Dienstag, 6. Dezember 2011

iRrE pArabeL


Er schreitet weiter. Hirnverbrannt wie ein Genie.
Ein Haufen gezähmter Musiker sitzt in einem Glaskasten. Sie pusten und sie sterben. Ihre Instrumente rosten.
Er kümmert sich nicht. Zu viele Künstler sterben aufgrund ihrer selbst. Schuld. Abends kann man zufrieden nach Hause gehen, hat man die Scheuklappen angelegt.
Er konnte nicht mehr.
Kandaren sind erfunden. Freiheit wollte er finden. Freiheit treibt ihn an. Freiheit lässt ihn wimmern. Sie erinnert ihn an den Ozean. Das Salz verbrannte seine wunden Füße. So viel Wasser, aber seinen Durst stillte es nicht.
Er zieht vorbei.
Da sitzt ein verhungerter Dichter. Maden in seinem offenen Fleisch. Was für ein Idiot. Der Kopf sagte ihm, er fände nie wieder Nahrung.
Ferner findet frei seiner Natur ein Pantomime das Ende an einem Baum. Soziale Netzwerke ließen ihn hängen.
Er geht weiter.
Ein Blitz erscheint. Der Fotograph dieser Szene läuft davon. Der Mann, der Freiheit sucht, verharrt nicht für ein Lächeln.
Aus einem Dorf kommt ein Feuerschein. "Wir brauchen Platz für ein neues Gemeindezentrum", sagt der Bürgermeister neben ihm. Die Verlassenen müssen weichen und sie verlieren sich in der Natur.  Es brennt das Waisenhaus. Niemand hilft und niemand stirbt. "Unsere Ressourcen liegen in der Gruppe."
"Ich kann nicht mehr", sagt der Mann und es hört auf.

Sonntag, 27. November 2011

Carla


Das Handy in der roten Socke vibrierte. Carla meldete sich.
"Ja, also, hier ist, hm, also, ich möchte meinen Namen noch nicht nennen. Ist da Carla?" Eine Frauenstimme. Ungewöhnlich. Meistens riefen die Männer an und die Frauen hörten über Lautsprecher aus dem Hintergrund zu.
"Ja, hier spricht Carla."
"Ich habe von einem Bekannten gehört, dass Sie Paartherapie betreiben."
"Das ist korrekt."
"Mein Mann und ich benötigen Ihre Dienste."
Dringend. Sie konnte es hören. Die Frau. Erfolgsorientiert. Jede dritte Woche beim Friseur. Aufwändiger Kleidungsstil. Glattes Gesicht. Wenig Schminke. Der Meinung, Sex & the City hätte den Frauen etwas gebracht.
Carla kannte ihre Kunden. Wenn im Bett nichts mehr lief, versandete das Zueinanderempfinden. Dann ging man zum Therapeuten, sprach viel, verstand den zukünftigen Weg und es hielt sich besser, wenn man auch den Kindern erklärte, warum Mama und Papa mehr Zeit für sich brauchten.
Oder aber man rief Carla an.
Wenn man sich Carla leisten konnte.
Fehlende Kommunikation war der größte Feind einer intakten, sexuellen Beziehung. Carla führte ein körperliches Gespräch herbei. Meistens fing sie mit der Frau an, nicht weil diese gesprächiger war, sondern weil sie einen empfindlicheren Körper hatte.
Carla führte Paare zur Sinnlichkeit. Sie mussten lernen zu berühren, wo sie anfassten, zu hauchen, wenn sie flüsterten. Einfühlungsvermögen konnte erlernt werden. Viele Paare waren der Therapeuten in ihrem Leben überdrüssig. Sie wollten eine Erfahrung. Carla brachte Erfahrung mit.
Erst zwei mal hatte es nicht geklappt. Einmal war der Mann ein verfahrener Fetischist gewesen. Ohne Latexunterwäsche konnte er sich nicht erregen. Seine Frau empfand das Tragen als unangenehm. Der Streit war zu verfahren gewesen. Carla hatte nicht helfen können.
Beim anderen Fall war die Frau unnatürlich dominant aufgetreten. Carla praktizierte kein SM. Mit Schlagen und Kneifen hatte sie nichts zu tun und sie ließ sich nicht demütigen. Der Ehemann teilte diese Auffassung und war zum Zeitpunkt des Treffens bereits aus der Wohnung ausgezogen.
Eine Zeit lang hatte Carla Vorgespräche geführt. Allerdings führten diese meist zu einer fehlenden Sensibilität während des Treffens, weil die Erwartungen zu hoch gesetzt waren. Carla befürwortete eine intuitiv entstehende Verbindung.
Die Frau am Telefon nannte Carla ihre Adresse. Sie zögerte und schaute auf den an der Wand hängenden Stadtplan, der mit roten und grauen Papierfähnchen markiert war. Aktive und inaktive Posten. Zwei schwarze Fahnen zeigten die beiden Fehlschläge an.
"Das Gebiet ist voll. Ich kann keinen Kunden mehr annehmen."
"Ich bezahle das Doppelte. Bitte." Vielleicht war es dieses eine Wort, das sie umentschied. Carlas Auftragslage war gut. Sie brauchte das Geld nicht.
Die Stimme der Frau beinhaltete eine Form der Verzweiflung, die sie selbst einmal gekannt hatte. Da war eine Furcht vor dem endgültigen Versagen. Noch wusste sie nicht, was vorgefallen war innerhalb dieser Beziehung, aber es war etwas Anderes als sonst. Sie hatte vielen Anrufenden an der Stimme anhören können, wie ernst es ihnen mit der Verbesserung ihrer Beziehung war. Hier fühlte sie, dass es das letzte war, was in Angriff genommen wurde vor der endgültigen Zerstörung.

Es war eine Doppelhaushälfte. Zwei separate Auffahrten. Sie klingelte und wurde ohne Fragen hereingelassen. Der Hund, vor dem mit einem gelben Schild gewarnt wurde, blieb aus.
Hermann und Gloria wohnten hier. Er geleitete sie herein. Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. Carla hatte sich geirrt. Keineswegs verkappte Akademiker mit New Age-Besessenheit und weißer Smartphonegalerie. Das war ihr seit ihren Anfangstagen nicht passiert. Das Pärchen setzte sich direkt nebeneinander. Sie lächelten sich an. Auf eine unangenehme Weise wirkten sie homogen.
"Ich hatte dich kontaktiert", sagte Gloria. Eine klare Stimme. Ganz anders als am Telefon.
"Was kann ich für Sie tun?" Carla blieb lieber auf Distanz. Noch kannte man sich nicht.
"Mein Mann und ich schlafen nicht mehr miteinander."
"Wie lange ist der letzte sexuelle Kontakt her?"
Gloria und Hermann reagierten gleich. Sie schauten Carla an und zuckten mit den Schultern.
"Wir wissen es nicht mehr."
"Gut." Carla schlug die Beine übereinander. "Wir können uns nur näher kommen, wenn wir reden. Haben Sie bitte keine Hemmungen. Es bleibt innerhalb Ihrer eigenen vier Wände."
"Meine Frau hatte letzten Monat eine Fehlgeburt."
Carla schwieg.
"Jetzt denken Sie vielleicht, wir haben Sie angelogen, weil ich eine Fehlgeburt hatte, obwohl ich keinen Verkehr mit meinem Mann pflege. Das Kind war nicht von ihm. Wir führen eine offene Beziehung. Aufgrund der Fehlgeburt muss ich kurzweilig pausieren und begnüge mich damit, meinem Mann über die Schulter zu blicken."
Sie redete, als behandelte sie ihre Essgewohnheiten. Carlas Intuition meldete Bedenken an. Welche Art von Frau sprach über eine Fehlgeburt wie über einen abgehandelten Sachschaden?
"Ich stehe nicht auf meine Frau", sagte Hermann. "Ich mag schwarze Frauen. Wie dich."
"Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor." Carla betrachtete die Eheleute vor sich. Beide hatten ihr weder die Hand gereicht noch etwas zu trinken angeboten. Sonst wurde sie wie ein willkommener Gast empfangen. Noch nie hatte sich jemand über ihre Hautfarbe geäußert. Ihr Großvater mütterlicherseits war gebürtiger Äthiopier gewesen. Carla hatte die Hautfarbe, für die andere Leute regelmäßig ein Solarium aufsuchten. "Ich bin keine Prostituierte."
"Du verkaufst Sex", sagte Gloria. "Wir haben dir einen ganz schönen Batzen Geld gezahlt und du machst dafür die Beine breit."
"Das hier ist eine Sitzung. Sie haben ein Problem mit Ihrem Sexualleben -"
"Wir haben kein Problem. Ich stehe auf schwarze Weiber und meine Frau besucht regelmäßig Swingerclubs."
"Sie klangen verzweifelt, als Sie bei mir angerufen haben."
Gloria lächelte. "Von Lügnerin zu Lügnerin: Du behauptest ja auch, keine Nutte zu sein."
Mit einem Ruck stand Carla auf. "Ich verlasse Sie jetzt. Das ist eine Unverschämtheit sondergleichen."
"Wenn du jetzt gehst, verlange ich das Geld zurück", sagte Hermann. "Da kann ich ja zweimal für in den Puff gehen und da bekomme ich wenigstens eine Leistung."
Einen Moment lang starrte Carla den Mann an. "Sie haben ernsthafte Probleme in Ihrem Kopf."
"Wenn wir das Geld nicht wiederbekommen, benachrichtige ich die Polizei wegen Schwarzarbeit."
"Genaugenommen müssen Sie zum Zoll deswegen."
Carla verließ das Haus angstlos. In sämtlichen Behörden dieser Stadt gab es Menschen, die ihr etwas schuldeten.

