etwas Schlimmes widerfahren. Das wird sich auch jetzt nicht mehr ändern.“
Darauf wusste der Wirt nichts Richtiges zu sagen. Der alte Mann schlug seine Einladung aus, die Rechnung ginge aufs Haus. Er bezahlte, gab dem Wirt die Hand und verließ das Restaurant, lang­sam, leicht humpelnd. Sein Arbeiterleben hatte seinen Körper gezeichnet.
Der Wirt stand neben dem Stuhl, von dem er aufgestanden war, um dem Herrn zu verabschieden, und schaute dem Gast hinterher. Er wischte die Träne nicht weg, als sie sein Gesicht herunterlief.

Dienstag, 13. Juli 2010

Gummigeschosse als Geschenk


Die Bäume im Park wirkten wie aufgespaltene Schwertspitzen, die in den Boden hereingestanzt worden waren, um die Grasflä­chen zu begrenzen. Das Grün des Rasens war unangenehm dunkel angelaufen und ich wünschte mir kurz, es würde schneien, damit ich es nicht sehen brauchte. Ich saß im Park auf einer Bank und öffnete mein Überraschungsei. Erst hatte ich es ein bisschen mit meinen Händen gewärmt, damit es leichter aufging. Es war Winter und die Schokolade kalt.
Ich mochte den Park. Wenn ich in der Stadt war, zog es mich automatisch hier her. Letzten Som­mer hatten Strunze und ich dort auf der Wiese gelegen und uns gesonnt. Anschlie­ßend waren wir herumgestrolcht, bis Strunze im Gebüsch eine Plastiktüte mit Wattebäu­schen ge­funden hatte, die je­mand stümperhaft aufgerissen hatte, anstatt die Kordel am oberen Ende zu ent­wirren.
Wir hatten uns am Wegesrand niedergelassen und Strunze hatte jeden, der  uns passierte, mit Watte beworfen. Da­bei hat­te er sich vor Lachen gekringelt.
Den Beworfenen war es sichtlich schwer gefallen, ihre Irritation zu verbergen. Manche waren kurz stehen ge­blieben, hatten aber nichts gesagt. Vielleicht hatten sie ihm seine Freude gegönnt. Strunze, Mitte Zwanzig, Irokesenschnitt mit allerlei Farben, unreine Haut vom ungesundem Leben, die zeris­sene Kleidung voller gereihter Nieten und aufrührerischen Aufnähern. Strunze gehörte zu der Sorte Punk, die nur dann enttäuschte, wenn man sie beim Besuch der Stadt nicht zu Gesicht be­kam.
Wir treffen uns jedes Mal, wenn ich in der Stadt bin, und hängen rum wie wir das zu Kinderzeiten auch schon gemacht haben. Während er Wattebombar­dement spielte, trank ich Bier­ und beschäftigte mich mit der Frage, ob sich der Dreck, auf dem ich saß, wieder aus meiner Anzugho­se auswaschen ließ.
„Du musst aufpassen, dass du auf dem Schleim, den dein Aufzug produziert, nicht ausrutscht“, hatte Strunze mal zu mir gesagt. Bisher hatte ich immer die Balance gehalten.
Vermutlich hatte meine Anwesenheit damals dafür gesorgt, dass sich niemand künstlich aufregte. Einen Mann mit teurem Anzug, noch teureren Schuhen und wunderbar gegelten Haaren, bei dem höchs­tens die zwei Ringe am linken Ohr irritieren könnten, weisen die meisten Leute un­gern zu­recht.
Nur eine Frau war stehen geblieben, hatte auf Strunze gezeigt und mich gefragt: „Finden Sie das gut?“
„Ja“, hatte ich geantwortet und einen Schluck getrunken.

