Mittwoch, 28. September 2011

Die Pfützen am Straßenrand

Es hatte schon vor einigen Stunden aufgehört zu regnen, aber in den Absenkungen der Straßen sammelte sich nach wie vor das Wasser. Unklare Pfützen, die für die Zeit ihres Daseins die Routen der Fußgänger, Fahrradfahrer und Autos beeinflussten. Es war noch hell genug, um sie mit bloßen Auge zu erkennen. In wenigen Stunden würde manch ein Fuß unfreiwillig untertauchen, Räder würden wegrutschen und Lack würde beschmutzt werden.
Es war kein schöner Tag gewesen. Der Himmel war grau und der Dreck der Baustellen ließ nicht mehr zu, dass das Wasser der Pfützen widerspiegelte, was es umschloss. Die fleißigen Arbeiter hatten die Stadt halb recht wieder aufgerichtet. Wer gewagt hatte, seinen Besitz erneuern zu lassen, hatte gleichzeitig eingewilligt, die Straßen zu zerfransen, die Fahrspuren auszuleiern und dem Regenwasser Platz zu gewähren, um sich zu sammeln anstatt in die Kanalisation abzufließen.
Die Tram hielt mitten auf der Straße. Es stieg niemand hinzu. Nur ein kleines Mädchen verließ den ersten Wagon. Ihre Kapuze war längst vom Kopf gerutscht und offenbarte das sonnengebleichte, blonde Haar, das in einen dünnen Zopf zusammen gefasst war. Sie drehte den Kopf erst nach rechts, dann nach links. Kein Auto kam. Schnell, wenn auch ohne zu rennen, steuerte sie auf den Fußgängerweg zu, fand die eine Stelle, welche Sicherheit vor der Nässe gewährte, herüber zu gelangen. Das Mädchen kannte die Straßenbeschaffenheiten. Sie wusste auch, dass die Autos an dieser Stelle immer nur von rechts kamen, aber sie schaute lieber in beide Richtungen, um auch ganz sicher zu gehen.
Es war Mittwoch. "Du musst heute zu deinem Vater gehen", hatte ihre Mutter gesagt. Die Winkel ihrer Lippen hatten sich beim Reden nicht bewegt und sie hatte auf den Reißverschluss der Kinderjacke gestarrt. "Kann er mich nicht abholen?", hatte das Mädchen gefragt. "Du weißt, dass er das nicht kann", hatte die Mutter geantwortet und war aufgestanden, ohne ihre Tochter angesehen zu haben.
Sie konnte noch nicht zählen, aber sie kannte die Nummer auf dem Schild der Straßenbahn, in die sie einsteigen musste. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, sie solle durch die Tür direkt beim Fahrer einsteigen und dort auch stehen bleiben. Sie war schmal, weshalb die Erwachsenen an ihr vorbeigehen konnten, ohne sie zu stoßen. Sie sollte sich nicht setzen, denn dann würde ihr vielleicht jemand den Weg versperren.
Ihr Vater wohnte direkt an der Haltestation. Mittlerweile kam sie auch mit dem Finger an die Klingel, wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte. Sie drückte einfach das Feld unter dem obersten. Ihr Vater benutzte nie die Gegensprechanlage. Er öffnete direkt die Tür.
Heute klingelte das Mädchen mehrmals, ohne dass das Geräusch zum Öffnen erklang. Sie hörte das Trampeln von Füßen. Die Tür wurde geöffnet. Ein anderer Hausbewohner verließ das Haus, starrte kurz das Mädchen an, während er den Kragen seiner Jacke richtig ordnete.
"Du schon wieder."
Das Mädchen wusste nicht, ob sie etwas antworten sollte, und in dieser Sekunde war die Tür ins Schloss gefallen. Der Mann war weg, der Eingang wieder versperrt. Es lohnte sich nicht, noch mal zu klingeln. Ihr Vater war wohl nicht da. Das Mädchen lehnte sich an die Hauswand und verbarg die Hände in ihren Jackentaschen. Irgendwann würde er wiederkommen.
