Sonntag, 27. November 2011

Carla


Das Handy in der roten Socke vibrierte. Carla meldete sich.
"Ja, also, hier ist, hm, also, ich möchte meinen Namen noch nicht nennen. Ist da Carla?" Eine Frauenstimme. Ungewöhnlich. Meistens riefen die Männer an und die Frauen hörten über Lautsprecher aus dem Hintergrund zu.
"Ja, hier spricht Carla."
"Ich habe von einem Bekannten gehört, dass Sie Paartherapie betreiben."
"Das ist korrekt."
"Mein Mann und ich benötigen Ihre Dienste."
Dringend. Sie konnte es hören. Die Frau. Erfolgsorientiert. Jede dritte Woche beim Friseur. Aufwändiger Kleidungsstil. Glattes Gesicht. Wenig Schminke. Der Meinung, Sex & the City hätte den Frauen etwas gebracht.
Carla kannte ihre Kunden. Wenn im Bett nichts mehr lief, versandete das Zueinanderempfinden. Dann ging man zum Therapeuten, sprach viel, verstand den zukünftigen Weg und es hielt sich besser, wenn man auch den Kindern erklärte, warum Mama und Papa mehr Zeit für sich brauchten.
Oder aber man rief Carla an.
Wenn man sich Carla leisten konnte.
Fehlende Kommunikation war der größte Feind einer intakten, sexuellen Beziehung. Carla führte ein körperliches Gespräch herbei. Meistens fing sie mit der Frau an, nicht weil diese gesprächiger war, sondern weil sie einen empfindlicheren Körper hatte.
Carla führte Paare zur Sinnlichkeit. Sie mussten lernen zu berühren, wo sie anfassten, zu hauchen, wenn sie flüsterten. Einfühlungsvermögen konnte erlernt werden. Viele Paare waren der Therapeuten in ihrem Leben überdrüssig. Sie wollten eine Erfahrung. Carla brachte Erfahrung mit.
Erst zwei mal hatte es nicht geklappt. Einmal war der Mann ein verfahrener Fetischist gewesen. Ohne Latexunterwäsche konnte er sich nicht erregen. Seine Frau empfand das Tragen als unangenehm. Der Streit war zu verfahren gewesen. Carla hatte nicht helfen können.
Beim anderen Fall war die Frau unnatürlich dominant aufgetreten. Carla praktizierte kein SM. Mit Schlagen und Kneifen hatte sie nichts zu tun und sie ließ sich nicht demütigen. Der Ehemann teilte diese Auffassung und war zum Zeitpunkt des Treffens bereits aus der Wohnung ausgezogen.
Eine Zeit lang hatte Carla Vorgespräche geführt. Allerdings führten diese meist zu einer fehlenden Sensibilität während des Treffens, weil die Erwartungen zu hoch gesetzt waren. Carla befürwortete eine intuitiv entstehende Verbindung.
Die Frau am Telefon nannte Carla ihre Adresse. Sie zögerte und schaute auf den an der Wand hängenden Stadtplan, der mit roten und grauen Papierfähnchen markiert war. Aktive und inaktive Posten. Zwei schwarze Fahnen zeigten die beiden Fehlschläge an.
"Das Gebiet ist voll. Ich kann keinen Kunden mehr annehmen."
"Ich bezahle das Doppelte. Bitte." Vielleicht war es dieses eine Wort, das sie umentschied. Carlas Auftragslage war gut. Sie brauchte das Geld nicht.
Die Stimme der Frau beinhaltete eine Form der Verzweiflung, die sie selbst einmal gekannt hatte. Da war eine Furcht vor dem endgültigen Versagen. Noch wusste sie nicht, was vorgefallen war innerhalb dieser Beziehung, aber es war etwas Anderes als sonst. Sie hatte vielen Anrufenden an der Stimme anhören können, wie ernst es ihnen mit der Verbesserung ihrer Beziehung war. Hier fühlte sie, dass es das letzte war, was in Angriff genommen wurde vor der endgültigen Zerstörung.

