Sonntag, 17. Juli 2011

Anfang

"Bring doch jetzt endlich die Briefe weg! Hast du die wiegen lassen?"
"Nein. Da kommt 1,45 € Porto drauf, hat die Frau in dem Laden gesagt."
"'In dem Laden'. Das kann ja jeder sein. Du hättest zur richtigen Post gehen sollen. Die ist jetzt schon geschlossen."
"Die am Hauptbahnhof hat bis 22 Uhr geöffnet."
"Du willst jetzt noch heraus? Es ist schon dunkel."
"Mutti, ich bin 21 Jahre alt und 197 Zentimeter groß." Sein dreistelliges Gewicht erwähnte Ricardo nicht. "Wer soll mich angreifen?"
"Ha! Dieses ausländische Gesindel ist in Gruppen unterwegs und das schaut doch auf Deutsche wie dich, weil du Geld hast. Erst letztens stand in der Bild, dass die Kriminalität zugenommen hat und es leben jetzt auch mehr Ausländer in der Stadt als noch vor 20 Jahren."
Er widersprach ihr nicht. Genau genommen hatte er nur das Geld, was vom Kindergeld übrig blieb, wenn Mutti seinen Teil der Mietkosten abgezogen hatte. Deswegen waren die Bewerbungen so wichtig. Ab in ein neues Leben als Auszubildender mit eigenem Geld und eigener Wohnung.
"Ich bringe die Briefe jetzt noch weg."
Seine Mutter ließ ein widerwilliges Zischgeräusch von sich hören. Ricardo griff die fünf großen Briefumschläge und verließ die Wohnung. Er warf die Briefe in den nächsten Briefkasten. Auf den einen Tag mehr oder weniger würde es nicht ankommen. Er setzte sich auf eine Bank und wartete die Zeit ab, bis er wieder zur Wohnung zurückgehen musste.

Hallo, liebe Familie!
Bin gut in Leipzig angekommen. Das Mädel, das mir ihre Couch leiht, ist ultra nett. Viel besser als dieser seltsame Kerl in Linz damals. Also macht euch keine Sorgen! Ist gar nicht so schlecht hier im Osten wie alle behaupten. Die Stadt ist wunderschön renoviert. Die Straßenbahn war wesentlich sauberer als bei uns daheim. Die bauen hier auch am Bahnhof rum, aber ich hab keine Demonstranten gesehen. Wohl keine Wutbürger unterwegs. Nur an diese seltsame Sprache muss ich mich gewöhnen. Bitte gebt rund herum allen Bescheid, dass es mir gut geht und ich noch lebe.
Ciao, oder wie man hier sagt: Tschüssi, Carlotta 

Sie hatten sich Codenamen gegeben. Völlig aus dem Raum waren sie gegriffen, damit sie nicht auf die eigentliche Person zurückzuführen waren. Sie trafen nie alle zusammen in einer Gruppe. Das war zu auffällig. Dieses Mal fanden Florida, Siebdruck und Gartenzwerg in einem Park zueinander. Der Himmel war bedeckt. Gestern hatte es geregnet. Der Boden war noch aufgeweicht. Kaum einer verbrachte seinen Vormittag hier.
Siebdruck hatte darauf bestanden, sich irgendwo in der Natur zu treffen.
"Wer weiß, ob unsere Häuser noch von der Stasi verkabelt sind und die beim Verfassungsschutz das irgendwie weiterbenutzen."
"Du bist paranoid." Florida rauchte wieder mehr in letzter Zeit.
"Nein. Ich bin vorsichtig."
"Wenn man diese Kühlkompressen aufschneidet, kann man das Innenleben, dieses blaue Gel, anzünden", sagte Florida jetzt. "Da ist Amminiumirgendwas drin."
"Was für Zeug?" Gartenzwerg schüttelte den Kopf. "Du willst etwas verwenden ohne zu wissen, wie man es ausspricht."
"Das Zeug heiß Ammoniumnitrat." Siebdruck starrte Florida an. "Hast du 'Bombe bauen' gegoogelt?"
"Eh, im Internet findest du echt krasses Zeug."
"Das ist das dümmste, was ich je gehört habe." Siebdruck schaute nach oben. "Gartenzwerg, ich kontaktiere dich morgen. Florida, was habe ich dir über Internet und Telefonieren erzählt und übers Rauchen? Du hast gar nichts verstanden. Du bist raus. Wenn ich dich noch mal in unserer Nähe sehe, wendet sich das Blatt gegen dich.
"Eh, Sieb, eh." Florida fiel die Zigarette aus dem Mund. "Sei doch nicht so paranoid. Zwerg, komm, ich wollte dem Projekt doch nur helfen. Was ist denn los mit euch?"
Siebdruck und Gartenzwerg hatten das Treffen aufgelöst. Sie gingen noch beide ein paar Meter in die gleiche Richtung, bis sie sich schließlich trennten.
Florida würde nach Hause gehen und dann würde er abends nicht einschlafen können, weil er Angst hatte vor dem Blatt.

