Montag, 24. Mai 2010

Mutterinstinkt

14:30 Natacha hörte die Straßenbahn kommen. Es war eine zu früh – genau die, die Sina nie erwischte, weil eine zu lange rote Ampelphase sie daran hinderte. Die nächste kam in fünf Mi­nuten.
Natacha wischte den Tisch der kleinen Küchensitzecke ab. Ein paar Restkrümel des Frühstücks be­fanden sich noch dort direkt neben einigen Tintenklecksen. Ergebnisse der gestrigen Haus­aufgaben
Mama, Sachaufgabe fertig“, hatte Sina gekräht und beim Jubeln mit dem Füller herum gewedelt.
Das war typisch Sina. Ein stürmischer, dunkellock­iger Frech­dachs mit Zahn­lücke und Sommersprossen. Sie sah ihrem Vater ähnlicher als ihrer Mutter, auch wenn Natacha nicht mal mehr ein Foto des Mannes hatte. Es gab gar keine Bilder von anderen Familienmitglie­dern in der Wohnung als die von Mutter und Tochter.
Der Großvater hatte Sina am Tag nach ihrer Geburt gesehen. Danach nie wieder.
Kinder von Alleinerziehenden sind automatisch psy­chisch gestört, weil ihnen die Vaterfigur im Leben fehlt“, hatte er gesagt. „Und bei dir kommt es noch schlimmer. Dir fehlt es an Mutterinstinkt. Du bist selbst noch ein Kind. Ungelernt, noch nie gear­beitet, aber Hartz IV. Und jetzt auch noch ein Balg von einem dahergelaufenen Typen ohne Nachnamen. Eine weitere Belastung für die Staats­kasse. Du hättest abtreiben sollen. Jetzt steckst du in der Scheiße – nur weil du es verpennt hast zu verhü­ten. Realschulabschluss hast du. All die ganzen Kosten für die Schule waren umsonst. Ich hab mir den Arsch aufgerissen für nichts. Ich will dieses Enkelkind nicht. Also denk nicht daran, mich weiter damit zu belästigen.“
Im Hinausgehen hatte er noch ein „Wenigstens kein Ausländerkind.“ gebrummt. Die Kran­kenschwester hatte empört weggesehen.
Natacha würzte den Spinat nach, rührte ein letztes Mal um und begann den Tisch zu decken. Kar­toffeln mit Spinat und Ei. Dazu Orangen­saft und den neusten Klatsch vom Schulhof.
Draußen bimmelte die Bahn. Natacha warf einen Blick raus.
Du lässt dein Kind allein mit der Straßenbahn fahren? In dieser Stadt?“, fragte ihr Vater in ihrem Kopf.
14:36 Sie hatte zu lange den Spinat beobachtet. Kurz schüttelte sie den Kopf. Draußen war die Straßen­bahn längst weitergefahren. Jetzt fehlten nur noch Fußgetrappel, Schlüssel­rasseln, das „MUTTI, ich bin zu HAUSE!!“
Sie würde Sina nur zu gern von der Schule abholen, aber es war schlichtweg zu teuer. Sie be­saß kein Au­to. Die öffentlichen Verkehrsmittel konnte sie sich nicht leisten. Zwar könnte sie den Weg mit dem Fahrrad zurücklegen, aber sie bevorzugte es, Sina ein warmes Essen vorzusetzen, wenn sie heim kam.
Bald musste sie zu ihrer Schicht aufbrechen. Wareneinräumen. 400 € Basis. Das meiste davon be­kam das Amt, aber sie brauchte das Restgeld. Insbesondere mit einem schnell wachsendem Kind. Natacha wollte nicht, dass Sina wegen Hochwassers in der Schule gehän­selt wurde.
14:44 Es kam immer noch niemand die Stufen hoch. Kein Schlüsselgerassel, keine quiet­schende Haustür.
14:46 Natacha stand mit dem Handy am Fenster. Beobachtete die Straßenbahnen. Mit jeder weiteren klopfte ihr Herz lauter.
14:52 „Noch eine Bahn. Dann ruf ich in der Schule an.“
14:54 Du lässt die Kleine alleine mit der Straßenbahn fahren?