Carla nahm ein schwarzes Fähnchen und steckte es auf die Stelle der Karte, an der Hermann und Gloria wohnten. Nie wieder.

Mittwoch, 16. November 2011

Lincoln hatte einen Hund

Während der Schulzeit glich jeder Morgen dem davor. Meine Freundin Gretel, und so hieß sie wirklich, holte mich von zu Hause ab. Wir bequatschten Aktuelles, wer sich etwa von wem getrennt hatte, und lästerten über die, die wir nicht mochten. Über Lincoln redeten wir nicht. Lincoln hieß eigentlich nicht Lincoln, sondern irgendwie anders. Ich weiß nicht mehr, wie er zu seinem Spitznamen gekommen war. Er hatte uns jahrelang durch Kindergarten und Grundschule begleitet und jetzt gingen wir auch in dieselbe Klasse. Zwar waren wir nie miteinander befreundet gewesen, aber wir hatten nicht gegen ihn. Wenn man ihn ansprach, war er immer ganz nett. Lincoln war einer der Menschen, die man mit einem Wort beschreiben kann: Unaufdringlich.
Er sah nicht sonderlich gut aus, war aber auch nicht hässlich. Seine Leistungen in der Schule waren im oberen Mittelfeld, außer im Sport. Da war er eher einer der Typen, die beim Basketball gelegentlich die Pässe vermasselten und selten wagten, einen Korb zu werfen.
Lincoln war mein Nachbar. Vom Haus meiner Familie konnte man in das seiner sehen. Hinten im Garten hatten sie einen großen Zwinger für ihren Hund. Er kam aus einer Großfamilie mit sieben oder acht Kindern. Ein paar von ihnen waren schon ausgezogen.
Wir hatten den gleichen Weg zur Bushaltestelle. Manchmal verließen wir zeitgleich unsere Häuser. Er grüßte Gretel und mich zwar, schloss sich uns allerdings nie an. Vielleicht weil wir rauchten. Gretel und ich hatten zu der Zeit damit angefangen.

Das neunte Schuljahr ging aufs Ende zu. Die Noten standen bereits fest, waren nur noch nicht eingetragen. Allenfalls konnten wir sie nur noch durch extreme Aufmüpfigkeit um Nuancen verschlechtern. Es war ein wunderschöner Sommertag. Ich schmiss die beiden letzten Stunden und plante des Rest des Tages, mich im Garten in der Sonne zu aalen. Ich zog mir meinen Bikini an, holte mir zu Sicherheit Handy und Telefon mit und widmete mich einer der spannenden Zeitungen meiner Mutter. Die Titelgeschichte lautete: "Der Ex - in Hass geschieden oder in Freundschaft verblieben?" Ein Test von Doktor Klugscheißer ohne Brille von der Uni Weiß-der-Teufel-wo in Zusammenarbeit mit Institut Wen-interessiert's? entwickelt, rief dazu auf, das Verhältnis zwischen sich und dem Exfreund herauszufinden.
Ich dachte an meinen Exfreund. Ulf. Der Idiot. Und ich hatte es ein halbes Jahr mit ihm ausgehalten, bis mir seine Eifersucht endgültig zu weit ging. Ich war seine Freundin, nicht sein Eigentum. Das schien er missverstanden zu haben. Ansonsten war er eigentlich vollkommen in Ordnung gewesen. Im Gegensatz zu anderen Beziehungen hatte ich nicht das Gefühl, dass er nur auf sexuelle Aktivitäten jeglicher Art aus gewesen war, sondern dass ihm wirklich etwas an mir gelegen hatte. Laut einer SMS von letzter Woche hatten sich seine Gefühle für mich nicht verändert. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht entschieden, ob ich dem nachgehen sollte oder nicht.
Ich machte den Test.
Wie lange sind Sie mit Ihrem Ex auseinander? - a) keinen Monat; b) über einen Monat; c) über ein Jahr 
Ich kreuzte a) an.
Sind Sie im Streit auseinander gegangen? - a) ja; b) nein; c) weiß nicht 
Antwort c).
Wer hat Schluss gemacht? - a) Er; b) Ich.
Antwort b) wohl.
Denken Sie noch oft an Ihren Exfreund? - a) selten; b) oft; c) Ich träume jede Nacht von ihm.
Ich wusste nicht, ob "gelegentlich" eher zu a) oder zu b) tendierte. Ich nahm b).
Das wurde langweilig. Ich ging die Fragen durch und wusste bei mehreren nicht, was ich antworten sollte. Der Test beinhaltete insgesamt zwanzig Fragen. Ich blätterte weiter und las mir die drei Lösungsmöglichkeiten durch, die angegeben wurden. Auf mich traf wahrscheinlich die zweite zu: Zwischen Ihrem Exfreund und Ihnen stehen immer noch Gefühle, die Sie beide nicht einordnen können. Sie sollten ihn kontaktierten, um dies mit ihm (noch) einmal zu bereden ...
Laber Rhabarber. Und es gab wirklich Frauen, die derartigen Müll schluckten. Ich warf die Zeitung weg und döste ein. Hundegebell weckte mich. Lincoln verließ zusammen mit dem Hund sein Zuhause zum Abendspaziergang. Er sah mich auf meiner Liege und starrte kurz herüber. Ich hob eine Hand zum Gruß. Er erwiderte den Gruß, ging aber schnell weiter.

Am Samstag nach dem letzten Schultag gab Melle ihre Geburtstagsfete. Sie lud die ganze Klasse in die große Gartenlaube ihrer Eltern ein. Jene waren an dem Samstag nicht anwesend. Melle hatte außerdem einen neunzehnjährigen Freund, der ihr jegliche Art von Alkohol kaufte. Wir freuten uns alle darauf. Gretel kam vorher zu mir. Sie würde die Nacht auch bei mir schlafen. Wir schminkten uns und diskutierten die Kleiderfrage. Da wir wussten, dass Melles Freund mit Sicherheit einige seiner Kumpels mitbringen würde, entschieden wir uns fürs Doppel-K: kurz & knapp.
Während Gretel mir einen sauberen Kajalstrich auf dem oberen Augenlid zog, klingelte das Telefon. Ich hob ab und meldete mich mit geschlossenen Augen.
"Hallo, ähm, hier ist Lincoln", kam eine zögerliche Stimme aus dem Hörer.
"Hallo, Lincoln! Warum rufst du an?"
"Mein Bruder fährt mich zu Melle. Willst du mitfahren?"
"Das wäre cool. Gretel ist bei mir."
"Kein Problem. Könnt ihr gegen halb neun zu mir herüberkommen?"
"Klar doch. Bis gleich dann." Wir legten beide auf. "He, Gretel, Lincolns Bruder fährt uns zu Melle."
"Sieht der gut aus? - Hier. schau mal, ich bin fertig."
Ich öffnete meine Augen und begutachtete das Resultat im Spiegel.
"Na ja, alle Geschwister von Lincoln sehen aus wie er."
Gretel gab sich enttäuscht und wir wechselten das Thema.

