Dienstag, 13. Juli 2010

Gummigeschosse als Geschenk


Die Bäume im Park wirkten wie aufgespaltene Schwertspitzen, die in den Boden hereingestanzt worden waren, um die Grasflä­chen zu begrenzen. Das Grün des Rasens war unangenehm dunkel angelaufen und ich wünschte mir kurz, es würde schneien, damit ich es nicht sehen brauchte. Ich saß im Park auf einer Bank und öffnete mein Überraschungsei. Erst hatte ich es ein bisschen mit meinen Händen gewärmt, damit es leichter aufging. Es war Winter und die Schokolade kalt.
Ich mochte den Park. Wenn ich in der Stadt war, zog es mich automatisch hier her. Letzten Som­mer hatten Strunze und ich dort auf der Wiese gelegen und uns gesonnt. Anschlie­ßend waren wir herumgestrolcht, bis Strunze im Gebüsch eine Plastiktüte mit Wattebäu­schen ge­funden hatte, die je­mand stümperhaft aufgerissen hatte, anstatt die Kordel am oberen Ende zu ent­wirren.
Wir hatten uns am Wegesrand niedergelassen und Strunze hatte jeden, der  uns passierte, mit Watte beworfen. Da­bei hat­te er sich vor Lachen gekringelt.
Den Beworfenen war es sichtlich schwer gefallen, ihre Irritation zu verbergen. Manche waren kurz stehen ge­blieben, hatten aber nichts gesagt. Vielleicht hatten sie ihm seine Freude gegönnt. Strunze, Mitte Zwanzig, Irokesenschnitt mit allerlei Farben, unreine Haut vom ungesundem Leben, die zeris­sene Kleidung voller gereihter Nieten und aufrührerischen Aufnähern. Strunze gehörte zu der Sorte Punk, die nur dann enttäuschte, wenn man sie beim Besuch der Stadt nicht zu Gesicht be­kam.
Wir treffen uns jedes Mal, wenn ich in der Stadt bin, und hängen rum wie wir das zu Kinderzeiten auch schon gemacht haben. Während er Wattebombar­dement spielte, trank ich Bier­ und beschäftigte mich mit der Frage, ob sich der Dreck, auf dem ich saß, wieder aus meiner Anzugho­se auswaschen ließ.
„Du musst aufpassen, dass du auf dem Schleim, den dein Aufzug produziert, nicht ausrutscht“, hatte Strunze mal zu mir gesagt. Bisher hatte ich immer die Balance gehalten.
Vermutlich hatte meine Anwesenheit damals dafür gesorgt, dass sich niemand künstlich aufregte. Einen Mann mit teurem Anzug, noch teureren Schuhen und wunderbar gegelten Haaren, bei dem höchs­tens die zwei Ringe am linken Ohr irritieren könnten, weisen die meisten Leute un­gern zu­recht.
Nur eine Frau war stehen geblieben, hatte auf Strunze gezeigt und mich gefragt: „Finden Sie das gut?“
„Ja“, hatte ich geantwortet und einen Schluck getrunken.