Nachdem ich beide Schokoladeneierhälften gegessen hatte und das Spielzeug entdeckte, musste ich nun wieder an meinen alten Kumpel Strunze denken. Es war eine kleine, bunt angemalte Figur aus Gummi. Der Beipackzettel wies mich an, mit ihr meine Geschicklichkeit zu üben, da ich sie, im richtigen Winkel geworfen, überall hinspringen lassen konnte.
Ich grinste, steckte mein Spielzeug ein und setzte meinen Spaziergang durch die Stadt fort.
Es war Wochenende und deshalb strotzte die Innenstadt voller gut eingepackter Polizisten, die Randale verhindern sollten. Wenn die Fußballfans durch die Straßen zogen, beinhalteten Provokati­on und staatliche Reaktion eine über die Saisonen einstudierte Routine. Man kannte sich.
Anders wurde es, wenn die politische Komponente Einzug hielt. Dann erschien es mir, als wur­den die Schlagstöcke automatisch länger und härter. Strunze hatte mir seine Narben von den Antifa-Demos gezeigt. Er kommentierte sie immer mit politischen Monologen. Ich unterbrach ihn nicht. Bei Strunze wusste ich, dass es seine eigenen Gedanken waren, die er äußerte. Er plapperte keine vierzig Jahre alten Parolen nach. Ich kannte ihn seit Jahren und wusste um sei­nen Werdegang. Vielleicht waren wir deshalb noch befreundet. Ich respektierte ihn für seine Gedanken. Hätte er sie nicht, würde ich ihm zu einer neuen Frisur, neuer Kleidung und einer geregelten Arbeit raten.
Nachdem wir beide das Abitur bestanden hatten, hatten wir angefan­gen zu studieren. Ich hatte mich für Wirtschaftsinformatik entschieden. Sein Studiengang war irgendwas mit Politikwissenschaft gewesen. Er hatte desillusioniert ab­gebrochen. Das Studium brächte nicht weiter, man würde le­diglich in vorgepferchte Bahnen gelenkt. Er sah keine Möglich­keit, sich zu entwickeln, sondern nur die Gefahr, innerhalb zu vieler, tot disku­tierter Theorien zu versumpfen.
„Die fackeln nicht, die verbrennen nur", hatte er mir seine Entscheidung gegenüber begründet.
Strunze setzte auf Agitation. Was er darunter verstand, hatte ich gemerkt, als ich ihn einmal im Krankenhaus besucht habe. Ich hatte versucht, ihm die gewalttätigen Auseinandersetzungen bei den Nazidemos auszureden. Nicht nur, dass er seine eige­ne Gesundheit dadurch gefährdete, vor allem nahm er meiner Meinung nach seinem Standpunkt da­mit gleichzeitig die Glaubwürdigkeit.
„Das Polizeiaufgebot ist doch nur da, um die Rechten in ihrem demokratischen Existenzrecht zu schützen. Ich weigere mich, ihnen das anzuerkennen. Sie haben bewiesen, dass man ihnen keinerlei Daseinsberechtigung einräumen kann. Es ist mir aufgrund der geschichtlichen Geschehnisse nicht nachvollziehbar, wie diese Ideologie nach wie vor erlaubt werden kann“, hatte er gesagt. „Die Na­zis stehen für die Ausrottung jeglicher Akzeptanz. Der aktuelle, rechte Flügel Deutschlands malt zwar die Bilder stark verein­facht, die Intention ist aber die sel­be geblieben.“
„Und warum prügelst du dich deswegen mit Polizisten?“
„Weil das alles ist, was sie mir antun können. Ich bin dagegen. Und das zeige ich auch. Sie können auf mich eindreschen und mich verhaf­ten, aber sie sind nicht in der Lage, mir wirklich inhaltlich Paroli zu bieten. Indem sie mich mit Ge­walt niederhalten, beweisen sie doch nur, dass sie nur in der Lage sind, mittels der gewalt­vollen Un­terdrückung der Kritiker ihre sogenannten demokratischen Strukturen aufrecht zu erhalten.“ Er hatte tief durchgeatmet. „Auf die Faschisten prügeln sie nie so ein. Nur wir kriegen es auf die Fresse, weil wir ihnen an die Substanz wollen. Jeder einzel­ne von den Poli­zisten ist ein Mensch, gegen den ich rein persönlich nichts habe. Doch im Ganzen sind  sie Teil des politischen Systems Deutschlands, das getrieben wird von den Interessen der Industrie. Das bringt mich zu der Überlegung, ob der Staat rechte Kräfte aus Gründen des demokratischen Alibis duldet, oder weil er die Methoden, die von jener Seite vertreten werden, zu sehr verinnerlicht hat, um sie wirk­lich ausrotten zu können.“
Er sprach mit angebrochenem Kiefer. Mein Respekt wuchs mal wieder.
Ich konnte da nicht mitdiskutieren. Politik scherte mich einen feuchten Dreck. Strunze wusste das und er hatte es mir oft genug vorgehalten. Da ich mittlerweile nur noch selten in der Stadt war, ge­nossen wir es, in Ruhe herumzuhängen, anstatt uns dar­über zu strei­ten, dass wir unterschiedliche Lebensinhalte hatten, obwohl wir als Nachbarskinder viel Zeit miteina­nder ver­bracht hatten.
Da Strunze sich weigerte, ein Handy zu besitzen oder einen Emailaccount zu eröffnen, war die beste Möglichkeit, seinen Aufenthalt zu erfahren, bei seiner Mutter nachzufra­gen.
Ich würde ihm mein neu erhaltenes Spielzeug schenken, als Erinnerung an einen Freund oder so. Ach, was für eine Illusion. Er würde wahrscheinlich der Frage nachgehen, wie ein Polizist reagiert, wenn man ihn mit Spielzeug bewirft.

