Donnerstag, 29. März 2012

Ein Monster verschlingt

Lysette wachte auf, als ihr zweijähriger Sohn Ríos anfing ihre Schulter zu rütteln. Wahrscheinlich hat er wieder schlecht geträumt, dachte sie und öffnete die Augen. Ríos stand mit ein bisschen Abstand neben ihrem Schlafsofa. Er kaute auf dem Ärmel seines übergroßen Schlafanzugs. Sein Gesicht war vom Weinen gerötet.
"Mama", sagte er und zog die Nase hoch. Lysette stand auf. Ein stumpfer Schmerz in ihrem Rücken machte sich bemerkbar. Sie ignorierte ihn und umarmte ihren Sohn.
"Mama", wiederholte er noch ein paar mal und kuschelte sich an ihre Schulter. Sie strich ihm über die dunklen Haare und drückte ihn fest an sich.
Es war noch dunkel draußen. Die Leuchtziffern des Weckers verrieten ihr, dass sie in einer halben Stunde eh aufgestanden wäre.
"Hab Hunger", sagte Ríos.
"Soll Mama uns etwas zu essen machen?"
Er nickte. "Konfläks."
"Wenn du Cornflakes essen möchtest, kannst du sie gerne haben", erwiderte sie und ließ ihn herunter. Er lief nach nebenan in die Küche. Bevor sie ihm folgte, stellte sie den Wecker aus. Als sie die Küche betrat, hatte er die Zerealienschachtel bereits aus dem Schrank geholt.
"Helf dir, Mama."
"Das machst du toll, Ríos", sagte sie und erkundigte sich dann vorsichtig: "Hast du wieder schlecht geträumt?"
"Ja. Böses Monster war wieder da. Versucht imma mich zu fressen. Aber diese Nacht war nicht so schlimm. Hat mich nicht bekommen."
Lysette machte sich ernsthafte Sorgen um die Träume ihres Sohnes. Seit einiger Zeit träumte er jetzt schon von einem Ungeheuer, das ihn verschlang. Er weigerte sich, es ihr näher zu beschreiben. Sagte, er wollte nicht, dass sie auch Alpträume bekam.
Ríos schrie oft während der Träume und weinte nach dem Aufwachen. Es waren entnervende Momente. Diese panischen Schreie, die voller Angst aufgerissenen Augen, die ihm schmerzten, weil er zu viel weinte. Lysette empfand es nicht als möglich, dass ein zweijähriges Kind dermaßen schrecklich träumen konnte. Ihre Nachbarn hatten sich längst wegen des Lärms beschwert. Sie solle mit Ríos zu einem Kinderpsychologen gehen. Wenn sie es sich leisten könnte, hätte sie den Gang längst gewagt. Ihre zwei Jobs, sie war Kellnerin und Putzfrau, und Ríos' Kindergeld bezahlten die Rechnungen, aber außerrahmliche Aktivitäten konnte sie sich nicht leisten. Sie sparte ein bisschen, weil sie wusste, dass Kindergarten und Schule später Geld verschlingen würden. Während sie arbeiten ging, umsorgte ihre Nachbarin Ríos. Sie fragte sich acht Euro die Stunde. Lysette mochte die Frau nicht, aber sie hatte keine andere Möglichkeit, Ríos unterzubringen.
Lysette holte zwei Schüssel aus dem Wandschrank und stellte sie auf den Ecktisch. Ríos saß schon auf seinem Stuhl und spielte mit dem Löffel. Er lachte, als er sein Spiegelbild in diesem erkannte, und plapperte munter drauf los, dass er mal groß, mal klein, mal verkehrt herum zu sehen war. Lysette füllte ihre beiden Schalen. Als sie zur Milch griff, rief Ríos: "Nein. Will selber machen, Mama."
"In Ordnung. Sei aber vorsichtig, Ríos. Die Tüte ist schwer." Er griff nach der vollen Milchtüte und hob sie an den Rand der Plastikschale. Diese gab unter dem Gewicht nach und kippte um. Ríos verlor den Halt und die Tüte fiel ihm aus den Händen und landete auf dem Boden. Sofort fing er an zu brüllen.