14:55 „Nein, Sina, es gibt kein Handy zu Weihnachten. Es ist mir egal, ob Celenta schon eins hat. Du brauchst in deinem Alter noch kein eigenes Telefon.“
14:57 Das Schreiben mit den Telefonnummern vom ersten Elternsprechtag zitterte in Natachas Hand. Sie wählte die Nummer. „Ja, hallo, Hellmwisch hier. Meine Tochter Sina ... sie geht in die 1. Klasse bei Frau Nagerl. Ist sie ... Gab es da heute Unregelmäßigen im Lehrplan? – Ja, sie ist bisher nicht angekommen. Zwanzig Minuten. – Nein, sie verbummelt sonst nie den Tag. Sie weiß, dass sie ... – Nein, die Straßenbahnen fahren pünktlich. – Nein, sie geht nicht einfach zu einer Freundin ohne Bescheid zu sagen. – Warten? Das ist leicht gesagt. – Ja. Danke. Tschüssi.“
15:15 „Ja, hallo Iris. Hier ist Natacha. Kannst du auf der Arbeit für mich einspringen? Sina ist nicht von der Schule heim gekommen. – Fast schon ‘ne Stunde. Ich werd‘ bald wahnsinnig. Ich – ach, scheiße. Ja, sag mal einer Mutter, dass sie nicht weinen soll, wenn ihr Kind nicht nach Hause kommt. Natürlich mache ich mir Sorgen.“
15:49 „Sie ist also nicht bei Ihnen. Können Sie mal bitte fragen, wann sie sie das letzte Mal gesehen hat? – Gut. Nein, das hilft mir leider nicht weiter. Rufen Sie mich bit­te an, wenn Sie etwas hören. Auf Wiederhören.“
15:50 Beim zweiten Anruf im Sekretariat hatte man ihr empfohlen, jedes Kind auf der Tele­fonliste anzurufen. Sie verwählte sich oft, weil ihre Finger zitterten.
16:37 Zwei Nummern hatte sie nicht erreichen können. Sie steckte den Zettel ein. Jetzt würde sie mit den Fahrrad die Strecke Wohnung-Schule abfahren. Auf dem Ess­tisch lag ein Zettel: Ruf mich auf dem Handy an, wenn du da bist. Mutti
18:13 „Sina, bist du da?“ Schon beim Aufschließen der Wohnungstür wusste sie, dass sie die Tochter hier nicht vorfinden würde. Während sie jetzt viermal die Strecke abgefahren war, sämtli­che Perso­nen öffentlichen Lebens, Bauarbeiter, Stadtdienst, gefragt hatte, ob sie ein sommerspross­iges, braunhaariges Mädchen mit roter Daunenjacke, blauem Schulranzen und cha­rakteristischer Zahn­lücke gesehen hatte, hatte sie kein Anruf erreicht.
Sie startete die zweite Telefonlistenaktion.
18:43 „Gehen Sie zur Polizei, und hören Sie auf, uns anzurufen.“ Die Frau legte auf. Natacha bekam einen Heulkrampf.
19:22 Die Tür zur Polizeistation ließ sich nicht öffnen. Sie musste erst klingeln. Eine Männer­stimme meldete sich. Starkes Sächseln. „Ich“, sie schniefte, „ich suche meine Tochter. Sie ist ver­schwunden.“

Donnerstag, 13. Mai 2010

Erst shoppen

Die Innenstadt lag direkt vor ihnen. Eingerahmt von den unliebsamen Klängen eines Akkorde­ons, bewegten sich die Leute durch die Passagen. An Baustellen vorbei überquerten sie die noch nicht autofreien Straßen der Innenstadt ohne zu schauen. Franka und Wera hatten Zeit. Sie waren heute extra früh aufgestanden, um bummeln zu gehen.
 „Warte, ich muss hier rein“, sagte Franka und hielt vor einem Geschenkeartikelladen.
„Was brauchst du?“ Wera drehte an einem Kartenständer mit gelben Schildern mit mehr oder we­niger geschmacklosen Aufschriften. „Haha. Schau mal: ‚Erst shoppen, dann poppen‘. Schön wär's.“
„Ich brauch noch ein Geschenk für Tilo. Übermorgen sind wir sechs Monate zusammen. So lange habe ich es noch nie mit einem Typen ausgehalten.“ Franka nahm Verschiedenes in die Hände und stellte es wieder in die Auslage zurück. „Er bedeutet mir echt was. Er hat eine Ar­beit und eine eigene Wohnung. Weißt du, er be­handelt mich nicht wie Dreck. Er schlägt mich nicht. Was Besse­res kommt mir nicht mehr unter. Deshalb will ihm etwas holen. Er soll nicht denken, ich würde ihn nur wegen des Geldes mögen.“
Wera hatte sich hingehockt und las die Schildern im unteren Bereich. „Du hast Recht. Tilo ist schon besser als deine Exfreunde. Schon krass, dass zwei von denen im Knast sitzen. Da las­sen sie dich wenigstens in Ruhe.“
„Hier.“ Franka zeigte auf einen Aschenbecher. „Der ist toll. Grünweiß. Wie Chemie. Den nehm ich. Halt mal. Ich muss mein Geld rauskramen.“
Wera schaute irritiert auf den tönernen Gegenstand in ihrer Hand. „Warum steckst du ihn nicht einfach ein? Guckt doch keiner.“
„Nein, weißt du, ich will ihm was kaufen, weil er mir was bedeutet. Klauen kann ich ohne Grund.“
„Also, ich bezahl auf jeden Fall nicht.“
Während Franka an die Ladentheke trat und bezahlte, steckte Wera drei der Schilder in ihre Handtasche.

