Montag, 23. April 2012

Als Kinder

Es war um Ostern herum. Wir hatten noch Ferien. Rinny, Birnbacher und ich hingen auf dem Augustplatz herum. Es dämmerte schon. Die Lampen der Parkhausausgänge schalteten sich an.
"Ist euch schon mal aufgefallen, dass sie die Farbe wechseln?", fragte Rinny in die Runde.
Gerade eben hatten wir McRibs geschlachtet. "Eh, Alter, du hast da so Scheiße", sagte ich zu ihm und deutete auf die Mundwinkel.
"Ach, Dreck." Rinny nutzte seinen Jackenärmel und wischte den Soßenrest fort.
"Oh, was kommt denn da?" Birnbacher stieß einen Pfiff aus. Früher hatten wir ihn Birni genannt. Mit Birni legte man sich nicht an, aber Birni war ein netter Kerl. Nachdem er sowohl 190 Zentimeter als auch 100 Kilogramm erreicht hatte, war sein kompletter Nachname wieder in Erscheinung getreten.
Wir drehten alle den Kopf zu zwei, ich sag mal, geilen Ischen, die sich ihren Weg an uns vorbei Richtung Innenstadt bahnten. Recht dürr, aber mit kurzen Röcken und aufwändigen Steckfrisuren, zogen sie beide riesige schwarze Koffer hinter sich her. Sie bewegten sich auf Stöckelschuhen und blieben mit diesen wiederholt in den Vertiefungen der Pflastersteine hängen.
"Das ist das Dümmste, was ich je gesehen habe", ließ Rinny von sich hören.
"Die eine hat 'nen geilen Arsch", sagte Birnbacher.
"Ja, zwischen den Knochen." Ich war nicht so für die Stöckchenfraktion.
Birnbacher lachte und Rinny schoss ein Foto mit seinem Handy.
Es wurde kalt. Im Konsum um die Ecke kauften wir Bier und fuhren zurück nach Hause. In der Straßenbahn saßen wir ganz hinten auf dem Fünfersitz. Vor uns schrie ein Kleinkind und ein ungepflegter Typ verbreitete seinen Gestank. Ein bisschen wie bei mir zu Hause.
Wir fuhren drei Stationen. Dann stiegen wir aus. 
"Da sitzt die Bekloppte, von der ich euch mal erzählt hab", flüsterte Rinny uns zu.
Auf der Bank der gegenüber liegenden Haltestation saß eine Frau auf der Bank. Auf den ersten Blick wirkte sie sehr gepflegt. Sie trug glänzende Lederschuhe und ein braunes Kostüm. Ihre kurzen Haare waren dunkler gefärbt. Knallrote Lippen und lackierte Fingernägel reflektierten das Licht der Werbetafeln. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Zigarette. Sie zog in unregelmäßigen Abständen daran. Ihre Lippen bewegten sich. Sie sprach die ganze Zeit mit sich selbst.
"Das ist Frau Walther." Die Worte kamen aus mir heraus. Früher hatten die Walthers in meiner Nachbarschaft gewohnt. Ihr Sohn Mehdi war ein, zwei Jahre jünger als ich gewesen. Wir waren noch zusammen in den Kindergarten gegangen. Mehdi war im ersten Schuljahr im See ertrunken. Er war ins Wasser gesprungen, obwohl er nicht hatte schwimmen können.
Ich hatte Frau Walther seitdem nicht mehr gesehen.
"Was? Du kennst die? Die kommt oft in die Kaufhalle, in der meine Mutti arbeitet. Sie steht dann an der Kasse und redet minutenlang ohne Pause, meistens über irgendein wirres Zeug. Kein Mensch weiß ..." Rinny quatschte weiter. Ich hörte nicht mehr zu.
Einmal war ich als Kind bei Mehdi spielen gewesen. Wir hatten Burgen aus Lego gebaut. Im Hintergrund liefen Zeichentrickserien. Frau Walther hatte als Sekretärin beim damaligen Bürgermeister gearbeitet. Sie hatte uns Fertigpizza gemacht, weil sie keine Zeit zum Kochen gehabt hatte.
Langsam wippte ihr Oberkörper vor und zurück. Ihre Augen suchten den Boden ab. Ganz schwach hörte ich ihre Stimme. Sie sagte irgendetwas von Regen.
"He, Kollthaler!", rief Birnbacher. "Lass mal losmachen."
Ich schaute ein letztes Mal zu Frau Walther. Beim Klang meines Namens hatte sie sich aufgerichtet. Sie starrte mich an. Ihr Blick durchdrang mich - so wie damals, als ich Mehdi Spielzeugklötze weggenommen hatte, um sie in meine eigene Burg zu verbauen.
Was für eine Schuld. Ich zuckte zusammen.

Sonntag, 8. April 2012

& die Dunkelheit

Anmerkung: "& die Dunkelheit" ist eine Weitererzählung zu "Das Licht"