Es war eine Doppelhaushälfte. Zwei separate Auffahrten. Sie klingelte und wurde ohne Fragen hereingelassen. Der Hund, vor dem mit einem gelben Schild gewarnt wurde, blieb aus.
Hermann und Gloria wohnten hier. Er geleitete sie herein. Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. Carla hatte sich geirrt. Keineswegs verkappte Akademiker mit New Age-Besessenheit und weißer Smartphonegalerie. Das war ihr seit ihren Anfangstagen nicht passiert. Das Pärchen setzte sich direkt nebeneinander. Sie lächelten sich an. Auf eine unangenehme Weise wirkten sie homogen.
"Ich hatte dich kontaktiert", sagte Gloria. Eine klare Stimme. Ganz anders als am Telefon.
"Was kann ich für Sie tun?" Carla blieb lieber auf Distanz. Noch kannte man sich nicht.
"Mein Mann und ich schlafen nicht mehr miteinander."
"Wie lange ist der letzte sexuelle Kontakt her?"
Gloria und Hermann reagierten gleich. Sie schauten Carla an und zuckten mit den Schultern.
"Wir wissen es nicht mehr."
"Gut." Carla schlug die Beine übereinander. "Wir können uns nur näher kommen, wenn wir reden. Haben Sie bitte keine Hemmungen. Es bleibt innerhalb Ihrer eigenen vier Wände."
"Meine Frau hatte letzten Monat eine Fehlgeburt."
Carla schwieg.
"Jetzt denken Sie vielleicht, wir haben Sie angelogen, weil ich eine Fehlgeburt hatte, obwohl ich keinen Verkehr mit meinem Mann pflege. Das Kind war nicht von ihm. Wir führen eine offene Beziehung. Aufgrund der Fehlgeburt muss ich kurzweilig pausieren und begnüge mich damit, meinem Mann über die Schulter zu blicken."
Sie redete, als behandelte sie ihre Essgewohnheiten. Carlas Intuition meldete Bedenken an. Welche Art von Frau sprach über eine Fehlgeburt wie über einen abgehandelten Sachschaden?
"Ich stehe nicht auf meine Frau", sagte Hermann. "Ich mag schwarze Frauen. Wie dich."
"Ich glaube, hier liegt ein Missverständnis vor." Carla betrachtete die Eheleute vor sich. Beide hatten ihr weder die Hand gereicht noch etwas zu trinken angeboten. Sonst wurde sie wie ein willkommener Gast empfangen. Noch nie hatte sich jemand über ihre Hautfarbe geäußert. Ihr Großvater mütterlicherseits war gebürtiger Äthiopier gewesen. Carla hatte die Hautfarbe, für die andere Leute regelmäßig ein Solarium aufsuchten. "Ich bin keine Prostituierte."
"Du verkaufst Sex", sagte Gloria. "Wir haben dir einen ganz schönen Batzen Geld gezahlt und du machst dafür die Beine breit."
"Das hier ist eine Sitzung. Sie haben ein Problem mit Ihrem Sexualleben -"
"Wir haben kein Problem. Ich stehe auf schwarze Weiber und meine Frau besucht regelmäßig Swingerclubs."
"Sie klangen verzweifelt, als Sie bei mir angerufen haben."
Gloria lächelte. "Von Lügnerin zu Lügnerin: Du behauptest ja auch, keine Nutte zu sein."
Mit einem Ruck stand Carla auf. "Ich verlasse Sie jetzt. Das ist eine Unverschämtheit sondergleichen."
"Wenn du jetzt gehst, verlange ich das Geld zurück", sagte Hermann. "Da kann ich ja zweimal für in den Puff gehen und da bekomme ich wenigstens eine Leistung."
Einen Moment lang starrte Carla den Mann an. "Sie haben ernsthafte Probleme in Ihrem Kopf."
"Wenn wir das Geld nicht wiederbekommen, benachrichtige ich die Polizei wegen Schwarzarbeit."
"Genaugenommen müssen Sie zum Zoll deswegen."
Carla verließ das Haus angstlos. In sämtlichen Behörden dieser Stadt gab es Menschen, die ihr etwas schuldeten.

Carla nahm ein schwarzes Fähnchen und steckte es auf die Stelle der Karte, an der Hermann und Gloria wohnten. Nie wieder.

Mittwoch, 16. November 2011

Lincoln hatte einen Hund

Während der Schulzeit glich jeder Morgen dem davor. Meine Freundin Gretel, und so hieß sie wirklich, holte mich von zu Hause ab. Wir bequatschten Aktuelles, wer sich etwa von wem getrennt hatte, und lästerten über die, die wir nicht mochten. Über Lincoln redeten wir nicht. Lincoln hieß eigentlich nicht Lincoln, sondern irgendwie anders. Ich weiß nicht mehr, wie er zu seinem Spitznamen gekommen war. Er hatte uns jahrelang durch Kindergarten und Grundschule begleitet und jetzt gingen wir auch in dieselbe Klasse. Zwar waren wir nie miteinander befreundet gewesen, aber wir hatten nicht gegen ihn. Wenn man ihn ansprach, war er immer ganz nett. Lincoln war einer der Menschen, die man mit einem Wort beschreiben kann: Unaufdringlich.
Er sah nicht sonderlich gut aus, war aber auch nicht hässlich. Seine Leistungen in der Schule waren im oberen Mittelfeld, außer im Sport. Da war er eher einer der Typen, die beim Basketball gelegentlich die Pässe vermasselten und selten wagten, einen Korb zu werfen.
Lincoln war mein Nachbar. Vom Haus meiner Familie konnte man in das seiner sehen. Hinten im Garten hatten sie einen großen Zwinger für ihren Hund. Er kam aus einer Großfamilie mit sieben oder acht Kindern. Ein paar von ihnen waren schon ausgezogen.
Wir hatten den gleichen Weg zur Bushaltestelle. Manchmal verließen wir zeitgleich unsere Häuser. Er grüßte Gretel und mich zwar, schloss sich uns allerdings nie an. Vielleicht weil wir rauchten. Gretel und ich hatten zu der Zeit damit angefangen.