Franka zählte jeden einzelnen Freiton mit. Gleich würde die Mailbox angehen.
„Ja?“ Tilo.
„Hi. Wann kommst du nach Hause?“
„Später.“
„Ich hab gekocht.“
„Gut. Ich hab noch nicht gegessen.“
„Ich will nicht, dass es kalt wird.“
„Dann stell es in die Mikrowelle.“
„Es ist unser Sechsmonatiges.“
„Ja?“
„Ich wollte mit dir zusammen essen. Wann kommst du?“
„Gegen acht.“
„Ich hab auch ein kleines Geschenk für dich.“
„Das ist süß. Hör mal, ich muss jetzt weiter.“
„In Ordnung. Bis gleich.“
„Ja.

Franka saß am gedeckten Tisch. Sie blickte auf ihr Handy. Halb neun. Er hat­te sich verspätet. Er war mit seinen Kumpels unterwegs. Da konnte das schon mal was länger dau­ern. Er kam nicht zu spät, um sie zu ärgern. Sie hatte jetzt schon mal bei ihm anklingeln lassen. Ein zwei­tes Mal traute sie sich nicht. Vielleicht würde er dann verärgert reagieren. Jungs mochten es nicht, wenn Mädchen klammerten.
Es wäre schlimm, Tilo zu verlieren. Dann müsste sie wieder zu ihren Eltern ziehen. Dann wäre nie­mand mehr da, der sie weckt, wenn sie nachts schlecht träumt. Tilo wurde zwar ziemlich wü­tend, wenn sie wieder etwas Dummes angestellt hatte, aber er beruhigte sich schnell, wenn sie schwieg und nicht reagierte. Sie war selbst nie auf Streit aus.
Wenn sie beide alleine waren, schmusten sie viel. Vor dem Fernseher oder abends im Bett störte es ihn nicht, wenn sie sich an ihn kuschelte. Er redete von der Arbeit und sie hörte ihm interessiert zu. Er teilte manchmal Gedanken mit ihr, die er sonst nicht aussprach. Wie sehr es ihn getroffen hatte, als sich seine Eltern hatten scheiden lassen. Dass er sich zwar gern mit seinen Kumpels be­trank, ihm deren Geschnorre aber zu stören begann. Bei vielen von ihnen war es mehr ihre Faul­heit als ihr Unkönnen, warum sie Geldprobleme hatten. Am Anfang ihrer Beziehung, kurz nachdem sie hergezogen war, hatte er ziemlich unter Druck gestanden. Sei­ne Exfreundin hatte ein Kind bekom­men und Unterhalt gefordert. Ein Vaterschaftstest hatte beweisen müssen, dass es nicht seins war.
Die Pille vergessen. Franka hatte auch schon mal dran gedacht. Mit einem Kind würde sie sich nicht mehr so langweilen. Sie würde bessere staatliche Unterstützung bekommen und sie würde ei­ne beständige, feste Bindung zu Tilo aufbauen. Auch wenn sie ihn aufrichtig liebte, wusste sie aus Erfahrung, dass Jungs trotz fester Beziehungen nicht blind wurden. Sie waren triebgesteuert. Franka würde Tilo niemals auf Schritt und Tritt überwachen, so wie das manche ihrer Freundinnen mach­ten. Kein Typ machte das lange mit.
Franka ließ zu, dass Tilo sich herumtrieb (jedenfalls nahm sie das an, beweisen konnte sie es nicht). Wo auch immer er gewesen war, am Ende kam er zu ihr zurück. Ein Kind würde dies unter­stützen, besonders wenn es ein kleiner Junge wäre. Tilo kam aus einer Großfamilie. Er konnte gut mit Kindern umge­hen. Er würde sie nicht zur Abtreibung zwingen. Um sicher zu gehen, würde sie ihm die Schwangerschaft erst mittei­len, wenn die ersten zwölf Wochen vorbei wären.
Bei ihr würde es keine Diskussion um die Vaterschaft geben. Sie war Tilo treu.
Sie hörte, wie er den Schlüssel in der Tür herumdrehte. Er roch nach einer Mischung aus Tabak und Bier.
„Ach ja, du hast gekocht“, sagte er nach der Begrüßung und ließ sich auf den Stuhl fallen.
