Donnerstag, 17. Februar 2011

Frank Ziegler schreit nach Leben

Wenn du deinen Namen schreist, dann interessiert dich das Echo nicht.
Frank Ziegler wollte Luft nehmen und tief durchatmen. Seine  Brust bebte. Hier lag er im Dickicht auf dem Waldboden. Es war sein freier Tag. Er war früh aufgestanden, hatte lange geduscht und gesund gefrühstückt. In seiner Sportkleidung war er losgelaufen. Über all die Male, die er hier entlang gekommen war, hatte sich die Strecke zu mehr als einer Gewohnheit entwickelt. Der Boden unter seinen Füßen war ein guter Bekannter geworden. Die längste Beziehung, die er je zu führen gewagt hatte. Die Idealstrecke führte vorbei an mit den Jahren schief gewordenen Zäunen und durch eine Gegend, in der die Straßenlampen früh aufhörten zu leuchten.
Selten blieb der Boden eben. Der Asphalt wölbte sich wie eine erzwungene Oberfläche, die ihrer Bestimmung den Kampf angesagt hatte. Schutt, Dreck und Überreste von Regenwasser sammelten sich dort. Frank Ziegler kannte jede einzelne dieser tückischen Stellen, die einen zum Stolpern brachten. Zu Beginn seiner Ausdauerübungen hatte es ihn auch glatt hingelegt. Eine Frau, die mit ihrem Hund auf der anderen Straßenseite spazieren gegangen war, war kurz stehen geblieben und hatte ihren Weg erst fort gesetzt, als er sich wieder aufgerappelt hatte.
Jetzt renovierten sie ein Haus entlang seiner üblichen Route. Der Fußgängerweg war versperrt. Es ärgerte ihn. Das Überqueren der Straße kostete ihn wertvolle Minuten. Sein Rhythmus wurde gestört. Das verzieh Frank Ziegler niemandem. Es hatte ihn einiges an Zeit gekostet, genau diesen Rhythmus zu perfektionieren.
Insgesamt musste er drei Ampeln überqueren, bis er im Park angelangt war. Schaltete eine auf Rot, dehnte er sich. Mittlerweile war dies selten der Fall. Seine Schritte passten sich den Ampelphasen an, um den Stillstand zu vermeiden. Verließ er sein Haus um zehn nach um, dann erreichte er die erste Grünphase sehr knapp, die beiden nächsten Ampeln hingegen in einem bequemen Tempo. Lief er später los, begann er langsamer, damit er mit der ersten Sekunde, die die Ampel auf Grün umsprang, den Fuß auf den Übergang setzen konnte.
Schließlich kam er im Park an. Darauf hatte er gewartet. Daran dachte er all die Stunden, die er im Büro saß. Er wusste immer, wie lange es noch dauerte, bis er sich endlich wieder seine Laufschuhe anziehen konnte. Während all das dämliche Gerede seiner beiden Kolleginnen an seinem Ohr vorbeiplätscherte und er vorgeschriebene, fertig formatierte Textpassagen zu Antwortschreiben zusammen fügte, Namen richtig abschrieb und überprüfte, ob das Schreibprogramm das Datum richtig erneuert hatte, pochte sein Blut in freudiger Erwartung. Er konnte es fühlen, wie es durch seine Adern floss, und ein kleines Kribbeln in seinem Magen stellte sich ein.
Er saß am Schreibtisch und simulierte das schneidige Vorankommen seiner Füße auf dem Boden. Die beiden Frauen, die die gleiche Arbeit wie er in weitaus mehr Zeit verrichteten, warfen ihm jedes Mal skeptische Blicke zu, wenn er trippelte.
Einmal hatte er ein Pausentelefonat der Kollegin belauscht. "Du solltest dieses selige Lächeln auf seinem Gesicht sehen, wenn er auf seinem Stuhl sitzt, mit den Füßen über den Boden scharrt und dabei langsam mit dem Oberkörper hin und her wackelt. Wir wissen nicht, woran er da denkt, aber es schaut anstößig aus", hatte sie gesagt ohne zu flüstern.
Er erinnerte sich nicht an die letzte Kontaktaufnahme zwischen seinen Kolleginnen und ihm. Sie mochten ihn nicht, fanden ihn abstoßend und hatten ihn nur noch nicht vollends herausschikaniert, weil er ihnen mit seiner einwandfreien Arbeit die Erfolgsquote hielt. Früher hatte man sich noch ins Gesicht gesehen. Mittlerweile würde er sie auf der Straße nicht wieder erkennen. Ihm war erst aufgefallen, wie fett die beiden geworden waren, als sie sich erfolgreich beim Chef dafür eingesetzt hatten, dass sie Bürostühle ohne Armlehnen bräuchten. Das wäre besser für die Haltung.
Ja, fett und alt waren sie. Mittlerweile versuchten sie mit mehr Schminke ihre Jugend zu zementieren. Die Farbe in den Haaren wurde immer greller, der Kleidungsstil immer kurioser. Kinder von Traurigkeit waren sie nie gewesen. Das unterstrich ihre Farbauswahl. Ob sie sich wohl beim morgendlichen Zurechtmachen die Haut im Gesicht gerade zogen, um mit der Schminke auch in die Falten hineinzugelangen?

