Samstag, 22. Dezember 2012

Hohlenfeld (3/3)


"Hohlenfeld" ist eine dreiteilige Horror-Serie. Hier finden sich Teil 1 und Teil 2.


Die Klasse versammelte sich wieder am Bus. Wie die Schüler feststellen musste, wa­ren we­der der Busfahrer noch Maleen auffindbar. Die Tasche des Lehrers lag umgestoßen im Bus, direkt neben der Zeitung des Bus­fahrers.
Der Lehrer tobte, die Klasse schimpfte, Lena und Rita zickten, Haila zerbiss sich besorgt die Unterlippe. Maleen war jetzt seit knapp einer Vier­telstunde verschwunden. Vor etwa zwölf Minu­ten hatte dieser grau­same Eis­regen eingesetzt. Vor fünf Minuten hatte Haila den Klassenlehrer gefragt, ob sie mal nach Maleen schauen könnte, um dann zu vermelden, dass das Mädchen und der Busfahrer spurlos ver­schwun­den wa­ren.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“, fragte schließlich einer laut.
Der Lehrer versuchte, seine Ratlosigkeit nicht allzu deutlich zu zeigen. Innerlich fluchte er in sich hinein. Seit Maleen die Klasse betreten hatte, hatte er gewusst, dass sie nur Probleme machen würde. Seine Prog­nose hatte sich als richtig erwiesen: Sie spielte die Aufsässige, die sich für besser hielt als die anderen anstatt sich anzupassen und ihren Mitmenschen das Leben angenehmer zu machen. Auch jetzt wollte sie sich in Szene setzen, wie Außensei­ter das nun mal gern taten. Am liebsten würde er sie auf die Nase fallen lassen und nicht ausfindig machen. Dann würde sie irgendwann von alleine zurückkommen, be­schämt, gescheitert, belehrt. Er könnte sie sogar wegen ihres Benehmens nach Hause schicken.
Doch gleichzeitig war er sich im Klaren, dass er anders handeln musste. Ihre Eltern waren wohlhabend, pflegten politisch gute Kontakte zu allen wichtigen Men­schen in Hohlenfeld. Maleen könnte ihm heftige Schwierigkeiten bereiten, wenn sie wollte. Er musste nach ihr suchen lassen, damit man ihm keine Fahrläs­sigkeit vorwerfen konnte.
Der Lehrer sah durch seine Brille in die Runde empörter Schüler und ent­schied: „Haila, Lena und Ri­ta, ihr kommt mit mir. Der Rest geht zurück ins Restau­rant und bleibt da.“
Gleichzeitig öffneten Rita und Lena die Münder, um zu protestieren, doch der Lehrer kam ihnen zuvor: „Seid still und fangt mit der Suche an!“
Die kleine Gruppe trennte sich auf ihrer Suche. Der Lehrer teilte ihnen Bereiche zu, die sie im angrenzen­den Wald durchsuchen sollten. Logischerweise hatte sich Maleen nämlich dort versteckt. Bei dem ebenen Abhang hätte man sie zu leicht gesehen.
Rita und Lena bewegten sich langsam den Waldweg entlang, während sie zusammen darüber schimpften, dass sie mitsuchen mussten.
„Wenn ich mich erkälte, bring ich Maleen um“, schwor Rita.
„Dieser Mistkerl muss die nach Hause schicken. Wetten, sie versteckt sich irgendwo in diesem Wirtshaus und lacht die ganze Zeit über uns.“
Der Lehrer kam vor ihnen aus dem Gebüsch. Auch er war durchnässt. Er hatte seine Brille abgenommen. An seinen Schuhen klebten Schlamm und Blätter.
„Rita und Lena, ich höre eure Stimmen gar nicht!“, tadelte er sie.
„Was bringt es hier herumzubrüllen, wenn der Regen alles übertönt?“, fragte Haila zurück.
Er schnaufte nur als Antwort. „Weiß einer, wo Haila ist?“
„Bestimmt zum Haus zurückgelaufen.“
„Können wir nicht auch wieder zurück? Wir finden die doch eh nicht. Die kommt schon wieder. Bestimmt beobachtet sie von irgendeinem Versteck das Gasthaus und zählt Minuten, bis sie wieder hervorkommt.“
„Gut, suchen wir Haila, dann gehen wir wieder zurück.“
Ein wenig abseits von den restlichen dreien der Suchtruppe durchkämmte Haila einen kleinen Hang, der ganz mit Sträuchern bedeckt war. In regelmäßigen Ab­ständen rief sie nach Maleen, obwohl sie wusste, dass das Echo im Rhythmus des Regens vollkom­men unterging. Maleen war viel zu eitel, um sich ohne Jacken solchen Regen auszusetzen. Sie würde es niemals riskieren krank zu werden. Wenn sie wirklich hier im Wald war, dann weil sie sich erschreckt hatte. Und sie musste hier im Wald sein. Haila hatte sie beobachtet, wie sie zum Bus gegangen war, aber sie hatte sie nicht zurückkommen sehen. Der Bus stand mit der türlosen Seite zum Gasthaus und verdeckte einen Bereich des Waldes. Wäre Maleen zum Haus zurückgelaufen, hätte Haila es auf jeden Fall mitbekommen.
Haila wollte sich nicht ausmalen, dass der Busfahrer ihr eventuell etwas angetan hatte. Aber Maleen hatte einen Grund gebraucht, in den Wald zu fliehen. Sie hatte einen fast unscheinbaren Pfad durch das Gestrüpp gefunden. Vielleicht war er von Tieren geschlagen worden, aber sie wollte die Möglichkeit nicht ungeachtet lassen. Außerdem schien es ihr verdächtig, dass hier mehrere Äste in Brusthöhe umgeknickt waren.
Haila bückte sich und entdeckte einen purpuren Stofffetzen an einem Ast. Maleens Pullover, schoss es ihr durch den Kopf. Sie richtete sich wieder auf und ließ ihren Blick schweifen. Sie verspürte ein Kribbeln im Hinterkopf. Es war, als ob jemand sehr nahe hinter ihr stand jedoch ohne sie zu berühren. Sie drehte sich um. Da stand niemand. Das Gefühl blieb.
Langsam bewegte sie sich vorwärts, schaute abwechselnd auf den Boden und über ihren Rücken zurück. Die Dichte der Regentropfen konnte sie auch hinters Licht führten, aber sie meinte dort hinten im Gebüsch etwas auszumachen. Ja, da war etwas. Ein Arm.
Hektisch stolperte sie einige Schritte zurück. Ein Arm. Maleens Arm. Haila erkannte die Mitschü­lerin. Sie lag in dem Gebüsch, ihr Gesicht kalkweiß, ihr Körper mit Kratzern übersät, ihre Klei­dung blut­durchtränkt, ihre leeren Augen halboffen.
„Hilfe!“, brüllte Haila, immer noch mit vor Schrecken geweiteten Augen auf das Mäd­chen star­rend. „Hil­fe! Hilfe! Sie ist hier, so kommt doch!“
Lena, Rita und der Lehrer hatten sich Haila auf der Suche nach ihr wesentlich genähert.
„Wo ist die denn?“, schimpfte der Lehrer. „Ich habe ihr das Gebiet, das sie durchsuchen soll, doch deut­lich genug beschrieben.“
„Jetzt holen wir uns ganz bestimmt eine Grippe, wenn nicht so­gar eine Lungenentzündung“, setzte Rita ein. „Diese dumme Pute, die ist fast genauso dämlich wie die ...“
„Rita, sei mal grad leise!“, unterbrach Lena sie und blieb stehen.
„Was?“
„Hör mal! Was war das?“
„Da war nichts.“
„Lena, du hast Recht“, sagte der Lehrer. „Da ruft wer.“
„Haila?“
„Suchen wir sie. Los, bewegt euch!“
Es dauerte einige Zeit, bis der Lehrer, Lena und Rita Haila erreichten. Diese hockte neben Maleen und presste Zeige- und Mittelfinger auf deren Hals.
„Was brüllst du denn wie eine Irre?“, keuchte Lena, doch dann er­blick­te sie den leblosen Körper neben Haila und fing hyste­risch an zu kreischen. Rita wandte sich ab und erbrach sich in ein Ge­büsch.
„Oh mein Gott!“, hauchte der Lehrer fassungslos und sah im binnen einer Sekunde die nähere Zukunft: Eine Schülerin starb unter seiner Aufsicht. Und er hatte sie vor Zeugen weggeschickt. Er würde seinen Job verlieren und jegliches Ansehen, müsste wegziehen, vielleicht sogar einer Klage entgegen sehen. Er könnte nirgendwo mehr neu starten. Es würde ihn überall hin verfolgen. Es würde schließlich in den Zeitungen stehen. Storchmann waren wohlhabende Unternehmer.
„Hat sie ... Puls?“, fragte er.
„Ganz schwach“, antwortete Haila. Ihre Stimme war mehr ein Schluchzen.
„Wir müssen sie zurückbringen. Sei gefälligst ruhig!“, fauchte er Lena an, die immer noch kreischte. „Sie muss in ein Krankenhaus.“