Während sie wartete, beobachtete sie, wie die Pfützen von den vorbeifahrenden Straßenbahnen erschüttert wurden. Eine Frau aus dem Nachbarhaus eilte zur Station. Ihr Parfüm roch sehr gut und verweilte noch, während die Frau schon längst eingestiegen und weggefahren war. Ein paar Jugendliche liefen vorbei. Sie redeten, wie Jugendliche immer reden, und das Mädchen beachtete sie nicht. Der Verkehr verdichtete sich. Einige der Autos fuhren ohne Licht und waren schwer ausmachbar, weil die Straßenlampen noch nicht leuchteten. Die meisten Wagen bewegten sich weiter in der Mitte der Straße als sonst. Nur ein Fahrer ignorierte die Pfützen. Das Wasser spritzte dem Mädchen bis auf die Füße.
"Was machst du denn hier?"
Ein Mann hatte sich neben sie gestellt, während sie auf die Dreckspritzer auf ihren Schuhen gestarrt hatte. So wie die Frau den Geruch ihres Parfüms hinterlassen hatte, trug ihr Vater den Geruch von Alkohol mit sich. Selbst seine Kleidung roch danach. Das Mädchen wusste nicht, was Alkohol eigentlich war, aber sie wusste, dass ihr Vater ihn trank und danach roch. Er trug diese dunkelbraune Jacke, die mal aus dickem Stoff bestanden hatte und nun an den Ellbogen abgeschabt war. Manchmal schlief er mitten auf der Straße ein und so war sie stets dreckig. Seine Hose war zerknittert und die Sohlen seiner Turnschuhe begannen sich zu lösen. Er rasierte sich selten und wie sein Haupthaar wuchs der Bart nur noch spärlich nach.
"Heute ist Mittwoch", sagte das Mädchen und schaute ihren Vater nicht mehr an. Der kniete sich hin und umschloss sie mit beiden Armen.
"Das ist doch toll."
Sie drehte ihr Gesicht weg.
"Ich muss zum Bahnhof", sagte er.
Er stützte sich beim Aufstehen an der Hauswand ab und reichte ihr die Hand herunter. Das Mädchen holte ihre rechte Faust aus der Jackentasche und wollte ihre Hand in seine legen.
"Was denn? Hast du kein Geld?"
Ihre Mutter hatte ihr einen Fünfeuroschein eingesteckt. Ihr Vater griff nach dem Schein und ließ ihn im Versuch, ihn in seine Hosentasche zu stopfen, auf den Boden fallen. Das Mädchen hob ihn wieder auf und nun gelang es ihm, das Geld zu verstauen.
Er wohnte nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Im Bahnhof waren viele Geschäfte und wenn es draußen ungemütlich wurde, zog es die Leute in das überdachte Einkaufscenter. Das Mädchen fürchtete sie vor den vielen Menschen. Durch die Lautsprecher wurden Namen derer ausgerufen, die gesucht wurden. Das Mädchen war fest davon überzeugt, dass im Bahnhof Menschen verschwanden. Solche, die nicht aufpassten, wurden einfach von seiner Masse verschluckt und kamen nie wieder.
Das Gebäude war so riesig, dass sie den Kopf weit in den Nacken legen musste, um die Decke zu sehen. Wenn sie das längere Zeit machte, wurde ihr schwindelig.
Das Mädchen steckte wieder die Hände in die Taschen, strich dort langsam mit dem Daumen über die anderen Finger. Ihr Vater ging langsam und sie ging stets zwei Schritte hinter ihm, um auch stehen zu bleiben, wenn er anhielt.
Aus den Bekleidungsgeschäften strömte warme Umluft in den Gang hinaus und das Mädchen blieb kurz stehen, um ein wenig Behaglichkeit zu spüren.