Seine Mutter dachte an die Beschwerden der Nachbarn und zog ihn an seine Brust. "Ríos, es ist doch gar nichts passiert. Du hast dich nur erschrocken. Pscht! Schrei nicht so laut. Schau, es ist nichts kaputt gegangen. Nur ein bisschen Müll", redete sie behutsam auf ihn ein und wiegte ihn hin und her. Es half nicht. Er schrie weiter. Dicke Tränenströme flossen sein Gesicht herunter. Lysette versuchte weiter, ihn zu beruhigen, aber als er nicht aufhörte, begann sie ihn zu schütteln. Jetzt schrie sie selber: "Sei leise, Ríos! Willst du, dass wir wieder Ärger bekommen? Das ist überhaupt kein Grund zum Heulen. Es ist nichts Schlimmes passiert. Ríos - sei leise! Mensch! Halt den Mund, verdammt noch mal!"
"Du tust mir weh", brüllte Ríos und erst jetzt bemerkte Lysette, dass sie die Oberarme ihres Sohnes fest umklammert hielt. "Genau wie das Monster", schluchzte Ríos.
Lysette ließ ihn schlagartig lost. Sie wollte sich wieder aufrichten, fand aber keinen Halt in der Milchlache auf dem Boden. Sie rutschte aus und fiel auf den Hintern. Ríos erschrak noch mehr als sie. Er lief schreiend aus der Küche. Lysette starrte eine Zeit lang stumpf hinter ihm her. Dann glitt ihr Blick zum Fußboden, zu der ausgelaufenen, gestern erst gekauften Milch, in der die billigen Cornflakes bereits aufweichten. Es war ihre letzte Packung gewesen. Jetzt mussten sie ihre Cornflakes wohl wieder mit Wasser zu sich nehmen.
Sie machte sich daran, die Milch vom Boden zu wischen. Als die Küche wieder sauber war, holte sie Ríos aus seinem Bett. Er hatte sich unter der Decke versteckt.
"Hab Angst vor Monster, Mama", murmelte er und breitete die Arme aus. Sie umarmte ihn und er trocknete seine Wangen an ihrem Nachthemd. "Das Monster hat gesagt, es hat auch Papa gefressen, Mama."
Lysette schloss die Augen. "Nein, dein Papa ist nicht von dem Monster gefressen worden. Dein Papa ist vor dem Monster weggelaufen."

Montag, 12. März 2012

Das Licht

Es waren die letzten Tage des Schnees. Hier und da blieben ein paar Reste liegen, die den Boden tupften. Die Bäume am Straßenrand streckten ihre blanken Äste zum Himmel empor. Es war noch Winter, aber gerade hielt er inne zum Atmen.
Nach der Arbeit wählte ich den Fußweg nach Hause. Das erste Mal umgab mich dabei komplette Stille. Kein Auto fuhr dort, wo sonst die Symphonie des Feierabendverkehrs spielte. Keine Straßenbahn gab den Ton an.
In der Ferne erhellte blaues Licht die anbrechende Nacht. An der Ecke, an der ich wohnte, hatte die Polizei die Hauptstraße gesperrt. Eine Polizistin, die mir inklusive Mütze bis zur Brust ging, stand dort, ein Funkgerät in der Hand. Eine deutlich zu sehende Armbanduhr zierte ihr Gelenk. Wenige Mitbürger hatte sich an der Absperrung versammelt. Es war zu kalt, als dass es Schaulustige vom Fernseher daheim vertrieben hätte.
Ich sah nirgends Krankenwagen, nur viele Polizisten. Mit dem Schlüssel in der Hand lief ich an der Beamtin vorbei zu meinem Hauseingang. Sie schaute mich wortlos an.
