Donnerstag, 23. Juni 2011

Der Eichelhäher

Es war Freitagvormittag. Ich saß mit meiner Schwester am Küchentisch. Sie trug ein viel zu großes, blaues Sweatshirt und zerrissene Jeans. Ihre Ringelsocken waren braun an den Sohlen. Sie saß kaum eine Minute still. Immer wieder änderte sie ihre Position und kratzte sich dabei an den Armen.
Ich konnte meine Schwester stundenlang beobachten. Sie erinnerte mich an den A3, den ich an der Leitplanke zerschossen hatte. Etwas, was man geliebt hatte, war zerstört und es blieben nur noch Fotos von früher und Briefe von der Staatsanwaltschaft.
"Schau mich nicht so böse an. Was willst du?" Sie zog die Nase hoch.
"Wir müssen endlich den Hartz IV-Antrag ausfüllen."
"Ich will kein scheiß Hartz IV haben. Bin ich asi, oder was?"
"Nein, Nikki. Wenn der Antrag durch ist, bezahlen die deine Miete und du hast etwas zum Leben." Ich trug ihren vollen Namen ein. Dominique Haselholz. Geboren am 3.1.1988 in Leipzig. Ledig.
"Was trägst du da ein?"
"Deinen Namen. Es ist alles sehr kompliziert. Ich muss mich konzentrieren." Den BAföG-Antrag hatte ich damals auch nur mit der Hilfe der Amtstante hinbekommen. Jetzt saß ich hier vor diesen grauen Papieren und sah mich vollkommen überfordert damit.
"Hast du noch dein Konto, das Mama für dich angelegt hat?"
"Wenn die das nicht gelöscht haben, ja. Hast du was Geld für mich? Ich hab nichts mehr zu essen." Schniefen. Kratzen. In ihren Haaren klebte etwas, was wie Schuhcreme aussah.
"Das hatten wir mehr als einmal, Nikki. Ich bezahle deine Miete, aber du bekommst kein Bargeld von mir."
"Das ist scheiße. Das Licht im Bad funktioniert nicht mehr."
"Gib dem Hausmeister Bescheid."
"Der mag mich nicht. Gib mir Geld für die Glühbirne. Komm, nur zwei Euro. Leon, ich muss im Dunkeln scheißen."
"Wenn du kein Geld hast, woher hast du dann den Adidas-Pullover?"
Ihr Kinn verhärtete sich kurz. "Den hab ich geschenkt bekommen."
"Wen kennst du, der dir Markenklamotten schenkt?"
"He, ich hab eben Freunde. Im Gegensatz zu dir helfen sie mir. Gib mir was Geld, Leon. Siehst du nicht, wie beschissen es mir geht?"
Mein Blick blieb am Arge-Formular hängen und ich antwortete nicht. Es klopfte an der Haustür. Die Schelle war kaputt. Die Hausverwaltung kümmerte sich nicht.
"Willst du nicht hingehen?"
"Nachher isses noch wer." Nikki nagte am Ärmel des Sweatshirts.
Das Klopfen hörte nicht auf. Mein Stuhl quietschte über den Boden, als ich aufstand. Die Wohnungstür öffnete nur mit einem Ruck. Sie war leicht schief eingebaut worden und rieb sich an der Auslegware.
Melina schaute mich entsetzt an. Für ein paar Sekunden blieben unsere Blicke aneinander kleben, bis sie zurückschreckte. "Was machst du hier?"
"Ah, Melina. Deine starren Augen machen mich so sentimental."
Ich ließ sie stehen und kehrte zu Nikki zurück, die nicht aufstand, als Melina hereinkam. Ich begutachtete das Schloss meiner Aktentasche. Es war unverstellt. Sie hatte nicht probiert, es zu öffnen. Manche Fehler beging man nur einmal. Trotz ihres apathischen Gesichtsausdrucks war sie unfassbar schnell, wenn es um Diebstahl ging.