Ihr Vater hatte nicht bemerkt, dass sie stehen geblieben war. Er betrat bereits den Supermarkt. Das Mädchen lief zu ihm und blieb neben ihm stehen, während er mit einer vagen Handbewegung anzeigte, dass er sich nicht entscheiden konnte, welches Bier er nehmen sollte. Er entschied sich schließlich und ging wieder Richtung Eingang.
"Aber du musst doch erst bezahlen", sagte das Mädchen und zog an einem Ende seiner Jacke. Sie zeigte auf die Kasse und ihr Vater stellte sich in die Schlange. Die Frau an der Kasse warf ihm einen geringschätzigen Blick zu.
"Ein Euro neunundsechzig, bitte", sagte sie.
Der Vater schaute auf seine Tochter herunter. "Jetzt gib der Tante schon ihr Geld."
"Ich hab kein Geld mehr, Papa."
"Wo ist das Geld deiner Mutter?"
"Das habe ich dir doch gerade eben gegeben."
"Hast du nicht noch mehr?"
"Können Sie nun bezahlen?", fragte die Kassiererin.
Mit einem Schnauben holte der Mann den Schein heraus. Das Mädchen sah, dass das ihr anvertraute Geld sich verringerte. Auch das Wechselgeld würde sie nicht mehr zu sehen bekommen.
"Mama hat mir das Geld gegeben. Es ist meins", sagte das Mädchen, während der Vater den Laden verließ. "Es ist für Essen und für -" Hatte sie für einen Moment den Geschmack von Süßigkeiten gespürt? Sie wusste es nicht mehr. Ihr Vater saß auf einer Ban und legte zum Trinken den Kopf in den Nacken. Sie schaute auf den Mann, den ihre Mutter mit "dein Vater" bezeichnete. Die Flasche war ausgetrunken und, wie alle seine leeren Flaschen, stellte er sie neben die Stelle, an der er sie geleert hatte.
"Setz dich doch zu mir." Er schaute sie an. Sein Kopf schwang leicht, als er redete. "Komm her. Komm her."
Sie bewegte sich vom Eingangsbereich der Kaufhalle hin zur Bank, blieb kurz vor ihm stehen. Er beugte sich vor. Sein Atem roch nach Bier und sie trat einen Schritt zurück. Er lächelte.
"Ich sehe dich nicht so oft. Komm doch zu deinem Vater.
"Ich will wieder zu Mama."
"Das will ich auch. Jetzt mag sie uns wohl beide nicht mehr."
"Das stimmt nicht." Sie begann zu weinen. "Mama hat mich sehr lieb. Sie muss nur arbeiten. Deshalb gehe ich zu dir."
"Siehst du, deine Mutter ist arbeiten. Du bist bei mir. Du kannst jetzt nicht zurück. Setz dich doch zu mir."
"Ich will wieder zu Mama."
"Ja, wo ist sie denn, die Mama?"
"Sie ist arbeiten. Ich will wieder zu ihr." Mit beiden Händen rüttelte sie an seinen Knien. "Bring mich zu ihr."
Ihre Fäuste hämmerten auf seine Oberschenkel. Er griff nach ihrer Schulter und stützte sich auf seine Tochter, als er von der Bank aufstand. Den von ihm verursachten Schmerz bemerkte nur sie und sie weinte um so heftiger.
"Ich will wieder zu Mama."
"Na, gut, dann bring ich dich wieder zu deiner Mama." Er ging langsam vorwärts, stützte sich an Säulen und Geländern und lachte dabei. "Warum willst du denn nicht hier sein? Hier ist es so schön. Schau mal da, die Lichter von der Decke."
Das Mädchen drehte nur kurz den Kopf. "Ich will nicht hier sein. Ich habe Angst."
"Wovor hast du denn Angst, meine Liebe?" Er ließ sich auf die Knie gleiten, wobei er seine Balance wieder an ihren Schultern suchte. Sie strauchelte leicht, verschränkte die Arme und senkte den Kopf.