Das neunte Schuljahr ging aufs Ende zu. Die Noten standen bereits fest, waren nur noch nicht eingetragen. Allenfalls konnten wir sie nur noch durch extreme Aufmüpfigkeit um Nuancen verschlechtern. Es war ein wunderschöner Sommertag. Ich schmiss die beiden letzten Stunden und plante des Rest des Tages, mich im Garten in der Sonne zu aalen. Ich zog mir meinen Bikini an, holte mir zu Sicherheit Handy und Telefon mit und widmete mich einer der spannenden Zeitungen meiner Mutter. Die Titelgeschichte lautete: "Der Ex - in Hass geschieden oder in Freundschaft verblieben?" Ein Test von Doktor Klugscheißer ohne Brille von der Uni Weiß-der-Teufel-wo in Zusammenarbeit mit Institut Wen-interessiert's? entwickelt, rief dazu auf, das Verhältnis zwischen sich und dem Exfreund herauszufinden.
Ich dachte an meinen Exfreund. Ulf. Der Idiot. Und ich hatte es ein halbes Jahr mit ihm ausgehalten, bis mir seine Eifersucht endgültig zu weit ging. Ich war seine Freundin, nicht sein Eigentum. Das schien er missverstanden zu haben. Ansonsten war er eigentlich vollkommen in Ordnung gewesen. Im Gegensatz zu anderen Beziehungen hatte ich nicht das Gefühl, dass er nur auf sexuelle Aktivitäten jeglicher Art aus gewesen war, sondern dass ihm wirklich etwas an mir gelegen hatte. Laut einer SMS von letzter Woche hatten sich seine Gefühle für mich nicht verändert. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht entschieden, ob ich dem nachgehen sollte oder nicht.
Ich machte den Test.
Wie lange sind Sie mit Ihrem Ex auseinander? - a) keinen Monat; b) über einen Monat; c) über ein Jahr 
Ich kreuzte a) an.
Sind Sie im Streit auseinander gegangen? - a) ja; b) nein; c) weiß nicht 
Antwort c).
Wer hat Schluss gemacht? - a) Er; b) Ich.
Antwort b) wohl.
Denken Sie noch oft an Ihren Exfreund? - a) selten; b) oft; c) Ich träume jede Nacht von ihm.
Ich wusste nicht, ob "gelegentlich" eher zu a) oder zu b) tendierte. Ich nahm b).
Das wurde langweilig. Ich ging die Fragen durch und wusste bei mehreren nicht, was ich antworten sollte. Der Test beinhaltete insgesamt zwanzig Fragen. Ich blätterte weiter und las mir die drei Lösungsmöglichkeiten durch, die angegeben wurden. Auf mich traf wahrscheinlich die zweite zu: Zwischen Ihrem Exfreund und Ihnen stehen immer noch Gefühle, die Sie beide nicht einordnen können. Sie sollten ihn kontaktierten, um dies mit ihm (noch) einmal zu bereden ...
Laber Rhabarber. Und es gab wirklich Frauen, die derartigen Müll schluckten. Ich warf die Zeitung weg und döste ein. Hundegebell weckte mich. Lincoln verließ zusammen mit dem Hund sein Zuhause zum Abendspaziergang. Er sah mich auf meiner Liege und starrte kurz herüber. Ich hob eine Hand zum Gruß. Er erwiderte den Gruß, ging aber schnell weiter.

Am Samstag nach dem letzten Schultag gab Melle ihre Geburtstagsfete. Sie lud die ganze Klasse in die große Gartenlaube ihrer Eltern ein. Jene waren an dem Samstag nicht anwesend. Melle hatte außerdem einen neunzehnjährigen Freund, der ihr jegliche Art von Alkohol kaufte. Wir freuten uns alle darauf. Gretel kam vorher zu mir. Sie würde die Nacht auch bei mir schlafen. Wir schminkten uns und diskutierten die Kleiderfrage. Da wir wussten, dass Melles Freund mit Sicherheit einige seiner Kumpels mitbringen würde, entschieden wir uns fürs Doppel-K: kurz & knapp.
Während Gretel mir einen sauberen Kajalstrich auf dem oberen Augenlid zog, klingelte das Telefon. Ich hob ab und meldete mich mit geschlossenen Augen.
"Hallo, ähm, hier ist Lincoln", kam eine zögerliche Stimme aus dem Hörer.
"Hallo, Lincoln! Warum rufst du an?"
"Mein Bruder fährt mich zu Melle. Willst du mitfahren?"
"Das wäre cool. Gretel ist bei mir."
"Kein Problem. Könnt ihr gegen halb neun zu mir herüberkommen?"
"Klar doch. Bis gleich dann." Wir legten beide auf. "He, Gretel, Lincolns Bruder fährt uns zu Melle."
"Sieht der gut aus? - Hier. schau mal, ich bin fertig."
Ich öffnete meine Augen und begutachtete das Resultat im Spiegel.
"Na ja, alle Geschwister von Lincoln sehen aus wie er."
Gretel gab sich enttäuscht und wir wechselten das Thema.