Melina setzte sich auf den dritten Stuhl und machte keinen Hehl daraus, dass sie mich für den Feind hielt. Wir hatten mal in der gleichen Firma angefangen. Ich als Trainee, sie als Praktikantin. Damals hatte ich kein Problem damit, dass Nikki mich auf der Arbeit besuchen kam, um nach Essensgeld zu fragen. Zu dem Zeitpunkt haben Nikki und Melina sich kennen gelernt. Nikki hatte noch nicht so schlimm ausgesehen wie heute. Melina war damals auch nur wegen ihres Aussehens eingestellt worden. Gut, sie hatte einen Notendurchschnitt von 1,3 gehabt, aber den hatten unsere Praktikumsanwärter alle. Sportlicher Typ, helle, blaue Augen, gelockte lange Haare, kleiner Busen, aber schöne vollen Lippen.
Im Kollegenkreis hatten wir gewettet, wer ihr Paar Lippen zuerst öffnet. Ich hatte uns alle verlieren lassen. Als ich sie beim Koksen ertappt hatte, war meine erste Handlung der Gang zur Chefetage gewesen. Warum hatte sie für den Drogenkonsum auch das Männerklo aufgesucht?
"Sind wir bald fertig?", fragte Nikki.
"Es liegt an dir, ob du es schaffst, das Formular auszufüllen." Ich griff nach meiner Tasche. "Ich melde mich in drei Tagen. Wenn du dich bis dahin mit dem Antrag nicht auseinander gesetzt hast, streiche ich deine Miete."
"Das kannst du nicht machen. Eh, sie ist deine Schwester", keifte Melina mich an.
Nikki beugte sich über den Tisch und streckte eine Hand nach mir aus. "Leon, mach das nicht. Bitte, gib mir nur fünf Euro. Ich muss was essen. Dann beschäftige ich mich mit dem Formular. Ich verspreche es dir. Nur fünf Euro. Komm, Leon, bitte, du bist doch mein einziger Bruder."
"Siehst du nicht, wie dünn sie ist", fiel Melina ihr ins Wort. "Du lässt deine eigene Schwester verhungern. Wie fühlst du dich, wenn du jetzt in deinem neuen, geilen BMW nach Hause fährst? Kraulst du dir die Eier, während deine Schwester hier leidet?"
"Nicht du, du Koksnutte. Halt dein Maul!"
Jetzt hatte ich es endlich geschafft, Nikki zu animieren. "Wie redest du mit meiner Freundin?", brüllte sie mich an. Sie ballte ihre Fäuste in den Ärmeln ihres übergroßen Sweatshirts und schlug auf mich ein. "Raus aus meiner Wohnung! Raus aus meiner Wohnung!" Sie schrie mir den Satz wiederholt ins Gesicht. Ihre Zunge war schwer und konnte der Wut ihres Kopfes nicht folgen. Einzelne Spucketropfen trafen mein Gesicht. Ein mir unbekannter, schriller Ton ersetzte ihre Stimme. Ich sah ihr noch mal ins Gesicht, während ich langsam rückwärts ging und ihre Schläge mit meiner Tasche abwehrte.
Nikki. Blonde, schlecht gefärbte Haare, verfilzt und ungewaschen. Rote Flecken zogen sich von den äußeren Augenwinkeln bis zum Mund und unterbrachen ihre graue, unebene Haut. Während sie schrie, sah ich ihre gelben, schief gewordenen Zähne. Ein Eckzahn war zur Hälfte abgebrochen. Und ihre Augen waren mal die Augen meiner Mutter gewesen. Haselnussbraun mit hellen Tupfern. Jetzt waren sie starre Pupillen in versunkenen Kuhlen.
Endlich hatte sie mich über die Schwelle ihrer Wohnung herausgedrängt. Sie warf die Tür mit roher Gewalt zu. Der Knall ließ uns verstummen. Mein rauher Hals bewies mir: Auch ich hatte die ganze Zeit über geschrieen.