Montag, 24. Mai 2010

Mutterinstinkt

14:30 Natacha hörte die Straßenbahn kommen. Es war eine zu früh – genau die, die Sina nie erwischte, weil eine zu lange rote Ampelphase sie daran hinderte. Die nächste kam in fünf Mi­nuten.
Natacha wischte den Tisch der kleinen Küchensitzecke ab. Ein paar Restkrümel des Frühstücks be­fanden sich noch dort direkt neben einigen Tintenklecksen. Ergebnisse der gestrigen Haus­aufgaben
Mama, Sachaufgabe fertig“, hatte Sina gekräht und beim Jubeln mit dem Füller herum gewedelt.
Das war typisch Sina. Ein stürmischer, dunkellock­iger Frech­dachs mit Zahn­lücke und Sommersprossen. Sie sah ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, auch wenn Natacha nicht mal mehr ein Foto des Mannes hatte. Es gab gar keine Bilder von anderen Familienmitglie­dern in der Wohnung als die von Mutter und Tochter.
Der Großvater hatte Sina am Tag nach ihrer Geburt gesehen. Danach nie wieder.
Kinder von Alleinerziehenden sind automatisch psy­chisch gestört, weil ihnen die Vaterfigur im Leben fehlt“, hatte er gesagt. „Und bei dir kommt es noch schlimmer. Dir fehlt es an Mutterinstinkt. Du bist selbst noch ein Kind. Ungelernt, noch nie gear­beitet, aber Hartz IV. Und jetzt auch noch ein Balg von einem dahergelaufenen Typen ohne Nachnamen. Eine weitere Belastung für die Staats­kasse. Du hättest abtreiben sollen. Jetzt steckst du in der Scheiße – nur weil du es verpennt hast zu verhü­ten. Realschulabschluss hast du. All die ganzen Kosten für die Schule waren umsonst. Ich hab mir den Arsch aufgerissen für nichts. Ich will dieses Enkelkind nicht. Also denk nicht daran, mich weiter damit zu belästigen.“
Im Hinausgehen hatte er noch ein „Wenigstens kein Ausländerkind.“ gebrummt. Die Kran­kenschwester hatte empört weggesehen.
Natacha würzte den Spinat nach, rührte ein letztes Mal um und begann den Tisch zu decken. Kar­toffeln mit Spinat und Ei. Dazu Orangen­saft und den neusten Klatsch vom Schulhof.
Draußen bimmelte die Bahn. Natacha warf einen Blick raus.
Du lässt dein Kind allein mit der Straßenbahn fahren? In dieser Stadt?“, fragte ihr Vater in ihrem Kopf.
14:36 Sie hatte zu lange den Spinat beobachtet. Kurz schüttelte sie den Kopf. Draußen war die Straßen­bahn längst weitergefahren. Jetzt fehlten nur noch Fußgetrappel, Schlüssel­rasseln, das „MUTTI, ich bin zu HAUSE!!“
Sie würde Sina nur zu gern von der Schule abholen, aber es war schlichtweg zu teuer. Sie be­saß kein Au­to. Die öffentlichen Verkehrsmittel konnte sie sich nicht leisten. Zwar könnte sie den Weg mit dem Fahrrad zurücklegen, aber sie bevorzugte es, Sina ein warmes Essen vorzusetzen, wenn sie heim kam.
Bald musste sie zu ihrer Schicht aufbrechen. Wareneinräumen. 400 € Basis. Das meiste davon be­kam das Amt, aber sie brauchte das Restgeld. Insbesondere mit einem schnell wachsendem Kind. Natacha wollte nicht, dass Sina wegen Hochwassers in der Schule gehän­selt wurde.
14:44 Es kam immer noch niemand die Stufen hoch. Kein Schlüsselgerassel, keine quiet­schende Haustür.
14:46 Natacha stand mit dem Handy am Fenster. Beobachtete die Straßenbahnen. Mit jeder weiteren klopfte ihr Herz lauter.
14:52 „Noch eine Bahn. Dann ruf ich in der Schule an.“
14:54 Du lässt die Kleine alleine mit der Straßenbahn fahren?
14:55 „Nein, Sina, es gibt kein Handy zu Weihnachten. Es ist mir egal, ob Celenta schon eins hat. Du brauchst in deinem Alter noch kein eigenes Telefon.“
14:57 Das Schreiben mit den Telefonnummern vom ersten Elternsprechtag zitterte in Natachas Hand. Sie wählte die Nummer. „Ja, hallo, Hellmwisch hier. Meine Tochter Sina ... sie geht in die 1. Klasse bei Frau Nagerl. Ist sie ... Gab es da heute Unregelmäßigen im Lehrplan? – Ja, sie ist bisher nicht angekommen. Zwanzig Minuten. – Nein, sie verbummelt sonst nie den Tag. Sie weiß, dass sie ... – Nein, die Straßenbahnen fahren pünktlich. – Nein, sie geht nicht einfach zu einer Freundin ohne Bescheid zu sagen. – Warten? Das ist leicht gesagt. – Ja. Danke. Tschüssi.“
15:15 „Ja, hallo Iris. Hier ist Natacha. Kannst du auf der Arbeit für mich einspringen? Sina ist nicht von der Schule heim gekommen. – Fast schon ‘ne Stunde. Ich werd‘ bald wahnsinnig. Ich – ach, scheiße. Ja, sag mal einer Mutter, dass sie nicht weinen soll, wenn ihr Kind nicht nach Hause kommt. Natürlich mache ich mir Sorgen.“
15:49 „Sie ist also nicht bei Ihnen. Können Sie mal bitte fragen, wann sie sie das letzte Mal gesehen hat? – Gut. Nein, das hilft mir leider nicht weiter. Rufen Sie mich bit­te an, wenn Sie etwas hören. Auf Wiederhören.“
15:50 Beim zweiten Anruf im Sekretariat hatte man ihr empfohlen, jedes Kind auf der Tele­fonliste anzurufen. Sie verwählte sich oft, weil ihre Finger zitterten.
16:37 Zwei Nummern hatte sie nicht erreichen können. Sie steckte den Zettel ein. Jetzt würde sie mit den Fahrrad die Strecke Wohnung-Schule abfahren. Auf dem Ess­tisch lag ein Zettel: Ruf mich auf dem Handy an, wenn du da bist. Mutti
18:13 „Sina, bist du da?“ Schon beim Aufschließen der Wohnungstür wusste sie, dass sie die Tochter hier nicht vorfinden würde. Während sie jetzt viermal die Strecke abgefahren war, sämtli­che Perso­nen öffentlichen Lebens, Bauarbeiter, Stadtdienst, gefragt hatte, ob sie ein sommerspross­iges, braunhaariges Mädchen mit roter Daunenjacke, blauem Schulranzen und cha­rakteristischer Zahn­lücke gesehen hatte, hatte sie kein Anruf erreicht.
Sie startete die zweite Telefonlistenaktion.
18:43 „Gehen Sie zur Polizei, und hören Sie auf, uns anzurufen.“ Die Frau legte auf. Natacha bekam einen Heulkrampf.
19:22 Die Tür zur Polizeistation ließ sich nicht öffnen. Sie musste erst klingeln. Eine Männer­stimme meldete sich. Starkes Sächseln. „Ich“, sie schniefte, „ich suche meine Tochter. Sie ist ver­schwunden.“