"Ich will wieder zu Mama. Bring mich zu ihr."
"Aber du kannst jetzt nicht zu ihr."
Das Mädchen weinte weiter und das stetige Wiederholen ihres innigsten Wunsches wich einem verzweifelten Schluchzen. Ihr Oberkörper bebte und es schien, als presse ihr Körper die Tränen von ganz unten ins Freie. Die anderen Besucher des Einkaufszentrums liefen an Vater und Tochter vorbei, ohne einen Bogen zu machen. Sie beschleunigte kurz ihren Schritt, auch wenn sie nicht hinsahen. Für einen kurzen Moment unterbrachen sie ihre Gespräche, um anschließend leiser das Thema zu wechseln.
Der Vater hatte nach den Oberarmen seiner Tochter gegriffen. Er versuchte zu knien, lag stattdessen jedoch fast vor ihr. Er redete, dass sie nicht weinen bräuchte. Es wäre ja alles gar nicht so schlimm. Die Last seiner Arme brachte das Mädchen dazu, sich auch hinzusetzen, sie verbarg ihr Gesicht an ihren Knien und weinte laut.
Die Zeit lief mit den Passanten davon und schließlich richtete sich der Vater wieder auf, hatte er Durst, musste er sich erleichtern, irgendwas in die Richtung.
"Du kannst jetzt mit mir kommen", sagte er. "Dann kommt auch bald die Mama."
Er bewegte sich von ihr fort. Das Mädchen hielt sich den Bauch, welcher vor lauter Schluchzen schmerzte. Er war schon längst im Erdgeschoss, als sie die Rolltreppe betrat. Oben angekommen sah sie ihn nicht sofort, bis sie ihn dann doch an eine Geschäftswand gelehnt fand. Er lächelte sie an.
"Da bist du ja. Ich dachte, du kommst gar nicht mehr."
"Ich will zu Mama." Sie setzte sich neben ihn und nahm erneut ihre Embryostellung ein, ihre Hände und ihr Gesicht versteckte.
"Es ist gut, dass sie dir Geld mitgegeben hat. Ich habe nämlich keins mehr."
"Das Geld war für mein Essen gedacht."
"Gibt sie dir denn kein Essen?"
"Du solltest doch heute auf mich aufpassen. Es ist Mittwoch."
"Aber du bist doch bei mir und ich passe auf dich auf. Warum weinst du denn die ganze Zeit? Was ist denn los mit dir?"
"Ich will wieder zu Mama."
"Magst du mich denn nicht? Ich bin doch dein Vater."
"Doch, ich - ich mag dich. Es ist nur dieser Alkohol. Ich will nicht, dass du ihn trinkst."
Sie schaute gerade aus, als sie das sagte, und er lächelte als Antwort.
"Dir passiert schon nicht", sagte er noch.
Ein Mann in einer schwarzen Hose, schwarzer Mütze und einem hellblauen Hemd trat auf sie zu. Er war benachrichtigt worden, dass ein betrunkener Mann mit einem Kind im Erdgeschoss herumlungerte. Bevor er sich auf den Weg gemacht hatte, hatte er kurz überlegt, ob er seine Uniformjacke anziehen sollte. Draußen dunkelte es bereits und da wurde es schnell kühl.
"Entschuldigen Sie", begann er und schaute auf das blonde, kleine Mädchen, deren geröteten Augen ganz zugeschwollen waren. Ihr Mund war geöffnet und obwohl sie nicht mehr weinte, zitterte bebte ihr Körper.
"Ach, Sie sind's", sagte der Vater. Als er bemerkte, dass der Wachmann seine Tochter anstarrte, strich er dem Kind mit einer Bewegung über den Kopf. "Hab ich nicht eine hübsche Tochter?"