Später am Tag fuhren Nikki und Melina mit der Straßenbahn Richtung Zentrum. Sie saßen in zwei Einzelsitzen hintereinander. Nikki schwieg die meiste Zeit, während Melina eine oft wiederholte Hassrede über Leon abließ.
"Am Anfang war er voll nett zu mir und ich fand ihn auch cool. Ich hätte bestimmt etwas mit ihm angefangen. Aber dann hat er ja gezeigt, was für ein Wichser er ist. Wegen Koks macht der gleich so 'ne Szene. Was für ein Arschloch."
"Die Geschichte ist zwei Jahre alt."
"Ja, scheiß drauf. Aber ich kann ihn immer noch nicht leiden. Weißt du, er ist wie all diese anderen Typen, die denken, ihr Geld bringt sie überall hin. Da hat er auch noch Glück, dass er ein bisschen gut ausschaut. Kennst du seine Freundin?"
"Nein."
"Was willst du denn in der Innenstadt?"
"Ich muss mal was schauen."
"Mann, es fängt gleich an zu regnen."
"Dauert nicht lang. Wenn der Leon mir die Wohnung wegnimmt, wo soll ich denn dann hin?" Nikki lehnte ihren Kopf an die Scheibe der Straßenbahn.
"Das ist genau das, was ich meine. Du bist seine Schwester und er hilft dir nicht mal mehr." Melina sprach weiter, holte ihr Handy heraus, tippte wütend eine SMS. Die wiederholte Schimpfwörtertirade veranlasste eine Frau sich umzudrehen. Sie sagte nichts.
Jedes Mal, wenn Nikki die Innenstadt aufsuchte, hatte sich dort etwas verändert. Nächster Halt: Goerdelerring. Eine weitere, große Baustelle. Jetzt war alles komplett niedergerissen. Nur eine kleine Wand stand noch von der ehemaligen Blechbüchse.
"Ich weiß nicht mehr, was ich mache", flüsterte sie. "Wie soll es weitergehen, wenn ich keine Wohnung mehr habe? Mir geht's jetzt schon schlecht. Ich weiß nicht, welcher Tag ist. Ich weiß nicht, ob die Sonne auf- oder untergeht. Was soll ich denn erst machen, wenn ich auch nicht mehr weiß, wo ich hingehen soll?"
Das Abfahrtssignal der Straßenbahn schrillte. Nikki stand auf und verließ den Wagon. Hinter ihr schloss die Tür. Melina schaute von ihrem Handy hoch.
"He, Nikki!", brüllte sie. "Scheiße!"
Sie lief nach vorne zum Fahrer und klopfte mit dem Telefon an die Scheibe. "Ich muss noch raus. Lassen Sie mich raus!"
"Warten Sie bis zur nächsten Station. Hören Sie auf zu klopfen!", herrschte der Fahrer sie an. Melina haute mit der flachen Hand gegen die Scheibe.
"Eh, hallo? Ich muss meiner Freundin hinterher."
Die Antwort des Fahrers ging unter in der Ansage der nächsten Haltestation. Hauptbahnhof. Dort wechselte Melina sofort in die nächste Bahn, die sie zurückfuhr. Nikki war weg. Melina fragte wahllos einige Passanten. Die verneinten alle, Nikki gesehen zu haben.
"Nikki?" Melina rannte den Bauzaun entlang. Nirgends sah sie die Freundin. Sie wählte deren Nummer. "Der Teilnehmer ist im Moment nicht erreichbar." Melina hätte vor Wut brüllen können. Doch nur Nikkis Name entkam ihren Lippen. Vielleicht hatte sie den falschen Weg eingeschlagen. Über die Hainstraße lief sie die einzelnen Geschäfte ab.
"Hast du ein Mädchen gesehen, mein Alter, kleiner als ich, blond gefärbte Haare?", fragte sie die Verkäuferin eines Modeladens, die gerade die Außenständer reinholte.
"Heute? Ungefährt fünfzig", antwortete die.
"Blöde Kuh! Eh, ich such jemanden." Melina rannte zum Markt.
Aber auch dort würde sie Nikki nicht finden.