Sie nahm die Teller und erhitzte das Essen. Während sie aßen, erzählte Franka von einem Betrunkenen, den die Polizei abgeführt hatte, nachdem er in einem Ge­schäft Leute belästigt hatte.
„Warum warst du in der Innenstadt?“, fragte Tilo und kratzte das Essen auf seinem Teller zusam­men. „Ist noch was da?“
„Ja. Warte, ich hol‘s dir.“
Als sie mit dem erhitzten Essen zurückkam, holte sie den eingepackten Aschenbecher hervor. „Hier, ich hab dir ein kleines Geschenk mitgebracht.“
Er packte es aus. „Ah. Cool. Grünweiß. Genau richtig. – Mein Geschenk bekommst du später“, sag­te er und zwinkerte.
Sie lächelte.

Sonntag, 9. Mai 2010

Der Tod und weiter

Rasend schnell I.

Erschreckend, wie Realitäten einen einholen können, dachte die Frau, die zur Kasse ging. Sie beobachtete eine vierköpfige Familie, die sich neben ihr im Schreibwarengeschäft um die ausliegenden Füller scharte. Vater, Mutter, Kind, Großmutter.
Der Bauch des Mannes stand im stetigen Kampf mit seiner fest gegurteten Jeans. Das kläglich gemusterte Hemd verhinderte dabei, dass sich Haut und Hose blutig an­einander aufrieben. Die Haare auf seinem Kopf gingen zu Neige. Da­für ließ er sich einen breiten Schnäuzer stehen. Gerade stemmte er seine kurzen Wurstfinger in die Seiten und grollte: "Ich find's zum Kotzen. Das ist alles viel zu teuer. Wofür brauchst du denn den ganzen Mist jetzt wieder?"
"Die Lehrerin hat gesagt, ich brauch einen zweiten Füller, weil alle Kinder zwei Füller haben müssen."
"Du bist in der Schule, um Schreiben und Rechnen zu lernen, und nich', um 'ne verdammte Stif­tesammlung anzulegen."
"Er braucht sowieso einen neuen Füller. Der alte ist verbogen", mischte sich die Großmutter an. Sie war wohl eine mütterliche Angehörige. Beide Frauen wiesen ein hervorstehendes Obergebiss auf. Der Sohn war von der dentalen Fehlstellung ver­schont geblieben. Er konnte sich glücklich schätzen. Keine Krankenkasse investierte in eine solche Missbildung.
"Das bezahlst du. Zehn Euro einfach so zum Fenster herausgeworfen. Der Junge macht doch sowieso alles kaputt. Hör zu", seine Hand rastete auf der Schulter des Kindes ein, "wenn du den auch verbiegst, gibt's keinen neuen. Also pass gefälligst auf."
Der Junge nickte, aber er schaute seinen Vater dabei nicht an. An der Kasse griff die Großmutter zum Portemonnaie, nachdem die Mutter Kund gegeben hatte, keines bei sich zu führen.
"Ich zahl's dir später zurück", murmelte sie.
"Wovon? Du hast doch all dein Geld Rost gegeben."
"Was?", explodierte der Mann und die Verläuferin begutachtete missbilligend den Spuckefleck auf der Ladentheke.
"Toll, Mutti, vielen Dank. Dir vertrau ich nie mehr etwas an", ärgerte sich die Tochter. Die Großmutter nahm den Beutel mit dem neuen Füller in die eine und die rechte Hand des Jungen in die andere Hand.
"Heute Abend darfst du bei Oma schlafen", sagte sie, während sie den Laden verließ.
"Danke, Oma", sagte der Junge und dachte im Geheimen, dass er den gelben Füller schöner ge­funden hatte als den blauen.

Großmutter und Enkelkind fuhren mit der Straßenbahn zu ihrer Wohnung. Der Mann, der auf den Namen Ernst-Al­brecht Ho­eber hörte, war währenddessen mit seiner Frau Beate in seinen dunkelblauen Seat Toledo gestiegen und befand sich nun auf dem Weg zum heimischen Viertel.
"Ich sag es dir, verdammt noch mal, das ist immer wieder derselbe Scheiß. Rost wird dir das Geld nie wiedergeben."
