Sonntag, 7. August 2011

Aufgefunden

Nino hatte Serafine vor drei Jahren in der Straßenbahn kennen gelernt. Sie war auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch gewesen und hatte ihm sichtlich nervös gegenüber gesessen. Er hatte sie eine Zeitlang durch die Spiegelung im Fenster beobachtet und anschließend angesprochen.
Es hatte sofort funktioniert zwischen ihnen.
"Ich war noch nie so nervös, aber ich bin auch noch nie alleine in dieser Stadt gewesen, kenne mich gar nicht aus und mein Drucker hat nicht alles von der Wegbeschreibung ausgespuckt, weil er keine Tinte mehr hatte und ich hatte keine Zeit mehr, eine neue Patrone zu kaufen." Sie lachte. "Es war alles sehr hektisch. Ich hatte gar nicht mehr mit einer Einladung gerechnet und dann rufen sie mich von heut auf morgen an. Oh, Mann, ich bin echt durcheinander gerade."
Natürlich half er ihr, das Bürogebäude zu finden. Natürlich wartete er auf sie. Natürlich lud er sie danach auf einen Kaffee ein.
"Das könnte etwas werden", mutmaßte sie.
Sie bekam die Stelle nicht, aber Nino und Serafine wurden ein Paar. Sie achtzehn und dann doch mit einer Ausbildungsstelle zur Bürokauffrau. Er einundzwanzig, ausgelernter Schlosser.
Serafine war damals noch ein halbes Kind gewesen, aber sie war kontaktfreudig und kam in seinem Freundeskreis gut an. Bis sie anfing zu klammern. Sie hatte Angst, dass er fremdging, weil sie Pornomaterial auf seinem Rechner gefunden hatte. Er hatte ihr versichert, da wäre nichts. Ihr letzter Freund hatte sie auch betrogen. Sie glaubte ihm nicht und begann, ihm hinterher zu telefonieren. Auf der Arbeit rief sie ihn mehrmals täglich auf sein Diensthandy an. Bei gemeinsamen Abenden mit seinen Freunden war es ganz furchtbar. Einmal war sie in der Stammkneipe erschienen, angeblich, weil draußen Regenwolken aufzögen und er keinen Schirm bei sich führte.
Sie ging ungefragt an Computer und Mobiltelefon und schrie ihn an, wenn sie unbekannte Nummern fand.
Sein Kumpel Ingo hatte ihn mal beiseite genommen. "Nino, ich weiß, sie ist dein Mädchen, aber die Alte hat 'nen Knall. Mach Schluss."
Nino wusste nicht, wieso. "Ich habe nichts verbrochen. Wenn sie mich liebt, wird sie mir glauben."

Vor zwei Stunden hatte sie angerufen.
"Du musst zu mir kommen", hatte sie gesagt.
"Warum?"
"Sag ich dir, wenn du da bist. Es ist wichtig."
Dann hatte er sich auf den Weg gemacht. Es waren gut dreiundvierzig Minuten zu ihr. Sie wohnte im Waldstraßenviertel. Und weil Sonntag war, musste er sich abhetzen, um die nächste Bahn zu bekommen.
Er hatte an ihrer Haustür geklingelt. Sie hatte ihn unten reingelassen. Die Wohnungstür fand er angelehnt vor. Sie saß in ihrem Zimmer auf dem Bett. Ihre beiden WG-Mitglieder, die er nicht ausstehen konnte, befanden sich ebenfalls in der Wohnung. Einer von ihnen kochte in der Küche und hörte dabei Musik. Der Rhythmus drang durch die Wand. Er fand diesen alternativen Elektroverschnitt furchtbar.
"Also, bitte, hier bin ich. Was ist so dringend?"
Serafine sah ihn nicht an. Sie hatte nicht geweint, aber sie verzog ihren Mund, als wollte sie. "Ich hab's mir überlegt und ich, ähm, also, ich mache Schluss."
"Was?"
"Ja. Es wird mir zuviel." Jetzt kamen die Tränen. Ihre Unterlippe bebte.
"Was wird dir zuviel?"
"Das mit uns."
"Ich weiß nicht, wovon du redest."
"Ich traue dir nicht mehr. Du schaust dir andere Mädchen an. Du hast fremde Nummern in deinem Handy. Das ist nicht in Ordnung."
"Das ist doch nur Porno."
"Wenn ich mir nackte Männer beim Sex anschauen würde, würde dich das nicht stören, was?"
"Nein. Da ist doch nichts dabei. Ich will auch nicht Soldat werden, wenn ich mir Kriegsfilme ansehe. Und ich werde wegen ein paar Sexfilmen nicht an andere Mädchen rangehen."
"Du verstehst nicht, was ich meine. Du betrügst mich schon in deinem Kopf. Das ist alles schon vorbereitet. Da muss nur mal so eine Ische bei eurem Männerabend mit ihrem Hintern wackeln und schon passiert es. Ich weiß doch, wie das ist. Das ist nicht das erste Mal."
Nino starrte das Mädchen an. Für sie hatte er auf Weihnachten bei seinen Eltern verzichtet. Hatte ihren kompletten Urlaub in Spanien bezahlt. Wenn sie abends aneinander gekuschelt im Bett eingeschlafen waren, hatte er an ihr gerochen und sich wohl gefühlt. Er liebte ihr Gesicht und ihre Mimik und ihre leicht naive Denkweise.
Zu gern dachte er an die Anfangsphase der Beziehung zurück. Er war noch nie in seinem Leben so verliebt gewesen. Und er war ein anständiger Kerl. Er betrog sein Mädchen nicht.
"Wieso vertraust du mir nicht?"
"Du bist ein Mann."
"Was soll denn der Blödsinn? Wer hat dir diese Scheiße ins Hirn gepflanzt? Ich ein Mann und deshalb vertraust du mir nicht, weil Männer nun mal betrügen? Warum bist du dann überhaupt mit mir zusammen? Findest du das Geld geil? Das Rechnungbezahlen? Die Geschenke? Wenn du mir nicht vertraust, warum sind wir dann seit drei Jahren ein Paar?"
"Du wolltest nicht mit mir zusammen ziehen!"
"Kannst du mal meine Fragen beantworten!"
Ihr Weinen wurde zu einem lautstarken Schluchzen. "Schrei mich nicht an, Nino. Schrei mich gefälligst nicht an."
"Du!" Er hob einen Zeigefinger und deutete auf sie. Eine Reihe an Schimpfwörtern ging ihm durch den Kopf. "Du siehst mich nicht wieder."

