Donnerstag, 21. April 2011

Stalker

Es begann damit, dass sie ihre Geldbörse verlor. Sie sortierte ihre Einkäufe in der Straßenbahn und verließ diese ohne zu bemerken, dass ihr das Portemonnaie aus der Jackentasche gerutscht war. Er erhaschte ihren Sitzplatz, griff nach der ledernen Börse und steckte sie ein. Erst in seiner Wohnung, eigentlich war es nur ein Zimmer mit Bad auf dem Flur, angekommen, durchsuchte er das Fundstück. Es beinhaltete 175 Euro und ein paar Münzen, einen Führerschein, eine Krankenkassenkarte und ihren Personalausweis. Er war abgelaufen.
Ein Duft breitete sich im Raum aus. Ihr Parfüm. Vor zwei Wochen war der Flakon in der Tasche ausgelaufen und hatte diese inklusive Inhalt eingenässt. Natürlich konnte er das nicht wissen. Er stellte sich vor, wie sie ihr Geld einsprühte, damit alles nach ihr roch.
Sie war keine hübsche Frau, aber sie kleidete sich gut. Sie wohnte in einem der angenehmeren Viertel. Nicht wie er, der selbst schon mal von glatzköpfigen Halbwüchsigen zusammen geschlagen worden war, weil er ein "asozialer Penner" war.
Er suchte eine Parfümerie auf, hielt der Verkäuferin das Portemonnaie hin. "Meine Freundin benutzt das. Wie heißt es?" Er lachte. Dabei zogen sich seine Mundwinkel in die Breite statt in die Höhe. Es ähnelte einem erzwungenem Hecheln. Die Verkäuferin sagte: "Keine Ahnung, weiß ich nicht." Laura Biagiotti. Ganz klar. Aber wie alle Menschen in seinem Leben wollte sie nur, dass er geht.

Er machte das Bürgeramt aus, welches für sie zuständig war. Er wartete drei Tage auf der anderen Straßenseite, bis sie kam. Anschließend verfolgte er sie. Sie fuhr drei Stationen mit der Straßenbahn, bis sie ausstieg und eines der modernen Mehrfamilienhäuser ansteuerte. Kurz, nachdem sie hereingegangen war, ging im dritten Stockwerk das Licht an. Er sah sie am Fenster, wie sie telefonierte und dabei die Blumen goss.
Er versteckte sich in einem Gestrüpp. Mit der Hand in der Hose. Seit langem hatte sich nichts mehr so gut angefühlt.
Jetzt hatte er endlich etwas zu tun. Er beobachtete sie. Sie arbeitete bei BMW. Dorthin fuhr sie mit Bus und Bahn. Es war nicht weit von ihrem Zuhause entfernt. Auf dem Rückweg wurde sie manchmal von einem Kollegen mitgenommen. Ein sympathischer Kerl. Volles Haar, aber faltiges Gesicht. Einmal sah er dessen Auto vor einer Kaufhalle in der Nähe parken. Er pinkelte gegen die Fahrertür und rannte weg

Seit er sie kannte, trank er weniger.

In der Innenstadt befand sich ein Einrichtungsgeschäft, welches sie regelmäßig frequentierte. Dort bestellte sie sich eine Kommode aus Echtholz. Das Möbelstück passt perfekt in ihre Diele.
"Liefern Sie auch?"
"Natürlich. Sie brauchen nicht selbst zu schleppen. Wir bauen Ihnen die Kommode auch auf. Wir bekommen die Kommode in zwei Wochen vom Zentrallager geliefert. Wenn sie hier ist, kontaktieren wir Sie. Sagen Sie mir bitte Ihre Telefonnummer."

Zwei Tage später klingelte ihr Mobiltelefon. Eine unterdrückte Nummer. Sie meldete sich. Niemand sprach.
"Hallo?"
Sie hörte ein schweres Atmen. Dann legte die andere Person auf.

Sie war Mitglied der Grünen. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in der Innenstadt sprach sie Passanten an. Er ging fünf mal an ihr vorbei. Sie richtete kein Wort an ihn. Als Strafe zog er ihre abonnierte Zeit aus dem Briefkasten und verrichtete sein Geschäft darauf.

