Mittwoch, 12. Januar 2011

Rotes Netz


Während die Sonne untergeht, wirken die Stromleitungen der Straßenbahnen wie die Netze einer im städtischen Untergrund versteckt lebenden Spinne. Schwarz heben sie sich hervor, sträuben sich gegen das vorbeifließende Purpur des Himmels mit seinen eingefärbten Wolken, unerreicht von den Lich­tern des Auto­stroms. Das Netz an sich folgt keiner strengen Form, obwohl die einzelnen Linien in­einander flie­ßen, parallel voneinander liegen und miteinander verbunden sind. Sie fangen nicht ein, sie leiten nur. Dabei werden sie selten beach­tet, denn gegen Abend interessiert die Menschen ihr Ziel zu sehr und weil sie überhaupt eines ha­ben, kann es ihnen niemand verübeln, dass sie den bun­ten Abend­himmel hinter dem Netz, das sie jeden Tag leitet, nicht einmal wahrnehmen.
Es ist gen Herbst. Die Passanten tragen bereits dickere Pullover unter ih­ren Sommerjacken. Der ein oder andere Handschuh zeigt sich zart die Einkaufstüten tragend. Im Hauptbahnhof sind die Sofas wieder aufgestellt worden und auf diesen sammeln sich die Be­sucher. Es sind gepolsterte, eckige Sitzgelegenheiten, eigentlich viel zu gemütlich, um sie an einem Ort wie diesem zu erwarten.
Die Sitze sind selten leer und werden oft geteilt von Fremden, die einen kurzen Moment lang für ein Bild zusammen rücken. Ein fliegender Wechsel, unabgesprochen und trotzdem nie spontan. Hockt dort eben noch das ihre Einkaufstüten sortierende Mäd­chen, eher auf dem Sprung ins nächste Geschäft, als wirklich sesshaft, be­quemt sich schon ein äl­teres Paar auf dem Kunststoff Platz zu nehmen. Er ruht seine Augen aus, sie beginnt das Buch aus ihrer Handtasche zu lesen. Es scheint ein interessantes Buch zu sein, denn sie wagt es, mit den gelunge­neren Passagen seinen Schlaf zu stören, den er immerhin in einer gut bewanderten, unterdachte­n Ein­kaufsmeile zu finden vermag, in welche die Durchsagen des angeschlossenen Bahnhofs echoen und die moderne Popmusik aus den Bekleidungsgeschäften schallt. Geräusche, die sich mischen zu den Dialogen der Passanten, den Phrasen des Dienstleistungssektors und dem Auf­merksamkeitsdrang der unsichtbar gegen Diebstahl gekennzeichneten Ware.
Ein Mann betritt das Gebäude durch einen der Seiteneingänge. Seine Gedanken verweilen an der Nacht, die vor ihm liegt. Er weiß nicht wirklich, was ihn erwartet, auch wenn es nicht das erste Mal ist, dass er sich auf eine derartige Geschichte einlässt. Er ist nicht hier, um Dienste zu erwerben, auch wenn er den Gedanken unter anderen Umständen zweifelsohne in Betracht gezogen hätte. Seit der Bahnhof allseits überwacht und gesichert ist, sind seine potentiellen Kaufabsichten der reinen Fikti­on unterworfen. Er riskiert bereits einiges. Zu viel wagen widerspricht seiner Aufmachung. Er trägt eine gegerbte Cordhose, dazu eine passende Jacke. Seine Schuhe sind leicht abgelaufen. Rein äu­ßerlich mag er etwas schmuddelig wirken, aber er riecht frisch geduscht.
Er hat seinen ganzen Körper heute zwei mal kräftig eingeseift und gründlich abgewaschen. Die Beine hat er sich rasiert, das Gesicht nicht. Es ist ein Vorurteil, dass homo­sexuelle Männer generell mit ihrer Eitelkeit ko­kettieren. Dass er sich die Beine rasiert, hat al­lein den Grund, dass sich das Tragen der Strumpfhose dann wesentlich angenehmer anfühlt.
Niemand weiß es. Für seine Kollegen ist er ein Verlierer, einer von denen, die als nächstes mit einer Abfindung abgespeist werden. Geschieden, keinen Kontakt mehr zur Familie und selbst seine alla­bendlichen Saufkumpanen schauen ihm scheel hinterher, obwohl er nie ein öffentliches Wort der Missgunst fallen lässt, sich allerdings auch weigert, für etwas Partei zu ergreifen.