Der komplette Asphaltboden war mit einer Mischung aus Glatteis und Wasserpfützen bedeckt. Auf eigenen Füßen wäre es bereits schwierig genug gewesen zum Re­s­tau­rant zu gelangen. Einen halbtoten Menschen mit sich zu führen, er­schwerte die gan­ze Sache um einiges. Der Lehrer und Haila trugen die bewusstlose Maleen, Rita und Lena liefen verstört nebenher.
„Es war bestimmt der Busfahrer“, wiederholte Rita durchgehend. „Er ist weg, er ist geflohen. Es war bes­timmt der Busfahrer.“
Als sie im Lokal ankamen, umringten die anderen Mitschüler die Grup­pe. Als sie Maleen sahen, schrieen die meis­ten auf, sodass auch die Wirtsleute herbeikamen. Die Frau fing wie Lena an hysterisch zu kreischen. Der Mann reagierte geistreicher. Er befahl seiner Frau ener­gisch Decken, Arz­neien und Verbände zu ho­len. Dann wandte er sich an den Lehrer.
„Und Sie sorgen dafür, dass die anderen Schüler sich beruhigen. Du Mädchen, rufst die Polizei und den Krankenwagen an. Das Telefon steht hinter der Theke“, wie er Haila an.
Während Haila zum Hörer griff, sammelte sich der Rest der Klasse um Rita und Lena die ganze Klasse. Der Lehrer hockte dabei und redete beruhigend auf sie ein.
Haila erklärte dem Polizisten, was passiert sei, um sich dann mutlos anhö­ren zu müs­sen, dass es aller Wahrscheinlichkeit „etwas länger“ dauern würde, da Straße durch Glatteis derzeit schwer ­pas­sierbar.
„Aber meine Mitschülerin ist schwer verletzt“, schrie Haila in den Hö­rer.
„Wir können es nur versuchen, aber Sie müssen verstehen, dass all unsere Kräfte derzeit schon ...“
Nichts. Alle Lichter im Hause erloschen. Weitere Schreie von den Klassenmitgliedern.
„Das ist der Busfahrer. Er ist noch hier“, wimmerte Rita.
„Hat denn keiner von euch eine Taschenlampe dabei?“, fragte der Lehrer in die Runde.
Haila verließ den vorderen Raum, um das Zimmer aufzusuchen. Sie wünschte sich, der Busfahrer würde kom­men und auch die Klasse und den Lehrer wie Maleen zuzu­richten. Dann schämte sie sich für den Gedanken.
Der Wirt hatte Maleen in eines der Hotelzimmer gelegt und dort all ihre Wunden desinfiziert und mit Hilfe seiner Frau ver­bun­den. Haila stand vor der Tür und wollte gerade eintreten, um das Ergebnis des Tele­fonats zu berichten, als sie die Stimme des Wirts hörte: „Ich weiß nicht, was mit diesem Mädchen passiert ist. Der Lehrer meinte, sie wäre aus was für Gründen auch immer in den Wald gelaufen und dort in einen Dornengebüsch gefallen ...“
Haila schnaufte. Wie konnte dieses Arschloch es wa­gen eine derartige Lü­ge zu er­zählen?
„ ... aber wenn du mich fragst, stimmt das nicht. Schau dir einmal ihre Wunden an. Das sind keine Wun­den von Dornen. Auch kein Tier, was hier lebt, kann einen solchen Schaden anrichten. Hier am Rücken sieht man es ganz deutlich. Das sind je­weils fünf paral­le­le Kratzspu­ren, fast wie aus menschlicher ...“
„Schweig! Ich will das nicht hören“, erklang die verängstigte Stimme der Wirtin. „Wird sie durchkom­men?“
Schweigen. Haila schloss die Augen.
„Ich weiß es nicht. Ich habe etwas Derartiges noch nie gesehen oder davon gehört.“
Da siegte Hailas elterliche Beziehung. Sie belauschte das Erwachsenengespräch nicht län­ger, sondern klopfte an. Die Wirtin verließ den Raum, als Haila hereinkam. Haila sagte: „Die Polizei meint, die Straße hi­erher sei un­passier­bar. Es würde einige Zeit dauern. Dann brach das Gespräch we­gen des Stromausfalls aus.“
Die Miene des alten Mannes verdüsterte sich. Er murmelte einige unverständliche Worte und winkte dann ab. „Ist gut. Danke für deine Hilfe. Nun geh wie­der zurück zu deinen Freunden.“
Haila schluckte und stand unschlüssig neben der Tür. Der Wirt hatte sich bereits abgewandt, um Maleens Stirn zu kühlen. Deren Gesicht war mittlerweile nicht mehr blass, son­dern grellrot. Anscheinend hatte sie ho­hes Fieber. Sie war bis zum Hals mit vielen Decken bedeckt und schien zu schlafen. Der alte Mann bemerkt­e, dass sie den Raum nicht verlassen hatte. Erwartend zog er die Augenbrauen hoch. Haila spürte, wie sie rot wurde.
„Was ist denn noch?“, fragte er.
„Kann ich nicht vielleicht noch irgendwo helfen?“
„Nein, brauchst du wirklich nicht. Geh zurück zu deinen Freunden.“
„Das sind nicht meine Freunde.“
Der alte Wirt betrachtete sie noch einmal und nickte schließlich. „Ja, natürlich. Du kannst mir helfen, das Mädchen zu pflegen. Wie heißt sie eigent­lich?“
„Maleen Storchmann.“
„Und du?“
„Haila Jerrykens.“
„Das klingt nicht sehr einheimisch. Woher kommst du?“
„Aus den Niederlanden, Herr ... ?“
„Herr Zoller.“