Pünktlich gingen wir herüber. Der Hund begann im Haus zu bellen, als wir klingelten. Gretel erkundigte sich, ob er groß wäre. Sie mochte keine Hunde. Bevor ich antworten konnte, öffnete Lincoln die Tür, den Hund am Halsband haltend.
"Hallo", begrüßte er uns. Er bemerkte Gretels ängstliche Miene und meinte: "Keine Angst, er tut euch nicht. Ihr könnt ihn ruhig streicheln."
Ich kniete mich zu ihm und ließ ihn an meiner Hand schnuppern. Lincoln brüllte nach seinem Bruder, dass wir fahren könnten.
"Lincoln, wie heißt der Hund?", fragte ich.
"Saño", antwortete er.
"Ja, Saño, bist ein guter, nicht wahr, ja, ja, ist ja gut", lobte ich den Hund, während er um mich herumscharwenzelte. Gretel stand gegen die Wand gedrückt und sah abwertend zu uns.
Lincolns Bruder kam. Er musterte uns und warf Lincoln einen skeptischen Blick zu. Der zuckte mit den Schultern. Ich bekam das freilich nicht mit, weil ich immer noch Saño streichelte. Gretel erzählte es mir später.
"Na, dann lasst uns mal fahren."
Lincolns Bruder besaß einen kleinen Fiat, in den wir uns quetschten. Der Motor hörte sich altersschwach an und jedes Mal, wenn Lincolns Bruder schaltete, glich dies einem Gewaltakt. Gretel und ich schwiegen die Zeit über. Als wir ankamen, hörten wir schon den Bass der Musik.
"Hoffentlich spielen sie vernünftige Musik und nicht wieder diese Hardcorescheiße", bemerkte Gretel, während sie von der Rückbank kletterte, wobei sie redlich bemüht war, niemandem einen Blick unter ihren Rock zu gewähren. Mein Kleid war zwar nur unwesentlich länger, dafür aber weiter geschnitten, sodass ich mich diesem Problem nicht konfrontiert sah. Lincolns Bruder wendete den Fiat, hupte kurz und fuhr wieder.
"Kommen deine Freunde auch?", fragte Gretel Lincoln.
Der zuckte mit den Schultern. "Eigentlich wollten sie."
Gretel warf mir einen Blick zu, der deutlich sagte, was sie dachte. Ich lachte.
Es war kaum die Hälfte der Leute da, die Melle eingeladen hatte. Gretel und ich nahmen die Salatbar in Angriff und futterten uns von Kartoffel- über Nudelsalat bis zu Würstchen und Frikadellen durch. Auf leeren Magen trinken soll man schließlich nicht.
Melle hatte wieder gründlich vorgesorgt. Auf einem Tisch, dem größten wohl gemerkt, machten wir bis zu über zehn verschiedene Sorten Hochprozentiges aus, dazu noch Mixgetränke, Bier, Sekt und Wein.
"Wie kommen wir eigentlich nachher zurück?", fragte Gretel, als wir mit Sekt anstießen.
Ich zuckte mit den Schultern und kicherte: "Ist doch egal."
Es war 'ne coole Party. Mit der Zeit erschienen immer mehr Leute, darunter auch solche, die gar nicht eingeladen worden waren. Melles Feier vom letzten Jahr hatte sich herumgesprochen. Die Kumpel ihres Freundes kamen gegen halb zwölf. Zu der Zeit hatten wir schon lustig was getrunken. Wir spielten so ein dämliches Spiel auf dem Boden. Auf eine leere Flasche wird ein Stapel Karten gelegt. Nach der Reihe muss jeder versuchen, genau eine Karte vom Stapel zu pusten. Schafft er es nicht, muss er etwas stürzen. Bei uns war es Korn. Wir spielten, bis die Flasche leer war. Ich versuchte aufzustehen und bemerkte, dass das nicht so einfach war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Gretel sah sich mit einem ähnlichen Problem konfrontiert. Gemeinsam schafften wir es kichern.
Ich fühlte mich betrunken und gut. In der Gartenlaube hatten mittlerweile ein paar angefangen zu tanzen. Dieser Idee nahm ich mich an und schmiss mich zu den anderen auf die Tanzfläche.
Zwischendurch kamen einzelne Leute, mit denen ich mich unterhielt. Worüber , wusste ich nicht mal in dem Moment. Auch wie lange ich letzten Endes getanzt hatte, erinnerte ich mich nicht. Nachdem ich genug davon hatte, setzte ich mich zu einigen Leuten an den Tisch und trank auch dort weiter. Ich beteiligte mich nicht am Gespräch und hörte auch nicht sonderlich zu. Ich schlief ein. Irgendwann kam jemand zu mir und rüttelte an meiner Schulter. Lincoln stand vor mir.
"Hallo, Lincoln", begrüßte ich ihn und fand mich tierisch nett.
Er hockte sich neben mich. "Es ist jetzt gleich vier Uhr. Ich gehe jetzt zurück. Für dich wäre es das beste, mit mir zu kommen. Du schaust ziemlich fertig aus."
"Ich bin so zu."
"Kannst du noch gehen?"
"Ich kann gehen."
Mit seiner Hilfe stand ich auf. Er legte einen Arm um meine Hüfte. Trotzdem schwankte ich anfangs den Weg bis zur Tür. ich blieb stehen und schüttelte seinen Arm ab, um mich von den anderen zu verabschieden. Enttäuscht stellte ich fest, dass die anderen nicht mehr da waren.
"Wo sind denn alle hin?"
"Die meisten sind schon gegangen."
"Gretel! Gretel! Wo ist Gretel?"
"Die ist mit einem Typen weg. Ich soll dir sagen, dass sie heute Nacht nicht bei dir schläft. Und du brauchst dir keine Sorgen machen."
"Und warum hat sie mir nichts gesagt?"
"Sie hat's versucht, aber du hast geschlafen."
"Oh. Kann ich mich gar nicht dran erinnern."
"Wie viel hast du denn getrunken?", fragte er.
"Keine Ahnung."
"Zu viel, wie's scheint." Ich verstand nicht, was er damit meinte. "Hast du alles? Deine Jacke und deine Handtasche hab ich hier."
Ich fand's lustig, dass er als Junge eine Handtasche trug und lachte. "Ich muss mich von Melle verabschieden."
"Das geht nicht. Sie hat sich mit ihrem Freund in ihrem Zimmer eingeschlossen."
"Die Drecksau. Gut, dann können wir jetzt gehen." Ich machte einen Schritt und verlor die Balance. Lincoln fing mich auf. "Oh, fast hingefallen", stellte ich fest.
Er murmelte etwas, was ich nicht verstand. Mir fiel auf, dass ich mich nicht übergeben musste. und war richtig stolz auf mich. Lincoln las anscheinend meine Gedanken.
"Wenn du kotzen musst, sagst du mir vorher Bescheid, hörst du?"
"Ja."
"Versprichst du's mir?"
"Ja."
Wir waren gerade von Melles Grundstück herunter, als jemand auf uns zu kam und brüllte: "He, du! Was machst du da mit meiner Freundin?"
"Toll, noch ein Suffkopf", hörte ich Lincoln sagen.
"Scht, scht, das ist Ulf, mein Ex", raunte ich ihm zu und erkannte die einmalige Gelegenheit, Ulf eins auszuwischen.
"Hallo, Ulf!", rief ich ihm entgegen. "Warst du auch auf Melles Feier?"
"Nein." Er blieb vor uns stehen und starrte Lincoln wütend an. Dem wurde die Situation sichtlich unangenehm, aber das kümmerte mich nicht. "Ich wollte gerade schauen, ob da noch etwas los ist. Wer ist das?"
"Ach, Ulf, darf ich dir Lincoln vorstellen. Er ist mein Nachbar und auch mein neuer Freund."
Lincoln zuckte merklich zusammen. "Nein, nein. Das stimmt nicht. Sie ist betrunken und weiß nicht, was sie sagt."
Ulf ballte die Fäuste und trat näher heran. Lincoln ging automatisch einen Schritt zurück und zog mich mit. Ich stolperte und er konnte mich nur mit Not daran hindern, hinzufallen. "Kein Arsch macht sich an meine Freundin ran, hörst du."
"Wir sind überhaupt nicht zusammen. Sie redet Scheiße."
"Du beleidigst meine Freundin. Überleg dir, was du sagst. Sonst schlag ich dich zusammen, dass dich deine eigene Mutter nicht wiedererkennt."
Ich kannte das ganze Gerede schon von früheren Eifersuchtsszenen und langweilte mich. "Lincoln, ich will nicht Hause." Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und schloss die Augen.
"Sie ist sehr betrunken und ich will sie nur nach Hause bringen. Sie ist nicht meine Freundin."
"Wenn sie sagt, dass sie mit dir zusammen ist, dann seid ihr es auch", beharrte Ulf.
Lincoln seufzte hörbar. "Hilfst du mir, sie nach Hause zu bringen?"
"Pah! Kümmre dich doch um deine eigene Scheiße." Ulf schaute zu Melles Haus. "Gibt's da noch Alkohol?"
"Ganz, ganz viel", antwortete ich und öffnete die Augen wieder.
Ulf hob eine Faust Richtung Lincoln. "Wenn du sie anfasst, bring ich dich um!"
"Ich liefere sie nur nach Hause ab. Ich will sie nicht mal anfassen", schwor Lincoln. Ich fand das echt gemein, aber ich sagte nichts, weil Ulf schon weitergegangen war und er es nicht mehr gehört hätte.
"Na, komm. Weiter geht's." Lincoln schritt wieder vorwärts und zog mich mit. "Was redest du da für Müll? Musst du mich benutzen, um deinen Ex eifersüchtig zu machen? Der Typ hätte mir fast eins auf die Fresse gehauen."
"Ist doch nicht passiert."
Den restlichen Weg nach Hause schwiegen wir. In meinem halben Wachkoma bekam ich erst mit, dass wir zu Hause waren, als Lincoln in meiner Handtasche meinen Schlüssel suchte. "Endlich! Findest du den Weg ab hier?", fragte er, als er die Haustür aufschloss.
"Ja, ist voll in Ordnung", sagte ich und schloss die Tür hinter mir.