Nikki starb zwei Tage später an einer Überdosis. Die Polizei kontaktierte mich. Melina sprach mir mit Hasserfüllter Stimme auf die Mailbox, ich hätte meine Schwester in den Tod getrieben. Sie wolle wissen, wo Nikki begraben ist. Ich teilte es ihr nicht mit. Unsere Eltern kamen nicht zur Beerdigung. In Dessau-Wörlitz fand ich den nächsten Friedwald für Nikkis Asche. Nur meine Freundin und ich waren bei der Beisetzung dabei.

Ich saß im Gras vor der Eiche, in der die Tafel mit Nikkis Namen steckte. Es war ein Dienstagmorgen. Wenige Menschen waren unterwegs. Über mir zwitscherte eine Schar von Vögeln. Immer wieder hörte ich sehr nah einen Eichelhäher.
"Du bist hier nicht alleine, Nikki. Hier wird auf dich aufgepasst", sagte ich.
Bei der Beisetzung hatten wir Äste und Blätter über die Urnenstelle gelegt. Mittlerweile hatte der Wind sie fortgetragen und ich blickte nur noch auf das Gewölbe der Wurzeln. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dort die Urne mit Nikkis Asche lag, auch wenn ich der Zeremonie beigewohnt hatte.
"Nikki, warum hast du nie mit mir gesprochen? Warum hast du mich nie um Hilfe gebeten? Ich hätte dich immer unterstützt, aber ich wollte dich zu nichts zwingen."
Mir kamen die Tränen, während ich sprach. Die ganze Zeit hatte ich nicht weinen müssen. Gestern hatte mir die Hausverwaltung von Nikkis Wohnung einen Karton mit Dokumenten und Wertgegenständen übergeben, die sie bei der Räumung gefunden hatten. Dabei waren Fotos von Kindertagen gewesen sowie Zeugnisse aus der Schule. Zu unterst im Karton lag der vollständig ausgefüllte Hartz IV-Antrag.
"Nikki. Ich denke, du wolltest leben. Aber was bringt es, wenn ich das sage? Du liegst jetzt hier. Alles andere ist vorbei."
Ich suchte ein paar Äste und legte sie über die Wurzeln. Als ich ging, sah ich den Eichelhäher wegfliehen.


Der Eichelhäher ist als Audiodatei auch bei Soundcloud zu finden:


Donnerstag, 2. Juni 2011

Dein Gewissen




Im Kindergarten an der Ecke gibt es die Froschgruppe, die Igelgruppe, die Marienkäfergruppe und nachdem endlich das Geld für eine Erweiterung bewilligt worden ist, neuerdings auch die Opossumgruppe. Es sind zwei neue Betreuerinnen eingestellt worden. Eine ist groß, neigt zu einem unschönen Bauchansatz und trägt ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie heißt Rita Tunkel. Die andere, Elena Iwanczyk, hat ihre Ausbildung gerade erst hinter sich gebracht. Sie kommt jeden Morgen aus Torgau hergefahren. Sie hat ein Nasenpiercing und selbst gezogene, weißblonde Strähnen im Haar.
Der Name der Gruppe ist rein obligatorisch gewählt worden. Viele Kinder können "Opossum" nicht mal richtig aussprechen und nennen sie die "Heidi-Gruppe". Den älteren Kolleginnen gefällt der exotische Name nicht.
"Wir müssen nicht auf jeden Zug aufspringen. Was ist, wenn wir Probleme mit dem Zoo bekommen, weil die irgendwelche Lizenzrechte haben?", fragt Igel-Vorsteherin Inge die Leiterin bei einer feierabendlichen Zigarettenrunde.
"Wir können die Gruppe jederzeit umbenennen", antwortet die Leiterin. "Der Name ist ganz praktisch. Ein Opossum kann man auch mit einem Bleistift malen. Weißt du, wie teuer mir die einzelnen grünen Stifte zu stehen kommen, die ich regelmäßig für die Froschguppe kaufen muss?"
"Wie machen sich die beiden Neuen? Das Piercing – also, ich weiß nicht."
"Sie ist besser als die andere. Man kann sie noch formen." Die Leiterin zieht ein letztes Mal an ihrer Zigarette.