Drei Stunden später hatte sich die Lage nicht verändert. Es regnete weiter. Dazu kam die aufsteigende Däm­merung. Der Strom war immer noch nicht zu­rück­gekommen, Frau Zoller hatte einige Ker­zen aufgestellt. Die Klasse war verängstigt und verstört. Sie hatte sich vor dem Ka­min versammelt. Maleens Fieber war gestiegen und schwankte nun zwi­schen vierzig und ein­undvierzig Grad hin und her.
Haila und Herr Zoller hielten abwechselnd Wache an ihrem Bett. Kein anderes Klassenmitglied fragte nach, ob es sich nützlich machen konnte. In einer aufwen­digen Ak­tion holten sie ihre Schlafsä­cke aus dem Bus. Hailas Ge­päck wurde dabei vergessen. Sie bemerkte es nicht einmal, weil sie die ganze Zeit in Maleens Zimmer verbrachte. Sie sorgte sich. Der Gedanken, ob Maleen, welche kalt und abweisend zu ihr ge­wesen war, es überhaupt verdiente, dass man sich Sor­gen um sie machte, kam ihr nicht in den Sinn.
Gegen dreiundzwanzig Uhr ordnete der Lehrer Nachtruhe an. Die Tische waren schnell zur Seite gescho­ben und die Schlafsäcke ausgebreitet. Haila machte mit Herrn Zoller aus, dass sie die erste Schicht bis drei Uhr ü­ber­neh­men würde. Nach eini­ger Zeit döste sie leicht ein. Wach wurde sie, als Maleen an­fing wild um sich zu schlagen. So­fort stürzte Haila zum Bett. Sie versuchte Maleens Arme einzufangen und begann, langsam und beruhigend auf sie einzureden. Es half: Maleen fiel wieder in den Tiefschlaf. Haila wechselte die Kom­pre­s­se am Kopf. Kurz blickte sie auf die Uhr. Es war Viertel vor drei und vollkom­men still im Haus. Fast zu still, wenn man be­dachte, dass eine Horde Jugendlicher hier schlief. Haila beschloss, Herrn Zoller zu wecken.
Dieser hatte ihr grob den Weg zu den Privaträumen der Wirtsleute erklärt. Bei Hel­lig­keit wäre es sicher­lich kein Problem gewesen dorthin zu gelangen, zumal die Pri­vaträume auch ausgezeichnet waren, aber jetzt, da das ganze Haus stockdunkel war, sah sich Haila ei­nem echten Problem gegenüber. Die Klassenkameraden aus dem Schlaf zu rei­ßen war ein Reiz. Auf die darauf folgenden Strapazen konnte Haila allerdings verzicht­en.
Langsam und mit den Händen voraus bewegte sie sich vorwärts. Die Wände des Hau­ses waren größtenteils mit Holz verkleidet. Zwischendurch zierten Köpfe hei­mi­scher Tiere, ein paar ge­stickte, eingerahmte Weisheiten oder Bil­der von Landschaften die Wände.
Jetzt, ihre Hände hatten gerade einen dieser eingestickten und eingerahmten Sprü­che ertastet, meinte sie, kurz vor dem Saal zu sein, in dem die Klasse schlief. Sie hörte die Klassenkameraden atmen. Soweit es ih­re Er­in­nerungen hervorriefen, ging es jetzt gerade­aus an der Küche vorbei zu den Privaträumen. Dabei standen noch eine Kommode und ein Kleiderständer im Weg.
Sie schritt voran. Zwei rote Augen leuchteten auf. Grelle, zu Schlit­zen ver­engte Pupillen. Haila schreckte zurück, verlor das Gleichgewicht und schlug schmerzhaft mit dem Steißbein auf dem Boden auf. Sie schrie auf.
Die roten Augen waren verschwunden. Ein Schauer durchfuhr Haila. Das Gefühl im Nacken war wieder da gewesen. Einbildung. Einbildung. Bloße Einbildung. Sie war nur übermüdet.
Sie krabbelte erst ein paar Schritte vorwärts und stand wieder auf. Haila konnte sich nicht daran erinnern jemals so froh gewesen zu sein als in dem Mo­ment, als sie die Türklinke zu den Privatzim­mern des Wirt­paares her­unterdrückte. Kurze Zeit dar­auf machte sich Herr Zoller auf den Weg zu Maleen. Ihm fiel nichts Außergewöhnliches auf. Haila legte sich auf eine Couch im privaten Wohnzimmer hin. Frau Zoller hatte ihr eine Decke gegeben, doch sie zitterte trotzdem. Schlafen konn­te sie auch nicht. Jedes Mal, wenn sie die Au­gen schloss, schossen plötzlich zwei rote Augen aus der Dunkelheit auf sie zu. Wie ein Kamerablitz funkten sie auf und verschwanden und hinterließen dabei Schmerz in den Augen. So viel Hass beinhalteten diese Augen. Als wüssten sie um alles Veracht­enswerte in dieser Welt und nutzten ihr Wissen, um zu foltern.
Und es gelang ihnen.