Pünktlich gingen wir herüber. Der Hund begann im Haus zu bellen, als wir klingelten. Gretel erkundigte sich, ob er groß wäre. Sie mochte keine Hunde. Bevor ich antworten konnte, öffnete Lincoln die Tür, den Hund am Halsband haltend.
"Hallo", begrüßte er uns. Er bemerkte Gretels ängstliche Miene und meinte: "Keine Angst, er tut euch nicht. Ihr könnt ihn ruhig streicheln."
Ich kniete mich zu ihm und ließ ihn an meiner Hand schnuppern. Lincoln brüllte nach seinem Bruder, dass wir fahren könnten.
"Lincoln, wie heißt der Hund?", fragte ich.
"Saño", antwortete er.
"Ja, Saño, bist ein guter, nicht wahr, ja, ja, ist ja gut", lobte ich den Hund, während er um mich herumscharwenzelte. Gretel stand gegen die Wand gedrückt und sah abwertend zu uns.
Lincolns Bruder kam. Er musterte uns und warf Lincoln einen skeptischen Blick zu. Der zuckte mit den Schultern. Ich bekam das freilich nicht mit, weil ich immer noch Saño streichelte. Gretel erzählte es mir später.
"Na, dann lasst uns mal fahren."
Lincolns Bruder besaß einen kleinen Fiat, in den wir uns quetschten. Der Motor hörte sich altersschwach an und jedes Mal, wenn Lincolns Bruder schaltete, glich dies einem Gewaltakt. Gretel und ich schwiegen die Zeit über. Als wir ankamen, hörten wir schon den Bass der Musik.
"Hoffentlich spielen sie vernünftige Musik und nicht wieder diese Hardcorescheiße", bemerkte Gretel, während sie von der Rückbank kletterte, wobei sie redlich bemüht war, niemandem einen Blick unter ihren Rock zu gewähren. Mein Kleid war zwar nur unwesentlich länger, dafür aber weiter geschnitten, sodass ich mich diesem Problem nicht konfrontiert sah. Lincolns Bruder wendete den Fiat, hupte kurz und fuhr wieder.
"Kommen deine Freunde auch?", fragte Gretel Lincoln.
Der zuckte mit den Schultern. "Eigentlich wollten sie."
Gretel warf mir einen Blick zu, der deutlich sagte, was sie dachte. Ich lachte.
Es war kaum die Hälfte der Leute da, die Melle eingeladen hatte. Gretel und ich nahmen die Salatbar in Angriff und futterten uns von Kartoffel- über Nudelsalat bis zu Würstchen und Frikadellen durch. Auf leeren Magen trinken soll man schließlich nicht.
Melle hatte wieder gründlich vorgesorgt. Auf einem Tisch, dem größten wohl gemerkt, machten wir bis zu über zehn verschiedene Sorten Hochprozentiges aus, dazu noch Mixgetränke, Bier, Sekt und Wein.
"Wie kommen wir eigentlich nachher zurück?", fragte Gretel, als wir mit Sekt anstießen.
Ich zuckte mit den Schultern und kicherte: "Ist doch egal."
Es war 'ne coole Party. Mit der Zeit erschienen immer mehr Leute, darunter auch solche, die gar nicht eingeladen worden waren. Melles Feier vom letzten Jahr hatte sich herumgesprochen. Die Kumpel ihres Freundes kamen gegen halb zwölf. Zu der Zeit hatten wir schon lustig was getrunken. Wir spielten so ein dämliches Spiel auf dem Boden. Auf eine leere Flasche wird ein Stapel Karten gelegt. Nach der Reihe muss jeder versuchen, genau eine Karte vom Stapel zu pusten. Schafft er es nicht, muss er etwas stürzen. Bei uns war es Korn. Wir spielten, bis die Flasche leer war. Ich versuchte aufzustehen und bemerkte, dass das nicht so einfach war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Gretel sah sich mit einem ähnlichen Problem konfrontiert. Gemeinsam schafften wir es kichern.
Ich fühlte mich betrunken und gut. In der Gartenlaube hatten mittlerweile ein paar angefangen zu tanzen. Dieser Idee nahm ich mich an und schmiss mich zu den anderen auf die Tanzfläche.
Zwischendurch kamen einzelne Leute, mit denen ich mich unterhielt. Worüber , wusste ich nicht mal in dem Moment. Auch wie lange ich letzten Endes getanzt hatte, erinnerte ich mich nicht. Nachdem ich genug davon hatte, setzte ich mich zu einigen Leuten an den Tisch und trank auch dort weiter. Ich beteiligte mich nicht am Gespräch und hörte auch nicht sonderlich zu. Ich schlief ein. Irgendwann kam jemand zu mir und rüttelte an meiner Schulter. Lincoln stand vor mir.
"Hallo, Lincoln", begrüßte ich ihn und fand mich tierisch nett.
Er hockte sich neben mich. "Es ist jetzt gleich vier Uhr. Ich gehe jetzt zurück. Für dich wäre es das beste, mit mir zu kommen. Du schaust ziemlich fertig aus."
"Ich bin so zu."
"Kannst du noch gehen?"
"Ich kann gehen."
Mit seiner Hilfe stand ich auf. Er legte einen Arm um meine Hüfte. Trotzdem schwankte ich anfangs den Weg bis zur Tür. ich blieb stehen und schüttelte seinen Arm ab, um mich von den anderen zu verabschieden. Enttäuscht stellte ich fest, dass die anderen nicht mehr da waren.
"Wo sind denn alle hin?"
"Die meisten sind schon gegangen."
"Gretel! Gretel! Wo ist Gretel?"
"Die ist mit einem Typen weg. Ich soll dir sagen, dass sie heute Nacht nicht bei dir schläft. Und du brauchst dir keine Sorgen machen."
"Und warum hat sie mir nichts gesagt?"
"Sie hat's versucht, aber du hast geschlafen."
"Oh. Kann ich mich gar nicht dran erinnern."
"Wie viel hast du denn getrunken?", fragte er.
"Keine Ahnung."
"Zu viel, wie's scheint." Ich verstand nicht, was er damit meinte. "Hast du alles? Deine Jacke und deine Handtasche hab ich hier."
Ich fand's lustig, dass er als Junge eine Handtasche trug und lachte. "Ich muss mich von Melle verabschieden."
"Das geht nicht. Sie hat sich mit ihrem Freund in ihrem Zimmer eingeschlossen."
"Die Drecksau. Gut, dann können wir jetzt gehen." Ich machte einen Schritt und verlor die Balance. Lincoln fing mich auf. "Oh, fast hingefallen", stellte ich fest.
Er murmelte etwas, was ich nicht verstand. Mir fiel auf, dass ich mich nicht übergeben musste. und war richtig stolz auf mich. Lincoln las anscheinend meine Gedanken.
"Wenn du kotzen musst, sagst du mir vorher Bescheid, hörst du?"
"Ja."
"Versprichst du's mir?"
"Ja."
Wir waren gerade von Melles Grundstück herunter, als jemand auf uns zu kam und brüllte: "He, du! Was machst du da mit meiner Freundin?"
"Toll, noch ein Suffkopf", hörte ich Lincoln sagen.
"Scht, scht, das ist Ulf, mein Ex", raunte ich ihm zu und erkannte die einmalige Gelegenheit, Ulf eins auszuwischen.
"Hallo, Ulf!", rief ich ihm entgegen. "Warst du auch auf Melles Feier?"
"Nein." Er blieb vor uns stehen und starrte Lincoln wütend an. Dem wurde die Situation sichtlich unangenehm, aber das kümmerte mich nicht. "Ich wollte gerade schauen, ob da noch etwas los ist. Wer ist das?"
"Ach, Ulf, darf ich dir Lincoln vorstellen. Er ist mein Nachbar und auch mein neuer Freund."
Lincoln zuckte merklich zusammen. "Nein, nein. Das stimmt nicht. Sie ist betrunken und weiß nicht, was sie sagt."
Ulf ballte die Fäuste und trat näher heran. Lincoln ging automatisch einen Schritt zurück und zog mich mit. Ich stolperte und er konnte mich nur mit Not daran hindern, hinzufallen. "Kein Arsch macht sich an meine Freundin ran, hörst du."
"Wir sind überhaupt nicht zusammen. Sie redet Scheiße."
"Du beleidigst meine Freundin. Überleg dir, was du sagst. Sonst schlag ich dich zusammen, dass dich deine eigene Mutter nicht wiedererkennt."
Ich kannte das ganze Gerede schon von früheren Eifersuchtsszenen und langweilte mich. "Lincoln, ich will nicht Hause." Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und schloss die Augen.
"Sie ist sehr betrunken und ich will sie nur nach Hause bringen. Sie ist nicht meine Freundin."
"Wenn sie sagt, dass sie mit dir zusammen ist, dann seid ihr es auch", beharrte Ulf.
Lincoln seufzte hörbar. "Hilfst du mir, sie nach Hause zu bringen?"
"Pah! Kümmre dich doch um deine eigene Scheiße." Ulf schaute zu Melles Haus. "Gibt's da noch Alkohol?"
"Ganz, ganz viel", antwortete ich und öffnete die Augen wieder.
Ulf hob eine Faust Richtung Lincoln. "Wenn du sie anfasst, bring ich dich um!"
"Ich liefere sie nur nach Hause ab. Ich will sie nicht mal anfassen", schwor Lincoln. Ich fand das echt gemein, aber ich sagte nichts, weil Ulf schon weitergegangen war und er es nicht mehr gehört hätte.
"Na, komm. Weiter geht's." Lincoln schritt wieder vorwärts und zog mich mit. "Was redest du da für Müll? Musst du mich benutzen, um deinen Ex eifersüchtig zu machen? Der Typ hätte mir fast eins auf die Fresse gehauen."
"Ist doch nicht passiert."
Den restlichen Weg nach Hause schwiegen wir. In meinem halben Wachkoma bekam ich erst mit, dass wir zu Hause waren, als Lincoln in meiner Handtasche meinen Schlüssel suchte. "Endlich! Findest du den Weg ab hier?", fragte er, als er die Haustür aufschloss.
"Ja, ist voll in Ordnung", sagte ich und schloss die Tür hinter mir.

Am nächsten Tag schlief ich bis drei Uhr nachmittags. In der Küche machte ich mir ein Butterbrot und einen Kaffee. Ich war verkatert, aber ich hatte Schlimmeres hinter mir. Das Telefon klingelte. Gretel. Sie erzählte mir, dass sie gestern Abend einen unglaublich coolen Typen kennen gelernt hatte. Ich hörte nur halbwegs interessiert zu, weil sich Gretels Eskapaden meist ähnelten. Sie fragte, wie es mir ergangen war, und ich verriet, dass Lincoln mich nach Hause gebracht hatte.
"Lincoln? War der so lange da? Ist voll lieb, dass er dich nach Hause gebracht hat."
Auf einmal verspürte ich nicht mehr die geringste Lust, mit Gretel zu telefonieren. Ich erzählte ihr, dass ich noch zu tun hätte, und legte auf. Während des Gespräches mit ihr hatte ich mich erinnert, wie dumm ich mich Lincoln gegenüber benommen hatte. Ich schämte mich und beschloss, herüber zu gehen und mich bei ihm zu entschuldigen.
Es dauerte einige Zeit, bis bei ihnen jemand öffnete. Es war Lincolns älterer Bruder, der uns auch zu Melles Feier gefahren hatte.
"Du!", stieß er durch zusammen gebissenen Zähne hindurch. "Du traust dich, herzukommen, nachdem, was du meinem Bruder angetan hast, du Miststück?"
"Was?" Ich hab Lincoln nichts angetan. Ich möchte mit ihm sprechen."
Ich fragte mich, was denn geschehen war. Allein von der Tatsache, dass Lincoln mich volltrunken nach Hause gebracht hatte, würde Lincolns Bruder nicht dermaßen wütend reagieren. Ich überlegte. Ulf, fuhr es mir durch den Kopf. Oh, nein! Er hat Lincoln etwas angetan. 
Lincoln trat an die Tür. "Was willst du?" Seine Stimme war eiskalt und seine Augen ...
Ich bekam es mit der Angst zu tun und traute mich nicht mehr, ihn anzusehen. "Eigentlich bin ich hier, um mich bei dir zu wegen gestern bedanken. Außerdem wollte ich mich wegen meines Verhaltens dir gegenüber entschuldigen. Das Theater mit Ulf war nicht in Ordnung."
"Entschuldigen." Tränen stiegen in seine Augen. "Dein Exfreund war gestern Abend noch hier und hat meinen Hund umgebracht."
Ich zuckte zurück. "Was? Saño? Er hat Saño getötet?"
"Wir sind wach geworden, als Saño laut heulte. Dein Ulf hat ihn erstochen. Wir konnten nichts mehr für ihn tun. Er ist vor unseren Augen verblutet. Er liegt hinten unter einer Plane."
Ich verschränkte meine Hände und hielt sie vor meinen Mund. Vor Schreck konnte ich nichts sagen.
"Meine Mutter hat Ulf beim Weglaufen gesehen und anhand ihrer Beschreibung wusste ich, wer er war. Das ist alles deine Schuld. Ohne deine lächerliche Eifersuchtsszene würde Ulf mich überhaupt nicht kennen und Saño wäre noch lebendig." Lincoln wischte sich über die Augen.
"Das wollte ich nicht", schaffte ich es zu sagen. "Das ... oh, es tut mir leid. Lincoln, ich ..."
"Ach, halt den Mund!", fuhr er mich an. Einen kurzen Moment lang war ich fest davon überzeugt, er würde mich schlagen. "Verschwinde einfach und lass mich in Ruhe. Sprich mich auch in der Schule nie wieder an. "Du bist ein richtiges Miststück."
Jetzt hatte ich auch Tränen in den Augen. Ich sagte nichts mehr, drehte mich um und rannte davon. Er hatte wirklich Recht. Lincoln war immer nett zu mir gewesen. Nicht jeder, nicht mal die meisten meiner Freunde, hätten mich die zwei Kilometer nach Hause geschleppt. Auch, nachdem ich mich ihm gegenüber ungerecht verhalten hatte, hatte er mir weiter geholfen. Und jetzt war wegen mir sein Hund umgebracht worden. Der arme Saño. Der arme Lincoln.
Zuhause setzte ich mich in meinen Sessel und heulte. Ich fühlte mich nur schlecht.

Das Gefühl ging auch die nächsten Jahre über nicht weg. Jedes Mal, wenn ich Lincoln sah, dachte ich an seinen toten Hund. Mehrmals bekam ich in der Öffentlichkeit einen Heulkrampf. Ich hielt mich an seine Worte, ließ ihn in Ruhe, redete nicht mit ihm. Jeder in meinem Umfeld erfuhr von der Geschichte. Sogar meine Eltern. Jetzt war ich die, die Lincolns Hund umgebracht hatte. Ulf bekam eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und musste ein paar Sozialstunden ableisten. Wir trafen und noch einmal in einem Supermarkt. Ich rastete total aus, weil er vorgab, es wäre nichts geschehen. Ich bewarf ihn hysterisch schreiend mit Ketchupflaschen, die am nächsten gestanden hatten, und bekam Hausverbot. Ulf erstatte keine Anzeige, obwohl ich ihn traf und er aus einer Wunde am Kopf blutete, die genäht werden musste
Lincoln ging nach der zehnten Klasse ab und begann eine Lehre. Dazu zog er ans andere Ende der Stadt. Ich sah ihn nie wieder, aber ich dachte noch oft an ihn. Das Schuldgefühl ihm gegenüber ging nie wieder weg.

Donnerstag, 3. November 2011

Flaschengeist (Teil 2)

"Hast du deine Hausaufgaben fertig?" Beata hielt ihren Sohn an der Schulter fest, als dieser die Wohnung verlassen wollte.
"Ja, also, ähm, nein, also, Papa hat gesagt, dass ich noch -"
"Es ist halb fünf und du verlässt dieses Haus erst, wenn du deine Aufgaben erledigt hast. Irgendwo gibt es hier noch Regeln. Ich will nicht noch ein Vermerk im Muttiheft unterschreiben müssen."
"Aber Papa hat gesagt, ich soll zum Aldi gehen."
"Was willst du beim Aldi? Ich war gestern erst da."
"Die legen die Prospekte aus und ich soll welche holen."
"Und wieso macht dein Vater das nicht selber? Er ist für das Sammeln verantwortlich."
"Die haben ihm gesagt, nur Abgabe von haushaltsüblichen Mengen und er darf keine mehr mitnehmen. Die passen jetzt auf."
"Nichts da. Mach deine Aufgaben!"

Später kam der Vater nach Hause. Es gab ein unfreundliches Intermezzo, weil Henny keine Werbeblättchen vorweisen konnte. Beata mischte sich ein, als Alwin seinem Sohn eine Ohrfeige gab.
"Der Junge muss seine Aufgaben erledigen. Sonst bleibt er dumm, wenn er sich in der Schule nicht anstrengt."
Mutter und Vater schrieen sich gegenseitig an. Henny versteckte sich in seinem Zimmer unter dem Schreibtisch. Seit der Vater Papier statt Flaschen sammelte, war er wesentlich aggressiver geworden. Papier gab es überall umsonst. Flyer und kostenlose Zeitschriften, ausliegende Werbung, Bekleidungs- und Einrichtungskataloge, die nur halb ins Postfach passten und leichter herausgezogen werden konnten. Ähnlich war es bei Zeitungen. Donnerstags zog der Vater mit einem kleinen Rollkoffer los, den er sich besorgt hatte, um all das Papier bewegen zu können. Er ging davon aus, dass auch andere Flaschensammler bald umsteigen würden. Deshalb musste er soviel abgreifen wie möglich. Papier wog recht schwer und Henny musste immer öfter tragen helfen.
"Papa, ist es Diebstahl, wenn wir die Zeitung aus dem Briefkasten nehmen?"
"Halt den Mund, Henny."
Am gleichen Abend, als die Familie stumm beim Abendessen saß, zeigte Alwin auf seinen Sohn. "Du! Stell dir deinen Wecker auf halb fünf."
"Was soll der Junge um die Uhrzeit?", schaltete sich Beata ein.
"Der Russe von gegenüber. Der bekommt dann seine Werbung geliefert. Warum soll ich eigentlich hier herumlaufen und sammeln, wenn ich zig Euro Papier vor meiner Nase habe."
"Das ist aber nicht rechtens."
"Wenn du nicht willst, dass dir jemand was nimmt, dann pass auf dein Zeug auf. Wir nehmen ja nicht alles. Und der Alte bekommt gleiches Geld dafür, dass er weniger Arbeit hat."

"Versteck dich hier. Der Wagen kommt." Vater und Sohn duckten sich hinter den Mülltonnen und spähten zum gegenüber liegenden Haus.
Der kleine Transporter hielt. Zwei Männer stiegen aus und beförderten große Bündel in Plastik eingeschweißte Stapel heraus. Kaum waren sie weitergefahren, richtete sich Alwin Plenkowitzsch zu seiner vollen Größe auf.
"Ah, ich hab nicht an dieses beschissene Plastik gedacht. Junge, hol ein Messer aus der Küche! Und bring gleich Mutters Einkaufskorb mit. Pass auf, dass sie das nicht mitbekommt."
Alwin lief auf die andere Straßenseite, seinen Rollkoffer unter dem Arm geklemmt. Er versuchte, das Plastik mit den Händen aufzureißen. Es gelang ihm nur mäßig. Striemen blieben an seinen Fingern zurück. Henny kam mit dem Messer und dem Korb.
"Du läufst hin und her und stapelst das Papier erst mal hinter der Haustür. Wir tragen es später in unseren Keller. Am besten ist, wir schaffen alles fort, damit es so aussieht, als wäre es nie geliefert worden."
"Gestern hast du noch zu Mama -"
"Halt's Maul, verdammt!" Sah er das Papier vor sich, begannen Alwins Augen zu glänzen. Dafür würde er ganze Scheine bekommen. "Los, Junge, beweg dich!"
Er nahm Henny das Messer ab und begann mit dem Aufschneiden der Pakete. Das Plastik zeigte sich widerstandsfähiger als gedacht. Zudem hielten noch kabelbinderähnliche Konstrukte eine abgepackte Papiereinheit zusammen. "Was für ein Unsinn. So viel Mühe dafür, dass es nur Werbung ist." Alwin entwich der ein oder andere Fluch, während er mit dem Messer zugange war. "Mensch, Junge, mach voranl! Du kommst nicht hinterher."
"Es ist voll schwer." Henny wischte sich über die verschwitzte Stirn.
"Hör auf zu ningeln! Wir machen das für die Familie, hörst du! Für die Familie."
Also fuhr Henny fort. Stapelte Papier in den Wagen des Vaters und in den Korb der Mutter und beförderte beides in den Flur ihres Miethauses. Einer ihrer Nachbarn kam mit seinem Hund die Treppen herunter. Es war der Frührentner Zügner, der sein ganzes Geld für seinen kleinen Garten drüben in der Anlage ausgab. Sein Hund heulte, wurde er allein gelassen. Henny Mutter hatte sich schon mal bei der Hausverwaltung darüber beschwert, aber es war nichts geschehen.
"Eh, kleiner Plenkowitzsch, was denn ihr da?"
"Nichts." Henny griff nach dem letzten Bund aus dem Korb. Er hatte ungerade gestapelt. Langsam begann sein Turm zu kippen. Hoffentlich sah der Vater das nicht so eng, wenn er mehr Platz für das Papier brauchte als eingeplant.
"Du klaust dem Russen doch nicht etwa das Papier?"
"Was? - Ich? Nein."
"Junge." Zügner griff nach Hennys Arm und zog ihn aus dem Hausflur zur Straße hin. "Wo ist dein Vater?"
"Lassen Sie mich los", brüllte Henny und versuchte, sich loszureißen.
"Henny, was ist los?", meldete sich der Vater lautstark.
"Hab ich es doch gewusst! Ihr asozialen Nazis klaut dem armen Mann seine Werbung!"
"Wir sind nicht asozial!", fuhr Henny den Mann an.
"Ach, Junge, halt dein Maul." Zügner wandte sich dem Vater zu. "Sie begehen hier Diebstahl, Plenkowitzsch!"
"Das geht Sie gar nichts an. Machen Sie sich besser fort!"
"Wollen Sie mir etwa drohen? Legen Sie das Messer weg!"
Die beiden Männer begannen sich zu umkreisen, während sie sich anschrieen. Zügners Hund sah sein Herrchen in Gefahr und begann zu bellen. In den herumliegenden Häusern gingen Lichter an. Im dritten Stock wurde ein Fenster geöffnet. "Was ist da unten los?"
Zügner schaute nach oben. "Russe – der Plenkowitzsch klaut dir dein Papier!"
"Du Mistkerl! Warte, bis ich da bin."
Der Russe kam in Windeseile herunter. Er stürmte auf Alwin zu, der, als er die verkrampften Fäuste des Rentners sah, einen unkoordinierten Rückzug ins Haus bevorzugte.
"Komm her, du Lumpenschwein", brüllte der Russe. "Gib mir mein Papier zurück."
Alwin schmiss die Haustür hinter sich zu. Sein Schatten verlor sich in dem Milchglas der Tür.
"Papa! Papa!, brüllte Henny.
Zügner packte den Sohn an der Jacke. "Du gehst nirgends hin, Freundchen. Du bleibst, bis die Polizei hier ist."


Mittwoch, 19. Oktober 2011

Flaschengeist (Teil 1)

Sie nannten ihn den Russen. Sein Vater soll bei der Roten Armee gedient haben, aber niemand erinnerte sich wirklich daran. Mittlerweile war der Russe ein in die Jahre gekommener, zurückgezogen lebender Mann, der oft an der Haltestation Richtung Innenstadt saß und seine Pfeife rauchte. Um seine Rente aufzubessern, trug der Russe Werbeblättchen aus. Dazu hielt freitags mitten in der Nacht ein blauer Transporter vor seinem Haus und warf Paketweise, in Plastik eingeschweißte Zeitungen ab. Samstagfrüh zog er los mit einem kleinen Wagen, den er hinter sich herzog und bestückte die Häuser im Viertel mit Werbung. Vom Russen wusste man, dass er seine Arbeit sorgsam verrichtete. Er akzeptierte "Bitte keine Werbung"-Aufkleber und riss sie nicht ab. Jede Woche konnte man ihn dabei beobachten, wie er gewissenshaft von Haus zu Haus ging, unabhängig von Jahreszeit und Wetterbedingungen.
Gegenüber vom Russen wohnte die Familie Plenkowitzsch, ihres Zeichens stolz, die Rote Armee damals bekämpft zu haben. Vater Alwin, Mutter Beata, Sohn Henrik, genannt Henny.
Um das Geld seiner Familie aufzustocken, sammelte Alwin Flaschen und Getränkedosen. An guten Abenden brachte er es auf fünf Euro Flaschengeld. Besonders gut war mal eine Gruppe junger Amerikaner gewesen, die vor diesem TV-Schuppen angestanden hatte. Die hatten ihm die Flaschen mit Freude gegeben. Hatten sogar Fotos gemacht. Das war bisher einer seiner besten Abende gewesen.
Veranstaltungen in der Innenstadt waren ebenso gut. Silvester feierte Alwin seit zwei Jahren nicht mehr. Er war zu beschäftigt. Flaschengeld musste er nicht beim Amt angeben. Das Sammeln hielt die Straßen sauber. Die frische Luft war gesund und man bewegte sich viel. Was sollte er zu Hause vor dem Fernseher herumsitzen wie seine Alte.
Bei einem seiner Streifzüge durch die Innenstadt erwischte Alwin Henny beim Rauchen mit diesem Eisenbahnstraßengesindel. Nachdem er ihn daheim verdroschen hatte, verbot Alwin Henny den Umgang mit dessen Klassenkameraden. Sein Sohn sollte ihn nun öfters begleiten. "Du kannst auch mal was zur Familie beitragen", schnauzte Alwin ihn an.
Darüber hinaus wurde das Konkurrenzlaufen in der Innenstadt immer aggressiver. Da hab es eine kleinwüchsige Alte, die kletterte sogar in die gelben Mülltonnen der Anwohner, um da noch Pfandflaschen herauszuangeln. Sie führte ein kleines Messer mit sich, mit dem sie die Plastiksäcke aufschnitt. Dabei führte sie Selbstgespräche und bespuckte sich selbst. Alwin ging ihr aus dem Weg.
Vor der Moritzbastei gab es zwei Reviersammler, die den Anstehenden die Flaschen bereits abquatschten, bevor diese sie ausgetrunken hatten.
Ähnlich war es vor und im Hauptbahnhof. Dort machten mehrere Gestalten mit geistig eingeschränktem Bewegungsradius stundenlang ihre Runden über die einzelnen Gleise. Erblickten sie einander, stießen sie Laute des Zorns aus. Es kam zu Schlägereien. Alwin merkte, wie der Respekt der Leute vor den Flaschensammlern sank.
Alwin, der seinen Sohn am Wochenende auch auf seine späten Touren mitnahm, wollte nicht, dass Henny das alles mitbekam. Der Junge war schließlich erst zehn Jahre alt. Und noch weniger gefiel ihm, dass die Einkünfte vom Flaschengeld zurückgingen. Er führte jetzt die Jahre über, die er dieser Tätigkeit nachging, Buch. Verglichen zu vorletztem Jahr verdiente er pro Woche zwei Euro weniger. Seit all diese Schmarotzer und Rentner darauf aus waren, die 8 Cent pro Bierflasche abzugreifen, kam für ihn weniger dabei raus. Das konnte so nicht weitergehen. Mittlerweile wurden die leeren Flaschen ja schon verkauft. Alwin hatte es selbst erlebt, wie ein betrunkener Tourist ihm die Flasche nicht geben wollte. "Nee, der Kumpel da drüben gibt mir vier Cent dafür. Junge, musste mal dem Zeitgeist folgen."
Alwin war weit über vierzig und es war schon etwas länger her, dass man ihn als "Jungen" bezeichnet hatte. Dennoch wusste er, dass etwas geschehen musste. Er musste handeln.
Er war auf einem der Wege zurück nach Hause. In der Arena hatte es ein großes Konzert gegeben. Alwin hatte die antreffenden Zuschauer abgewartet und kam mit vier vollen Beuteln Leergut den Weg entlang. Es war schon längst dunkel. Seinen Sohn hatt er daheim gelassen. Der wollte bestimmt auf das Konzert und nicht warten, bis es anfängt und dann abhauen.
Er kam an einem Lagerplatz vorbei. Früher hatte hier mal ein Haus gestanden. Es war abgerissen worden und jemand hatte einen sperrigen Zaun errichtet. Ein untersetzter Mann schloss das rostende Tor mit einer dicken Kette ab. Schneuzer, seltsamer Hut. Vielleicht ein Grieche. Alwin wäre niemals stehen geblieben, hätte er nicht das Schild gesehen. Ankauf Elektroschrott, Möbel, Papier.
"Sie kaufen Papier an?"
Der Mann warf ihm einen Blick zu. "Neun Cent das Kilo. Keine Pappe. Nur Papier. Ordentlich gestapelt. Montag bis Freitag zehn bis achtzehn Uhr. Guten Abend." Der Händler nahm seine Tasche, die schwer zu wiegen schien und ließ Alwin stehen.
Alwin freute sich, denn Alwin wusste, dass der Zeit der Flaschen vorbei war.

Freitag, 7. Oktober 2011

Der böse Mann


Der böse Mann verkauft Blumen am Straßenrand. Er sammelt sie auf den Rasenflächen der Innenstadt. Überquert er die Straße, schaut er nicht auf den Verkehr. Mehr als einmal habe ich haarscharfe Vollbremsungen beobachtet. Der böse Mann lebt gern gefährlich.
Wenn er unseren Laden betritt, stellt er seine beiden Eimer mit den wehleidig heraushängenden Pflanzen vor dem Kassentisch ab und sucht zusammen, was er kaufen möchte. Wenn sich zu viele andere Kunden im Geschäft befinden, verlässt er uns kommentarlos.
Der böse Mann redet nie mit uns. Spricht man ihn an, wird er fuchsteufelswild. Nur ihm körperlich nahe kommen, ist noch schlimmer. Einmal wäre ein Stift fast vom Kassentisch heruntergefallen. Wir wollten ihn beide aufhalten und unsere Finger hätten sich bald berührt. Da hat er als Reaktion einen Aufsteller mit sauber sortierten Impulsartikeln herunterschmissen.
Kein Einzelfall. Kommt ihm ein anderer Kunde zu nahe, tritt er kräftig nach diesem aus. Bisher hat er noch nie jemanden getroffen.
Oftmals kauft er Stifte und Kleber. Wir alle, die hier arbeiten, sind vor ihm gewarnt. Wir wissen nicht, wie gefährlich er werden kann. Wir fordern ihn deshalb nicht heraus.
Einmal hat er meiner Vorgesetzten zwei Rosen geschenkt. Sie hat sie sofort weggeworfen. Ein anderes Mal hat er sie grundlos mit Ausdrücken beschimpft, die sie mir gegenüber nicht aussprechen wollte. Seitdem wissen wir, dass er reden kann.
Er wurde auch schon dabei gesichtet, wie er sich mit anderen Leuten unterhielt. Da trug er einen schicken, weißen Anzug. Es muss wohl ein besonderer Tag gewesen sein. Die hat er nicht oft. Wer wohl seine Blumen kauft?
Er ist schon alt. Sein Gesicht ist trocken und faltig, sein Kopf komplett haarlos. Er trägt oft die gleiche Kleidung, aber er riecht nicht danach. Er riecht gar nicht. Man hört ihn auch nicht. Man sieht ihn nur. Und am besten nie in die Augen.
Anfangs kommt er nicht zu den Neuen bei uns. Wenn dann doch, ist das Prozedere stets das gleiche. Erst legt er seine Ware und das Geld dazu gleichzeitig auf den Tisch. Wir kassieren ohne Begrüßung und ohne Hinweise auf die Sonderangebote, die ihm das Leben verbessern könnten, und sagen nur, wenn wir es wagen, den Preis. Wir geben ihm Wechselgeld und Kassenbeleg. Er nimmt den Zettel, begutachtet mit grimmiger Miene das Resultat und zählt sein Wechselgeld.
Wenn der böse Mann zufrieden ist, legt er danach die Handflächen aneinander und ahmt eine Verbeugung nach. Was auch immer sonst in seinem Kopf vorgeht, Gehässigkeit existiert in ihm ähnlich der Kohlensäure in Erfrischungsgetränken.
Als er das letzte Mal den Laden betrat, war ich gut gelaunt. Ich wagte es, aus dem Geld, das er mir auf den Tresen warf, den Betrag passend abzuzählen und ihn dabei dienstleistungssektorgemäß professionell anzulächeln. Er wartete ab, bis ich ihm den Bon gab. Er verzog er sein hässliches, altes Gesicht zu einer grinsenden Fratze. Erst zeigte er mir den Vogel. Dann zog er den rechten Arm hoch und reckte mir kurz seinen Mittelfinger in die Luft.
Mir fiel auf, was für peinlich kleine Finger der böse Mann hat. Ich musste lachen und ich lachte auch noch, nachdem er mich mit kalter Wut angesehen und den Laden verlassen hatte.
Vielleicht hatte er keinen guten Tag. Vielleicht hat er nie einen guten Tag und ist deshalb böse. Es interessiert mich nicht wirklich, denn, hey, böser Mann: Du kannst mich mal gern haben.

Mittwoch, 28. September 2011

Die Pfützen am Straßenrand

Es hatte schon vor einigen Stunden aufgehört zu regnen, aber in den Absenkungen der Straßen sammelte sich nach wie vor das Wasser. Unklare Pfützen, die für die Zeit ihres Daseins die Routen der Fußgänger, Fahrradfahrer und Autos beeinflussten. Es war noch hell genug, um sie mit bloßen Auge zu erkennen. In wenigen Stunden würde manch ein Fuß unfreiwillig untertauchen, Räder würden wegrutschen und Lack würde beschmutzt werden.
Es war kein schöner Tag gewesen. Der Himmel war grau und der Dreck der Baustellen ließ nicht mehr zu, dass das Wasser der Pfützen widerspiegelte, was es umschloss. Die fleißigen Arbeiter hatten die Stadt halb recht wieder aufgerichtet. Wer gewagt hatte, seinen Besitz erneuern zu lassen, hatte gleichzeitig eingewilligt, die Straßen zu zerfransen, die Fahrspuren auszuleiern und dem Regenwasser Platz zu gewähren, um sich zu sammeln anstatt in die Kanalisation abzufließen.
Die Tram hielt mitten auf der Straße. Es stieg niemand hinzu. Nur ein kleines Mädchen verließ den ersten Wagon. Ihre Kapuze war längst vom Kopf gerutscht und offenbarte das sonnengebleichte, blonde Haar, das in einen dünnen Zopf zusammen gefasst war. Sie drehte den Kopf erst nach rechts, dann nach links. Kein Auto kam. Schnell, wenn auch ohne zu rennen, steuerte sie auf den Fußgängerweg zu, fand die eine Stelle, welche Sicherheit vor der Nässe gewährte, herüber zu gelangen. Das Mädchen kannte die Straßenbeschaffenheiten. Sie wusste auch, dass die Autos an dieser Stelle immer nur von rechts kamen, aber sie schaute lieber in beide Richtungen, um auch ganz sicher zu gehen.
Es war Mittwoch. "Du musst heute zu deinem Vater gehen", hatte ihre Mutter gesagt. Die Winkel ihrer Lippen hatten sich beim Reden nicht bewegt und sie hatte auf den Reißverschluss der Kinderjacke gestarrt. "Kann er mich nicht abholen?", hatte das Mädchen gefragt. "Du weißt, dass er das nicht kann", hatte die Mutter geantwortet und war aufgestanden, ohne ihre Tochter angesehen zu haben.
Sie konnte noch nicht zählen, aber sie kannte die Nummer auf dem Schild der Straßenbahn, in die sie einsteigen musste. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, sie solle durch die Tür direkt beim Fahrer einsteigen und dort auch stehen bleiben. Sie war schmal, weshalb die Erwachsenen an ihr vorbeigehen konnten, ohne sie zu stoßen. Sie sollte sich nicht setzen, denn dann würde ihr vielleicht jemand den Weg versperren.
Ihr Vater wohnte direkt an der Haltestation. Mittlerweile kam sie auch mit dem Finger an die Klingel, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte. Sie drückte einfach das Feld unter dem obersten. Ihr Vater benutzte nie die Gegensprechanlage. Er öffnete direkt die Tür.
Heute klingelte das Mädchen mehrmals, ohne dass das Geräusch zum Öffnen erklang. Sie hörte das Trampeln von Füßen. Die Tür wurde geöffnet. Ein anderer Hausbewohner verließ das Haus, starrte kurz das Mädchen an, während er den Kragen seiner Jacke richtig ordnete.
"Du schon wieder."
Das Mädchen wusste nicht, ob sie etwas antworten sollte, und in dieser Sekunde war die Tür ins Schloss gefallen. Der Mann war weg, der Eingang wieder versperrt. Es lohnte sich nicht, noch mal zu klingeln. Ihr Vater war wohl nicht da. Das Mädchen lehnte sich an die Hauswand und verbarg die Hände in ihren Jackentaschen. Irgendwann würde er wiederkommen.
Während sie wartete, beobachtete sie, wie die Pfützen von den vorbeifahrenden Straßenbahnen erschüttert wurden. Eine Frau aus dem Nachbarhaus eilte zur Station. Ihr Parfüm roch sehr gut und verweilte noch, während die Frau schon längst eingestiegen und weggefahren war. Ein paar Jugendliche liefen vorbei. Sie redeten, wie Jugendliche immer reden, und das Mädchen beachtete sie nicht. Der Verkehr verdichtete sich. Einige der Autos fuhren ohne Licht und waren schwer ausmachbar, weil die Straßenlampen noch nicht leuchteten. Die meisten Wagen bewegten sich weiter in der Mitte der Straße als sonst. Nur ein Fahrer ignorierte die Pfützen. Das Wasser spritzte dem Mädchen bis auf die Füße.
"Was machst du denn hier?"
Ein Mann hatte sich neben sie gestellt, während sie auf die Dreckspritzer auf ihren Schuhen gestarrt hatte. So wie die Frau den Geruch ihres Parfüms hinterlassen hatte, trug ihr Vater den Geruch von Alkohol mit sich. Selbst seine Kleidung roch danach. Das Mädchen wusste nicht, was Alkohol eigentlich war, aber sie wusste, dass ihr Vater ihn trank und danach roch. Er trug diese dunkelbraune Jacke, die mal aus dickem Stoff bestanden hatte und nun an den Ellbogen abgeschabt war. Manchmal schlief er mitten auf der Straße ein und so war sie stets dreckig. Seine Hose war zerknittert und die Sohlen seiner Turnschuhe begannen sich zu lösen. Er rasierte sich selten und wie sein Haupthaar wuchs der Bart nur noch spärlich nach.
"Heute ist Mittwoch", sagte das Mädchen und schaute ihren Vater nicht mehr an. Der kniete sich hin und umschloss sie mit beiden Armen.
"Das ist doch toll."
Sie drehte ihr Gesicht weg.
"Ich muss zum Bahnhof", sagte er.
Er stützte sich beim Aufstehen an der Hauswand ab und reichte ihr die Hand herunter. Das Mädchen holte ihre rechte Faust aus der Jackentasche und wollte ihre Hand in seine legen.
"Was denn? Hast du kein Geld?"
Ihre Mutter hatte ihr einen Fünfeuroschein eingesteckt. Ihr Vater griff nach dem Schein und ließ ihn im Versuch, ihn in seine Hosentasche zu stopfen, auf den Boden fallen. Das Mädchen hob ihn wieder auf und nun gelang es ihm, das Geld zu verstauen.
Er wohnte nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Im Bahnhof waren viele Geschäfte und wenn es draußen ungemütlich wurde, zog es die Leute in das überdachte Einkaufscenter. Das Mädchen fürchtete sie vor den vielen Menschen. Durch die Lautsprecher wurden Namen derer ausgerufen, die gesucht wurden. Das Mädchen war fest davon überzeugt, dass im Bahnhof Menschen verschwanden. Solche, die nicht aufpassten, wurden einfach von seiner Masse verschluckt und kamen nie wieder.
Das Gebäude war so riesig, dass sie den Kopf weit in den Nacken legen musste, um die Decke zu sehen. Wenn sie das längere Zeit machte, wurde ihr schwindelig.
Das Mädchen steckte wieder die Hände in die Taschen, strich dort langsam mit dem Daumen über die anderen Finger. Ihr Vater ging langsam und sie ging stets zwei Schritte hinter ihm, um auch stehen zu bleiben, wenn er anhielt.
Aus den Bekleidungsgeschäften strömte warme Umluft in den Gang hinaus und das Mädchen blieb kurz stehen, um ein wenig Behaglichkeit zu spüren.
Ihr Vater hatte nicht bemerkt, dass sie stehen geblieben war. Er betrat bereits den Supermarkt. Das Mädchen lief zu ihm und blieb neben ihm stehen, während er mit einer vagen Handbewegung anzeigte, dass er sich nicht entscheiden konnte, welches Bier er nehmen sollte. Er entschied sich schließlich und ging wieder Richtung Eingang.
"Aber du musst doch erst bezahlen", sagte das Mädchen und zog an einem Ende seiner Jacke. Sie zeigte auf die Kasse und ihr Vater stellte sich in die Schlange. Die Frau an der Kasse warf ihm einen geringschätzigen Blick zu.
"Ein Euro neunundsechzig, bitte", sagte sie.
Der Vater schaute auf seine Tochter herunter. "Jetzt gib der Tante schon ihr Geld."
"Ich hab kein Geld mehr, Papa."
"Wo ist das Geld deiner Mutter?"
"Das habe ich dir doch gerade eben gegeben."
"Hast du nicht noch mehr?"
"Können Sie nun bezahlen?", fragte die Kassiererin.
Mit einem Schnauben holte der Mann den Schein heraus. Das Mädchen sah, dass das ihr anvertraute Geld sich verringerte. Auch das Wechselgeld würde sie nicht mehr zu sehen bekommen.
"Mama hat mir das Geld gegeben. Es ist meins", sagte das Mädchen, während der Vater den Laden verließ. "Es ist für Essen und für -" Hatte sie für einen Moment den Geschmack von Süßigkeiten gespürt? Sie wusste es nicht mehr. Ihr Vater saß auf einer Ban und legte zum Trinken den Kopf in den Nacken. Sie schaute auf den Mann, den ihre Mutter mit "dein Vater" bezeichnete. Die Flasche war ausgetrunken und, wie alle seine leeren Flaschen, stellte er sie neben die Stelle, an der er sie geleert hatte.
"Setz dich doch zu mir." Er schaute sie an. Sein Kopf schwang leicht, als er redete. "Komm her. Komm her."
Sie bewegte sich vom Eingangsbereich der Kaufhalle hin zur Bank, blieb kurz vor ihm stehen. Er beugte sich vor. Sein Atem roch nach Bier und sie trat einen Schritt zurück. Er lächelte.
"Ich sehe dich nicht so oft. Komm doch zu deinem Vater.
"Ich will wieder zu Mama."
"Das will ich auch. Jetzt mag sie uns wohl beide nicht mehr."
"Das stimmt nicht." Sie begann zu weinen. "Mama hat mich sehr lieb. Sie muss nur arbeiten. Deshalb gehe ich zu dir."
"Siehst du, deine Mutter ist arbeiten. Du bist bei mir. Du kannst jetzt nicht zurück. Setz dich doch zu mir."
"Ich will wieder zu Mama."
"Ja, wo ist sie denn, die Mama?"
"Sie ist arbeiten. Ich will wieder zu ihr." Mit beiden Händen rüttelte sie an seinen Knien. "Bring mich zu ihr."
Ihre Fäuste hämmerten auf seine Oberschenkel. Er griff nach ihrer Schulter und stützte sich auf seine Tochter, als er von der Bank aufstand. Den von ihm verursachten Schmerz bemerkte nur sie und sie weinte um so heftiger.
"Ich will wieder zu Mama."
"Na, gut, dann bring ich dich wieder zu deiner Mama." Er ging langsam vorwärts, stützte sich an Säulen und Geländern und lachte dabei. "Warum willst du denn nicht hier sein? Hier ist es so schön. Schau mal da, die Lichter von der Decke."
Das Mädchen drehte nur kurz den Kopf. "Ich will nicht hier sein. Ich habe Angst."
"Wovor hast du denn Angst, meine Liebe?" Er ließ sich auf die Knie gleiten, wobei er seine Balance wieder an ihren Schultern suchte. Sie strauchelte leicht, verschränkte die Arme und senkte den Kopf.
"Ich will wieder zu Mama. Bring mich zu ihr."
"Aber du kannst jetzt nicht zu ihr."
Das Mädchen weinte weiter und das stetige Wiederholen ihres innigsten Wunsches wich einem verzweifelten Schluchzen. Ihr Oberkörper bebte und es schien, als presse ihr Körper die Tränen von ganz unten ins Freie. Die anderen Besucher des Einkaufszentrums liefen an Vater und Tochter vorbei, ohne einen Bogen zu machen. Sie beschleunigte kurz ihren Schritt, auch wenn sie nicht hinsahen. Für einen kurzen Moment unterbrachen sie ihre Gespräche, um anschließend leiser das Thema zu wechseln.
Der Vater hatte nach den Oberarmen seiner Tochter gegriffen. Er versuchte zu knien, lag stattdessen jedoch fast vor ihr. Er redete, dass sie nicht weinen bräuchte. Es wäre ja alles gar nicht so schlimm. Die Last seiner Arme brachte das Mädchen dazu, sich auch hinzusetzen, sie verbarg ihr Gesicht an ihren Knien und weinte laut.
Die Zeit lief mit den Passanten davon und schließlich richtete sich der Vater wieder auf, hatte er Durst, musste er sich erleichtern, irgendwas in die Richtung.
"Du kannst jetzt mit mir kommen", sagte er. "Dann kommt auch bald die Mama."
Er bewegte sich von ihr fort. Das Mädchen hielt sich den Bauch, welcher vor lauter Schluchzen schmerzte. Er war schon längst im Erdgeschoss, als sie die Rolltreppe betrat. Oben angekommen sah sie ihn nicht sofort, bis sie ihn dann doch an eine Geschäftswand gelehnt fand. Er lächelte sie an.
"Da bist du ja. Ich dachte, du kommst gar nicht mehr."
"Ich will zu Mama." Sie setzte sich neben ihn und nahm erneut ihre Embryostellung ein, ihre Hände und ihr Gesicht versteckte.
"Es ist gut, dass sie dir Geld mitgegeben hat. Ich habe nämlich keins mehr."
"Das Geld war für mein Essen gedacht."
"Gibt sie dir denn kein Essen?"
"Du solltest doch heute auf mich aufpassen. Es ist Mittwoch."
"Aber du bist doch bei mir und ich passe auf dich auf. Warum weinst du denn die ganze Zeit? Was ist denn los mit dir?"
"Ich will wieder zu Mama."
"Magst du mich denn nicht? Ich bin doch dein Vater."
"Doch, ich - ich mag dich. Es ist nur dieser Alkohol. Ich will nicht, dass du ihn trinkst."
Sie schaute gerade aus, als sie das sagte, und er lächelte als Antwort.
"Dir passiert schon nicht", sagte er noch.
Ein Mann in einer schwarzen Hose, schwarzer Mütze und einem hellblauen Hemd trat auf sie zu. Er war benachrichtigt worden, dass ein betrunkener Mann mit einem Kind im Erdgeschoss herumlungerte. Bevor er sich auf den Weg gemacht hatte, hatte er kurz überlegt, ob er seine Uniformjacke anziehen sollte. Draußen dunkelte es bereits und da wurde es schnell kühl.
"Entschuldigen Sie", begann er und schaute auf das blonde, kleine Mädchen, deren geröteten Augen ganz zugeschwollen waren. Ihr Mund war geöffnet und obwohl sie nicht mehr weinte, zitterte bebte ihr Körper.
"Ach, Sie sind's", sagte der Vater. Als er bemerkte, dass der Wachmann seine Tochter anstarrte, strich er dem Kind mit einer Bewegung über den Kopf. "Hab ich nicht eine hübsche Tochter?"

Montag, 12. September 2011

Es war Mord


Marcel schaute verlegen aus, als er sprach: "Könntest du dich bitte um Tami kümmern. Ich habe meine Schicht nicht tauschen können. Es ist nur der Vormittag. Bitte, Maxi, nur das eine Mal."
"Deine Schwester." Maxi schaute auf ihre Schnitte. "Die hat 'nen Knall."
"Ja, seit ihrem Unfall damals ..."
"Ihre Gehirnerschütterung dauert schon 15 Jahre an."
"Ich weiß." Marcel nagte an der Oberlippe. "Sie ist nicht ganz einfach. Aber sie ist meine Schwester und ich habe meiner Mutter damals versprochen, mich um sie zu kümmern."

Sie stieg aus dem Zug. Sie hatte noch mehr zugenommen. Das läge an ihrer Diabetes, hatte sie einst ungefragt erklärt. "Hier nimm mal meinen Koffer", sagte sie zur Begrüßung.
"Hallo Tami", erwiderte Maxi.
Sehr zum Unmut der anderen Passagiere blieb Marcels Schwester auf der untersten Sprosse des Ausstiegs des Regionalexpresses stehen. "Ich heiße Tamina-Sophie. Das solltest du mittlerweile wissen."
"Hier, nimm deinen Koffer doch selber." Maxi drehte sich um und verließ den Bahnsteig Richtung Parkhaus West.
"Halt! Ich kann nicht so schnell. Mein Blutzucker! Was ist das für ein Empfang? Wo ist mein Bruder?"
Maxi blieb vor der Treppe zum Ausgang stehen. "Der ist arbeiten."
"Er hat sich nicht frei genommen für mich." Tamina-Sophie ließ den Unterkiefer vorschnellen.
"Sein Urlaub ist schon verplant."
"Ja, mit dir."
"Genau. Mit seiner Frau. Dreieinhalb Wochen Forteventura." Maxi stieg die Treppen herunter und ignorierte das Keuchen und Schnaufen hinter ihr.
"Hilf mir mal mit meinem Koffer! - Der Urlaub hat bestimmt ein Vermögen gekostet. Warum macht ihr nicht in Deutschland Ferien? Da bleibt das Geld wenigstens im Land. Bei uns im Thüringer Wald ist es so schön. Ein Großteil des kulturellen Erbes Deutschlands befindet sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft."
"Leipzig ist grün genug für uns. Und die Seenlandschaften sind ein hervorragendes Naherholungsgebiet. Wir wollten es mediterran."
Tamina-Sophie spitzte die Lippen. "In der Stadt soll's grün sein. - Die Abgase hier verhindern dir das Denken. Dabei habt ihr schon so eine grüne Plakette und schau, wie sich hier der Verkehr stapelt. Sie mussten sogar für die Straßenbahnen eigene Wege bauen, damit die noch ihren Platz finden."
Maxi benutzte ungefragt die Stufen zum Parkdeck 2. Tamina-Sophie bevorzugte den Aufzug.
"Hast du schon wieder ein neues Auto?" Der blaue Scirocco glänzte im Licht der Morgensonne. "Was hat VW sich denn dabei gedacht? Ich habe selten ein hässlicheres Auto aus deutscher Hand gesehen."
Sie verstauten das Gepäck im Kofferraum. "Passt du in die Lücke oder soll ich ein Stück vorfahren?"
"Hältst du mich für fett, oder was?"
"Passt du rein - ja oder nein?"
"Fahr vor."

Maxi sprach auf der Fahrt zur Wohnung kein Wort. Ihre Schwägerin erläuterte die unvernünftige Straßenführung, die Ampelphasenverschwendung, die fehlende staatliche Unterbindung des Fahrradfahrens ohne Helm und eine fehlende gesetzliche Regelung, Kinderwagen mit ähnlich vielen Lichtreflektoren auszustatten wie Schulranzen. Die Doppelhaushälfte ihres Bruders war ihr zu klein. "Das nennt ihr Eigentum? Das ist grad mal die Hälfte von einem richtigen Haus." Das Gästezimmer bezeichnete sie als eine peinliche Schuhschachtel. Der Garten blieb nur ein Versuch. "Der Garten unseres Elternhauses ist fünfmal so groß. Wieso stehen hier eigentlich die ganzen Altbauten in den Nebenstraßen? Haben sie hier etwa auch so ein hübsches Gebäude aus der Gründerzeit weggerissen, nur um ein paar Stapelhäuser hinzustellen?"
"Da ist viel in der DDR verrottet."
"Na, na, na! In der DDR war nicht alles schlecht. Bei den Pionieren zum Beispiel war ich sehr glücklich. Aber das kannst du ja nicht beurteilen. Du kommst aus Bayern."
"Ich komme aus Franken, Tamina-Sophie."
"Ach, komm." Die Schwägerin verdrehte die Augen. "Kochst du eigentlich für Marcel?"
"Wenn ich Zeit habe, koche ich."
"Soll er sich selbst verpflegen, oder was?"
"Er ist ein erwachsener Mann."
"An einer funktionierenden Frau hängt der Haussegen."
"Ward ihr bei den Pionieren eigentlich gleichberechtigt?"
"Das hat damit nichts zu tun."
"Was ist denn mit deinem Lebensgefährten? Wollte er nicht mitkommen?"
"Nein."
"Ist er zurück zur Mutter?"
"Was erlaubst du dir?"
"Wollte er nicht nach zwei Monaten zu dir ziehen?"
Die Schwägerin hob das Kinn. "Er wollte nur das Haus. So wie alle."
"Alle? Wen kennst du denn noch?"
"Du bist unverschämt. Du kannst mir nichts vorwerfen. Ich sehe es hier in deinem kahlen, unfreundlichen Zuhause. Dir fehlt das Händchen zur Dekoration, generell zur Weiblichkeit. Vielleicht sind es die kurzen Haare oder deine fehlende Brust. Mutter hatte schon Recht, als sie meinte, Marcel hätte ein Mannweib geheiratet. Aber, nein, nein, ich weiß schon, warum du mich hier angiftest. Du bist neidisch auf mich, weil ich das Haus der Eltern geerbt habe."
Maxi lachte. "Ja, du hast Recht, ich, ein Mannweib mit einem 2000er Nettoeinkommen und einem so gut wie abgezahlten Neubau, bin neidisch auf dich. Bei dir läuft es einfach rund. Du lebst mit Ende dreißig alleinstehend in einem Haus, dessen Erhaltung dein Gehalt auffrisst, das du dir als mittlerweile nur noch Halbtagsangestellte zusammenschusterst. Du bist adipös. Deine Freunde aus der Pionierzeit sind seit 1989 verschollen. In deiner Gemeinde bist du trotz Kandidatur in kein Amt gewählt worden. Deine eigene Familie mag dich nicht. Alles, was du hast, sind einsame Fernsehabende in dem schlecht abgedichteten Wohnzimmer. Und du, Tamina-Sophie, nimmst jetzt deinen Koffer und verschwindest von diesem Grundstück in deinen Thüringer Wald zurück. Deine Gemeinheiten mir gegenüber haben jetzt ein Ende."
"Du wagst es, mich aus dem Haus meines eigenen Bruders zu werfen?"
"Es ist auch mein Haus, du blöde Kuh", brüllte Maxi.
"Eine Frechheit sondergleichen." Der Atem der Schwägerin ging in kurzen, heftigen Stößen. "Oh! Oooh!" Tamina-Sophie griff sich an die linke Brust. "Ich ... oh, ich habe Schmerzen. Mein Herz. Der Arm. Was - ruf ..."

Die 120 Kilo Frau fiel um. Auf dem Weg ins Krankenhaus in der Ambulanz setzte ihr Atem komplett aus und fand keinen Anfang mehr. Nur die beiden Sanitäter waren bei ihr. Maxi hatte die Mitfahrt verweigert.