Donnerstag, 13. Mai 2010

Erst shoppen

Die Innenstadt lag direkt vor ihnen. Eingerahmt von den unliebsamen Klängen eines Akkorde­ons, bewegten sich die Leute durch die Passagen. An Baustellen vorbei überquerten sie die noch nicht autofreien Straßen der Innenstadt ohne zu schauen. Franka und Wera hatten Zeit. Sie waren heute extra früh aufgestanden, um bummeln zu gehen.
 „Warte, ich muss hier rein“, sagte Franka und hielt vor einem Geschenkeartikelladen.
„Was brauchst du?“ Wera drehte an einem Kartenständer mit gelben Schildern mit mehr oder we­niger geschmacklosen Aufschriften. „Haha. Schau mal: ‚Erst shoppen, dann poppen‘. Schön wär's.“
„Ich brauch noch ein Geschenk für Tilo. Übermorgen sind wir sechs Monate zusammen. So lange habe ich es noch nie mit einem Typen ausgehalten.“ Franka nahm Verschiedenes in die Hände und stellte es wieder in die Auslage zurück. „Er bedeutet mir echt was. Er hat eine Ar­beit und eine eigene Wohnung. Weißt du, er be­handelt mich nicht wie Dreck. Er schlägt mich nicht. Was Besse­res kommt mir nicht mehr unter. Deshalb will ihm etwas holen. Er soll nicht denken, ich würde ihn nur wegen des Geldes mögen.“
Wera hatte sich hingehockt und las die Schildern im unteren Bereich. „Du hast Recht. Tilo ist schon besser als deine Exfreunde. Schon krass, dass zwei von denen im Knast sitzen. Da las­sen sie dich wenigstens in Ruhe.“
„Hier.“ Franka zeigte auf einen Aschenbecher. „Der ist toll. Grünweiß. Wie Chemie. Den nehm ich. Halt mal. Ich muss mein Geld rauskramen.“
Wera schaute irritiert auf den tönernen Gegenstand in ihrer Hand. „Warum steckst du ihn nicht einfach ein? Guckt doch keiner.“
„Nein, weißt du, ich will ihm was kaufen, weil er mir was bedeutet. Klauen kann ich ohne Grund.“
„Also, ich bezahl auf jeden Fall nicht.“
Während Franka an die Ladentheke trat und bezahlte, steckte Wera drei der Schilder in ihre Handtasche.

Franka zählte jeden einzelnen Freiton mit. Gleich würde die Mailbox angehen.
„Ja?“ Tilo.
„Hi. Wann kommst du nach Hause?“
„Später.“
„Ich hab gekocht.“
„Gut. Ich hab noch nicht gegessen.“
„Ich will nicht, dass es kalt wird.“
„Dann stell es in die Mikrowelle.“
„Es ist unser Sechsmonatiges.“
„Ja?“
„Ich wollte mit dir zusammen essen. Wann kommst du?“
„Gegen acht.“
„Ich hab auch ein kleines Geschenk für dich.“
„Das ist süß. Hör mal, ich muss jetzt weiter.“
„In Ordnung. Bis gleich.“
„Ja.

Franka saß am gedeckten Tisch. Sie blickte auf ihr Handy. Halb neun. Er hat­te sich verspätet. Er war mit seinen Kumpels unterwegs. Da konnte das schon mal was länger dau­ern. Er kam nicht zu spät, um sie zu ärgern. Sie hatte jetzt schon mal bei ihm anklingeln lassen. Ein zwei­tes Mal traute sie sich nicht. Vielleicht würde er dann verärgert reagieren. Jungs mochten es nicht, wenn Mädchen klammerten.
Es wäre schlimm, Tilo zu verlieren. Dann müsste sie wieder zu ihren Eltern ziehen. Dann wäre nie­mand mehr da, der sie weckt, wenn sie nachts schlecht träumt. Tilo wurde zwar ziemlich wü­tend, wenn sie wieder etwas Dummes angestellt hatte, aber er beruhigte sich schnell, wenn sie schwieg und nicht reagierte. Sie war selbst nie auf Streit aus.
Wenn sie beide alleine waren, schmusten sie viel. Vor dem Fernseher oder abends im Bett störte es ihn nicht, wenn sie sich an ihn kuschelte. Er redete von der Arbeit und sie hörte ihm interessiert zu. Er teilte manchmal Gedanken mit ihr, die er sonst nicht aussprach. Wie sehr es ihn getroffen hatte, als sich seine Eltern hatten scheiden lassen. Dass er sich zwar gern mit seinen Kumpels be­trank, ihm deren Geschnorre aber zu stören begann. Bei vielen von ihnen war es mehr ihre Faul­heit als ihr Unkönnen, warum sie Geldprobleme hatten. Am Anfang ihrer Beziehung, kurz nachdem sie hergezogen war, hatte er ziemlich unter Druck gestanden. Sei­ne Exfreundin hatte ein Kind bekom­men und Unterhalt gefordert. Ein Vaterschaftstest hatte beweisen müssen, dass es nicht seins war.
Die Pille vergessen. Franka hatte auch schon mal dran gedacht. Mit einem Kind würde sie sich nicht mehr so langweilen. Sie würde bessere staatliche Unterstützung bekommen und sie würde ei­ne beständige, feste Bindung zu Tilo aufbauen. Auch wenn sie ihn aufrichtig liebte, wusste sie aus Erfahrung, dass Jungs trotz fester Beziehungen nicht blind wurden. Sie waren triebgesteuert. Franka würde Tilo niemals auf Schritt und Tritt überwachen, so wie das manche ihrer Freundinnen mach­ten. Kein Typ machte das lange mit.
Franka ließ zu, dass Tilo sich herumtrieb (jedenfalls nahm sie das an, beweisen konnte sie es nicht). Wo auch immer er gewesen war, am Ende kam er zu ihr zurück. Ein Kind würde dies unter­stützen, besonders wenn es ein kleiner Junge wäre. Tilo kam aus einer Großfamilie. Er konnte gut mit Kindern umge­hen. Er würde sie nicht zur Abtreibung zwingen. Um sicher zu gehen, würde sie ihm die Schwangerschaft erst mittei­len, wenn die ersten zwölf Wochen vorbei wären.
Bei ihr würde es keine Diskussion um die Vaterschaft geben. Sie war Tilo treu.
Sie hörte, wie er den Schlüssel in der Tür herumdrehte. Er roch nach einer Mischung aus Tabak und Bier.
„Ach ja, du hast gekocht“, sagte er nach der Begrüßung und ließ sich auf den Stuhl fallen.
Sie nahm die Teller und erhitzte das Essen. Während sie aßen, erzählte Franka von einem Betrunkenen, den die Polizei abgeführt hatte, nachdem er in einem Ge­schäft Leute belästigt hatte.
„Warum warst du in der Innenstadt?“, fragte Tilo und kratzte das Essen auf seinem Teller zusam­men. „Ist noch was da?“
„Ja. Warte, ich hol‘s dir.“
Als sie mit dem erhitzten Essen zurückkam, holte sie den eingepackten Aschenbecher hervor. „Hier, ich hab dir ein kleines Geschenk mitgebracht.“
Er packte es aus. „Ah. Cool. Grünweiß. Genau richtig. – Mein Geschenk bekommst du später“, sag­te er und zwinkerte.
Sie lächelte.