3.5.2001
Am nächsten Tag ging es Maleen besser. Gegen Mittag war ihr Fieber gesunken, die An­fälle hör­ten auf. Sie schlief sich gesund, sagte Herr Zoller. Auch Haila war gegen Morgengrauen in einen eher einer Ohnmacht ähnelnden Schlaf gesunken.
Die Klasse hingegen war putzmunter. Als wäre nichts passiert, alberten die Mitschüler herum. Die Ausnahmen bildeten Rita und Lena. Die anderen luden sie ein mit Flaschendrehen oder Karten oder Stadt Land Fluss zu spielen. Rita fauchte sie an, sie in Ruhe zu lassen. Sie wären jetzt nicht in der Lage zu spielen und ob ih­nen denn nicht bewusst wären, dass sie hier oben festsäßen. Eine Mitschülerin sei angefallen wor­den war und vom Hauptverdächtigen fehlte jegliche Spur. Sie erntete unverständliche Blicke. Daraufhin packte Lena Rita und die beiden sonderten sich in eine Ecke ab. Sie redeten wenig, flüsterten nur ab und zu ein paar Worte und beschimpften jeden, der das Wort an sie richtete.
Frau Zoller bat die Klasse mehrmals, leiser zu sein. Die ignorierte die Bitte je­doch, sodass schließlich Herr Zoller kam und dem Lehrer sagte, dass wenn sich nichts än­derte, würde er sie alle vor die Tür setzen. Das half. Der Leh­rer beauftrage ein paar Mädchen, Frau Zoller in der Kü­che zu helfen. Keine allzu leichte Auf­gabe, da es immer noch kei­nen Strom gab.
Gegen Mittag wandelte sich die Gemütslage der Klasse von ausgelassen in launisch. Es hörte auf zu reg­nen. Der Himmel lichtete sich langsam. Sie wollten heraus. Der Lehrer verbot es ihnen. Das minimale Mit­tagessen bestand aus Salat, Brot und kaltem Kakao. Danach fingen die Schüler an sich wegen den kleinsten Banali­täten zu strei­ten. Nervös, unwissend und gereizt fühlten sie sich. Freude und En­thusiasmus für die lang ersehnte Klassen­fahrt ver­lor sich. Spiele wurden weggepackt. Alle saßen herum, hörten Musik, wenige rede­ten.
Als Haila aufwachte, löste sie den Wirt ab. Frau Zoller gab ihr ei­ne Zeitung, mit der sie sich be­schäftigen konnte, schließlich schlief Maleen nun die ganze Zeit über. Haila war gerade in einen Artikel über afri­kanische Stämme in Namibia vertieft, als ein leises Stöhnen zu ihr drang. Sie schleuderte die Zeitung weg und hastete zu Maleen, die ihre Augen leicht aufgeschlagen hatte.
„Maleen. Hallo? Kannst du mich hören? Ich bin’s – Haila“, redete sie.
Maleens Augen klärten sich mit jedem ein­zelnen Wort mehr und mehr. Langsam bewegte sie ihre Arme. Ent­geistert mu­sterte sie ihre Verbände.
„Was ist passiert?“, fragte sie mühsam.
Haila nagte nervös an ihrer Unterlippe. „Ich weiß nicht. Erinnerst du dich nicht?“
Sofort bereute Haila ihre Freundin, denn der ahnungslose Ausdruck in Maleens Gesicht wandelte sich in pure Panik.
„Wir müssen hier weg“, krächzte sie. „Es kommt wieder.“
„Es? Was ist mit dem Busfahrer.“
Maleen krächzte auf. „Busfahrer? Vergiss den.“
Haila hätte niemals gedacht, dass ein charakterstarker Mensch wie Maleen jemals mit ei­ner solchen Stimme sprechen oder diesen Gesichtausdruck annehmen könnte. Was hatte sie erlebt? Wer hatte ihr das zugefügt, wenn nicht der Busfahrer? Wer oder was war es? Sie stand wohl noch unter Schock, wusste nicht, was sie sagte.
Maleen wollte sich aufsetzen. Als sie merkte, dass sie zu schwach war, sank sie wieder in die Kissen zurück. „Kannst du mir nicht helfen aufzustehen, Haila? Wir müssen hier weg, glaub mir. Es bringt uns um. Ich hatte nur Glück. Es spielt gern.“
Haila rührte sich nicht, starrte Maleen weiterhin an. Ein lauter Knall erklang. Beide Mädchen zuckten zusam­men. Es hatte sich angehört, als würde je­mand mit Gewalt einen Holztisch zerschlagen. Zögernd be­wegte sich Haila auf die Tür zu. Sie wollte sehen, was da vorging. Sicher war es nur einer ihrer Mit­schüler, der es lustig fand ein biss­chen ver­rückt zu spielen. Die schmale Hand des Mäd­chens legte sich auf die Klinke nieder.
„AAAAAAAHHHHHHH!!!!“
Als wäre die Klinke glühend heiß, riss Haila ihre Hand zurück und entfernte sich schnell von der Tür. Hek­tisch sah sie sich um, ob sie etwas hatte, mit dem sie sich vertei­digen konnte, wenn jemand hineinkäme.
Rote Augen – Glühend. Hassend. Wissend. Vorraussagend. Böse.
„AAAAAAAHHHHHHH!!!!“
Erneut zerriss ein markerschütternder Schrei die Luft. Der erste war nah, der zweite ferner gewesen. Das war kein normaler Schrei. Nicht mal Lena hatte sich so angehört, als sie Maleen gesichtet hatte. Diese fing jetzt an zu jammern: „Bitte, geh nicht raus. Lass mich nicht allein!“
Rennende Schritte auf dem Holzboden. Irgendwo zerbrachen Fenster. Noch mehr Lärm. Getrampel. Hysterisches Krei­schen. Einzelne Namen. Abgewürgte Satzfetzen. Hilferufe. Dann Schreie. Schmerz­erfüllt, laut und lang.
Haila hörte ein­zelne Stim­men ihrer Klassenmitglieder heraus. Mit je­der Sekunde schoss das Blut schnel­ler durch ihre Adern. In ihren Fingern fing es an zu kribbeln. Sie zitterte. Die Au­gen ta­s­te­ten die Tür ab. Etwas war davor. Sie spürte es. Etwas mit roten Augen.
Ich muss mich verstecken, schoss es ihr durch den Kopf. Ge­rade wollte sie Maleen ih­ren Vor­schlag mit­teilen, als sie sah, dass sie bereits unter die Decke ge­krochen war. Haila legte sich auf den Boden und krabbelte unter das Bett, bis sich die Wand an ihren Rücken drängte.
Sie hörte das Klicken, als die Tür­klinke herunter gedrückt wurde. Die Tür öffnete sich ohne Knirschen und fiel hastig zu. Haila schloss die Augen und versuchte, sich nicht zu bewe­gen.
Wimmernde Geräusche. Schritte mit leisem Hall. Haila wagte nicht zu atmen. Still betete sie. Was auch immer herein gekommen war, es bewegte sich nicht. Stand nur da, keuchte und gab leise Ge­räu­sche von sich.
Haila meinte, sie müsste ersticken. Das Zittern ließ sich nicht mehr unterdrücken. Ihre Un­terlippe bebte. Da ent­schlüpfte ihr auch schon ein kleines Schluchzen. Angst­voll riss sie die Augen auf. Hatte es sie gehört? Ja. Es bewegte sich. Kam näher, immer näher. Haila presste sich noch enger an Wand und Boden, betete weiter, schloss wieder die Augen. Sie wollte die roten Augen nicht sehen. Sie brannten. Solch eine Quelle des Hasses, dass sie Seelen verglühte.
Keuchen, Schritte.
Immer näher. Immer lauter.
... Mama, Papa, ich liebe euch ...
„Haila?“
Die jämmerliche leise Stimme ließ sie die Augen aufreißen. Sie erwartete ein schreckli­ches Ungeheuer mit ro­ten Augen, doch vor ihr stand mit einer Schnittwunde im Ge­sicht Lena.
„Lena?“, flüsterte Haila zurück. Sie sahen sich an. Lena nickte auf Hailas ungestellte Frage. Das Grauen war im Haus. Und es war nicht der Busfahrer.
„Wir müssen hier weg“, wiederholte Lena Maleens Worte. „Es wird auch uns töten.“
Nur mühsam kontrollierte sie die Panik in ihrer Stimme. Sie versuchte erst gar nicht, das Zittern ihres Körper zu unterdrücken.
„Bitte.“
Das Wort war leise und sehr undeutlich, weil sie es unter Tränen aussprach, aber Haila wusste, was hier ge­sche­hen war. Lena wusste nicht, was sie tun sollte, war ratlos, hatte Angst. Sie brauchte jemanden, an den sie sich hängen konnte, der ihr Schutz gab. Und da wandte sie sich an Haila, die als einzige hier unbeschadet war.
Haila antwortete nicht. Lena blickte zum Bett.
„Wie geht es ihr?“, fragte sie.
„Was kümmert es dich? Jetzt, da du Hilfe brauchst, tust du, als würde ich dir etwas bedeuten“, kam Maleen wieder unter der Decke hervor.
„Komm, lass uns das jetzt erst einmal begraben“, schluchzte Lena. „Da ist was im Haus, was uns weitaus größe­re Probleme bescheren wird. Ich weiß, ich habe mich beschissen be­nom­men, aber das ist doch jetzt nicht mehr wichtig ...“
„Nicht mehr wichtig?“, spie Maleen aus. „Du und Rita habt mir das Leben zur Hölle ge­macht, ob­wohl es schon beschis­sen genug war. Und jetzt soll ich dir vergeben, weil wir wahrscheinlich bald sterben?“
„Wie kannst du so reden? Wir können uns noch retten.“
„Hast du dein Hirn jetzt vollkommen verloren? Das, was da draußen ist, hat mich so zugerichtet. Ich hab es ge­sehen. Ich hab genauso geschrieen, wie die anderen. Dass ich nicht tot bin, ist reiner Zufall. Glaub mir, wir können nicht vor ihm wegrennen.“
„Lass es uns wenigstens versuchen. Haila, sag doch auch mal was. Die anderen sind alle so gut wie tot. Noch ist es abgelenkt.“
„Soll uns das jetzt leid tun?“, herrschte Maleen sie an.
„Hört auf!“, brüllte Haila die beiden Mädchen an, die sofort innehielten. „Wir müssen hier weg! Was auch im­mer hier im Haus ist, wird bestimmt nicht warten, bis ihr euch geeinigt habt. Also reißt euch jetzt gefäl­ligst zu­sammen. Maleen, ver­such aufzustehen! Lena, hilf ihr! Wir müssen durch das Fens­ter flie­hen.“
Haila rannte zur Tür und schloss diese ab. Wäh­rend Lena und Maleen müh­sam zum Fenster gingen, wobei Maleen fast hinfiel, schob Haila noch einen Stuhl unter die Klinke.
„Lena, du gehst als erste raus, danach du, Maleen“, befahl Haila weiter. Lena han­delte widerstandslos. Als Haila Maleen half, sich auf das Fensterbrett zu setzen, bemerkte sie, dass diese sie aus gro­ßen Augen ansah.
„He, wo hattest du denn Zeit, dich zu entwickeln?“, fragte sie mit der Spur eines Lä­chelns auf ihrem Ge­sicht. Es war das erste Mal, dass Haila Maleen lächeln sah. Maleen setzte sich auf das Fensterbrett und hievte die Beine hinaus. Gerade, als sie diese auf dem Boden aufgesetzt hatte, sprang etwas von außen gegen die Tür. Aus Reflex sprang Maleen ohne sich weiter zu stützen aus dem Fenster. Lena half ihr wieder aufzustehen und schrie er­schrocken: „Haila, Haila. Mach schnell!“
Erneut versuchte das, was sich auf dem Flur befand, hereinzukommen. Ein lauter Knall erklang, aber noch hielten die Angeln der Tür und der Stuhl. Sie hörte Holz splittern. Was auch immer es war, es hatte ein kleines Loch in die Tür geschlagen. Haila sprang aus dem Fenster, wo­bei sie sehr unsanft auf ihr Handgelenk fiel. Es knackte. Sie heulte schrill auf, doch da riss Lena sie auch schon hoch.
„Wir müssen weg!“, brüllte sie und zerrte Haila mit sich.
Maleen, die immer noch sehr ge­schwächt war, konnte nicht schnell folgen, wie Lena erst ei­nige Mo­mente später auffiel. Drum verlangsamte sie ihre Schritte, griff dann mit der ande­ren Hand auch nach Maleen, sodass sie sie mitzog. Haila beruhigte sich langsam und versuch­te, den Schmerz in der rechten Hand zu ignorieren. Sie hechtete an Maleens an­dere Seite, damit sie das Mädchen auch mitstützen konnte.
„Nicht in den Wald! Nicht in den Wald. Da ist es uns überlegen. Zum Abhang“, kreischte Maleen.
Haila erkannte sofort Maleens Denkfehler. Der Abhang war viel gefährlicher.
„Nein! Nicht zum Abhang!“, brüllte Haila zurück, doch es war schon zu spät. Sie schlid­der­ten bereits die nasse Wiese herunter.
Keine von ihnen hatte eine Chance. Sie konnten sich auf dem nassen Gras nicht lan­ge aufrecht halten konnte, da sie zuviel Schwung vom Laufen hatten. Sie überschlugen sich bereits nach mehre­ren Metern. Als sie das Ende des Hangs erreichten, waren sie tot.