Diese ganze Gedankenwelt ließ er hinter sich, wenn er die Turnschuhe anzog. Jahreszeit und Wetter kümmerten ihn nicht. Er lief seine Strecke bis zum Wald, bis zu jenem Abschnitt, der ihm die Welt bedeutete. Sollten sich Spaziergänger, meist ältere Herrschaften oder Frauen mit Kinderwagen, in der Nähe aufhalten, lief er das Stück so oft ab, bis er endlich alleine war. Dann glitt er vom Waldweg ab. Ohne innezuhalten, durchschritt er ein Gebüsch, quetschte sich durch zwei eng aneinander gewachsene Kastanienbäume und schon war er da. Nah am Gehweg, fern von den Menschen. Die Oase seines gefühlsarmen Lebens.
Die kleine Mulde befand sich abschüssig vom restlichen Waldboden. Sie war vollends mit Moos bewachsen, aus dem gelegentlich einzelne Grashalme sprossen. Ob von Menschenhand geschaffen oder einem natürlichen Erdrutsch zugrunde liegend - es kümmerte ihn nicht.
Frank Ziegler glitt wie immer auf die Knie, fuhr seine Hände aus und fühlte das Moor. Wenn er wollte, konnte er seine kompletten Finger dort hinein versenken. Es war kräftig gewachsen diesen Sommer. Er knetete die geflochtene Masse. Dann ließ er sich langsam auf die Seite gleiten. Tränen traten aus seinen Augenwinkeln hervor. Selbst bei geschlossenen Lidern fanden sie ihren Weg ohne zu zögern. Er rieb sich am Boden und wälzte sich schließlich auf den Bauch. Seine Hände verkrampften im Moos. Seine Nase presste er hart hinein, sodass im das Luftnehmen schwer fiel. Das Moos war noch feucht vom Morgentau. Es befeuchtete seine Lippen und atmete die frischeste Luft ein, die er sich vorstellen konnte.
Da war er, der Moment, den er herbei gesehnt hatte. Er öffnete die Lippen. Seine Stimmbänder vibrierten in freudiger Erwartung. Das Moos ragte durch die Zähne in seine Mundhöhle. In diesem Augenblick verschlangen sich Boden und Mensch gegenseitig. Er war eins mit der geballten Masse unter ihm.
"ICH BIN FRANK ZIEGLER", schrie er. Erneut sog er Luft ein. "ICH BIN FRANK ZIEGLER!"
Seine Lungen schmerzten bei der letzten Silbe. Fern jeglichen Sauerstoffs ließen sie seinen kompletten Oberkörper erzittern und läge er nicht bereits fest an den Boden gepresst, würde er sicherlich jetzt niedersinken. Tränen tropften in das grüne Dunkle hinunter. Kleine Moosreste blieben zwischen seinen Fingern kleben, als er seine Hände dem grünen Geflechte entnahm. Er setzte sich langsam auf und raufte sein Haar. Blut rauschte in seinem Kopf. Er hörte seinen Herzschlag mehr als dass er ihn fühlte.
Wenn du deine Namen schreist, dann interessiert dich das Echo nicht.
"Wenn ich meinen Namen schreie, dann interessiert mich das Echo nicht", sagte er und wischte sich die Nässe aus dem Gesicht.

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