Sonntag, 9. Mai 2010

Der Tod und weiter

Rasend schnell I.

Erschreckend, wie Realitäten einen einholen können, dachte die Frau, die zur Kasse ging. Sie beobachtete eine vierköpfige Familie, die sich neben ihr im Schreibwarengeschäft um die ausliegenden Füller scharte. Vater, Mutter, Kind, Großmutter.
Der Bauch des Mannes stand im stetigen Kampf mit seiner fest gegurteten Jeans. Das kläglich gemusterte Hemd verhinderte dabei, dass sich Haut und Hose blutig an­einander aufrieben. Die Haare auf seinem Kopf gingen zu Neige. Da­für ließ er sich einen breiten Schnäuzer stehen. Gerade stemmte er seine kurzen Wurstfinger in die Seiten und grollte: "Ich find's zum Kotzen. Das ist alles viel zu teuer. Wofür brauchst du denn den ganzen Mist jetzt wieder?"
"Die Lehrerin hat gesagt, ich brauch einen zweiten Füller, weil alle Kinder zwei Füller haben müssen."
"Du bist in der Schule, um Schreiben und Rechnen zu lernen, und nich', um 'ne verdammte Stif­tesammlung anzulegen."
"Er braucht sowieso einen neuen Füller. Der alte ist verbogen", mischte sich die Großmutter an. Sie war wohl eine mütterliche Angehörige. Beide Frauen wiesen ein hervorstehendes Obergebiss auf. Der Sohn war von der dentalen Fehlstellung ver­schont geblieben. Er konnte sich glücklich schätzen. Keine Krankenkasse investierte in eine solche Missbildung.
"Das bezahlst du. Zehn Euro einfach so zum Fenster herausgeworfen. Der Junge macht doch sowieso alles kaputt. Hör zu", seine Hand rastete auf der Schulter des Kindes ein, "wenn du den auch verbiegst, gibt's keinen neuen. Also pass gefälligst auf."
Der Junge nickte, aber er schaute seinen Vater dabei nicht an. An der Kasse griff die Großmutter zum Portemonnaie, nachdem die Mutter Kund gegeben hatte, keines bei sich zu führen.
"Ich zahl's dir später zurück", murmelte sie.
"Wovon? Du hast doch all dein Geld Rost gegeben."
"Was?", explodierte der Mann und die Verläuferin begutachtete missbilligend den Spuckefleck auf der Ladentheke.
"Toll, Mutti, vielen Dank. Dir vertrau ich nie mehr etwas an", ärgerte sich die Tochter. Die Großmutter nahm den Beutel mit dem neuen Füller in die eine und die rechte Hand des Jungen in die andere Hand.
"Heute Abend darfst du bei Oma schlafen", sagte sie, während sie den Laden verließ.
"Danke, Oma", sagte der Junge und dachte im Geheimen, dass er den gelben Füller schöner ge­funden hatte als den blauen.