Es ist sein Geheimnis. Das einzige, das er noch hat. Würde man ihm das nehmen, wüsste er nicht mehr, wofür er noch weiter leben soll. Das ist vielleicht zu drastisch ausgedrückt. Es ist nicht so, dass seine Sexualität sein Leben bedeutet. Es bereichert sein Seelenleben ungemein, dass er in der Lage ist, etwas zu un­ternehmen, was nur dem Verlangen dient, das er jahrelang geleugnet hat. Mitt­lerweile hat er vor sich weitaus weniger Angst. Er zielt keine Parallelen mehr zu dem, was er in den Medien und im Bekanntenkreis mitbekommt. Das öffentliche Bild des Ho­mosexuellen stößt ihn ab. Der modebe­wussten, übersensiblen, aufgedrehten Tucke kann er sich nicht zuordnen.
Er sieht nicht gut aus und weiß das auch. Er ist über vierzig, hat für sein Alter berei­ts zu viele Falten, einen stark behaarten Bauchansatz und kurze Beine. Sein Gesicht rasiert er un­gern und die Haare an seinem Kopf stehen ihm zu allen Seiten ab.
Die meisten Leute, die ihn erspähen, würden ihn eher für einen Langzeitarbeitslosen halten, wür­den ihm alles Perverse unterstellen, was ihnen einfällt, und ihn vielmehr zur Stadt herausjagen, als ihm Respekt dafür zu zol­len, dass er den Mut hat, seine Bedürfnisse auszuleben. Er praktiziert es im Stillen, im Gehei­men, ohne jemals darüber zu reden.
Er hat ihn im Internet kennen gelernt. Der andere wird mit der Bahn herkommen. Gegen Abend, um 21:35 wird sein Zug eintreffen. Jetzt ist es achtzehn Uhr. Er hat einfach nicht warten können. Die Wände seiner Wohnung waren eng und kalt gewesen. Der Gedanke, sich in der Öffentlichkeit zu be­wegen, mit der eng anliegenden Strumpfhose am Körper, gefällt ihm. Die Leute starren ihn nicht an, sie bemerken ihn nicht einmal und wenn doch, vergessen sie ihn nur allzu gern. 
Eines der Sofas findet er leer vor. Er setzt sich. Es ist schon dunkel draußen und er ist müde. Zwar hat er sich zwei Tage Urlaub genommen, aber die Aufregung hat ihn nicht ausreichend schla­fen lassen. Eine Flasche Weinbrand ruht in seiner Tasche, an der er immer mal wieder trinkt, um sich aufzu­wärmen. Den Kopf in seine Armbeuge gestützt, schläft er schließlich ein.
Bis ihn die nächste Ansa­ge wieder weckt: „Ich bitte um Aufmerksamkeit für eine Durchsage. Der Fahrer des Pkws mit dem amtlichen Kennzeichen ...“ 
Nicht mal halb sieben. Ein Strom an Einkäufern fließt ins Center. Bis 22 Uhr nimmt die Käufermasse dann stetig ab und nur noch Einzelne bewegen sich durch die Etagen. Noch warten die Angestellten hinter ihren Kassen, um auch den letzten Kunden abzufertigen.
„Sehen Sie den Mann da draußen auf dem Sofa?“, fragt die eine Verkäuferin ihre Kollegin.
„Ist mir auch schon aufgefallen. Der sitzt da und schläft.“
„Er trägt rote Netzstrumpfhosen.“
Die Kollegin schaut den Mann genauer an. Seine Hosenbeine haben sich im Sitzen hoch gezogen und offenbaren das rote Netz, das farblich gar nicht zu den Hosen darüber passen will. Sie kichert mädchenhaft, um dann kurz wegzuschauen, als der Mann aufwacht und sofort nach einer Flasche mit hellbraunem Etikett in seiner Tasche greift.
„Ach, 'ne Pulle hat er auch noch. Was trinkt er denn da?“
„Das ist Cognak.“
„Weinbrand? Hab ich auch noch nie gesehen, dass das jemand aus der Flasche trinkt.“
„Na, der wird heut Abend sicherlich noch was Interessantes vorhaben.“
Sie können ihr Lachen nicht verkneifen, als sie immer mal wieder zu den bloßgelegten Männer­beinen hinüber spähen.
Die Ansage kündet das pünktliche Eintreffen des Zuges an. Das Sofa hat er längst verlassen und sich mit klopfendem Herzen zum Bahnsteig bewegt. Er ist jetzt längst nicht mehr mü­de.

Außerhalb des Bahnhofs heben sich im Nachthimmel die Silhouette der bekannten Kirchen ab, direkt neben den Kränen der Baustellen, die Neues erschaffen, wo Abgewirtschaftetes bereits er­folgreich entfernt worden ist. Der Boden der Stadt wurde hier und da von tiefen Löchern versetzt, die erstaunlich in der Breite und tödlich in der Fallhöhe sind, als hätte sich die Spinne dazu ent­schlossen, mit ihren Netzen einer Narretei nachgegangen zu sein, und stattdessen unter der Erde Bahnen zu graben. Es würde sie Jahre kosten, ein Ende zu erreichen, aber weil sie überhaupt ein neues Ziel gefunden hatte, konnte man ihr die langwierige Prozedur nicht verübeln.