Am nächsten Tag schlief ich bis drei Uhr nachmittags. In der Küche machte ich mir ein Butterbrot und einen Kaffee. Ich war verkatert, aber ich hatte Schlimmeres hinter mir. Das Telefon klingelte. Gretel. Sie erzählte mir, dass sie gestern Abend einen unglaublich coolen Typen kennen gelernt hatte. Ich hörte nur halbwegs interessiert zu, weil sich Gretels Eskapaden meist ähnelten. Sie fragte, wie es mir ergangen war, und ich verriet, dass Lincoln mich nach Hause gebracht hatte.
"Lincoln? War der so lange da? Ist voll lieb, dass er dich nach Hause gebracht hat."
Auf einmal verspürte ich nicht mehr die geringste Lust, mit Gretel zu telefonieren. Ich erzählte ihr, dass ich noch zu tun hätte, und legte auf. Während des Gespräches mit ihr hatte ich mich erinnert, wie dumm ich mich Lincoln gegenüber benommen hatte. Ich schämte mich und beschloss, herüber zu gehen und mich bei ihm zu entschuldigen.
Es dauerte einige Zeit, bis bei ihnen jemand öffnete. Es war Lincolns älterer Bruder, der uns auch zu Melles Feier gefahren hatte.
"Du!", stieß er durch zusammen gebissenen Zähne hindurch. "Du traust dich, herzukommen, nachdem, was du meinem Bruder angetan hast, du Miststück?"
"Was?" Ich hab Lincoln nichts angetan. Ich möchte mit ihm sprechen."
Ich fragte mich, was denn geschehen war. Allein von der Tatsache, dass Lincoln mich volltrunken nach Hause gebracht hatte, würde Lincolns Bruder nicht dermaßen wütend reagieren. Ich überlegte. Ulf, fuhr es mir durch den Kopf. Oh, nein! Er hat Lincoln etwas angetan. 
Lincoln trat an die Tür. "Was willst du?" Seine Stimme war eiskalt und seine Augen ...
Ich bekam es mit der Angst zu tun und traute mich nicht mehr, ihn anzusehen. "Eigentlich bin ich hier, um mich bei dir zu wegen gestern bedanken. Außerdem wollte ich mich wegen meines Verhaltens dir gegenüber entschuldigen. Das Theater mit Ulf war nicht in Ordnung."
"Entschuldigen." Tränen stiegen in seine Augen. "Dein Exfreund war gestern Abend noch hier und hat meinen Hund umgebracht."
Ich zuckte zurück. "Was? Saño? Er hat Saño getötet?"
"Wir sind wach geworden, als Saño laut heulte. Dein Ulf hat ihn erstochen. Wir konnten nichts mehr für ihn tun. Er ist vor unseren Augen verblutet. Er liegt hinten unter einer Plane."
Ich verschränkte meine Hände und hielt sie vor meinen Mund. Vor Schreck konnte ich nichts sagen.
"Meine Mutter hat Ulf beim Weglaufen gesehen und anhand ihrer Beschreibung wusste ich, wer er war. Das ist alles deine Schuld. Ohne deine lächerliche Eifersuchtsszene würde Ulf mich überhaupt nicht kennen und Saño wäre noch lebendig." Lincoln wischte sich über die Augen.
"Das wollte ich nicht", schaffte ich es zu sagen. "Das ... oh, es tut mir leid. Lincoln, ich ..."
"Ach, halt den Mund!", fuhr er mich an. Einen kurzen Moment lang war ich fest davon überzeugt, er würde mich schlagen. "Verschwinde einfach und lass mich in Ruhe. Sprich mich auch in der Schule nie wieder an. "Du bist ein richtiges Miststück."
Jetzt hatte ich auch Tränen in den Augen. Ich sagte nichts mehr, drehte mich um und rannte davon. Er hatte wirklich Recht. Lincoln war immer nett zu mir gewesen. Nicht jeder, nicht mal die meisten meiner Freunde, hätten mich die zwei Kilometer nach Hause geschleppt. Auch, nachdem ich mich ihm gegenüber ungerecht verhalten hatte, hatte er mir weiter geholfen. Und jetzt war wegen mir sein Hund umgebracht worden. Der arme Saño. Der arme Lincoln.
Zuhause setzte ich mich in meinen Sessel und heulte. Ich fühlte mich nur schlecht.

Das Gefühl ging auch die nächsten Jahre über nicht weg. Jedes Mal, wenn ich Lincoln sah, dachte ich an seinen toten Hund. Mehrmals bekam ich in der Öffentlichkeit einen Heulkrampf. Ich hielt mich an seine Worte, ließ ihn in Ruhe, redete nicht mit ihm. Jeder in meinem Umfeld erfuhr von der Geschichte. Sogar meine Eltern. Jetzt war ich die, die Lincolns Hund umgebracht hatte. Ulf bekam eine Anzeige wegen Sachbeschädigung und musste ein paar Sozialstunden ableisten. Wir trafen und noch einmal in einem Supermarkt. Ich rastete total aus, weil er vorgab, es wäre nichts geschehen. Ich bewarf ihn hysterisch schreiend mit Ketchupflaschen, die am nächsten gestanden hatten, und bekam Hausverbot. Ulf erstatte keine Anzeige, obwohl ich ihn traf und er aus einer Wunde am Kopf blutete, die genäht werden musste
Lincoln ging nach der zehnten Klasse ab und begann eine Lehre. Dazu zog er ans andere Ende der Stadt. Ich sah ihn nie wieder, aber ich dachte noch oft an ihn. Das Schuldgefühl ihm gegenüber ging nie wieder weg.

Donnerstag, 3. November 2011

Flaschengeist (Teil 2)

"Hast du deine Hausaufgaben fertig?" Beata hielt ihren Sohn an der Schulter fest, als dieser die Wohnung verlassen wollte.
"Ja, also, ähm, nein, also, Papa hat gesagt, dass ich noch -"
"Es ist halb fünf und du verlässt dieses Haus erst, wenn du deine Aufgaben erledigt hast. Irgendwo gibt es hier noch Regeln. Ich will nicht noch ein Vermerk im Muttiheft unterschreiben müssen."
"Aber Papa hat gesagt, ich soll zum Aldi gehen."
"Was willst du beim Aldi? Ich war gestern erst da."
"Die legen die Prospekte aus und ich soll welche holen."
"Und wieso macht dein Vater das nicht selber? Er ist für das Sammeln verantwortlich."
"Die haben ihm gesagt, nur Abgabe von haushaltsüblichen Mengen und er darf keine mehr mitnehmen. Die passen jetzt auf."
"Nichts da. Mach deine Aufgaben!"

Später kam der Vater nach Hause. Es gab ein unfreundliches Intermezzo, weil Henny keine Werbeblättchen vorweisen konnte. Beata mischte sich ein, als Alwin seinem Sohn eine Ohrfeige gab.
"Der Junge muss seine Aufgaben erledigen. Sonst bleibt er dumm, wenn er sich in der Schule nicht anstrengt."
Mutter und Vater schrieen sich gegenseitig an. Henny versteckte sich in seinem Zimmer unter dem Schreibtisch. Seit der Vater Papier statt Flaschen sammelte, war er wesentlich aggressiver geworden. Papier gab es überall umsonst. Flyer und kostenlose Zeitschriften, ausliegende Werbung, Bekleidungs- und Einrichtungskataloge, die nur halb ins Postfach passten und leichter herausgezogen werden konnten. Ähnlich war es bei Zeitungen. Donnerstags zog der Vater mit einem kleinen Rollkoffer los, den er sich besorgt hatte, um all das Papier bewegen zu können. Er ging davon aus, dass auch andere Flaschensammler bald umsteigen würden. Deshalb musste er soviel abgreifen wie möglich. Papier wog recht schwer und Henny musste immer öfter tragen helfen.
"Papa, ist es Diebstahl, wenn wir die Zeitung aus dem Briefkasten nehmen?"
"Halt den Mund, Henny."
Am gleichen Abend, als die Familie stumm beim Abendessen saß, zeigte Alwin auf seinen Sohn. "Du! Stell dir deinen Wecker auf halb fünf."
"Was soll der Junge um die Uhrzeit?", schaltete sich Beata ein.
"Der Russe von gegenüber. Der bekommt dann seine Werbung geliefert. Warum soll ich eigentlich hier herumlaufen und sammeln, wenn ich zig Euro Papier vor meiner Nase habe."
"Das ist aber nicht rechtens."
"Wenn du nicht willst, dass dir jemand was nimmt, dann pass auf dein Zeug auf. Wir nehmen ja nicht alles. Und der Alte bekommt gleiches Geld dafür, dass er weniger Arbeit hat."

"Versteck dich hier. Der Wagen kommt." Vater und Sohn duckten sich hinter den Mülltonnen und spähten zum gegenüber liegenden Haus.
Der kleine Transporter hielt. Zwei Männer stiegen aus und beförderten große Bündel in Plastik eingeschweißte Stapel heraus. Kaum waren sie weitergefahren, richtete sich Alwin Plenkowitzsch zu seiner vollen Größe auf.
"Ah, ich hab nicht an dieses beschissene Plastik gedacht. Junge, hol ein Messer aus der Küche! Und bring gleich Mutters Einkaufskorb mit. Pass auf, dass sie das nicht mitbekommt."
Alwin lief auf die andere Straßenseite, seinen Rollkoffer unter dem Arm geklemmt. Er versuchte, das Plastik mit den Händen aufzureißen. Es gelang ihm nur mäßig. Striemen blieben an seinen Fingern zurück. Henny kam mit dem Messer und dem Korb.
"Du läufst hin und her und stapelst das Papier erst mal hinter der Haustür. Wir tragen es später in unseren Keller. Am besten ist, wir schaffen alles fort, damit es so aussieht, als wäre es nie geliefert worden."
"Gestern hast du noch zu Mama -"
"Halt's Maul, verdammt!" Sah er das Papier vor sich, begannen Alwins Augen zu glänzen. Dafür würde er ganze Scheine bekommen. "Los, Junge, beweg dich!"
Er nahm Henny das Messer ab und begann mit dem Aufschneiden der Pakete. Das Plastik zeigte sich widerstandsfähiger als gedacht. Zudem hielten noch kabelbinderähnliche Konstrukte eine abgepackte Papiereinheit zusammen. "Was für ein Unsinn. So viel Mühe dafür, dass es nur Werbung ist." Alwin entwich der ein oder andere Fluch, während er mit dem Messer zugange war. "Mensch, Junge, mach voranl! Du kommst nicht hinterher."
"Es ist voll schwer." Henny wischte sich über die verschwitzte Stirn.
"Hör auf zu ningeln! Wir machen das für die Familie, hörst du! Für die Familie."
Also fuhr Henny fort. Stapelte Papier in den Wagen des Vaters und in den Korb der Mutter und beförderte beides in den Flur ihres Miethauses. Einer ihrer Nachbarn kam mit seinem Hund die Treppen herunter. Es war der Frührentner Zügner, der sein ganzes Geld für seinen kleinen Garten drüben in der Anlage ausgab. Sein Hund heulte, wurde er allein gelassen. Henny Mutter hatte sich schon mal bei der Hausverwaltung darüber beschwert, aber es war nichts geschehen.
"Eh, kleiner Plenkowitzsch, was denn ihr da?"
"Nichts." Henny griff nach dem letzten Bund aus dem Korb. Er hatte ungerade gestapelt. Langsam begann sein Turm zu kippen. Hoffentlich sah der Vater das nicht so eng, wenn er mehr Platz für das Papier brauchte als eingeplant.
"Du klaust dem Russen doch nicht etwa das Papier?"
"Was? - Ich? Nein."
"Junge." Zügner griff nach Hennys Arm und zog ihn aus dem Hausflur zur Straße hin. "Wo ist dein Vater?"
"Lassen Sie mich los", brüllte Henny und versuchte, sich loszureißen.
"Henny, was ist los?", meldete sich der Vater lautstark.
"Hab ich es doch gewusst! Ihr asozialen Nazis klaut dem armen Mann seine Werbung!"
"Wir sind nicht asozial!", fuhr Henny den Mann an.
"Ach, Junge, halt dein Maul." Zügner wandte sich dem Vater zu. "Sie begehen hier Diebstahl, Plenkowitzsch!"
"Das geht Sie gar nichts an. Machen Sie sich besser fort!"
"Wollen Sie mir etwa drohen? Legen Sie das Messer weg!"
Die beiden Männer begannen sich zu umkreisen, während sie sich anschrieen. Zügners Hund sah sein Herrchen in Gefahr und begann zu bellen. In den herumliegenden Häusern gingen Lichter an. Im dritten Stock wurde ein Fenster geöffnet. "Was ist da unten los?"
Zügner schaute nach oben. "Russe – der Plenkowitzsch klaut dir dein Papier!"
"Du Mistkerl! Warte, bis ich da bin."
Der Russe kam in Windeseile herunter. Er stürmte auf Alwin zu, der, als er die verkrampften Fäuste des Rentners sah, einen unkoordinierten Rückzug ins Haus bevorzugte.
"Komm her, du Lumpenschwein", brüllte der Russe. "Gib mir mein Papier zurück."
Alwin schmiss die Haustür hinter sich zu. Sein Schatten verlor sich in dem Milchglas der Tür.
"Papa! Papa!, brüllte Henny.
Zügner packte den Sohn an der Jacke. "Du gehst nirgends hin, Freundchen. Du bleibst, bis die Polizei hier ist."