Großmutter und Enkelkind fuhren mit der Straßenbahn zu ihrer Wohnung. Der Mann, der auf den Namen Ernst-Al­brecht Ho­eber hörte, war währenddessen mit seiner Frau Beate in seinen dunkelblauen Seat Toledo gestiegen und befand sich nun auf dem Weg zum heimischen Viertel.
"Ich sag es dir, verdammt noch mal, das ist immer wieder derselbe Scheiß. Rost wird dir das Geld nie wiedergeben."
Sie gurtete sich umständlich an. Während er den Wagen lenkte, betrachtete sie die aneinander gereihten, leeren Geschäfte der Hauptstraße. Die Schriftzüge waren teils noch lesbar und zeugten davon, dass es hier einmal mehr gegeben hatte als Abrisshäuser und frei stehende Mietwohnungen. Die dunklen, verbarrika­dierten Bauten aus den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts wechselten sich ab mit den meist hell gehaltenen renovierten Gebäuden. In ihrer Jugend hatten sich die Leute um die Wohnungen gerissen. Jetzt wohnten hier fremde Studenten und Ausländer belegten die unteren Geschäftsräume mit ihren Fressbuden und Nagelstudios. Sie waren Beate nicht geheuer, wie sie da am Türrahmen lehnten und sich in unnötiger Lautstärke unterhielten. Beate würde auch bei größtem Hunger keinen dieser Läden be­treten, wenn sie sich erst den Weg durch einen Pulk fremdländischer Männer bahnen musste, die sie unverhohlen anstarrten, sodass sie sich selbst ihrer nackten Fesseln schämte.
"Er hat gesagt, innerhalb von zwei Wochen bringt er es zurück – mit Zinsen", antwortete sie ih­rem Mann.
"Mit Zinsen? Was für Zinsen? Wie viel will er drauf legen?"
Beate schwieg.
"Du bist ne dumme Pute. Zinsen. Zinsen? Was für ein Scheißgelaber hast du wieder geglaubt? Das Geld sehen wir nie wieder."
"Es ist Geld von meinem Konto, das ich mir gespart habe, und es ist mein Recht damit zu tun, was ich will."
"Das zeigt ja noch mehr, wie blöd du eigentlich bist. Sparst Geld und verleihst es dann an so einen Schmarotzer wie Rost."
"Es ist mein Schwager. Es bleibt in der Familie."
"Der ist angeheiratet und lange wird er da auch nicht bleiben, so ausgelutscht wie die Alte schon ist."
"Du sprichst von meiner Schwester!"
"Sei froh, dass ich nicht von deiner Mutter rede." Er schnaubte. "Von dem Geld hätten wir in Ur­laub fahren können."
"Du bist nur sauer, dass du das Geld nicht versaufen kannst."
"Halt die Fresse, du Schlampe." Seine Finger griffen vom Steuer an ihren Kopf und zogen an ih­ren Haaren, sodass sie schrill aufschrie. Nur mit einer jähen Bewegung ihres ganzen Körpers konnte sie verhin­dern, dass er ihren Kopf auf das Armaturenbrett schlug.
"Bist du scheiße?", brüllte sie.
"Ich hab dir gesagt, du sollst dein Maul halten." Er holte noch einmal aus und schlug ihr auf den Oberarm. In dem Moment touchierte der rechte Vorderreifen den Bürgersteig. Er be­kam das Steuer nicht mehr zu fassen. Das Auto brach aus, drehte sich und kollidierte mit einer Hausmauer.
Beate schrie, als sich der Sicherheitsgurt in ihren Oberkörper einschnitt. Was auch immer geschah, kurz wusste sie nicht, wo rechts und links war. Doch das Auto stand still. Sie spürte ihren Körper. Ein leichter Schmerz pochte in ihrer Brust. Ihr schwin­delte. Aber sie war nicht verletzt. Sie hatte, um den Gewaltakten ihres Mannes auszuwei­chen die Knie anzogen und sich gegen die Autotür gepresst. Das hatte verhindert, dass ihre Beine nun nicht in dem zusammen gedrückten Armaturenbrett eingequetscht waren.
"Ernst?", rief sie und wandte sich zu ihrem Mann. Der war mit dem Kopf voraus durch die Front­scheibe gestoßen und mit dem mächtigen Bauch im Glas hängen geblieben. Sie wandte sich an­geekelt ab, bekam den Griff der Tür zu fassen und rüttelte daran. Die Tür öffnete sich nicht. Beate formte eine Faust und schlug damit gegen das bereits gesprungene Glas des Fensters. Kleine Split­ter gruben sich in ihre Hand. Sie stöhnte auf.
"Hallo? Hallo? Ich will doch nur raus hier."