Sie gurtete sich umständlich an. Während er den Wagen lenkte, betrachtete sie die aneinander gereihten, leeren Geschäfte der Hauptstraße. Die Schriftzüge waren teils noch lesbar und zeugten davon, dass es hier einmal mehr gegeben hatte als Abrisshäuser und frei stehende Mietwohnungen. Die dunklen, verbarrika­dierten Bauten aus den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts wechselten sich ab mit den meist hell gehaltenen renovierten Gebäuden. In ihrer Jugend hatten sich die Leute um die Wohnungen gerissen. Jetzt wohnten hier fremde Studenten und Ausländer belegten die unteren Geschäftsräume mit ihren Fressbuden und Nagelstudios. Sie waren Beate nicht geheuer, wie sie da am Türrahmen lehnten und sich in unnötiger Lautstärke unterhielten. Beate würde auch bei größtem Hunger keinen dieser Läden be­treten, wenn sie sich erst den Weg durch einen Pulk fremdländischer Männer bahnen musste, die sie unverhohlen anstarrten, sodass sie sich selbst ihrer nackten Fesseln schämte.
"Er hat gesagt, innerhalb von zwei Wochen bringt er es zurück – mit Zinsen", antwortete sie ih­rem Mann.
"Mit Zinsen? Was für Zinsen? Wie viel will er drauf legen?"
Beate schwieg.
"Du bist ne dumme Pute. Zinsen. Zinsen? Was für ein Scheißgelaber hast du wieder geglaubt? Das Geld sehen wir nie wieder."
"Es ist Geld von meinem Konto, das ich mir gespart habe, und es ist mein Recht damit zu tun, was ich will."
"Das zeigt ja noch mehr, wie blöd du eigentlich bist. Sparst Geld und verleihst es dann an so einen Schmarotzer wie Rost."
"Es ist mein Schwager. Es bleibt in der Familie."
"Der ist angeheiratet und lange wird er da auch nicht bleiben, so ausgelutscht wie die Alte schon ist."
"Du sprichst von meiner Schwester!"
"Sei froh, dass ich nicht von deiner Mutter rede." Er schnaubte. "Von dem Geld hätten wir in Ur­laub fahren können."
"Du bist nur sauer, dass du das Geld nicht versaufen kannst."
"Halt die Fresse, du Schlampe." Seine Finger griffen vom Steuer an ihren Kopf und zogen an ih­ren Haaren, sodass sie schrill aufschrie. Nur mit einer jähen Bewegung ihres ganzen Körpers konnte sie verhin­dern, dass er ihren Kopf auf das Armaturenbrett schlug.
"Bist du scheiße?", brüllte sie.
"Ich hab dir gesagt, du sollst dein Maul halten." Er holte noch einmal aus und schlug ihr auf den Oberarm. In dem Moment touchierte der rechte Vorderreifen den Bürgersteig. Er be­kam das Steuer nicht mehr zu fassen. Das Auto brach aus, drehte sich und kollidierte mit einer Hausmauer.
Beate schrie, als sich der Sicherheitsgurt in ihren Oberkörper einschnitt. Was auch immer geschah, kurz wusste sie nicht, wo rechts und links war. Doch das Auto stand still. Sie spürte ihren Körper. Ein leichter Schmerz pochte in ihrer Brust. Ihr schwin­delte. Aber sie war nicht verletzt. Sie hatte, um den Gewaltakten ihres Mannes auszuwei­chen die Knie anzogen und sich gegen die Autotür gepresst. Das hatte verhindert, dass ihre Beine nun nicht in dem zusammen gedrückten Armaturenbrett eingequetscht waren.
"Ernst?", rief sie und wandte sich zu ihrem Mann. Der war mit dem Kopf voraus durch die Front­scheibe gestoßen und mit dem mächtigen Bauch im Glas hängen geblieben. Sie wandte sich an­geekelt ab, bekam den Griff der Tür zu fassen und rüttelte daran. Die Tür öffnete sich nicht. Beate formte eine Faust und schlug damit gegen das bereits gesprungene Glas des Fensters. Kleine Split­ter gruben sich in ihre Hand. Sie stöhnte auf.
"Hallo? Hallo? Ich will doch nur raus hier."
Ob sie es gedacht oder ausgesprochen hatte, wusste sie nicht. Neben ihr lag der bewegungslose Körper ihres Mannes in der Frontscheibe eingekeilt. Der Anblick widerte sie an und sie drehte ihm den Rücken zu. Sie wollte nicht das zerfetzte, blutige Fettgewebe sehen. Das hatte sie bereits abge­stoßen, als es noch in der Haut verpackt gewesen war.
Es war eine Gefahr in einem Unfallauto zu bleiben. Das hatte sie letztens im Fernsehen gehört. Sie begann, sich gegen die Beifahrertür zu stemmen, drückte mit der ge­samten Kraft ihrer Körpers gegen die Stelle, die ihr Freiheit verschaffen konnte. Als jemand von der ande­ren Seite die Tür auffriss, fiel sie aus dem Auto und schlug mit dem Gesicht auf den unebenen Pflastern des Fußgängerweges auf. Ihre Schläfe begann zu bluten.