Montag, 12. September 2011

Es war Mord


Marcel schaute verlegen aus, als er sprach: "Könntest du dich bitte um Tami kümmern. Ich habe meine Schicht nicht tauschen können. Es ist nur der Vormittag. Bitte, Maxi, nur das eine Mal."
"Deine Schwester." Maxi schaute auf ihre Schnitte. "Die hat 'nen Knall."
"Ja, seit ihrem Unfall damals ..."
"Ihre Gehirnerschütterung dauert schon 15 Jahre an."
"Ich weiß." Marcel nagte an der Oberlippe. "Sie ist nicht ganz einfach. Aber sie ist meine Schwester und ich habe meiner Mutter damals versprochen, mich um sie zu kümmern."

Sie stieg aus dem Zug. Sie hatte noch mehr zugenommen. Das läge an ihrer Diabetes, hatte sie einst ungefragt erklärt. "Hier nimm mal meinen Koffer", sagte sie zur Begrüßung.
"Hallo Tami", erwiderte Maxi.
Sehr zum Unmut der anderen Passagiere blieb Marcels Schwester auf der untersten Sprosse des Ausstiegs des Regionalexpresses stehen. "Ich heiße Tamina-Sophie. Das solltest du mittlerweile wissen."
"Hier, nimm deinen Koffer doch selber." Maxi drehte sich um und verließ den Bahnsteig Richtung Parkhaus West.
"Halt! Ich kann nicht so schnell. Mein Blutzucker! Was ist das für ein Empfang? Wo ist mein Bruder?"
Maxi blieb vor der Treppe zum Ausgang stehen. "Der ist arbeiten."
"Er hat sich nicht frei genommen für mich." Tamina-Sophie ließ den Unterkiefer vorschnellen.
"Sein Urlaub ist schon verplant."
"Ja, mit dir."
"Genau. Mit seiner Frau. Dreieinhalb Wochen Forteventura." Maxi stieg die Treppen herunter und ignorierte das Keuchen und Schnaufen hinter ihr.
"Hilf mir mal mit meinem Koffer! - Der Urlaub hat bestimmt ein Vermögen gekostet. Warum macht ihr nicht in Deutschland Ferien? Da bleibt das Geld wenigstens im Land. Bei uns im Thüringer Wald ist es so schön. Ein Großteil des kulturellen Erbes Deutschlands befindet sich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft."
"Leipzig ist grün genug für uns. Und die Seenlandschaften sind ein hervorragendes Naherholungsgebiet. Wir wollten es mediterran."
Tamina-Sophie spitzte die Lippen. "In der Stadt soll's grün sein. - Die Abgase hier verhindern dir das Denken. Dabei habt ihr schon so eine grüne Plakette und schau, wie sich hier der Verkehr stapelt. Sie mussten sogar für die Straßenbahnen eigene Wege bauen, damit die noch ihren Platz finden."
Maxi benutzte ungefragt die Stufen zum Parkdeck 2. Tamina-Sophie bevorzugte den Aufzug.
"Hast du schon wieder ein neues Auto?" Der blaue Scirocco glänzte im Licht der Morgensonne. "Was hat VW sich denn dabei gedacht? Ich habe selten ein hässlicheres Auto aus deutscher Hand gesehen."
Sie verstauten das Gepäck im Kofferraum. "Passt du in die Lücke oder soll ich ein Stück vorfahren?"
"Hältst du mich für fett, oder was?"
"Passt du rein - ja oder nein?"
"Fahr vor."

Maxi sprach auf der Fahrt zur Wohnung kein Wort. Ihre Schwägerin erläuterte die unvernünftige Straßenführung, die Ampelphasenverschwendung, die fehlende staatliche Unterbindung des Fahrradfahrens ohne Helm und eine fehlende gesetzliche Regelung, Kinderwagen mit ähnlich vielen Lichtreflektoren auszustatten wie Schulranzen. Die Doppelhaushälfte ihres Bruders war ihr zu klein. "Das nennt ihr Eigentum? Das ist grad mal die Hälfte von einem richtigen Haus." Das Gästezimmer bezeichnete sie als eine peinliche Schuhschachtel. Der Garten blieb nur ein Versuch. "Der Garten unseres Elternhauses ist fünfmal so groß. Wieso stehen hier eigentlich die ganzen Altbauten in den Nebenstraßen? Haben sie hier etwa auch so ein hübsches Gebäude aus der Gründerzeit weggerissen, nur um ein paar Stapelhäuser hinzustellen?"
"Da ist viel in der DDR verrottet."
"Na, na, na! In der DDR war nicht alles schlecht. Bei den Pionieren zum Beispiel war ich sehr glücklich. Aber das kannst du ja nicht beurteilen. Du kommst aus Bayern."
"Ich komme aus Franken, Tamina-Sophie."
"Ach, komm." Die Schwägerin verdrehte die Augen. "Kochst du eigentlich für Marcel?"
"Wenn ich Zeit habe, koche ich."
"Soll er sich selbst verpflegen, oder was?"
"Er ist ein erwachsener Mann."
"An einer funktionierenden Frau hängt der Haussegen."
"Ward ihr bei den Pionieren eigentlich gleichberechtigt?"
"Das hat damit nichts zu tun."
"Was ist denn mit deinem Lebensgefährten? Wollte er nicht mitkommen?"
"Nein."
"Ist er zurück zur Mutter?"
"Was erlaubst du dir?"
"Wollte er nicht nach zwei Monaten zu dir ziehen?"
Die Schwägerin hob das Kinn. "Er wollte nur das Haus. So wie alle."
"Alle? Wen kennst du denn noch?"
"Du bist unverschämt. Du kannst mir nichts vorwerfen. Ich sehe es hier in deinem kahlen, unfreundlichen Zuhause. Dir fehlt das Händchen zur Dekoration, generell zur Weiblichkeit. Vielleicht sind es die kurzen Haare oder deine fehlende Brust. Mutter hatte schon Recht, als sie meinte, Marcel hätte ein Mannweib geheiratet. Aber, nein, nein, ich weiß schon, warum du mich hier angiftest. Du bist neidisch auf mich, weil ich das Haus der Eltern geerbt habe."
Maxi lachte. "Ja, du hast Recht, ich, ein Mannweib mit einem 2000er Nettoeinkommen und einem so gut wie abgezahlten Neubau, bin neidisch auf dich. Bei dir läuft es einfach rund. Du lebst mit Ende dreißig alleinstehend in einem Haus, dessen Erhaltung dein Gehalt auffrisst, das du dir als mittlerweile nur noch Halbtagsangestellte zusammenschusterst. Du bist adipös. Deine Freunde aus der Pionierzeit sind seit 1989 verschollen. In deiner Gemeinde bist du trotz Kandidatur in kein Amt gewählt worden. Deine eigene Familie mag dich nicht. Alles, was du hast, sind einsame Fernsehabende in dem schlecht abgedichteten Wohnzimmer. Und du, Tamina-Sophie, nimmst jetzt deinen Koffer und verschwindest von diesem Grundstück in deinen Thüringer Wald zurück. Deine Gemeinheiten mir gegenüber haben jetzt ein Ende."
"Du wagst es, mich aus dem Haus meines eigenen Bruders zu werfen?"
"Es ist auch mein Haus, du blöde Kuh", brüllte Maxi.
"Eine Frechheit sondergleichen." Der Atem der Schwägerin ging in kurzen, heftigen Stößen. "Oh! Oooh!" Tamina-Sophie griff sich an die linke Brust. "Ich ... oh, ich habe Schmerzen. Mein Herz. Der Arm. Was - ruf ..."

Die 120 Kilo Frau fiel um. Auf dem Weg ins Krankenhaus in der Ambulanz setzte ihr Atem komplett aus und fand keinen Anfang mehr. Nur die beiden Sanitäter waren bei ihr. Maxi hatte die Mitfahrt verweigert.

Donnerstag, 1. September 2011

Zwischen Fingerspitzengefühl und Mehrkanthammer

Vor Jahrhunderten musste es hier gestunken haben. Kürschner und Gerber hatten hier gearbeitet, nahe der ehemaligen Stadtmauern. Ich stelle mir vor, wie damals richtiger Unrat die Straße verengte, nicht wie heute, wo Fleischabfall zwei Beine mit sich herumschleppt und sich langsam in Ellipsen den Weg voranbahnt.
Ich studiere Soziologe. Ich hasse Menschen.
"Sanfte Satire", sagt Hieronymus neben mir.
"Halt's Maul", sage ich.
Eine Touristengruppe. Fünfzig und älter. Beleibt. Zu verbraucht für die Bank. Sie bewegen sich in einem Kreis, alle mit dem Gesicht nach außen. Rote Borsten trägt die eine von ihnen auf dem Kopf. Bunte, blau-weiß gestreifte Wallawalla-Kleidung. Bäuche als Maßstab für die Schlachtplattenparade.
"Ah, hier ist der Brühl", sagt Professor Weiße Nase und faltet sich einen Spitzhut aus dem Stadtführer.
"Aber wo ist denn der Vergnügungspark?", schreit Borste in den Kreis. Alle quieken vor Begeisterung. Sie schauen zur großen Baustelle herüber.
"Ach, hier wird er gerade gebaut", sagte Frau Witwe-aber-glücklich. Sie schielt. Uh, sie erinnert mich an diesen Film mit dem orangefarbenen Vorspann.
Ich studiere Philosophie. Ich hasse Worte.
Hieronymus biegt in die falsche Passage ab. Ich brülle ihm hinterher, er sei ein nichtsnutziges Stück Terpentindose und alles, was er anhäuft, versinkt in Schlicke.
"Fick deine Mutter", schallt es zurück.
"Ja, das ist alles, was du vom Fernsehen gelernt hast."
Eine Gruppe Kinder steht auf, als wollten sie ihren Lehrer verteidigen. Hieronymus steht da schon längst wieder neben mir. Ich beschimpfe ihn weiter, nenne ihn unflätige Gebirgstriade, verbarrikadierte Jungfernbörse und feuerwerksarmen Metallverschluss.
"Oh ja, das ist alles, was ich brauche." Mit glitzernden Augen bleibt er stehen. Der Geifer wischt den letzten, unbemerkten Rasierschaum von seinem Kinn weg.
Eine barbusige Kellermeisterin im Sarong, am Steinboden angekettet mit ihrem Nasenring - eine Mode, die endlich ihren Sinn erfüllt.
"Hieronymus, du wirst doch nicht!"
Er ist im Ansatz bereit loszusprinten. Ich umfasse seine Mitte mit beiden Armen, ringe ihn zu Boden.
"Ich bin die Ziehharmonika des Todes", schreit er. Und dann stammelt er nur noch und sabbert mir mein Hemd voll mit dem, was er alles aus seinen Träumen hervorzubringen wünscht.
"Früher sind wir für so was in ein Hotel gegangen", gibt uns ein älterer Herr Schelte. Er trägt eine Kappe und seinen Gürtel sehr locker.
Ich schaue runter auf Hieronymus, der unter meiner Umarmung schwitzt. Seine Fersen bohren sich in den matschigen Grund, er will mit gefundener Haftung neu zustürmen auf das so bereitfertig hinplatzierte Tageslichtopfer, das dort - Moment, wo ist es hin? Nur noch die Kette mit dem Piercing baumelt am steinernen Untergrund. Kein Blut und noch weniger Zeugen.
"Sie ist weg. Sie ist weg." Hieronymus schlägt mit Fäusten und Füßen auf den Boden ein. Ich stehe auf und verweise mich selbst in die nächste Passage.