Ob sie es gedacht oder ausgesprochen hatte, wusste sie nicht. Neben ihr lag der bewegungslose Körper ihres Mannes in der Frontscheibe eingekeilt. Der Anblick widerte sie an und sie drehte ihm den Rücken zu. Sie wollte nicht das zerfetzte, blutige Fettgewebe sehen. Das hatte sie bereits abge­stoßen, als es noch in der Haut verpackt gewesen war.
Es war eine Gefahr in einem Unfallauto zu bleiben. Das hatte sie letztens im Fernsehen gehört. Sie begann, sich gegen die Beifahrertür zu stemmen, drückte mit der ge­samten Kraft ihrer Körpers gegen die Stelle, die ihr Freiheit verschaffen konnte. Als jemand von der ande­ren Seite die Tür auffriss, fiel sie aus dem Auto und schlug mit dem Gesicht auf den unebenen Pflastern des Fußgängerweges auf. Ihre Schläfe begann zu bluten.
"Hallo?" Arme griffen sie und zogen sie hoch. "Können Sie mich hören?" Eine mit einem Akzent beschwerte Stimme. "Sind Sie verletzt? Wir haben den Notruf gewählt. Der Krankenwagen ist schon auf dem Weg."
"Ernst ist tot", sagte sie und blickte in das sauber rasierte Gesicht über sich. Die schwarzen, lockigen Haare waren aufwändig frisiert. Die Augen waren braun, aber nicht dunkel genug, um Angsteinflößend zu wirken. Sie roch sein Duftwasser auch durch den Gestank des auslaufenden Benzins.
"Eh, glaubst du, wir müssen jetzt diese stabile Seitenlage machen?"
"Diesen Führerscheinscheiß? Keine Ahnung, wie das geht."
"Eh, Kerim, komm mal her und mach 'ne stabile Seitenlage!"
"Scheiße! Was?"
Kerim und Rasin kamen heran. "Ja, warte, lass mich mal", sagte Rasin. "Die Frau ist ja wach. Stabile Seitenlage muss man nur bei Bewusstlosen machen, damit die sich nicht an ihrer Kotze verschlucken."
"Hast ja mal richtig aufgepasst, wa?"
Rasin warf Yussef einen genervten Blick zu und drehte sich dem Auto zu. "War sie eigentlich al­lein?"
"Iih, guck da lieber nicht hin, Mann", sagte Yussef mit einen Blick in das Wrack. "Alter, den hat's voll erwischt. Ich glaub nicht, dass der noch mal aufsteht. Oh, die Bullen kommen. Ich ver­piss mich. Nachher hängen die mir wieder was an."
"Eh, Alter, Yussef! Weißt du eigentlich, wie scheiße – eh, Yussef", brüllte Sedat dem Kumpel hinterher, der in einer Hausdurchfahrt verschwand.
Die blauen Lichter des Krankenwagen und der Polizei erreichten den Unfallort. Die Polizisten, Sedat kannte keinen von ihnen, stiegen aus, blick­ten sich um. Einer öffnete den Kofferraum und holte gelbe Westen mit Lichtreflektoren hervor, die sie sich vor dem Näherkommen eilig anzogen. Es wurde Verstärkung angefordert sowie die Feuer­wehr zur Bergung des Toten um Hilfe gebeten.
Zwei Polizisten nahmen die Zeugenberichte auf.
"Sind Sie die einzigen Zeugen?", fragte der Polizist und blickte Sedat, Rasin und Kerim der Reihe nach an.
"Ja. Wir waren grad auf dem Weg zu Özer", sagte Kerim.
"Unserem Dönermann." Rasin grinste.
Am liebsten hätte Sedat ihre Köpfe aneinander geschlagen.
"Wir haben beobachtet, wie der Wagen gegen den Bordstein gefahren ist", beschrieb er. "Dann ist er ein bisschen herumgeschleudert und gegen die Mauer gefahren. Wir haben die Polizei gerufen und sind zum Auto gerannt. Als wir die Tür geöffnet haben, ist uns die Frau entgegen gefal­len."
"Hat sie irgendetwas von sich gegeben?", fragte der Polizist.
"Keine Ahnung. Hat sie?" Kerim schaute Sedat und Rasin an.
"'Ernst ist tot', hat sie gesagt", sagte Rasin. "Wir kennen die Alte nicht. Also ich weiß nicht, was sie damit meinte."
"Pass auf, was du sagst", fuhr der Beamte dazwischen. "Die Frau hat gerade ihren Ehemann ver­loren und einen schweren Autounfall überlebt. Für weitere Nachfragen brauchen wir Adressen, über die wir euch erreichen können."
"Eh, das ist doch nicht wahr?", stieß Kerim aus. "Wir haben mit dem Scheiß nichts zu tun."
"Ihr seid Zeugen bei einem Autounfall mit Personenschaden und für weitere Ermittlungen und eventuelle Versicherungsgutachten benötigen wir eure Adressen."
"Ich gib Ihnen meine Scheißadresse nicht ..."
"Keine Diskussion! Entweder ich bekomme jetzt eure Angaben oder wir klären das auf dem Re­vier."
"Das ist unnötig“, sagte Sedat und warf seinen Freunden einen eisigen Blick zu. "Wir haben Bes­seres zu tun, als jetzt mit Ihnen wegzufahren."