"Hallo?" Arme griffen sie und zogen sie hoch. "Können Sie mich hören?" Eine mit einem Akzent beschwerte Stimme. "Sind Sie verletzt? Wir haben den Notruf gewählt. Der Krankenwagen ist schon auf dem Weg."
"Ernst ist tot", sagte sie und blickte in das sauber rasierte Gesicht über sich. Die schwarzen, lockigen Haare waren aufwändig frisiert. Die Augen waren braun, aber nicht dunkel genug, um Angsteinflößend zu wirken. Sie roch sein Duftwasser auch durch den Gestank des auslaufenden Benzins.
"Eh, glaubst du, wir müssen jetzt diese stabile Seitenlage machen?"
"Diesen Führerscheinscheiß? Keine Ahnung, wie das geht."
"Eh, Kerim, komm mal her und mach 'ne stabile Seitenlage!"
"Scheiße! Was?"
Kerim und Rasin kamen heran. "Ja, warte, lass mich mal", sagte Rasin. "Die Frau ist ja wach. Stabile Seitenlage muss man nur bei Bewusstlosen machen, damit die sich nicht an ihrer Kotze verschlucken."
"Hast ja mal richtig aufgepasst, wa?"
Rasin warf Yussef einen genervten Blick zu und drehte sich dem Auto zu. "War sie eigentlich al­lein?"
"Iih, guck da lieber nicht hin, Mann", sagte Yussef mit einen Blick in das Wrack. "Alter, den hat's voll erwischt. Ich glaub nicht, dass der noch mal aufsteht. Oh, die Bullen kommen. Ich ver­piss mich. Nachher hängen die mir wieder was an."
"Eh, Alter, Yussef! Weißt du eigentlich, wie scheiße – eh, Yussef", brüllte Sedat dem Kumpel hinterher, der in einer Hausdurchfahrt verschwand.
Die blauen Lichter des Krankenwagen und der Polizei erreichten den Unfallort. Die Polizisten, Sedat kannte keinen von ihnen, stiegen aus, blick­ten sich um. Einer öffnete den Kofferraum und holte gelbe Westen mit Lichtreflektoren hervor, die sie sich vor dem Näherkommen eilig anzogen. Es wurde Verstärkung angefordert sowie die Feuer­wehr zur Bergung des Toten um Hilfe gebeten.
Zwei Polizisten nahmen die Zeugenberichte auf.
"Sind Sie die einzigen Zeugen?", fragte der Polizist und blickte Sedat, Rasin und Kerim der Reihe nach an.
"Ja. Wir waren grad auf dem Weg zu Özer", sagte Kerim.
"Unserem Dönermann." Rasin grinste.
Am liebsten hätte Sedat ihre Köpfe aneinander geschlagen.
"Wir haben beobachtet, wie der Wagen gegen den Bordstein gefahren ist", beschrieb er. "Dann ist er ein bisschen herumgeschleudert und gegen die Mauer gefahren. Wir haben die Polizei gerufen und sind zum Auto gerannt. Als wir die Tür geöffnet haben, ist uns die Frau entgegen gefal­len."
"Hat sie irgendetwas von sich gegeben?", fragte der Polizist.
"Keine Ahnung. Hat sie?" Kerim schaute Sedat und Rasin an.
"'Ernst ist tot', hat sie gesagt", sagte Rasin. "Wir kennen die Alte nicht. Also ich weiß nicht, was sie damit meinte."
"Pass auf, was du sagst", fuhr der Beamte dazwischen. "Die Frau hat gerade ihren Ehemann ver­loren und einen schweren Autounfall überlebt. Für weitere Nachfragen brauchen wir Adressen, über die wir euch erreichen können."
"Eh, das ist doch nicht wahr?", stieß Kerim aus. "Wir haben mit dem Scheiß nichts zu tun."
"Ihr seid Zeugen bei einem Autounfall mit Personenschaden und für weitere Ermittlungen und eventuelle Versicherungsgutachten benötigen wir eure Adressen."
"Ich gib Ihnen meine Scheißadresse nicht ..."
"Keine Diskussion! Entweder ich bekomme jetzt eure Angaben oder wir klären das auf dem Re­vier."
"Das ist unnötig“, sagte Sedat und warf seinen Freunden einen eisigen Blick zu. "Wir haben Bes­seres zu tun, als jetzt mit Ihnen wegzufahren."


Rasend schnell II.