Ihr Name lautete Annabella. "Ist das dein echter Name?", fragte ich sie. "Glaubst du, ich mache Witze?", war ihre Erwiderung.
In dem Moment stand ich auf meinem Badezimmerhocker, weil ich die dortige Glühbirne gegen eine rote auswechselte. Ich hatte mein kleines Dunkelkammerequipment aufgebaut. Annabella stand die ganze Zeit am Rande und beobachtete mich dabei. Sie trank das Glas Cola, welches ich ihr hatte anbieten können.
Ich hatte noch nie ein Mädchen mit in die Dunkelkammer gebracht. Sie wartete nicht, bis ich vom Hocker herunterstieg, sondern schloss sofort die Tür und schaltete das Licht an. Sie schlürfte die Cola. Das Rotlicht hinterließ einen fasrigen Schatten auf ihrem Gesicht, wenn sie das Glas zu ihrem Mund hob.
"Und wie lange wird das jetzt dauern?"
"Etwa zwanzig Minuten. Der größte Teil besteht aus Warten. Zeit genug für das, was du mir erzählen wolltest."
"Ah ja."
Gerade eben hatte sie ihre Mütze ausgezogen. Ihr blondes, relativ kurzes Haar türmte sich um ihren Kopf. Ich traute mich nicht so recht, sie anzuschauen, weil ich ihr nicht das Gefühl geben wollte, beobachtet zu werden.
Dabei wollte ich nichts Anderes als sie anstarren.
Sie nahm noch einen Schluck und zog die Nase kraus. "Die Kohlensäure springt mir bis in die Nase. Voll krass. - Also, ich wollte dir gar nichts erzählen."
"Dann sei bitte so nett."
"Kannst du während des Entwickelns zuhören?"
"Ich kann sogar während des Zuhörens entwickeln."
Gut, vielleicht verstand sie, dass mich ihre Frage ein wenig kränkte. Ich war Amateur, kein blutiger Anfänger. Sie beließ es dann auch dabei. Ich überlegte kurz, ob ich ihr etwas vom Entwickler, vom Stopp- und Fixierbad erklären sollte. "Kannst du mal bitte die Heizung auf zwei drehen. Es muss etwas wärmer werden", kam dann schließlich über meine Lippen. "Was genau hast du gegen Fotografie?"
Annabella schnaufte kurz. Ich hörte es und drehte ihr den Rücken zu, als ich mit dem Entwickeln begann.
"Ich habe gar nichts gegen Fotografie an sich. Mir ist aufgefallen, dass, wenn ich auf Feiern bin, oder zu irgendwelchen Anlässe gehe, überall Fotos im Übermaß geschossen werden. Wir profilieren uns natürlich durch die Fotos, die wir zu Dutzenden bei den sozialen Medien hochladen. Wir wollen einen Eindruck hinterlassen. Und dieser beruht auf einer Reihe von Abbildungen. Genau das mag ich nicht. Eine Fotografie ist immer nur ein Duplikat der Realität. Das Internet als Freizeitaktivität ist eine Flut von Bildern. Die Filter in deinem Kopf, welche das alles verarbeiten, werden irgendwann mit der Masse nicht mehr zurecht kommen. Es gibt keine Wertigkeit mehr dessen, was du dir gerade anschaust. Ich merke das an mir selber. Gerade noch hochwertige Kunstportraits angeschaut, danach lustige Tierfotos oder Bilder aus den Nachrichten."
Sie nagte kurz an der Unterlippe. "Es geht mir auch viel darum, dass ein großer Bereich des Lebens verloren geht, weil wir unsere Kommunikation ins Digitale verlegen. Das ist doch nicht echt. Ich weiß nicht, wie es meinen Freunden geht, nur weil ich ihre Statuserneuerungen lese."
"Kommunikation unterliegt einem stetigen Wandel", setzte ich an, aber sie unterbrach mich unwirsch.
"Ich weiß um den Wandel. Darum geht es mir nicht. Ich als Mensch bin viel mehr als ein Abdruck von mir. Und wenn sich der Fokus darauf liegt, nur noch Fotos anderer Menschen anzusehen, dann geht da die Form der Zwischenmenschlichkeit verloren. Das Leben ist etwas Aktives. Wir lernen durch Handeln und Begegnen. Das Digitale, in das wir derzeit versteift sind, ist nur ein überbrückter Kontakt, nicht der Kontakt selber, aber wir halten ihn dafür. Das ist eine Wertverschiebung, die uns voneinander entfernt. Wir stumpfen uns selbst ab und transportieren das in die reale Welt. Und in dem Moment, in dem wir stumpf sind, können uns echte Gefahren leichter überwältigen
Ich drehte mich wieder zu ihr herum. Die Luft im Badezimer war mittlerweile verbraucht. Ich griff an ihr vorbei und öffnete die Tür. Das Licht aus dem Flur fiel auf ihren stark geröteten Kopf. Sie atmete schwer.
"Ich verstehe in Ansätzen, was du meinst." Ich drückte ihr den Abzug des Negativs in die Hand, das ich für sie gemacht hatte. "Hier hast du dein Foto."
Sie war immer noch in Rage. Ihre Hand, welche das Fotopapier hielt, zitterte leicht.
Ich begann den erneuten Glühbirnenwechsel. Währenddessen stand sie im Licht der Flurlampe und betrachtete das Foto.
"Ist das immer schwarzweiß?", fragte sie.
"Ja. Farbe ist schwierig. Das lasse ich dann im Fotolabor entwickeln", antwortete ich und kletterte von dem Hocker herunter. Ich kippte das Fenster im Bad und trat zu ihr hinaus. "Du bist nicht zu erkennen."
"Ich glaube, hier oben sieht man meine Mütze. Aber es ist nicht weiter der Rede wert." Sie ließ das Papier sinken. "Was denkst du über das, was ich gerade gesagt habe?"
"Manchmal kann eine kleine Momentaufnahmen die ganze Welt festhalten. Egal, wie viel Fotos du anschaust, es werden immer welche darunter sein, die dich begleiten. Und meine Kommunikation hat noch nie darunter gelitten, dass ich mir stundenlang Fotos anschauen kann." In dem Moment, in dem ich sie in ihrer Wut erlebt hatte, hatte ich meine Scheu vor ihr verloren. Annabella war nur ein Mensch. "Möchtest du noch etwas zu trinken?" Ich lächelte sie an.