Es ist 13 Uhr. Obwohl draußen schönes Wetter ist, verlangt die Ordnung, dass die Kinder drinnen abgeholt werden, damit gewährleistet ist, dass sie nur den gemeldeten Erwachsenen mitgegeben werden. Sieben Kinder sind noch da, Gerhard, Annabelle, Chiara, Rikardo, Jeremy-Jay, Joseph und Frederik. Elena, von den Kindern Eli genannt, steht mit ihnen in der Vorhalle.
"Keine Kommentare über Namen!", hat ihr die Leiterin bei der Einarbeitung eingeschärft. "Jeder Kevin rettet Ihren Arbeitsplatz."
Rikardos Mutter kommt. Gerhards gleich danach. Jeremy-Jay und Joseph sind Geschwister und werden wie gewöhnlich von ihrer Oma abgeholt, die so stark sächselt, dass Elena Probleme hat, sie zu verstehen. Elena ist in Posen geboren und mit fünf Jahren nach Leipzig gezogen. Selbst nach all den Jahren hier kann sie das Genuschel der Alten nicht verstehen.
Annabelles Mutter verspätet sich wie üblich. Chiaras Vater sackt seine Tochter ein ohne die Kindergärtnerin zu begrüßen.
"Meine Mutter ist noch einkaufen", plappert Frederik drauf los. "Am Montagmorgen macht sie den ganzen Wagen voll, aber sie geht nur alleine, weil wir sie nerven beim Einkaufen. Jetzt geht sie aber nicht mehr alleine. Jetzt ist Davey immer dabei. Weil der ist noch klein und kann nicht alleine bleiben."
Elena hat Frederiks Mutter schon kennen gelernt. Mitte Zwanzig, schwarzes Haar, so rund, dass man ihr die Schwangerschaften kaum anmerkt. Sie holt ihre Kinder mit der Straßenbahn ab. Es gibt noch einen älteren Sohn, der letztes Jahr eingeschult worden ist, und die Anmeldung für Alois, der Bruder zwischen Davey und Frederik liegt schon vor.
Annabelles Mutter kommt, ein Handy am Ohr. Sie nickt Elena zu, formt "Danke. Schönen Tag noch!" mit den Lippen und nimmt ihr Kind an die Hand.
"Jetzt bin ich der letzte", schlussfolgert Frederik. "Aber Mama sagt, dass wir bald wieder die ersten sein werden. Unsere Zeit wird kommen und dann sind wir am Zug."
Elena starrt den kleinen Jungen an. Vier Jahre. Noch ein Kindergesicht wie alle anderen auch. Jeremy-Jay und er schubsen sich gerne. Seit der Sandschlacht letzten Monat dürfen sie nicht mehr zusammen spielen.
"Und was meint sie damit?"
"Ich weiß nicht. Ich will gar keinen Zug. Ich will ein Auto. Ein rotes."
Das Schreien eines Kleinkindes kündigt Frederiks Mutter an. Heute kommt sie nur mit Davey, der nicht damit einverstanden ist, im Kinderwagen sitzen zu müssen. Die Temperaturen draußen nähern sich höheren Zwanzigerwerten. Es ist das erste Mal, dass Elena Frederiks Mutter in einem kurzärmligen T-Shirt sieht.
"Hallo Mama!", kräht Frederik und läuft zu seiner Mutter. Sie bleibt stehen und umarmt ihren Sohn.
"Warst du artig, Fredi?" Sie lacht und gibt ihrem Sohn einen Kuss auf die Stirn.
"Ja, Mama."
"Keine Sandschlacht?"
"Nein. Keine Sandschlacht."
Die Mutter nickt Elena zu. "Schönen Tag noch!"
Frederik will den Kinderwagen schieben. Als er nicht darf, beugt er sich zu seinem Bruder hinunter und schneidet Fratzen. Davey vergisst seine vorherigen Beschwerden und kräht vergnügt.
Selbst als die Familie außer Sichtweite ist, steht Elena noch in der Vorhalle des Kindergartens. Die Leiterin kommt, um die Vordertür abzuschließen.
"Was ist denn los? Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen."
"Haben Sie mal die Tätowierungen von Frederiks Mutter gesehen?"
"Die auf den Armen?" Die Leiterin dreht den Schlüssel um und rüttelt als Test kurz an der verschlossenen Tür.
"Die Frau hat SS-Runen und Hakenkreuze auf dem Unterarm und weiß Gott, was der Rest drum herum zu bedeuten hat."
Die Leiterin seufzt. "Ja, das ist nicht schön."
"Das müssen wir dem Jugendamt melden."
"Frau Iwanczyk. Ich kenne drei Jungen aus dieser Familie und habe nie einen Grund zur Beanstandung gefunden. Sie kommen ordentlich genährt und gekleidet und benehmen sich Altersgemäß. Da war nie ein Problem auszumachen. Ihre Eltern sind Nazis. Na und? Ihre Kinder sind normal."
Elena starrt ihre Vorgesetzte an und weiß nicht, was sie antworten soll.
Die Leiterin mustert ihr Gegenüber ebenso kritisch. "Sie sind noch in der Probezeit. Machen Sie nichts Unüberlegtes. Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend."