Freitag, 21. Dezember 2012

Hohlenfeld (2/3)


"Hohlenfeld" ist eine dreiteilige Horror-Serie. Sie beginnt hier:

2.5.2001
Am Tag der Abreise organisierte Haila es, dass sie die letzte war, die in den Bus stieg, sodass sie automa­tisch neben Maleen sitzen musste. Haila begrüßte Maleen, aber die reagierte nicht, weil sie Musik hörte. Maleen hatte sich dazu entschlossen, sich vollkommen von der Welt abzukoppeln, um die nächste Woche über­stehen zu können. Eigentlich hatte sie die Klassenfahrt boykottieren wollen. Ihre Eltern hatten ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie ahnten, was die Tochter plane, hatten sie gesagt und würden sie notfalls dazu zwingen.
Sie fuhren Berge herauf, Berge herunter, mal sahen sie etwas Schnee, mal einen See, im­mer wieder die Häuser mit den bunten Geranien und den gepflegten üppi­gen Gär­ten und natür­lich die heimlichen Götter der Berge: Kü­he, Pferde und Ziegen.
Haila ließ Maleen gut eine Stunde Zeit, dann versuchte sie die Sitznachbarin anzusprechen. Diese jedoch bemerkte sie nicht. Haila entschloss sich, tatkräftig zu werden. Sie zupfte an Maleens Ärmel. Maleen zog den rechten Ohrstöpsel heraus.
„Was ist?“, fragte sie.
Ihr barscher Ton schüchterte Haila ein. „Wa ... was hör ...“ Nein! Auf diese Art durfte es nicht anfangen! „Was läuft bei dir? Darf ich mithören?“
„Nein.“
Maleen setzte sich die Kopfhörer wieder ein. Was war denn mit Haila los? Maleen wurde sofort misstrauisch, aber dann mahnte sie sich selber. Vielle­icht suchte Haila eine Freun­din und wand sich an sie, Maleen, weil sie beide Au­ßenseiterinnen waren und sich außerdem ein Zimmer teilen mussten. Haila ge­hörte nicht zum Throngefolge, was sie allein deshalb sympa­thisch machte. Maleen überrei­chte Haila einen der Stöpsel. Daraufhin wandte sie sich wieder von Haila ab. Musik war schließ­lich da, um ge­hört zu werden.
Haila lächelte.

Nach zwei Stunden legten sie bei einem kleinen Restaurant eine Pause ein. Die Gaststätte stand zur einen Seite an einem steilen Grasabhang. Am an­deren Ende begann dichter Na­delwald. Im Aufenthaltsraum gab es mehrere Sitzplätze, die sofort beschlagnahmt wur­den. Ein großer Kamin heizte den Raum. Die ganze Ein­richtung war im Al­penstil gehal­ten und sehr gemütlich. Das Wirtsehepaar empfing sie fre­undlich.
Kaum waren sie im Haus angekommen, verschlechterte sich das Wetter. Graue Wolken zogen auf, die Tempe­ratur schwankte um den Nullpunkt. Eisiger Wind wehte.
„Seltsam“, meinte der Lehrer stirnrunzelnd, „heute war doch gutes Wetter gemel­det. Hoffentlich bekom­men wir kein Glatteis, sodass wir weiterfahren können.“
Während des Mittagessens ließ sich Haila an Maleens Tisch nieder, die in ei­nem gemischten Salat herumstocherte.
„Du scheinst heute nicht gut gelaunt zu sein“, sagte Haila.
„Hab keinen Bock auf die Fahrt“, antwortete Maleen ohne Haila anzusehen.
„Weil wir uns mit Rita und Lena das Zimmer teilen müssen?“ Haila deutete mit dem Kopf leicht zu den beiden Mäd­chen, die das optische Zentrum der Gruppe bildeten.
„Auch.“
Sie macht es mir wirklich nicht gerade leicht, dachte Haila. „Was ist denn sonst noch, was dir miss­fällt?“
Maleen sah von ihrem Salat auf und blickte ihre Tischnachbarin das erste Mal an. „Haila, hast du was?“
Schneller Rückzug: „Nein.“
Maleen zuckte mit den Achseln und fuhr fort zu essen.
Die restliche Zeit verlief schweigend. Haila traute sich nicht mehr, etwas zu sa­gen. Maleen war an keiner wei­teren Unterhaltung inter­essiert. Gerade, als ihr Teller leer war, hüllte plötzlich der Schat­ten des Klassen­lehrers den Tisch ein.
„Maleen, bist du so freund­lich und holst meine Tasche aus dem Bus? Ich kann die Klasse nicht un­beaufsichtigt lassen und du bist die einzige, die schon fertig gegessen hat.“
Maleen gab ein unfreiwilliges Knurren von sich, stand auf und verließ das Lokal wortlos – oh­ne an ihre Jacke zu denken, die über der Stuhllehne hing. Auf den Weg zum Bus begann eine unangenehme Mischung aus Schnee und Regen vom Himmel zu fallen. Sie fluchte bösartig und beschleunigte ihren Schritt. Im Bus saß der Fahrer in der ersten Reihe. Anscheinend las er eine Zeitung. Maleen konnte nur seine Beine sehen. Die Tür des Buses stand offen. Warum der Fahrer nicht mit hereinkam, war ihm selbst überlassen.
Ohne ein Wort zu sagen, er­griff sie die Ta­sche, die neben der er­s­ten Stuhl­rei­he stand, beim Henkel. Uff! Was trug der Kerl denn bitte so Schweres bei sich? Sie öffnete die Tasche und erkannte eine große, noch gefüllte Trinkflasche, ein Schreibetui, einen Block, einen Schlüsselbund, ein veraltetes Handy, einen ledernen Terminplaner und drei dicke Bücher, zwei über heimische Tierarten und einen Roman von jemanden namens Ludlum. Maleen hatte keine Ahnung, wer das war.
Sie überlegte, ob sie etwas aus der Tasche hier lassen sollte, aber dann entschied sie sich dagegen. Das würde richtigen Ärger geben und vor genau diesem hatten ihre Eltern sie gewarnt.
„Solltest du auf der Fahrt unangenehm auffallen, sodass dein Lehrer dich zurückschicken muss, werden wir Konsequenzen ziehen“, hatten sie gesagt. Das hieß soviel wie Laptop weg, Fernsehen weg, Telefon weg.
Sie vernahm ein Rascheln. Der Busfahrer hatte die Zeitung weg gelegt. Er stieß ein langes Stöhnen aus. Maleen hievte die Tasche hoch und schaute dem Mann ins Ge­sicht.
Hätte er eines gehabt.
Fünf ungleichmäßig verlaufende Striemen durchschnitten sein Kopf. Sie waren tief, die Schädelknochen traten in Splittern hervor. Haut hing in blutigen Fetzen herab. Ein Auge fehlte vollkommen, das andere war nur noch an ein paar Adern befestigt und lugte aus der Augenhöhle hervor. Die Nase war von oben bis unten aufgerissen. Der Mund war nur noch ein schräges Loch, die Lippen dermaßen von den Schnitten durchtrennt, dass sie nicht mehr als einmal zusammengehörend erkannt werden konnten. Das Loch gab den Blick auf das Gebiss frei, in dem sich nur noch wenige Zähne halb herausgerissen, halb zerstört befanden. Ein tröpfelnder Fluss aus Speichel und Blut strömte seinen Hals herunter.
Maleen begann zu schreien.
Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg! Weg!, schoss es durch ihren Kopf. Aber diese Striemen in diesem Gesicht ... Wie von einer Hand. Oh, nein! Das bedeutet, dass ...
Ein Geräusch. Ein Rascheln. Maleen sah sich um. Es war niemand mehr im Bus. Vielleicht in der letzten Rei­he. Dort war ein Schatten im Fenster. Sie erkannte ihn ganz deutlich zwischen den beiden Sitzreihen.
Der Busfahrer stöhnte erneut. Er streckte eine Hand nach ihr aus. Maleen stieß die Tasche von sich und rannte aus dem Bus.
Auf dem Asphaltplatz hatte sich Glat­teis gebildet. Maleen sprang aus dem Bus und schlug hart auf dem Asphalt auf. Ihre Angst ließ sie sich wieder aufrappeln. Sie igno­rierte Schmerzen wie Blut und schlidderte weiter zum Wald. Dort gab es bessere Verstecke. Nicht zu den anderen in die Gaststätte. Keine geschlossenen Räume. Sie rannte durch das Dickicht. Äste schlugen ihr ins Gesicht. Dornen rissen ihre Kleidung auf. Maleen hielt nicht inne. Fort von diesem Ding im Bus. Fort vom Schatten. Fort von all ihren verachtenswerten Klassenkameraden. Fort von allem, was sie jemals wieder zurückbrin­gen konnte.
Sie blieb hängen und fiel erneut. Der Versuch sich aufzurappeln scheiterte. Ihr Fuß steckte fest. Maleen packte ihr Fußgelenk und befreite ihr Bein aus einer kleinen, mit Wurzeln durchwachsenden Mulde. Maleen drehte sich auf den Rücken. Ihr Kopf bebte. Ihr Herz pumpte. Ihre Augen beobachteten Dickicht, Himmel und Boden. Sie be­fand sich mitten im Wald, war von allen Seiten mit dichtgedrängten Sträuchern und imposanten Bäumen umge­ben. Es gab keinen Weg hierher. Der Pfad, den sie gerade selbst geschlagen hatte, war undeutlich zu erken­nen.
Maleen sah an sich herunter und bemerkte, dass sie voller Blut war. Ihre Kleidung war voller Risse. Kletten und Dornenstränge hingen an ihrer Hose. Maleen hob die Hände, die mehrere tiefe Schnitzer aufwiesen. Erst als sie die Wunden sah, spürte sie auch den Schmerz. Sie stöhnte. Sie wollte schreien, aber sie hatte Angst, dass sie leichter entdeckt werden könnte.
Maleen schloss die Augen. Jetzt lag sie hier mitten in einem ihr fremden Wald, verfolgt von ... etwas, was im Schatten existierte und Krallen besaß. Re­gen nagelte sie an den Boden fest. Ihr ganzer Körper brannte. Der Schmerz zog sich durch die Wunden und verbrei­tete sich in ihrem ganzen Körper. Krämpfe durchzogen ihre Muskeln. Schluchzer entrangen ihrer Kehle. Tränen traten ihr in die Augen und mischten sich mit dem Regen. Wasser sammelte sich in ihrem Mund. Sie drehte den Kopf und spie. Sie spuckte auch Blut.
Sie öffnete die Augen wieder, nahm alles nur noch verschwommen war. Für einen kurzen Moment setzte ihr Herzschlag aus. Maleen griff sich an die Brust. Sie riss den Mund weit auf. Ihr Atem versagte.
Da war ein Geräusch.
Blätterrascheln. Sie hörte es selbst durch den Regen. Etwas kam auf sie zu. Und es lähmte sie. Sie wusste nicht, wie sie ihm entkommen sollte. Der Boden hielt sie fest. Die Angst durchschoss ihren Körper und zog sie herunter.
Es war da. Maleen kannte das Gefühl, hatte es während des Stromausfalles gespürt genau wie gerade eben im Bus. Der Schatten. Das Dunkle. Es war nicht nur im Bus gewesen, sondern auch bei ihr zu Hause. Ihr selbst ganz nahe. Und jetzt war es hier.
Ein Zweig knackte. Der Regen prasselte. Die Erde bebte und der Himmel drehte sich um hundertachtzig Grad. Maleen fing an zu schreien. 