Er war aus dem Haus gestürmt. Diese Wut in ihm kannte er nicht. Er hatte sie auf Händen getragen. Seine Eltern hatten sie gemocht. War es das mit der Wohnung gewesen? Als ihre Spionagemethoden schlimmer geworden waren, hatte sie diesen Vorschlag gemacht. Natürlich hatte er nicht mit ihr zusammen ziehen wollen. Gerade jetzt, wo sie anstrengend geworden war, war er froh über die Distanz gewesen.
Nino sah die Straßenbahn an sich vorbeifahren und entschied, erst mal zu Fuß weiter zu gehen. Er brauchte Bewegung und frische Luft. Und vor allen Dingen Ablenkung. Jetzt in seiner Wohnung zu sein, würde ihn gedanklich nur immer wieder zu Serafine zurückbringen.
Er bog in die Gohliser Straße ein. Wolken verdeckten den Himmel. Es nieselte leicht. Nino kramte sein Handy raus und rief Ingo an. Die Mailbox meldete sich. Sein Kumpel verbrachte die Sonntage meist mit seinem Sohn und war deshalb nicht zu erreichen.
"Äh, ja, hallo Ingo. Hier ist Nino. Sera hat sich von mir getrennt. Können wir heute Abend mal reden? Irgendwie, oh, Mann, ich bin total fertig."
Er steckte das Telefon wieder ein.
Der Weg war mit Bäumen gesäumt, deren Wurzeln die großen Steinplatten des Bürgersteigs unterschiedlich anhoben. Er stolperte und konzentrierte danach seinen Blick auf den Boden.
"Unter Protest der Ärzte", las er. "Hä, was?"
Jemand hatte in weißen Lettern einen Schriftzug auf den Boden gesprüht.
Er kniete sich hin und rieb über die Buchstaben. Als diese neu gewesen waren, hatte man sie bestimmt gut lesen können.
Nino ging weiter. Auch auf den nächsten Platten fand er Anzeichen für Schriftzüge.
Ruhigen irgendwas in
Was stand denn da?
Auch das nächste war unlesbar. Ein P konnte er entziffern. Polizist? Panzer?
Die Nachrichten hörten nicht auf.

Die noch stillende Mutter des Babys bleibt zurück.
Hammer.
 
Nach Berlin? Da war dieser Flughafen, der vor ein paar Jahren geschlossen worden war. Aber warum sollte irgendwer dorthin gebracht worden sein?
 
Aber wer war denn jetzt genau gemeint? Nino ging noch mal zurück und las alle Schriftzüge, die er entziffern konnte. Das Bild war nicht komplett. Es war keine vollständige Geschichte, die hier erzählt wurde.
Jemand war urplötzlich mit Polizeieinsatz zu einem weiter entfernt gelegenen Flughafen gebracht worden.
Er schaute sich um. Was war denn hier? Eine Schule, irgendein Institut, eine Wiese mit Parkbänken.
Er fand keine näheren Hinweise.
Nur einen letzten Schriftzug.