Am Abend telefoniert Elena mit ihrer Schwester.
"Weißt du, während meiner Ausbildung hat uns Frau Golpe etwas Ähnliches erzählt. Da war der Fall eines Mädchens mit schwarzweißroten Fahnen. Sie hat sich selbst auf einem Pferd gemalt mit einer Flagge in der Hand. Und als sie gefragt worden ist, warum sie schwarzweißrot als Farben gewählt hat, hat sie geantwortet, dass ihre Eltern eine solche über dem Bett hängen haben. In der Mitte fehle noch ein Kreuz, aber ihr Eltern hätten ihr gesagt, sie solle das im Kindergarten nicht malen. Der Fall wurde dem Jugendamt gemeldet und die Kleine ist jetzt bei Pflegeeltern."
"Das Problem mit den Nazis ist, dass sie sich so schnell vermehren", sagt ihre Schwester.
"Unsinn. Das Problem mit den Nazis ist, dass sie akzeptiert werden. Wie von unserer Leiterin. Wenn ich jetzt dem Jugendamt weitergebe, dass da diese Nazifamilie ist, dann verliere ich meine Arbeit. Die Alte feuert mich. Die ist so geil auf jedes einzelne Kind, das da angemeldet ist. Sie sieht die Kinder wie einen Punktestand. Ich mache da nicht mit. Es gibt beim Jugendamt sogar eine Fachstelle Extremismus und Gewältprävention. Uns hat man während der Ausbildung eingeschärft, keine Scheu vor Behördengängen zu haben."
"Und was machst du jetzt?"
"Ich werde mich nach einer anderen Arbeit umsehen. Ich komme aus Polen. Ich kann keine Nazis erziehen. Ich beobachte Frederik ab jetzt und wenn mir noch etwas auffällt, was in Richtung rechts geht, melde ich dies dem Amt."

Zwei Tage später bittet die Leiterin Elena in ihr Büro.
"Ich habe mich mit meiner Stellvertreterin ausführlich beraten und wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir mit Ihnen nicht die richtige Entscheidung getroffen haben, als wir die neue Stelle besetzt haben. Sie sind zu unerfahren und ich kann Sie noch nicht mit gutem Gewissen alleine die Gruppe leiten lassen. Wenn ich mir vorstelle, dass Frau Tunkel vielleicht mal krank wird, möchte ich jemanden angestellt wissen, dem ich blind die Verantwortung übertragen kann. Verstehen Sie das bitte nicht falsch, Sie haben einen sehr guten Abschluss hingelegt, aber leider fehlt Ihnen die Erfahrung, von der ich anfangs gehofft hatte, dass Ihre guten Noten und Ihre Empfehlungsschreiben diese schnell einholen können. Das war leider nicht der Fall. Ihr Kündigungsschreiben bekommen Sie separat nach Hause geschickt. Ab heute werde ich persönlich die Opossum-Gruppe mitleiten. Sie müssen daher nicht mehr wiederkommen. Die Demütigung, den Kindern zu erklären, warum Sie nicht mehr da sind, bleibt Ihnen erspart. Ich wünsche Ihnen einen positiven, weiteren Werdegang, Frau Iwanczyk."
Die Leiterin reicht ihr die Hand. Elena greift nach ihrer Tasche, die sie auf dem anderen Besucherstuhl abgelegt hat, und verlässt das Büro.
"Gut. Dann eben nicht", sagt die Leiterin und sucht Zigaretten und Feuerzeug aus ihrem Schreibtisch heraus.

Elena schaut auf den Stapel Bewerbungen neben sich. Jetzt geht das wieder von vorne los. Fünf Monate hat ihre erste Arbeitsstelle nach der Ausbildung gedauert. Als Jahrgangsbeste. Ihre Mutter ist sehr enttäuscht gewesen.
"Hättest du doch den Mund gehalten. Dann hättest du jetzt noch Arbeit. Die Deutschen sind sehr eigen mit ihrer Vergangenheit", hat sie gesagt. "Du musst arbeiten und Geld verdienen. Was interessiert dich der kleine Junge? Der ist in zwei Jahren nicht mehr da. Hattest du das Gefühl, dass er geschlagen wird zu Hause? - Nein? Jetzt wird er von seiner Familie getrennt, weil du deiner Leiterin eins auswischen willst."
Gerade eben hat Elena eine Email an das Jugendamt geschrieben. Danach hat sie mit ihrer Mutter telefoniert. Elena fühlt sich schuldig, weil sie den kleinen Frederik verraten hat.
Was ist, wenn es stimmt, was meine Mutter gesagt hat, und ich einen Fehler begangen habe mit dieser Email? Habe ich überreagiert und Schutzbefohlenen Schaden zugefügt, nur weil ich Nazis melden wollte?
Sie denkt lange darüber nach. In der Schule ist sie oft von den Mitschülern schikaniert worden, weil sie damals noch kein akzentfreies Deutsch gesprochen hat. Obwohl sie einen deutschen Pass hat, nannte einer der Lehrer sie andauernd "die Polin". Allein die Erinnerung macht sie jetzt wieder wütend.
Und das ist die Ursache für ihr Handeln. Sie hat Wut.