Rasend schnell II.

Es standen noch drei andere Leute im Blumenladen, als er eintrat. Eine ältere Dame warf ihm einen pikierten Blick zu. Ein Mann mit Hut beachtete ihn nicht und die erste Kundin an der Kasse ließ an­scheinend mehr Geld hier als beim Friseur. Die Floristin notierte ihn sich mit einen kurzen Blick. Sedat stellte sich hinten an und schaute sich ratlos um. Es roch angenehm süßlich. Die Luft war warm und feucht. Selbst seiner letzten Freundin, einer Deutschen mit blond gefärbten Haaren, Pier­cing in der Zunge und ausladendem Hinterteil, hatte er nie Blumen geschenkt. Doch das war etwas An­deres gewe­sen. Weder seine Kumpels noch seine Eltern hatten von ihr gewusst. Seiner Schwester hatte er es erzählt und auf ihren Rat ("Sieh dich vor! Morgen ist sie schwanger.") hatte er es auch beendet.
Auch jetzt wusste niemand, was er vorhatte. Es war ihm einfach ein persönliches Anliegen, die Frau im Krankenhaus zu besuchen. Die Meinungen seiner Freunde hätten ihm nicht gefallen, und er wollte nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen, indem er die Diskussionen weiter anheizte. Kerim hatte bisher nicht aufgehört, sich zu beschweren, nachdem er der Polizei seine Angaben hin­terlassen musste.
"Selbst, wenn du in diesem Scheißland jemandem hilfst, wirst du vernommen wie ein Verbrecher. Ich bin neunzehn, du bist vierundzwanzig und dieser Arsch von Bulle spricht uns noch mit Du an. Eh, Sedat, ich hab doch Recht. Wir haben der Alten das beschissene Leben gerettet und wir kriegen noch nicht mal ein Danke zu hören. Yussef hat's richtig gemacht. Wir hätten auch abhauen sollen."
Rasin war seit dem Tag nicht mehr zu Hause gewesen, sondern lebte zur Zeit bei Yussef. "Die kriegen mich nicht", hatte er gesagt. "Ich weiß, dass die morgen bei mir auf der Matte stehen und mir etwas anhängen. Die sehen doch nur meinen Namen und haben jemandem, den sie abschieben können. Die denken, ein Ausländer weniger macht die Stadt wieder heil.“
Sedat wartete geduldig. Die ältere Frau beschwerte sich währenddessen, dass die Veilchen teurer geworden wären. Ob man ihr einen Preiser­lass geben könn­te. Sie hätte eines mit Fäulnisspuren ge­funden. Die Floristin wiederholte insgesamt dreimal, dass die Ware herausgenommen und nicht mehr verkauft werden würde. Die Frau zog leise murrend von dannen, als sie merkte, dass sie ihr Ziel nicht erreichen würde.
Der Mann mit dem Hut und die Floristin tauschten Blicke der Verständnislosigkeit. Er holte nur eine Bestellung ab und ging mit kurzem Gruß wieder.
"Ja, hall"“, sagte Sedat. "Ich will eine Frau im Krankenhaus besuchen. Was schenkt man denn da?"
"Haben Sie an einen Blumenstrauß gedacht?"
"Äh. Ja."
"Wie viel Geld möchten Sie anlegen?"
"Zwischen fünf und zehn Euro?"
Sie beschrieb kurz, was sie da hatte. Er konnte sich einen Strauß zusammen stellen lassen oder einen fertigen kaufen. Er entschied sich für letzteres und holte noch eine Karte dazu. "Was schreibt man denn?"
"Was hat die Dame denn?"
"Einen Autounfall."
"Schreiben Sie 'gute Besserung' oder 'beste Genesungswünsche'."
Sedat fragte sich einen Stift und schrieb: "Beste Genesungswünsche und dass es Ihnen bald wie­der gut geht."
Er wusste den Namen der Frau von den Polizisten. Einer hatte ihn laut ausgesprochen. Der Unfall war zwei Tage her. Er hoffte, sie lag noch im Krankenhaus. Dort angekommen, fragte er sich zu ihr durch. Er kannte das Krankenhaus, hatte dort schon öfters Leute besucht. Aber noch nie eine vollkommen fremde Frau.
Er klopfte an und trat ein.
Zwei Frauen lagen dort. Eine ältere, deren wirres, weißes Haar ihr Gesicht verdeckte, schlief. Die andere war Beate Hoeber. Sie schaute ihn aus besorgten Augen an.
"Guten Tag", sagte er und wurde rot. "Ich hoffe, ich störe Sie nicht."
"Wer sind Sie denn?"
"Meine Name ist Sedat. Ich habe bei Ihrem Unfall den Krankenwagen gerufen."
"Ah."
"Sie erinnern sich nicht an mich?"
"Nein."
Er hielt ihr die Blumen hin. "Ich habe Ihnen etwas mitgebracht."
Sie schaute ihn erstaunt an. "Warum bringen Sie mir denn Blumen? Sie kennen mich doch gar nicht."
"Ich wollte nur kurz nachfragen, wie es Ihnen geht." Er begann zu schwitzen. "Weil Sie doch den Autounfall hatten."
"Das ist so lieb." Sie fing an zu weinen. Kurz bemerkte er ihren leeren Beistelltisch. Der der alten Frau war überfüllt mit kleinen Geschenken. "Eine Schwester wird bestimmt eine Vase haben. Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass irgendwer kommt. Bitte, setzen Sie sich."
Er wusste nicht recht, was er sagen sollte. Stattdessen redete Beate, erzählte ihm, dass sie keine schweren Verletzungen davon getragen hatte außer einer Gehirnerschütterung und mehreren Schürfwunden und Prellungen. Eigentlich war sie nur noch auf Beobachtung hier. Sie berichtete von ihrem Sohn, der sie nur kurz besuchen konnte, weil er auf die Ganztagsschule ging. Er hatte nicht geweint, als er gehört hat­te, dass der Va­ter gestorben war.
"Sind Sie denn nicht traurig, dass Ihr Mann gestorben ist?", fragte Sedat erschrocken. Sie säch­selte stark und er verstand nicht alles, was sie sagte. Trotzdem bemerkte er die fehlende Betroffenheit in ihrer Stimme.
"Es war keine gute Ehe mehr", antwortete Beate leise. "Er trank zuviel, spielte und ging nicht mehr ar­beiten. Ich wurde beschimpft, wenn ich nicht die billigsten Nudeln kaufte, aber er verlor an einem Abend hundert Euro und das war dann in Ordnung. Es gab nur noch Streit. Einmal hat er so­gar vorgeschlagen, ich sollte meine Arbeit aufgeben, weil er dann mehr Geld vom Amt beziehen könnte."
"Als was arbeiten Sie denn?"
"Ich bin Sachbearbeiterin bei den Stadtwerken."
"Oh, das hätte ich Ihnen nicht zugetraut."
Sie lächelte. "Ich bin nicht mittellos, nur weil mein Mann gestorben ist. Meine Mutter hat gesagt, es ist wohl das beste, was mir passieren konnte, und ich habe ihr nicht widersprochen. Mor­gen wer­de ich aus dem Krankenhaus entlassen. Die Beerdigung ist am Montag. Es geht alles so rasend schnell. Vorgestern war ich noch zutiefst unglücklich mit meinem Leben."
"Warum haben Sie sich nicht scheiden lassen?"
"Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Sie sind noch jung und wissen nicht, wie es ist, wenn man sich zusammen ein Leben aufbaut und ein Kind hat. Ich wollte meinem Sohn ja auch nicht den Va­ter wegnehmen."
"Stattdessen gaben Sie ihm ein unglückliches Zuhause."
"Es bringt nichts mehr, sich darüber Gedanken zu machen, denn nun beginnt ein neuer Abschnitt. Das Schicksal hat mich von meinem Unglück gelöst. Mein Sohn kann endlich wieder ganz zu mir ziehen und wir können wieder eine Familie sein. Sie schauen mich aber entsetzt an."
"Ihr Mann ist gestorben. Sie waren immerhin mit ihm verheiratet und auch wenn sein Verhalten nachher schlecht wurde, sollten Sie ihn nicht einfach abhaken, als hätte jemand Anderes für Sie den Müll heraus gebracht. Er war der Vater Ihres Kindes. Wenn Sie Ihren Sohn lieben, dann sollten Sie auch seinem Vater dafür danken, dass Sie ihn überhaupt haben."
Beates seliger Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen. "Was wissen Sie denn schon vom Leben? Wenn Ihnen jemand jeden Tag Ihres Lebens zerstört, wären Sie dann nicht auch froh, ihn los zu sein?"
"Ja, aber ich würde den Tod dieser Person nicht Willkommen heißen. Wollte ich jemanden in meinem Le­ben los werden, würde ich einen Strich machen und keinen Kontakt mehr zu der Person aufnehmen."
"Hätten Sie das durchgemacht, was ich in den letzten Jahren erlebt habe, dann würden Sie die Welt auch mit anderen Augen sehen, Sedat."
Er schüttelte den Kopf. "Nein. Wäre es wirklich schlimm gewesen, dann hätten Sie einen Weg gefunden, es zu beenden. Das, was Sie erzählen, klingt nur nach Selbstmitleid." Er blickte auf die Blumen. Er hatte die Floristin gefragt, wie lan­ge sie blühen würden. "Bei guter Pflege zwischen fünf und fünfzehn Tagen", hatte sie geantwortet.
"Ich wünsche Ihnen gute Besserung, Beate", sagte er und erhob sich. Er verließ das Krankenhaus und verriet niemandem, nicht einmal seiner Schwester, dass er da gewesen war.