Mittwoch, 4. Mai 2011

Alltag Zombie


Ich arbeite in einem großen Kaufhaus an der Infotheke. Es gibt Tage, da verschwimmt alles, weil es viel zu erledigen gibt. Vor den Feiertagen, vor dem Schulanfang, an manchen tollwütigen Samstagen etwa. Es ist nicht wirklich stressig für mich, weil sich viele Anfragen und Wünsche wiederholen, sodass ich meist nur in den Katalog meiner Erfahrungen greifen muss, um weiterzuhelfen. Der Betriebsrat hat durchgesetzt, dass wir unsere Pausen penibel einzuhalten haben. Meine Kollegin etwa geht rauchen, egal, wie viele Leute anstehen. Sie ist klug. Sie nimmt eine Auszeit und schädigt ihren Körper, während ich weiter arbeite und meinen Kopf dabei zu Brei zermalme.
Ich arbeite nicht wirklich mit Menschen. Ich geleite sie nur zu ihrem Zielort. Und das mache ich seit Jahren. Es gibt keine Individuen mehr vor meiner Theke. Alle sehen gleich aus. Sie sind DER Kunde. Ich muss das Problem des Kunden erfassen und eine Lösung präsentieren. Meistens ist dies sehr einfach - wie gesagt, die Fragen nach den Toiletten, der Änderungsschneiderei und der Unterwäscheabteilung wiederholen sich.
Meine Kollegen bewundern mein stoisches Arbeiten. Für sie ist die Abfertigung von teilweise drei Menschen innerhalb einer Minute Stress pur. Für mich nicht. Ich habe angefangen mir vorzustellen, alle Kunden wären Zombies.

"Uähuähiiieeeäääh", macht die Frau. Ihr linkes Auge ist eingefallen. Sie hat keine komplette Zahnreihe mehr. Menschenschädel aufzubeißen ist wohl doch schwieriger als in Comics dargestellt.
"Wie bitte?" Zombiemundarten gibt es einige, aber die Sprachwissenschaftler, die sie analysieren wollen, werden immer gefressen.
"Spiieeelsseug", wiederholt die Zombiefrau.
"Die Spielzeugabteilung befindet sich im dritten Stock. Eine kleine Auswahl finden Sie auch hier im Erdgeschoss von den Firmen Nicci und Depesche."
Nächster. Gemüseabteilung? Im Untergeschoss. Die Biozitronen? Bitte wenden Sie sich an einen unserer Mitarbeiter aus der Abteilung.
Nächster. Hirn? Wie bitte? Nein, wir führen kein Hirn. Ach, WEIN? Entschuldigen Sie. Das habe ich aber jetzt komplett falsch verstanden. Die Weinabteilung befindet sich direkt neben der Käseabteilung im Untergeschoss.
Nächste. Eine Dicke. Ich stelle mir ungern offen darliegendes Fett vor. Deshalb ist sie grün und grau angelaufen. Eine Ansammlung unterschiedlich großer Blutflecke verunziert ihr Oberteil. Ihr fehlen zwei Finger. Beide Arme hängen nur noch locker in den Gelenken. Trotzdem knallt sie mir fest entschlossen eine Tasche und einen Kassenzettel auf die Theke. Die Frau ist eine Furie. Selbst der Tod kann ihr nichts anhaben.
"Tasche kaputt", heult sie auf. "Noch nicht zwei Wochen alt. Geld zurück."
Wo? Da! Ah, ja. Ein Riss.
Taschenreklamationen sind eins der heikelsten Themen. "Die Tasche wird zur Firma eingeschickt. Die überprüfen den Schaden, reparieren ihn oder Sie bekommen eine Gutschrift für eine neue Tasche. Es gibt keine Geldzurückgabe."
"Uäuäuäh! RECHT!" Sie fuchtelt mit sämtlichen Gliedmaßen herum. Dabei reißt ihr linker Arm ab. Er fliegt an mir vorbei, klatscht an die Wand und hinterlässt einen unförmigen Fleck am Werbebanner meines Arbeitgebers. Mit einer Geste mittlerer Dramatik wische ich mir Blutsprenker vom Gesicht.
"Es besteht kein gesetzliches Recht auf Geldzurückgabe. Auf Ihrem Garantieschein steht beschrieben, was ich Ihnen auch gerade mitgeteilt habe. Die Firma behält sich das Recht vor, aufgetretene Missstände selbst zu korrigieren. Für die Zeit, in der sich die Tasche in der Werkstatt befindet, stellt die Firma Ihnen eine Leihtasche zur Verfügung. Einen Moment bitte. Ich muss diese aus dem Lager holen. Füllen Sie bitte dieses Formular aus."
"Sie nehmen mich wohl nicht für voll! Ich will die Tasche nicht mehr."
Hinter der Frau standen bereits drei andere Zombies. Einer von ihnen hatte zwei Kinder dabei. Kinderzombies sind immer furchtbar. So jung und schon so verrottet.
"Leider ist an Ihrer Tasche ein Defekt aufgetreten. Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder Sie lassen mich die Tasche einschicken oder Sie nehmen sie mit dem Defekt zurück."
Wäre sie ein Mensch, wäre sie vor Wut rot geworden. Stattdessen quellen ihre Augen aus dem Schädel, ihre Mundhöhle verzieht sich. Jetzt gleich wird sie über den Tisch springen, mir mit ihrer Pranke den Schädel spalten, mein Gehirn herausreißen und es zermatschen.
Ist etwas von dem Blut, das sie auf mich geschleudert hat, in meinen Mund geraten? Ich fühle mich nicht gut. Mein Magen dehnt sich aus und krampft sich wieder zusammen. Was ist los mit mir? Mir bricht der Schweiß aus. Ich habe Hunger. Mein Frühstück war fünf Stunden her. Heute habe ich noch nichts getrunken. Die Luft ist schlecht. Die Klimaanlage versagt. Ich rieche meinen eigenen Schweiß. Und den Verwesungsgeruch der Kunden vor mir. Die Dicke beginnt Blut zu sabbern. Noch mehr Flecken auf ihrem Oberteil.
Ich sehe auf meine Finger. Sie laufen grün an. Sie hat mich angesteckt. Ich werde ein Untoter, genau wie sie. Ich will sie anschreien. Wenn ich schon wegen ihr sterben muss, dann wird soll sie dafür büßen. Ich muss ihr den Schädel einschlagen. Was habe ich hier hinter der Theke. Einen Tacker. Nein. Das Kartengerät. Nein. Hat nicht ein Kunde gerade eben einen Brieföffner zurücklegen lassen? Wo liegt er? Ich weiß es nicht. Ich sehe ein dickes Buch. Ein Lexikon. Die Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Etwa 1000 Seiten. Dicker Einband. Perfekt. Ich ergreife das Buch.


"Kann ich hier behilflich sein?" Meine Kollegin, umgeben von einer Duftwolke aus Nikotin und Teer, steht vor mir. "Mach du mal Pause. Du bist schon ganz blass."
"Ja. Pause. Danke."
Ich gehe ohne zurückzublicken.