Meine Kamera lag im Wohnzimmer. Ich entnahm dem Kühlschrank einen zusätzlichen Film, verstaute frische Akkus in meiner Umhängetasche und verließ das Haus durch den Hintereingang. Leere Hauptstraßen bei Sonnenuntergang lockten mich hinaus.
Kurze Zeit später begann die Polizei durch die Straßen zu fahren. In einer Endlosschleifen verlasen sie ihre Aufforderung, wegen einer Bombenräumung nicht das Haus zu verlassen sowie Fenster und Türen geschlossen zu halten.
Ich hatte Minuten.
Das Gefühl des guten Bildes ist wie ein Jucken, nur, dass ich die Stelle zum Kratzen erst finden muss. Es ist hier. Und lägen noch fünf Fliegerbomben mehr herum, bliebe ich nicht in meinen Wänden.
Ich fotografierte die leeren Laubbäume vor dem Dämmerungshimmel. Weißen Schnee auf halb verrottetem Müll. Abrisshäuser bargen Schätze. Das Blaulicht im A & V.
Das Motiv war gar nicht mal schlecht. Im Gegensatz zum Winkel. Ging ich weiter vor, würde mich bestimmt einer der Beamten anweisen nach Hause zu gehen oder je nach dem, wie sehr sie schon von klatschgeilen Rentnerinnen mit Hüften genervt worden waren, würden sie sogar meinen Film konfiszieren. Das durfte nicht passieren. Die Filme waren teuer. Ich ließ mir mein Material aus Japan importieren.
Aber ich wollte mein Bild haben. Ich kletterte auf den Mauerrest, der eines der maroden Häuser in meiner Nachbarschaft eingrenzte. Von hier konnte ich die untersten Äste der Kastanie erreichen, die dort wurzelte. Ich schwang mich hoch.
Da hatte ich es. Polizist Dick und Polizist Schwarzhaar standen am anderen Ende der Absperrung. Sie standen mit dem Rücken in dem halb beleuchteten Schaufenster. Die Schriftzüge ihrer Uniformen reflektierten in der Auslage.
Bildschirmbearbeitung konnte jeder. Ich bildete mir schon ein bisschen was drauf ein, analoge Fotos zu schießen.
"Achtung! Achtung! In Ihrer Nachbarschaft wird eine Bombe entschärft. Bitte bleiben Sie im Haus. Halten Sie Fenster und Türen geschlossen!"
Ich erschreckte mich so sehr, dass mir die Kamera fast aus der Hand fiel. Das klang ziemlich nahe. Ich ging in die Hocke und angelte mich den Baum herunter hinter den Mauerrest.
Sie sagen wirklich 'Achtung! Achtung!', dachte ich noch und dann: Ich verstecke mich vor der Polizei, weil ich Fotos mache.
Ich fühlte mich wie ein Rebell, wie früher als Kind, als ich heimlich Schokolade aus der Schublade mit den Süßigkeiten gemopst hatte.
Das Polizeiauto fuhr langsam an mir vorbei. Das rotierende Blaulicht spiegelte sich in den eingeworfenen Fenstern des Hauses vor mir. Ich drückte auf den Auslöser, während mir die monotone Durchsage im Kopf dröhnte.
Der Wagen bog in die nächste Straße ein. Ich lugte um die Ecke und erhob mich.
"Pass auf!"
Ich fuhr zusammen. Wieder glitt mir die Kamera aus den Händen und diesmal hatte ich all meine Mühe, sie aufzufangen. Mir klopfte das Herz. Ich hatte anderthalb Jahre für das Gerät gespart. Sie war mir im wahrsten Sinn lieb und teuer.
Ich drehte mich um.
Sie stand direkt hinter mir. Mein Alter. Fast einen Kopf kleiner als ich. Grauer Mantel. Schwarze Strumpfhosen und Stiefel mit dicken Schnallen. Ein roter Schal und eine rote Mütze umrahmten ihr rundes Gesicht. Ein paar blonde Haare fielen ihr in die Stirn. Die Sommersprossen auf ihrer Nase demaskierten den nahenden Frühling. Vielleicht war es der Schreck der beinah fallen gelassenen Kamera, vielleicht war es einfach ihre Erscheinung. Sie brachte mich total aus der Fassung.