Und hier geht es weiter.

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Hohlenfeld (1/3)

13.6.2000
„Oh, bitte! Wir können nicht in dieses Dorf ziehen. Es ist ein verdammtes Kuhkaff. Ihr wollt das nicht wirk­lich. Das ist nämlich das genaue Ge­gen­teil von dem, was ihr sonst immer erzählt. Dass ihr nur das Beste für mich wollt und all die­sen Kram. Wenn wir dahin ziehen, hab ich keine Chan­ce, mich weiterzuentwicke­ln. Ich werde eingehen.“
Während sie sprach, kam sich Maleen blöd vor. Die Worte fühlten sich holzig auf der Zunge an. Sie, die nur zurecht als mundfaul ver­schrieen war, hielt auf einmal eine Brandrede.
Als die Eheleute Storchmann sich vor zwei Jahren das Ferienhaus in den Bergen zugelegt hatten, hatte Maleen schon davon ge­träumt, dort mit ihren Freun­den die ein oder andere Feier fern der elterlichen Überwachung zu starten. Das Nein der Eltern kam schon, bevor sie ihre I­dee hatte zu Ende vortra­gen kön­nen. Stattdessen durfte sie nun je­de Frühlingsfe­rien mit ihren Eltern nach Hohlenfeld reisen und zwei Wochen Kühen beim Gras fressen zu sehen.
Hohlenfeld war für Maleen das Grauen. Ein Dorf mitten im Hochgebirge, in dem man nicht einmal un­beobachtet Zi­ga­retten kaufen konnte, ohne dass es gleich Stadtgespräch war. Jegliche Entbehrung ihres geliebten kultivierten Stadtlebens.
„Mam, Paps, be­denkt doch einmal, was das be­deutet! Für euch und für mich. All meine Freunde leben hier. Ich ha­be einen festen Platz in dieser Welt. Selbst in der Schule läuft es mittlerweile zu­friedenstellend und ich hänge nicht mehr allzu sehr nach. Ich bin sogar soweit, dass meine Leh­rer sa­gen, dass ich die Mittle­re Reife gut schaffe und etwas Vernünf­tiges ma­chen kann. In Hohlenfeld kann ich das nicht. Ich weiß gar nicht, wo die mit dem Stoff dran sind. Ich müsste mich anpassen und ein­ordnen. Das würde mich schulisch wie­der vollkom­men zu­rückset­zen. Dann bliebe ich viel­leicht noch einmal hän­gen. Ich will das doch genauso we­nig wir ihr. Aber selbst wenn ich die Schu­le da be­ende, gibt’s dort doch nichts Ver­nünf­ti­ges, wo man eine Aus­bildung an­fangen könnte. Mensch, wir reden von Hohlenfeld!
Es ist ein wahnsinnig großer Fehler dort hin­zuziehen. Seht das doch ein! Dass ihr euch zu Ruhe set­zen wollt, kann ich nachvollziehen. Schließlich habt ihr euer ganzes Leben lang genug geackert. Ihr wollt wegziehen, um eu­ren Le­bensabend zu ge­nießen, doch warum muss es denn unbedingt jetzt sein? Das ist ein voll­kommen falscher Zeit­punkt. Wartet wenigstens, bis ich die Schule fertig hab und ausgezogen bin.“
Sie wandte sich zu ihrem Vater, der mit zusammengezogenen Augenbrauen neben der Mut­ter Maleen gegen­über­saß. „Paps, du hast im­mer viel Wert auf meine schulis­chen Leis­tun­gen gelegt. Dir muss doch ein­leuch­ten, was ich meine. Außer­dem bist auch du ein Stadt­kind. Die Ruhe in Hohlenfeld mag dir über einen kurzen Zeit­raum ge­fallen. Nach einiger Zeit wirst du dich da langweilen. Auch du, Mam“, Maleen drehte sich nun zu ihrer Mutter um, die damit beschäftigt war, sich die nächste Zi­ga­rette an­zu­zünden, „du liebst das Ein­kau­fen. Dort gibt es nicht einmal ein Kleiderge­schäft. Die nächstgrö­ßere Stadt ist zwei Fahrtstunden entfernt. Es gibt kein Thea­ter, keine Oper, keine Diskos, keine schicken Restaurants, keine kleinen Ca­fés und keine Clubs. Wir säßen dort voll­kommen fest. Wir sind Groß­städter! Wir sind kul­ti­viert und in­tellektuell. Das sind Dörfler. Landeier. Die erzählen sich gegensei­tig, wie sehr sie ihre Kühe mögen und essen sie dann auf ...“
„Maleen, das reicht!“, fuhr ihr Vater dazwischen. „Es ist ja schon ko­misch, dass du sonst deine Klappe nicht auf­reißen kannst, dir jetzt jedoch hier vollkommen umsonst den Mund fus­selig re­dest. Deine Mutter und ich haben be­schlossen, unseren Hauptwohnsitz zu verlegen und dorthin zu zie­hen. Weil du noch nicht volljährig bist, wirst du mit uns kommen.“
„Das ist nicht ge­recht. Ihr seid unfair und ge­mein! Ihr denkt immer nur an euch“, schrie Maleen.
„Tochter!“, erklang die Stimme ihrer Mutter. „Reiß dich zusam­men.“
Maleen stand auf und und verließ ohne ein weite­res Wort die Wohnung.