Sehr geehrte Frau Nimmwa!
Es hat eine beachtliche Zeit gedauert, bis sich meine Finger getraut haben, die Worte zu Papier zu bringen, um die mein Kopf so lange mit meinem Herzen gerungen hat. Dreieinhalb Jahre ist es jetzt genau her, dass ich mit der Beinfraktur auf Ihrer Station lag. Sie waren damals als Schwester dort tätig und es freut mich innigst der Personalseite Ihrer Klinikhomepage zu entnehmen, dass Sie in den Rang einer Oberschwester aufgestiegen sind. Selbstbewusst, tatkräftig und kompetent habe ich Sie in meiner Erinnerung behalten. Der Anlass meines Briefes verleitet mich dazu, zuzugeben, auch Ihre Herzlichkeit und Menschlichkeit haben einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen. Ich habe intensiv an Sie gedacht und war schon das eine oder andere Mal kurz davor, das Krankenhaus erneut zu betreten, nur um Sie wiederzusehen. Mein Mut verließ mich meistens an der Pforte. Es ist schließlich Ihr Arbeitsplatz und ich möchte Sie nicht in Bedrängnis bringen.
Jetzt jährt sich erneut meine Entlassung und bisweilen wünsche ich sogar, außer dem Leiden meines Herzens einen weiteren Grund zu finden, das Krankenhaus aufzusuchen, um Sie in meiner Nähe zu wissen.
Sie sind jeglicher Pflicht entbunden, mir zu antworten, und ein Schweigen Ihrerseits bedeutet mir mich zur Ruhe zu betten in meinem Belangen, Sie ein weiteres Mal zu treffen.
Allerliebste Frau Nimmwa, ich bitte Sie hiermit um ein Treffen, sei es in einem Café oder in einem Restaurant. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, geschweige denn Sie verletzen. Ein Gespräch, eine zarte Kontaktaufnahme welcher Form auch immer, ist alles, was ich mir erbitte. Sie sind herzlichst eingeladen. Meine Kontaktdaten habe ich im Briefkopf hinterlassen.
In der Hoffnung, eine Antwort bald in den Händen halten zu können.
ergebenst,
Rolf Zuchter

"Wir benutzen Sonnenblumenöl. Das brennt gut und ist günstig. Wir fangen klein an mit ein paar brennenden Postkästen außerhalb der Innenstadt, wo die totalitäre Videoüberwachung des Staates nicht greift."
Siebdruck, Gartenzwerg, Kokos und Turbine waren dabei, Laken mit Öl zu tränken. Sie hatten sich alle mit großen Mülltüten Ganzkörperanzüge gebastelt.
"Denn Öl bekommt man schlecht aus den Klamotten raus", hatte Kokos gesagt. Es war ihre Idee gewesen. Kokos hatte auch vorgeschlagen, einen Container mit Kleiderspenden zu plündern. Sie rissen die Kleidung in dünne Streifen, knoteten sie aneinander und tunkten diese in einen Bottich voller Öl.
Turbine schwitzte unter ihrem Plastikkleid. Das Verwischen der Spuren würde länger dauern als das Projekt an sich. Sie würden die Plastikbeutel zerreißen und in Essigwasser auswaschen. Morgen, am Tag der Projektausführung wurde die gelbe Tonne in der Südvorstadt abgeholt. Sie würden die Tüten in unterschiedlichen Tonnen platzieren, bis dann in der Nacht das Projekt ausgeführt wurde.
"Es bleibt alles so, wie wir es besprochen haben?"
"Mir ist nichts Neues zu Ohren gekommen."
Manchmal nervte Siebdruck Turbine mit seiner Art, aber der Kerl nahm seine Visionen verdammt ernst. Und sie kannte nur das, was er laut aussprach. Was er unter "klein anfangen" und "groß werden" verstand, hatte er nie ausführlich erläutert, aber wenn er sprach, öffneten sich Türen in Turbines Kopf.
Der Plan bestand daraus ein Netz aus Störfällen zu spannen, die die Öffentlichkeit beschädigten. Diese Öffentlichkeit würde ihren Zorn an Legislative und Exekutive auslassen, aufgrund deren Unfähigkeiten bezüglich Schutz und Aufklärung.
Turbine glaubte an die Effektivität ihrer Handlung. Sie hatte sich dem Projekt angeschlossen, weil sie eine ungebändigte Wut auf die apathische Gesellschaft verspürte. Sie wollte der Verrohung, der vielfachen Diskriminierung und dem erlaubten Rassismus den Kampf ansagen. Sie wollte zerstören, um neu aufzubauen.
Siebdruck hatte folgende Worte verwendet: "Es muss ein Flächenbrand aus Wut und Empörung entstehen. Erst dann kann eine Änderung greifen. Weil die Menschen in unserer Gesellschaft weitestgehend in ihrem alltäglichen, demokratischen Wirkungsbedürfnis abgestumpft sind, müssen sie mit einem bei ihnen entstehenden Schaden dazu animiert werden, sich an die Politiker zu wenden und nicht nur dann, wenn es gerade szenisch und intellektuell in Mode ist. Erst nach mangelhaften Hilfeversuchen werden sie deren korrupten, lobbyabhängigen, selbstbezogenen Machenschaften erkennen. Das fehlende Gewissen der Politiker darf den Staat nicht mehr korrumpieren. Wir müssen uns den Status des Souverän zurückholen. Das geht nur über Revolte. Das kann nur geschehen, wenn Zorn die Menschen bewegt und um diesen zu erregen, braucht es Schaden. Brennende Briefkästen sind nur der Anfang."