"Was?", kam es aus mir hervor.
"Pass auf, wo du hintrittst. Da liegt überall Hundekacke."
Mein Blick ging zu Boden. Dann wieder zu ihr.
"Was?"
Sie lachte. "Und noch was: Du hast eben Bilder von mir gemacht. Lösch sie bitte."
"Ich habe dich nicht fotografiert." Manchmal log ich, wenn ich das behauptete, aber diesmal nicht. Woher kam sie überhaupt? Die Dämmerung lief in den Nachtschatten über. Das Rot ihrer Mütze leuchtete selbst jetzt. Ich hätte sie niemals übersehen können.
In ihrem Gesicht ging etwas verloren, als ich ihr widersprach. "Zeig mir die Aufnahmen. Ich habe mich im Haus versteckt, als du es fotografiert hast."
Sie griff nach dem Fotoapparat und ich zog ihn automatisch aus ihrer Reichweite. "Ich fotografiere analog."
"Wie bitte?"
"Das ist richtiger Film. Ich muss die Bilder erst entwickeln, bevor ich dir sie dir zeigen kann."
"'Richtiger Film'? Schreibst du Fotografie auch noch mit Ph?"
"Was? Nein. Ich bin in der Schule umgelernt worden." Ich schüttelte den Kopf. "Ich schicke dir gerne Abzüge. Meines Wissens nach bist du nicht auf den Bildern abgelichtet. Ich habe die Fenster im oberen Stockwerk fokussiert."
"Ja, und genau da war ich."
"Wie bist du denn da rein gekommen?"
"Durch die Tür."
Ich schaute an ihr vorbei. Ah, die Haustür hatte mal jemand durchbrochen. In letzter Zeit war ich von Fensterscheiben und Glas im Generellen sehr besessen. Da fiel mir eine eingetretene, hölzerne Haustür nicht auf.
"Warum versteckst du dich?"
"Warum versteckst du dich?"
"Ich will nicht, dass sie meine Kamera konfiszieren, wenn ich hier Fotos mache."
Sie nickte und verkniff sich das Grinsen. "Ah. Ausgangssperre."
"Oh. Ist eine?"
"Nein. In einem Radius von 500 Metern um die Fundstelle haben sie die Gebäude evakuiert. Und dann haben sie noch einen weiteren Sperrkreis für den Luftschutzbereich gezogen. Sie werden wahrscheinlich die Leute kontrollieren, weil ihnen langweilig ist. Das ganze Prozedere kann jetzt zwei, drei Stunden dauern."
"Woher weißt du das?"
"Radio." Sie zog die Augenbrauen hoch. "Was ist jetzt? Krieg ich den Film?"
"Den Film? Nein. Vielleicht das Bild. Das dich aber nicht zeigen wird. Ich muss es erst entwickeln."
"Machst du das zu Hause?"
"Ja, im Bad."
"Gut. Ich warte solange."
"Was?"
"Ich wohne da vorne." Sie zeigte auf ein Haus innerhalb des Sperrbezirks. "Ich kam erst nach der Vollsperrung und wollte mich nicht nachschließlich räumen lassen. Auf Notunterkünfte mit all den Rentnern und Familien kann ich verzichten." Sie lächelte wieder. "Lad mich auf einen Kaffee ein. Ich nehme auch Leitungswasser, wenn du keinen hast."
Ich konnte nicht Nein sagen. Ich wollte sie wieder lächeln sehen.
"Du musst mir deine Abneigung erklären. Ich kenne viele Mädchen, die sich bei Fotos zieren, aber ..." Ich verhaspelte mich. Lieber hätte ich wieder meine Kamera aufgefangen, als diesen Satz zu beenden.
Sie lächelte. "Aber du kennst mich nicht. Wir haben ja ein paar Stunden. Ich werde es dir erklären."



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