17.8.2000
Langsam trafen die neunzehn Schüler der 10 in ihrem Klassenraum ein. Die Hohlen­fel­der waren froh, seit gut dreiundzwanzig Jahren eine eigene Schule zu haben und ihre Kinder nicht in eine ­ent­fernt liegende, größere Stadt schi­cken zu müssen. Aus eigenen Kindheitstagen erinnerten sie sich noch an den Spott der Mitschüler, welchen sie nach einer anstrengenden Anreise ausgesetzt waren. Jetzt kamen die Kinder der umgrenzenden Dörfer hier her und niemand musste mehr zwei Stunden in die nächste Stadt fahren.
Es gongte, die Flure leerten sich und auch die Tür der Klasse 10 schloss sich. Es wurde ru­hig auf den Gän­gen. Das Klackern zweier Absätze war zu hören. Es war ein war­mer Sommermorgen. Deshalb hatte sich Maleen für hochhackige Sandaletten entschieden. Sie liebte offene Schuhe. Auf ihrem dunkelvioletten Kleid prangte eine aufge­stickte gelbe Blume. Dazu trug sie passenden Schmuck und Schminke – wie immer ganz in ihrem Stil. In ihrer alten Schule war sie dafür bekannt ge­wesen. Teilweise hatte man sie sogar nachgeäfft.
Der Grund, warum Maleen zu spät kam, war, dass sie sich die Schule angesehen hatte. Es war ein grauer Alt­bau aus den Siebzigern, den man versuchte durch ausgestellte Schüler­pro­jekte zu ver­schö­nern. Stühle wie Tische bestanden aus splitterndem Holz. Maleen hatte keine Versuche ehemaliger Schüler ausgemacht sich im Mobiliar zu verewigen. Ihr Hauptaugenmerk hatte auf der Klei­dung ihrer zukünftigen Mitschülerinnen gelegen. Entsetzt hatte sie feststellen müssen, dass kei­nes dieser Mäd­chen et­was Modi­sches oder wichtiger: etwas Eigenes trug. Die Mädchen vereinigten sich zu einer Armee und ihre Uniformen bestanden aus Halbschuhen, Hosen, Blusen und unauffälligen Fri­suren: Keine Tönun­gen, keine wirren Haar­schnitte. Das Motto „Hängen und Hängen lassen“ herrschte.
Schließlich stand Maleen vor der Tür ihrer zukünftigen Klasse und starrte diese missge­stimmt an. Seit dem Tag, als sie sich damit hatte abfinden müssen in Hohlenfeld zu wohnen, war sie launisch und ag­gres­siv gewesen. Diese Laune wurde nur al­lein von dem alltäglichen An­blick des Dorfes geschürt. Mochte das traumhafte Pano­ra­ma der Berge für viele Men­schen wunderschön und in­spirierend sein, sah Maleen die Berge als stei­nerne Mauer, die ih­re Abgeschie­denheit von der Welt da draußen nur noch verdeut­lichte.
Kurz nach ihrer Ankunft hatte ihr die Schulleitung mehrere Kontakt­ad­ressen zugeschickt. Maleen hatte den Zettel wegge­worfen. Sie würde schon alleine zu­recht­kommen.
Alleine, jedoch mit dem Eindruck am ersten Tag zehn Minuten zu spät gekommen zu sein, betrat sie nach kurzem Klopfen den Klassenraum. Neun­zehn Augenpaare ihres Al­ters musterten sie. Dass es eine Neue ge­ben würde, hatte sich längst herumgespro­chen. Und jetzt war sie da.
Vorne am Lehrerpult stand ein drahtiger Lehrer mit kleiner Brille ohne Rän­der. Kantige Gesichtzü­ge, zusammengepresster Mund, vom Rasieren aufgeschürfte Haut.
„Guten Morgen“, wünschte Maleen. Ein paar der Mäd­chen in der Klasse kicherten hinter vor­ge­haltenen Händen. Maleen musterte sie. Für die war es jetzt ganz vorbei.
„Guten Morgen“, erwiderte der Lehrer aus Höflichkeit. „Du bist Maleen Storchmann, richtig?“
„Ja.“
„Warum kommst du zu spät zum Unterricht?“
„Es ist mein erster Tag hier und ich hatte einige Probleme mich ein­zu­finden.“
„Hat man dir keine Namen zur Kontaktaufnahme mitgeteilt?“
„Ich habe den Zettel nicht mehr. Außerdem finde ich mich alleine zurecht.“
Sie setzte sich ohne Aufforderung an den einzig freien Platz, der sich ganz vorne in der Mitte und di­rekt vor dem Lehrer­pult befand. Hinter ihr tu­schel­ten Mit­schülerinnen.
„Die ist echt voll cool, was?“, wisperte die eine.
„Oh ja, und wie. Allein ihre Klamotten! Die erinnern mich an die einer Prostituierten. Ja, genau! Das ist sie: Eine bil­lige Stadt­schlampe“, sagte die andere.
„Die ist erst vor ein paar Wochen hergezogen. Reiche El­tern, die wohl denken, sie stän­den über uns, weil sie aus einer Großstadt sind und vor Geld stin­ken. Wir beide standen bes­timmt auf der Liste. Sie hält es nicht mal für nötig, sich bei uns zu melden.“
„Ich weiß gar nicht, warum diesen Großstädtern erlaubt wird, hier ihre Häu­ser zu bauen. Was sind wir denn? Ein Asylantenheim für Reiche? Die sol­len uns gefäl­ligst in Ruhe las­sen und sich ihr Geld sonst wo hinstecken.“
„Lena und Rita! Seid ruhig!“
Die Rüge des Leh­rers kam zu spät. Maleen hatte die Charakterisierung verstanden und aufgenommen. Sie drehte sich um, damit sie die beiden Mädchen ausfindig machen konnte. Das eine war hellblond, das an­dere brü­nett. Im Gegensatz zu den anderen in der Klasse trugen sie etwas modernere Kleidung. Ihre Haare waren aufwendig geflochten. Darf ich vorstellen? Die Alphaweibchen – Maleen. Maleen – Die Al­phaweibchen.
Maleen wartete, bis beide Mädchen sie ansahen, und knurrte: „Wenn ich ’ne billige Stadtschlampe bin, seid ihr läufige Dorfnutten.“
„Maleen, dreh dich nach vorne!“, wies der Lehrer an. „Auch wenn du neu hier bist und dich um neue Kontakte sorgst, mach das gefälligst in den Pausen. Das hinterlässt keinen guten Eindruck.“

24.3.2001
In Hohlenfeld gab es eine feste, ungeschriebene Hierarchie. Die fing schon in der Schule an. Lena und Rita ge­hörten zu den Privilegierten. Lena war die einzige Toch­ter des Bür­ger­meis­ters war und Ri­ta die älteste des Polizei­chefs. Wo sie sich befanden, schwirrten die Mitschüler herum. Sie hatten stets gute Noten und wurden von den meisten Lehrern auch besser behandelt. Die ein­zige Ausnahme darin bestand aus ih­rem Klassen­lehrer, der alle Schüler mit gleicher Härte handhabte.
Maleen eckte in der Gemeinschaft an. Sie ordnete sich keiner Hierarchie unter, war ganz Außenseiterin. Jeder kann­te sie, aber niemand sprach mit ihr. Sie wollte keinen erkennen und das einzige, was aus ihrem Mund kam, waren Verwünschungen. Hauptziel Lena und Rita. Innerhalb des knappen halben Jahres, in dem sie nun in Hohlen­feld wohnte, waren schon al­lerlei böse Worte von beiden Seiten gefallen.

Lena und Rita standen während der großen Pause alleine auf dem Schulhof. Normaler­weise versammelte sich stets ein großer Schwarm ihrer Freundinnen um sie. Diesen hatten sie heute kurzerhand verjagt. Es gab ein ernstes Thema zu besprechen, beide Mädchen wa­ren restlos wütend.
„Ich hab mich richtig auf die Klassenfahrt gefreut“, fing Rita an, „bis dieser ver­damm­te Klas­senlehrer gekom­men ist und einfach die Zimmeraufteilung bestimmt hat. Das kann der doch nicht machen! Uns mit der Stadt­schlampe Maleen und die­ser Langeweilerin Haila zusammenzustecken. Unsere ganzen schönen Pläne sind jetzt umsonst! Seit fast einem halben Jahr verstecke ich den Wodka schon unter meinem Bett.“
„Ich werde zu Papa gehen, der wird das schon regeln“, schwor Lena.
An einem anderen Ecke des Pausenhofs saß Haila Jerrykens im Sonnen­schein und las ein Buch. Damit ver­brachte sie die meiste Zeit: Lesen. Denn, wenn man keine Freunde hatte, brauchte man wenigstens eine gute Freizeitbeschäftigung. Die Personen in den Büchern hatten richtige Prob­l­e­me und sie mit ihnen zu durchleben, half ihr, die eigenen zu ignorieren.
Auch Haila hatte heute von der Anordnung des Klassenlehrers erfahren. Nicht, dass sie et­was dagegen hätte. Ihr waren die meisten Lehreranweisun­gen im Bezug auf Grup­penarbeit oder Zimmereinteilung, e­gal gewesen. Seit Maleen in der Klasse war, hatte sich das geändert. Furcht und Interesse bestimmten ihr Ver­hältnis zu Maleen. Deren Charakterstärke war anziehend. Da war jemand, der es mit der Kapazität einer ganzen Schule aufnahm und keinerlei Verluste verbüßte. Sie gab nie klein bei, ging immer ihren eigenen Weg und zeigte dabei nie Ge­fühls­re­gungen. Haila spürte, dass Maleen nicht die Stoikerin war, für die sie sich ausgab. Es war nur das Gewand, welches ihr gerade am besten passte.
Maleen war immer alleine. Sie war einsam. Haila ging es genauso. Vor knapp zehn Jahren war sie aus den Niederlanden hergezogen. Im Gegensatz zu Maleen hatte sie Lena und Rita weder eine Angriffsfläche geboten noch hatte sie irgendein Interesse geweckt. Prompt wurde auch kein Kontakt zu ihr gesucht. In der kurzen Zeit, in der Maleen nun schon hier war, hatten Lena und Rita schon mehr Worte an sie gerichtet als an Haila.
Über den Rand ihres Buches hinweg schielte Haila nach jedem Satz zu Maleen herüber. Diese saß, gele­gentlich aus einer Milch­fla­sche trinkend, auf einer Bank und blätterte in einer Mode­zeit­schrift. Das machte sie jede Pause. Sie kaufte sich morgens vor der Schule in der Bä­cke­rei ein Schokobrötchen und ei­ne Flasche Vanille­milch und ver­zehrte beides in der Pause, während sie in einer mitgebrachten Zeit­schrift blät­terte. Haila beobachtete Maleen schon länger.
Haila wollte Maleens Freundschaft. Die Klas­sen­fahrt würde ihr dazu ver­helfen Maleen näher zu kommen. Schließlich mussten dort sie immer alles zu zweit machen. Da sie beide Außenseiterinnen waren, schweißte sie dies zusammen. Maleen konnte ihr nicht entrinnen.