Es standen noch drei andere Leute im Blumenladen, als er eintrat. Eine ältere Dame warf ihm einen pikierten Blick zu. Ein Mann mit Hut beachtete ihn nicht und die erste Kundin an der Kasse ließ an­scheinend mehr Geld hier als beim Friseur. Die Floristin notierte ihn sich mit einen kurzen Blick. Sedat stellte sich hinten an und schaute sich ratlos um. Es roch angenehm süßlich. Die Luft war warm und feucht. Selbst seiner letzten Freundin, einer Deutschen mit blond gefärbten Haaren, Pier­cing in der Zunge und ausladendem Hinterteil, hatte er nie Blumen geschenkt. Doch das war etwas An­deres gewe­sen. Weder seine Kumpels noch seine Eltern hatten von ihr gewusst. Seiner Schwester hatte er es erzählt und auf ihren Rat ("Sieh dich vor! Morgen ist sie schwanger.") hatte er es auch beendet.
Auch jetzt wusste niemand, was er vorhatte. Es war ihm einfach ein persönliches Anliegen, die Frau im Krankenhaus zu besuchen. Die Meinungen seiner Freunde hätten ihm nicht gefallen, und er wollte nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen, indem er die Diskussionen weiter anheizte. Kerim hatte bisher nicht aufgehört, sich zu beschweren, nachdem er der Polizei seine Angaben hin­terlassen musste.
"Selbst, wenn du in diesem Scheißland jemandem hilfst, wirst du vernommen wie ein Verbrecher. Ich bin neunzehn, du bist vierundzwanzig und dieser Arsch von Bulle spricht uns noch mit Du an. Eh, Sedat, ich hab doch Recht. Wir haben der Alten das beschissene Leben gerettet und wir kriegen noch nicht mal ein Danke zu hören. Yussef hat's richtig gemacht. Wir hätten auch abhauen sollen."
Rasin war seit dem Tag nicht mehr zu Hause gewesen, sondern lebte zur Zeit bei Yussef. "Die kriegen mich nicht", hatte er gesagt. "Ich weiß, dass die morgen bei mir auf der Matte stehen und mir etwas anhängen. Die sehen doch nur meinen Namen und haben jemandem, den sie abschieben können. Die denken, ein Ausländer weniger macht die Stadt wieder heil.“
Sedat wartete geduldig. Die ältere Frau beschwerte sich währenddessen, dass die Veilchen teurer geworden wären. Ob man ihr einen Preiser­lass geben könn­te. Sie hätte eines mit Fäulnisspuren ge­funden. Die Floristin wiederholte insgesamt dreimal, dass die Ware herausgenommen und nicht mehr verkauft werden würde. Die Frau zog leise murrend von dannen, als sie merkte, dass sie ihr Ziel nicht erreichen würde.
Der Mann mit dem Hut und die Floristin tauschten Blicke der Verständnislosigkeit. Er holte nur eine Bestellung ab und ging mit kurzem Gruß wieder.
"Ja, hall"“, sagte Sedat. "Ich will eine Frau im Krankenhaus besuchen. Was schenkt man denn da?"
"Haben Sie an einen Blumenstrauß gedacht?"
"Äh. Ja."
"Wie viel Geld möchten Sie anlegen?"
"Zwischen fünf und zehn Euro?"
Sie beschrieb kurz, was sie da hatte. Er konnte sich einen Strauß zusammen stellen lassen oder einen fertigen kaufen. Er entschied sich für letzteres und holte noch eine Karte dazu. "Was schreibt man denn?"
"Was hat die Dame denn?"
"Einen Autounfall."
"Schreiben Sie 'gute Besserung' oder 'beste Genesungswünsche'."
Sedat fragte sich einen Stift und schrieb: "Beste Genesungswünsche und dass es Ihnen bald wie­der gut geht."
Er wusste den Namen der Frau von den Polizisten. Einer hatte ihn laut ausgesprochen. Der Unfall war zwei Tage her. Er hoffte, sie lag noch im Krankenhaus. Dort angekommen, fragte er sich zu ihr durch. Er kannte das Krankenhaus, hatte dort schon öfters Leute besucht. Aber noch nie eine vollkommen fremde Frau.
Er klopfte an und trat ein.
Zwei Frauen lagen dort. Eine ältere, deren wirres, weißes Haar ihr Gesicht verdeckte, schlief. Die andere war Beate Hoeber. Sie schaute ihn aus besorgten Augen an.
"Guten Tag", sagte er und wurde rot. "Ich hoffe, ich störe Sie nicht."
"Wer sind Sie denn?"
"Meine Name ist Sedat. Ich habe bei Ihrem Unfall den Krankenwagen gerufen."
"Ah."
"Sie erinnern sich nicht an mich?"
"Nein."
Er hielt ihr die Blumen hin. "Ich habe Ihnen etwas mitgebracht."
Sie schaute ihn erstaunt an. "Warum bringen Sie mir denn Blumen? Sie kennen mich doch gar nicht."
"Ich wollte nur kurz nachfragen, wie es Ihnen geht." Er begann zu schwitzen. "Weil Sie doch den Autounfall hatten."
"Das ist so lieb." Sie fing an zu weinen. Kurz bemerkte er ihren leeren Beistelltisch. Der der alten Frau war überfüllt mit kleinen Geschenken. "Eine Schwester wird bestimmt eine Vase haben. Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass irgendwer kommt. Bitte, setzen Sie sich."
Er wusste nicht recht, was er sagen sollte. Stattdessen redete Beate, erzählte ihm, dass sie keine schweren Verletzungen davon getragen hatte außer einer Gehirnerschütterung und mehreren Schürfwunden und Prellungen. Eigentlich war sie nur noch auf Beobachtung hier. Sie berichtete von ihrem Sohn, der sie nur kurz besuchen konnte, weil er auf die Ganztagsschule ging. Er hatte nicht geweint, als er gehört hat­te, dass der Va­ter gestorben war.
"Sind Sie denn nicht traurig, dass Ihr Mann gestorben ist?", fragte Sedat erschrocken. Sie säch­selte stark und er verstand nicht alles, was sie sagte. Trotzdem bemerkte er die fehlende Betroffenheit in ihrer Stimme.
"Es war keine gute Ehe mehr", antwortete Beate leise. "Er trank zuviel, spielte und ging nicht mehr ar­beiten. Ich wurde beschimpft, wenn ich nicht die billigsten Nudeln kaufte, aber er verlor an einem Abend hundert Euro und das war dann in Ordnung. Es gab nur noch Streit. Einmal hat er so­gar vorgeschlagen, ich sollte meine Arbeit aufgeben, weil er dann mehr Geld vom Amt beziehen könnte."
"Als was arbeiten Sie denn?"
"Ich bin Sachbearbeiterin bei den Stadtwerken."
"Oh, das hätte ich Ihnen nicht zugetraut."
Sie lächelte. "Ich bin nicht mittellos, nur weil mein Mann gestorben ist. Meine Mutter hat gesagt, es ist wohl das beste, was mir passieren konnte, und ich habe ihr nicht widersprochen. Mor­gen wer­de ich aus dem Krankenhaus entlassen. Die Beerdigung ist am Montag. Es geht alles so rasend schnell. Vorgestern war ich noch zutiefst unglücklich mit meinem Leben."
"Warum haben Sie sich nicht scheiden lassen?"
"Das ist nicht so einfach, wie es klingt. Sie sind noch jung und wissen nicht, wie es ist, wenn man sich zusammen ein Leben aufbaut und ein Kind hat. Ich wollte meinem Sohn ja auch nicht den Va­ter wegnehmen."
"Stattdessen gaben Sie ihm ein unglückliches Zuhause."
"Es bringt nichts mehr, sich darüber Gedanken zu machen, denn nun beginnt ein neuer Abschnitt. Das Schicksal hat mich von meinem Unglück gelöst. Mein Sohn kann endlich wieder ganz zu mir ziehen und wir können wieder eine Familie sein. Sie schauen mich aber entsetzt an."
"Ihr Mann ist gestorben. Sie waren immerhin mit ihm verheiratet und auch wenn sein Verhalten nachher schlecht wurde, sollten Sie ihn nicht einfach abhaken, als hätte jemand Anderes für Sie den Müll heraus gebracht. Er war der Vater Ihres Kindes. Wenn Sie Ihren Sohn lieben, dann sollten Sie auch seinem Vater dafür danken, dass Sie ihn überhaupt haben."
Beates seliger Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen. "Was wissen Sie denn schon vom Leben? Wenn Ihnen jemand jeden Tag Ihres Lebens zerstört, wären Sie dann nicht auch froh, ihn los zu sein?"
"Ja, aber ich würde den Tod dieser Person nicht Willkommen heißen. Wollte ich jemanden in meinem Le­ben los werden, würde ich einen Strich machen und keinen Kontakt mehr zu der Person aufnehmen."
"Hätten Sie das durchgemacht, was ich in den letzten Jahren erlebt habe, dann würden Sie die Welt auch mit anderen Augen sehen, Sedat."
Er schüttelte den Kopf. "Nein. Wäre es wirklich schlimm gewesen, dann hätten Sie einen Weg gefunden, es zu beenden. Das, was Sie erzählen, klingt nur nach Selbstmitleid." Er blickte auf die Blumen. Er hatte die Floristin gefragt, wie lan­ge sie blühen würden. "Bei guter Pflege zwischen fünf und fünfzehn Tagen", hatte sie geantwortet.
"Ich wünsche Ihnen gute Besserung, Beate", sagte er und erhob sich. Er verließ das Krankenhaus und verriet niemandem, nicht einmal seiner Schwester, dass er da gewesen war.