Nachdem ich beide Schokoladeneierhälften gegessen hatte und das Spielzeug entdeckte, musste ich nun wieder an meinen alten Kumpel Strunze denken. Es war eine kleine, bunt angemalte Figur aus Gummi. Der Beipackzettel wies mich an, mit ihr meine Geschicklichkeit zu üben, da ich sie, im richtigen Winkel geworfen, überall hinspringen lassen konnte.
Ich grinste, steckte mein Spielzeug ein und setzte meinen Spaziergang durch die Stadt fort.
Es war Wochenende und deshalb strotzte die Innenstadt voller gut eingepackter Polizisten, die Randale verhindern sollten. Wenn die Fußballfans durch die Straßen zogen, beinhalteten Provokati­on und staatliche Reaktion eine über die Saisonen einstudierte Routine. Man kannte sich.
Anders wurde es, wenn die politische Komponente Einzug hielt. Dann erschien es mir, als wur­den die Schlagstöcke automatisch länger und härter. Strunze hatte mir seine Narben von den Antifa-Demos gezeigt. Er kommentierte sie immer mit politischen Monologen. Ich unterbrach ihn nicht. Bei Strunze wusste ich, dass es seine eigenen Gedanken waren, die er äußerte. Er plapperte keine vierzig Jahre alten Parolen nach. Ich kannte ihn seit Jahren und wusste um sei­nen Werdegang. Vielleicht waren wir deshalb noch befreundet. Ich respektierte ihn für seine Gedanken. Hätte er sie nicht, würde ich ihm zu einer neuen Frisur, neuer Kleidung und einer geregelten Arbeit raten.
Nachdem wir beide das Abitur bestanden hatten, hatten wir angefan­gen zu studieren. Ich hatte mich für Wirtschaftsinformatik entschieden. Sein Studiengang war irgendwas mit Politikwissenschaft gewesen. Er hatte desillusioniert ab­gebrochen. Das Studium brächte nicht weiter, man würde le­diglich in vorgepferchte Bahnen gelenkt. Er sah keine Möglich­keit, sich zu entwickeln, sondern nur die Gefahr, innerhalb zu vieler, tot disku­tierter Theorien zu versumpfen.
„Die fackeln nicht, die verbrennen nur", hatte er mir seine Entscheidung gegenüber begründet.
Strunze setzte auf Agitation. Was er darunter verstand, hatte ich gemerkt, als ich ihn einmal im Krankenhaus besucht habe. Ich hatte versucht, ihm die gewalttätigen Auseinandersetzungen bei den Nazidemos auszureden. Nicht nur, dass er seine eige­ne Gesundheit dadurch gefährdete, vor allem nahm er meiner Meinung nach seinem Standpunkt da­mit gleichzeitig die Glaubwürdigkeit.
„Das Polizeiaufgebot ist doch nur da, um die Rechten in ihrem demokratischen Existenzrecht zu schützen. Ich weigere mich, ihnen das anzuerkennen. Sie haben bewiesen, dass man ihnen keinerlei Daseinsberechtigung einräumen kann. Es ist mir aufgrund der geschichtlichen Geschehnisse nicht nachvollziehbar, wie diese Ideologie nach wie vor erlaubt werden kann“, hatte er gesagt. „Die Na­zis stehen für die Ausrottung jeglicher Akzeptanz. Der aktuelle, rechte Flügel Deutschlands malt zwar die Bilder stark verein­facht, die Intention ist aber die sel­be geblieben.“
„Und warum prügelst du dich deswegen mit Polizisten?“
„Weil das alles ist, was sie mir antun können. Ich bin dagegen. Und das zeige ich auch. Sie können auf mich eindreschen und mich verhaf­ten, aber sie sind nicht in der Lage, mir wirklich inhaltlich Paroli zu bieten. Indem sie mich mit Ge­walt niederhalten, beweisen sie doch nur, dass sie nur in der Lage sind, mittels der gewalt­vollen Un­terdrückung der Kritiker ihre sogenannten demokratischen Strukturen aufrecht zu erhalten.“ Er hatte tief durchgeatmet. „Auf die Faschisten prügeln sie nie so ein. Nur wir kriegen es auf die Fresse, weil wir ihnen an die Substanz wollen. Jeder einzel­ne von den Poli­zisten ist ein Mensch, gegen den ich rein persönlich nichts habe. Doch im Ganzen sind  sie Teil des politischen Systems Deutschlands, das getrieben wird von den Interessen der Industrie. Das bringt mich zu der Überlegung, ob der Staat rechte Kräfte aus Gründen des demokratischen Alibis duldet, oder weil er die Methoden, die von jener Seite vertreten werden, zu sehr verinnerlicht hat, um sie wirk­lich ausrotten zu können.“
Er sprach mit angebrochenem Kiefer. Mein Respekt wuchs mal wieder.
Ich konnte da nicht mitdiskutieren. Politik scherte mich einen feuchten Dreck. Strunze wusste das und er hatte es mir oft genug vorgehalten. Da ich mittlerweile nur noch selten in der Stadt war, ge­nossen wir es, in Ruhe herumzuhängen, anstatt uns dar­über zu strei­ten, dass wir unterschiedliche Lebensinhalte hatten, obwohl wir als Nachbarskinder viel Zeit miteina­nder ver­bracht hatten.
Da Strunze sich weigerte, ein Handy zu besitzen oder einen Emailaccount zu eröffnen, war die beste Möglichkeit, seinen Aufenthalt zu erfahren, bei seiner Mutter nachzufra­gen.
Ich würde ihm mein neu erhaltenes Spielzeug schenken, als Erinnerung an einen Freund oder so. Ach, was für eine Illusion. Er würde wahrscheinlich der Frage nachgehen, wie ein Polizist reagiert, wenn man ihn mit Spielzeug bewirft.