Mittwoch, 19. Oktober 2011

Flaschengeist (Teil 1)

Sie nannten ihn den Russen. Sein Vater soll bei der Roten Armee gedient haben, aber niemand erinnerte sich wirklich daran. Mittlerweile war der Russe ein in die Jahre gekommener, zurückgezogen lebender Mann, der oft an der Haltestation Richtung Innenstadt saß und seine Pfeife rauchte. Um seine Rente aufzubessern, trug der Russe Werbeblättchen aus. Dazu hielt freitags mitten in der Nacht ein blauer Transporter vor seinem Haus und warf Paketweise, in Plastik eingeschweißte Zeitungen ab. Samstagfrüh zog er los mit einem kleinen Wagen, den er hinter sich herzog und bestückte die Häuser im Viertel mit Werbung. Vom Russen wusste man, dass er seine Arbeit sorgsam verrichtete. Er akzeptierte "Bitte keine Werbung"-Aufkleber und riss sie nicht ab. Jede Woche konnte man ihn dabei beobachten, wie er gewissenshaft von Haus zu Haus ging, unabhängig von Jahreszeit und Wetterbedingungen.
Gegenüber vom Russen wohnte die Familie Plenkowitzsch, ihres Zeichens stolz, die Rote Armee damals bekämpft zu haben. Vater Alwin, Mutter Beata, Sohn Henrik, genannt Henny.
Um das Geld seiner Familie aufzustocken, sammelte Alwin Flaschen und Getränkedosen. An guten Abenden brachte er es auf fünf Euro Flaschengeld. Besonders gut war mal eine Gruppe junger Amerikaner gewesen, die vor diesem TV-Schuppen angestanden hatte. Die hatten ihm die Flaschen mit Freude gegeben. Hatten sogar Fotos gemacht. Das war bisher einer seiner besten Abende gewesen.
Veranstaltungen in der Innenstadt waren ebenso gut. Silvester feierte Alwin seit zwei Jahren nicht mehr. Er war zu beschäftigt. Flaschengeld musste er nicht beim Amt angeben. Das Sammeln hielt die Straßen sauber. Die frische Luft war gesund und man bewegte sich viel. Was sollte er zu Hause vor dem Fernseher herumsitzen wie seine Alte.
Bei einem seiner Streifzüge durch die Innenstadt erwischte Alwin Henny beim Rauchen mit diesem Eisenbahnstraßengesindel. Nachdem er ihn daheim verdroschen hatte, verbot Alwin Henny den Umgang mit dessen Klassenkameraden. Sein Sohn sollte ihn nun öfters begleiten. "Du kannst auch mal was zur Familie beitragen", schnauzte Alwin ihn an.
Darüber hinaus wurde das Konkurrenzlaufen in der Innenstadt immer aggressiver. Da hab es eine kleinwüchsige Alte, die kletterte sogar in die gelben Mülltonnen der Anwohner, um da noch Pfandflaschen herauszuangeln. Sie führte ein kleines Messer mit sich, mit dem sie die Plastiksäcke aufschnitt. Dabei führte sie Selbstgespräche und bespuckte sich selbst. Alwin ging ihr aus dem Weg.
Vor der Moritzbastei gab es zwei Reviersammler, die den Anstehenden die Flaschen bereits abquatschten, bevor diese sie ausgetrunken hatten.
Ähnlich war es vor und im Hauptbahnhof. Dort machten mehrere Gestalten mit geistig eingeschränktem Bewegungsradius stundenlang ihre Runden über die einzelnen Gleise. Erblickten sie einander, stießen sie Laute des Zorns aus. Es kam zu Schlägereien. Alwin merkte, wie der Respekt der Leute vor den Flaschensammlern sank.
Alwin, der seinen Sohn am Wochenende auch auf seine späten Touren mitnahm, wollte nicht, dass Henny das alles mitbekam. Der Junge war schließlich erst zehn Jahre alt. Und noch weniger gefiel ihm, dass die Einkünfte vom Flaschengeld zurückgingen. Er führte jetzt die Jahre über, die er dieser Tätigkeit nachging, Buch. Verglichen zu vorletztem Jahr verdiente er pro Woche zwei Euro weniger. Seit all diese Schmarotzer und Rentner darauf aus waren, die 8 Cent pro Bierflasche abzugreifen, kam für ihn weniger dabei raus. Das konnte so nicht weitergehen. Mittlerweile wurden die leeren Flaschen ja schon verkauft. Alwin hatte es selbst erlebt, wie ein betrunkener Tourist ihm die Flasche nicht geben wollte. "Nee, der Kumpel da drüben gibt mir vier Cent dafür. Junge, musste mal dem Zeitgeist folgen."
Alwin war weit über vierzig und es war schon etwas länger her, dass man ihn als "Jungen" bezeichnet hatte. Dennoch wusste er, dass etwas geschehen musste. Er musste handeln.
Er war auf einem der Wege zurück nach Hause. In der Arena hatte es ein großes Konzert gegeben. Alwin hatte die antreffenden Zuschauer abgewartet und kam mit vier vollen Beuteln Leergut den Weg entlang. Es war schon längst dunkel. Seinen Sohn hatt er daheim gelassen. Der wollte bestimmt auf das Konzert und nicht warten, bis es anfängt und dann abhauen.
Er kam an einem Lagerplatz vorbei. Früher hatte hier mal ein Haus gestanden. Es war abgerissen worden und jemand hatte einen sperrigen Zaun errichtet. Ein untersetzter Mann schloss das rostende Tor mit einer dicken Kette ab. Schneuzer, seltsamer Hut. Vielleicht ein Grieche. Alwin wäre niemals stehen geblieben, hätte er nicht das Schild gesehen. Ankauf Elektroschrott, Möbel, Papier.
"Sie kaufen Papier an?"
Der Mann warf ihm einen Blick zu. "Neun Cent das Kilo. Keine Pappe. Nur Papier. Ordentlich gestapelt. Montag bis Freitag zehn bis achtzehn Uhr. Guten Abend." Der Händler nahm seine Tasche, die schwer zu wiegen schien und ließ Alwin stehen.
Alwin freute sich, denn Alwin wusste, dass der Zeit der Flaschen vorbei war.

Freitag, 7. Oktober 2011

Der böse Mann


Der böse Mann verkauft Blumen am Straßenrand. Er sammelt sie auf den Rasenflächen der Innenstadt. Überquert er die Straße, schaut er nicht auf den Verkehr. Mehr als einmal habe ich haarscharfe Vollbremsungen beobachtet. Der böse Mann lebt gern gefährlich.
Wenn er unseren Laden betritt, stellt er seine beiden Eimer mit den wehleidig heraushängenden Pflanzen vor dem Kassentisch ab und sucht zusammen, was er kaufen möchte. Wenn sich zu viele andere Kunden im Geschäft befinden, verlässt er uns kommentarlos.
Der böse Mann redet nie mit uns. Spricht man ihn an, wird er fuchsteufelswild. Nur ihm körperlich nahe kommen, ist noch schlimmer. Einmal wäre ein Stift fast vom Kassentisch heruntergefallen. Wir wollten ihn beide aufhalten und unsere Finger hätten sich bald berührt. Da hat er als Reaktion einen Aufsteller mit sauber sortierten Impulsartikeln herunterschmissen.
Kein Einzelfall. Kommt ihm ein anderer Kunde zu nahe, tritt er kräftig nach diesem aus. Bisher hat er noch nie jemanden getroffen.
Oftmals kauft er Stifte und Kleber. Wir alle, die hier arbeiten, sind vor ihm gewarnt. Wir wissen nicht, wie gefährlich er werden kann. Wir fordern ihn deshalb nicht heraus.
Einmal hat er meiner Vorgesetzten zwei Rosen geschenkt. Sie hat sie sofort weggeworfen. Ein anderes Mal hat er sie grundlos mit Ausdrücken beschimpft, die sie mir gegenüber nicht aussprechen wollte. Seitdem wissen wir, dass er reden kann.
Er wurde auch schon dabei gesichtet, wie er sich mit anderen Leuten unterhielt. Da trug er einen schicken, weißen Anzug. Es muss wohl ein besonderer Tag gewesen sein. Die hat er nicht oft. Wer wohl seine Blumen kauft?
Er ist schon alt. Sein Gesicht ist trocken und faltig, sein Kopf komplett haarlos. Er trägt oft die gleiche Kleidung, aber er riecht nicht danach. Er riecht gar nicht. Man hört ihn auch nicht. Man sieht ihn nur. Und am besten nie in die Augen.
Anfangs kommt er nicht zu den Neuen bei uns. Wenn dann doch, ist das Prozedere stets das gleiche. Erst legt er seine Ware und das Geld dazu gleichzeitig auf den Tisch. Wir kassieren ohne Begrüßung und ohne Hinweise auf die Sonderangebote, die ihm das Leben verbessern könnten, und sagen nur, wenn wir es wagen, den Preis. Wir geben ihm Wechselgeld und Kassenbeleg. Er nimmt den Zettel, begutachtet mit grimmiger Miene das Resultat und zählt sein Wechselgeld.
Wenn der böse Mann zufrieden ist, legt er danach die Handflächen aneinander und ahmt eine Verbeugung nach. Was auch immer sonst in seinem Kopf vorgeht, Gehässigkeit existiert in ihm ähnlich der Kohlensäure in Erfrischungsgetränken.
Als er das letzte Mal den Laden betrat, war ich gut gelaunt. Ich wagte es, aus dem Geld, das er mir auf den Tresen warf, den Betrag passend abzuzählen und ihn dabei dienstleistungssektorgemäß professionell anzulächeln. Er wartete ab, bis ich ihm den Bon gab. Er verzog er sein hässliches, altes Gesicht zu einer grinsenden Fratze. Erst zeigte er mir den Vogel. Dann zog er den rechten Arm hoch und reckte mir kurz seinen Mittelfinger in die Luft.
Mir fiel auf, was für peinlich kleine Finger der böse Mann hat. Ich musste lachen und ich lachte auch noch, nachdem er mich mit kalter Wut angesehen und den Laden verlassen hatte.
Vielleicht hatte er keinen guten Tag. Vielleicht hat er nie einen guten Tag und ist deshalb böse. Es interessiert mich nicht wirklich, denn, hey, böser Mann: Du kannst mich mal gern haben.