Wenn sie morgens zur Straßenbahnhaltestelle ging, wartete er im Abseits. Er fuhr wochenlang in ihrer unmittelbaren Nähe mit. Er roch ihren Duft, aber er konnte ihr keine Blicke stehlen. Währenddessen kündigte sie ihr Zeit-Abo, weil sie wiederholt Fäkalien und Spermaspuren darauf gefunden hatte. Sie hatte jedes Mal Anzeige erstattet. Bei der Polizei war man professionell statt irritiert damit umgegangen.

Sie traf sich abends mit einem Arbeitskollegen. Kaum war sie an dem Abend wieder daheim, warf jemand die Eingangstür ihres Wohnhauses mit einem Pflasterstein ein und schrieb "Fotze aus dem 3. Stock" an die Hauswand. Sie saß zu Hause und weinte und konnte drei Tage nicht zur Arbeit gehen.
"Ich glaube, du wirst beobachtet", sagte der Arbeitskollege. "Der Penner da auf der Straßenseite steht jedes Mal dort, wenn du mit mir zurückfährst."
"Der Obdachlose? Er hängt oft in meinem Viertel herum."
Sie erzählte ihm von den Obszönitäten, denen sie ausgesetzt war. Er war es schließlich, der den Sicherheitsdienst der Firma auf den Mann hinwies. "Wir können nichts machen, solange er sich nicht auf dem Firmengelände bewegt", antwortete man ihm dort. "Wenn er näher kommt, rufen wir sofort die Polizei."

Sie arbeitete im Büro. Wenn sie aus dem Fenster blickte, sah sie ihn auf der anderen Straßenseite unbeweglich stehen.
Die Kantine war mit großen Glasscheiben verkleidet. Wenn sie sich dort zum Mittagessen mit ihren Kollegen zusammen setzte, konnte sie seine Figur noch immer erkennen.
Er wusste genau, wo sie sich befand und bewegte sich gemäß ihrer Gewohnheiten vom Fleck. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihn das erste Mal gesehen hatte, aber sie war erst auf ihn aufmerksam geworden, als ihr Kollege sie auf ihn hinwies.
Sie begann, sich systematisch alle paar Meter umzudrehen und hinter sich zu schauen, wenn sie sich irgendwo hin bewegte. Sie sah ihn überall.
Er wusste, wo sich ihr Zahnarzt, ihre Frauenärztin, ihre Hausärztin befanden. Beim Yogakurs stand er zwei Straßenlaternen entfernt auf dem Bürgersteig. Als sie das Grab ihrer Mutter pflegte, saß er auf einer Friedhofsbank. Einmal verabredete sie sich spontan mit einer Freundin und erkannte ihn, wie er durch das Caféfenster starrte.
Sie konnte nachts nicht mehr schlafen. Immer wieder stand sie auf und lugte zwischen der Jalousie hervor, ob die Straße zu nächtlicher Stunde leer war.
Sie sprach mit dem Firmenpsychologen darüber. Zu dem Zeitpunkt lagen ihre Augen in tiefen Höhlen. Ihre Gesichtsfarbe war ungesund. Schon seit langem manikürte sie ihre Fingernägel nicht mehr. Sie waren spröde und eingerissen. Während sie sprach, tippte sie die ganze Zeit mit dem rechten Daumen auf den linken.
Ihr wurden Schlafmittel verschrieben.
In der Firma wurde ihr Problem bald bekannt. "Furchtbar. Stell dir vor, du wirst immer und überall hin verfolgt. Wer weiß, wer der Typ ist."
Eine Kollegin, mit der sie noch nie ein Wort gesprochen hatte, kam in ihr Büro. "Ich weiß, was Sie durchmachen. Mein Exmann hat mich auch eine Zeit lang gestalkt. Hier." Sie stellte ihr eine kleine, schwarze Dose auf den Schreibtisch und verließ sie ohne Weiteres wieder. Pfefferspray.
Auf dem Rückweg vom Yogakurs erkannte sie ihn nur wenige Schritte hinter sich. Er roch ungeduscht, nach Fäkalien, nach altem, ungepflegtem Mann. Sie drehte sich zu ihm, griff in ihre Jackentasche und sprühte ihm das Pfefferspray ins Gesicht. Er zuckte mit einem Brüllen zurück und fiel hinten über.
"Gehen Sie weg!", schrie sie. "Gehen Sie weg! Gehen Sie weg! Gehen Sie weg."
Er krümmte sich auf dem Boden. Sie sprühte und schrie erst weiter. Dann rief sie die Polizei.
"Tätlicher Angriff, Mann und Frau involviert" hatte sie von der Zentrale auf dem Weg bekommen. Jetzt saß eine weinende Frau in einem teuren Trainingsanzug neben einem fast ohnmächtigen, offenbar mittellosen Mann, der bereits von Sanitätern versorgt wurde.
"Er lässt mich einfach nicht in Ruhe", wiederholte sie in einem fort.
Auf dem Revier erzählte sie den Polizisten alles. Sie weinte viel. "Ich bin Mitglied der Grünen. Ich habe so viel über ein besseres Miteinander in der Gesellschaft zu sagen, und dann greife ich einen alten Mann an. Ich weiß noch nicht mal, ob er für all die Unsittlichkeiten verantwortlich ist. Ich habe keine Feinde. Ich weiß nicht, was er gegen mich hat, dass er mich immer überall hin verfolgt."
"Hat er Sie jemals tätlich angegriffen?", wollte einer der Beamten wissen.
"Nein. Er verfolgt mich überallhin, aber er spricht mich nicht an. So nah wie grad eben ist er auch noch nie an mich heran gekommen. Ich habe einfach Angst. Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie ein inneres Gefühl der Beklemmung haben, wenn Sie abends nicht einschlafen können, immer wieder schweißgebade mit dem Gedankent aufwachen, dass er jetzt bereits wieder vor dem Haus steht. Dann sind da all diese Anrufe mit den Stöhngeräuschen."
"Und Sie haben wirklich keine Verbindung zu ihm?"
"Ich kenne diesen Mann nicht."
Der Polizei hingegen war er bereits bekannt. Sein Name lautete Veit Ruderikov. Diensterkenntlich behandelt wegen öffentlicher Trunkenheit, öffentlichen Urinierens, Ruhestörung, Diebstahl, Sachbeschädigung, leichter Körperverletzung. Seit Jahren ohne festen Wohnsitz.
"Bitten halten Sie mir diesen Mann vom Leib. Ich bezahle meine Eigentumswohnung immer noch ab. Ich kann nicht umziehen. Das würde mich finanziell ruinieren."
Die beiden Polizisten senkten ihre Köpfe. "Es ist ein Unding, was dieser Mann Ihnen antut", sagte einer. "Aber solange er Ihnen nicht zu Nahe kommt und wir ihm die Sachbeschädigungen nicht einwandfrei nachweisen können, können wir ihn nicht festhalten. Ganz im Gegenteil, Sie sind diejenige, die ihn angegriffen hat."
"Da wird nichts bei herauskommen", lenkte der andere Polizist gleich ein. "Jeder Staatsanwalt wird verstehen, in welcher Lage Sie sich befinden. Wir müssen es allerdings protokollieren und weiterreichen. Das Pfefferspray dient der Tierabwehr. Es gegen einen Menschen einzusetzen erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung. Kontaktieren Sie Ihren Anwalt. Reden Sie mit der Staatsanwaltschaft. Suchen Sie nach einer legalen Möglichkeit Videoaufnahmen von dem Eingangsbereich Ihres Hauses zu machen, sodass sie dem oder den Tätern etwas nachweisen können. - Bis dahin bekomme ich hier eine Unterschrift."
Ihre Hand zitterte, während sie ihren Namen schrieb. Dann fragte sie nach einem Glas Wasser.
Antidepressiva. "Nehmen Sie nie mehr als drei an einem Tag", hatte ihr Psychologe gesagt