Am Abend saß Maleen in ihrem Nachtdress an ihrem Schminktisch und zupfte die hauchdünnen Bögen über ihren Augen zurecht. Emi­nems „The Mar­shall Mathers LP“ beschallte den Raum. In der Zeit, in der sie in Hohlenfeld wohnte, hatten sich ih­re Ge­wohnheiten nicht ge­ändert. Sie zog sich nach wie vor an, wie sie wollte, schminkte und fri­sierte sich aufwen­dig. Die jeweiligen Materia­lien, die sie dazu brauch­te, be­stellte sie sich entwe­der per Katalog o­der übers Internet. Dieses war zu ihrer wichtigsten Verbindung nach au­ßen geworden. Stun­denlang unterhielt sie sich, flirtete und tratschte in Chatrooms. Früher war sie viel unterwegs gewesen, hatte Cafés besucht und sich munter in ihrem Freundeskreis bewegt. Jetzt lag ein dickes Kissen auf ihrem Schreibtischstuhl, damit das lange Sitzen sie nicht schmerzte.
Es klopfte an der Tür. Maleen runzelte die Stirn. Ihre Eltern waren bei ei­nem Treffen des zum Asthma neigenden Bürgermei­s­ters.
„Herein?“
Die Tür öffnete sich nicht. Es klopfte erneut. Ein Stich in ihrem Magen. Nicht mehr als ein ungutes Gefühl. Ein Klopfen in einem leeren Haus. Maleen stand auf, ging zur Tür, lauschte. Nichts war zu hören.
„Hallo?“
Keine Antwort. Maleen öffnete die Tür und schaute nach draußen. Niemand zu se­hen. Nur der dunkle Flur.
„Mam? Paps? Seid ihr wieder da?“
Immer noch Stille, die nur Eminem sehr laut hinter ihr durchdrang, indem er sein „Kill you“ rappte. Maleen schüt­telte den Kopf und schloss die Tür wieder, um mit dem Augen­brauenzupfen fortzufahren. Doch kaum saß sie wieder, als ein neues Klopfen er­tönte. Wütend sprang Maleen auf, rannte zur Tür, riss diese auf und schrie: „Was, zur Hölle, ist los?“
Sie schrie die Leere des Flurs an. Das unwohle Gefühl wandelte sich zur Angst. Mit schnellen Schrit­ten rannte Maleen zur Kü­che und holte sich dort ein Messer. (Sie hatte Scream gesehen.) Dann durch­suchte sie jeden einzelnen Raum des Hauses. Es war überall dunkel. Maleen schaltete jede Lampe an, die sie fand. Wenn jemand im Haus war, würde sie ihn finden.
Sie fand niemanden. Außer ihr war niemand im Haus. Das Messer in ihrer Hand betrachte­nd, schüttelte sie den Kopf aufgrund ihrer Überreaktion. Wahrscheinlich war alles nur Einbildung gewe­sen. Sie ging zurück zur Küche und legte das Messer wieder in die Schublade. Als sie diese ener­gisch schloss, gab es einen lauten Knall. Alle Lichter im Haus erlo­schen. An­statt voll­kommener Stille kam Gestotter aus ihrem Raum. Eminem wiederholte die beiden Worte „Kill you“, als wäre ein Sprung in der CD.
„Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! – Kill you! Kill you!“
Mit jeder Wiederholung verzerrte sich die Stimme des Rappers, wurde langsamer und schiefer und endete schließlich in einem dunklen „K-k-k-k-i-i-i-i-i-i-i-l-l-l-l-l-l-l-l-l-l y-y-o-o-o-u-u-u-u-u“.
Dann war es still. Maleen starrte in Richtung Küchentür. Sie konzentrierte sich auf mögliche Geräusche. Au­tomatisch glitt ihre Hand zurück zur Schublade und ergriff erneut das Mes­ser. Ein Blick durchs Fenster be­zeugte, dass die anderen Häuser noch Strom hatten. Es war kein regulärer Stromausfall. Ein kalter Schauer lief ihr den Rü­cken herunter. Auf einmal hatte sie das Ge­fühl, be­obach­tet zu werden. Hastig sah sie sich im Dun­keln um, doch sie konnte nichts sehen.
Da!
Ein leises Rascheln. Mehr noch der Hauch eines Geräusches. Maleen kreischte auf und ergriff die Flucht in ihr Zimmer. Mit aller Kraft warf sie die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um. Es gab ihr kein Gefühl der Sicherheit. Sie spürte die Angst noch mit jedem Klopfen, das ihr Blut in ihrem Kopf verursachte.
Wieder horchte Maleen und machte keine Geräuschquelle aus. Kurz zwang sich der Gedanke in ihren Kopf, wie denn die CD hatte weiterspielen kön­nen, ob­wohl der Strom ausge­fallen war – Nicht drüber nachdenken, sagte sie sich. Einfach akzeptieren. Es wird schon irgendeinen be­schis­senen Grund da­für ge­ben, den ich nicht weiß, weil ich nie im Physikunterricht aufge­passt habe.
Einige wenige Lichtstrah­len der Straßenlaterne fielen durch das Fenster herein. Sie überlegte, was sie jetzt machen sollte. Ich hab im Nachttisch eine Taschenlampe, schoss es ihr durch den Kopf. Sofort stürzte sie hin und kramte sie her­aus. Sie schlich zur Tür und verharrte dort re­gungslos.
Nichts.
Kein Geräusch war zu hören. Zögernd griff Maleen zum Schlüssel und öffnete die Tür wieder. Die einzi­gen Laute, die sie vernahm, verursachte sie selbst.
„Ein Stromausfall“, sagte sie laut „Es ist bestimmt nur ein ganz gewöhnlicher Strom­aus­fall. Die Sicherung ist rausge­flogen. Ich muss sie nur wieder reindrehen.“ Sie betrat den Flur, ging langsam voran, die Taschen­lampe in der einen, das Messer in der anderen Hand. „Das Stromnetz war überlastet, weil alle Lampen im Haus brannten. Das Klopfen hast du dir eingebildet. Du schaust zuviel fern.“
Kurze Zeit später stand sie vor dem Sicherungskasten und beleuchtete ihn. Ihre Vermu­tung hatte sich bestä­tigt: Die Hauptsicherung war herausgeflogen.
„Na, siehst du“, beruhigte sie sich selber. „Ist ja gar nichts Schlimmes. Du bist eine hirn­überdrehte, ver­dammte Idiotin! Die reinste Witzfigur.“
Ein kurzer Dreh des Hauptschalters und das Haus der Storchmanns erleuchtete wie­der ne­ben den anderen der Straße. Maleen machte sich daran, alle ü­berflüssigen Lichter zu löschen.
Doch noch am nächsten Tag, als sie teilnahmlos im Unterricht saß, ver­ließ sie das Ge­fühl nicht, dass es kein regulärer Stromausfall gewesen war.


Hohlenfeld ist ein dreiteilige Horror-Serie. Hier geht es weiter zu Teil 2 und Teil 3: