Samstag, 22. Dezember 2012

Hohlenfeld (3/3)


"Hohlenfeld" ist eine dreiteilige Horror-Serie. Hier finden sich Teil 1 und Teil 2.


Die Klasse versammelte sich wieder am Bus. Wie die Schüler feststellen musste, wa­ren we­der der Busfahrer noch Maleen auffindbar. Die Tasche des Lehrers lag umgestoßen im Bus, direkt neben der Zeitung des Bus­fahrers.
Der Lehrer tobte, die Klasse schimpfte, Lena und Rita zickten, Haila zerbiss sich besorgt die Unterlippe. Maleen war jetzt seit knapp einer Vier­telstunde verschwunden. Vor etwa zwölf Minu­ten hatte dieser grau­same Eis­regen eingesetzt. Vor fünf Minuten hatte Haila den Klassenlehrer gefragt, ob sie mal nach Maleen schauen könnte, um dann zu vermelden, dass das Mädchen und der Busfahrer spurlos ver­schwun­den wa­ren.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“, fragte schließlich einer laut.
Der Lehrer versuchte, seine Ratlosigkeit nicht allzu deutlich zu zeigen. Innerlich fluchte er in sich hinein. Seit Maleen die Klasse betreten hatte, hatte er gewusst, dass sie nur Probleme machen würde. Seine Prog­nose hatte sich als richtig erwiesen: Sie spielte die Aufsässige, die sich für besser hielt als die anderen anstatt sich anzupassen und ihren Mitmenschen das Leben angenehmer zu machen. Auch jetzt wollte sie sich in Szene setzen, wie Außensei­ter das nun mal gern taten. Am liebsten würde er sie auf die Nase fallen lassen und nicht ausfindig machen. Dann würde sie irgendwann von alleine zurückkommen, be­schämt, gescheitert, belehrt. Er könnte sie sogar wegen ihres Benehmens nach Hause schicken.
Doch gleichzeitig war er sich im Klaren, dass er anders handeln musste. Ihre Eltern waren wohlhabend, pflegten politisch gute Kontakte zu allen wichtigen Men­schen in Hohlenfeld. Maleen könnte ihm heftige Schwierigkeiten bereiten, wenn sie wollte. Er musste nach ihr suchen lassen, damit man ihm keine Fahrläs­sigkeit vorwerfen konnte.
Der Lehrer sah durch seine Brille in die Runde empörter Schüler und ent­schied: „Haila, Lena und Ri­ta, ihr kommt mit mir. Der Rest geht zurück ins Restau­rant und bleibt da.“
Gleichzeitig öffneten Rita und Lena die Münder, um zu protestieren, doch der Lehrer kam ihnen zuvor: „Seid still und fangt mit der Suche an!“
Die kleine Gruppe trennte sich auf ihrer Suche. Der Lehrer teilte ihnen Bereiche zu, die sie im angrenzen­den Wald durchsuchen sollten. Logischerweise hatte sich Maleen nämlich dort versteckt. Bei dem ebenen Abhang hätte man sie zu leicht gesehen.
Rita und Lena bewegten sich langsam den Waldweg entlang, während sie zusammen darüber schimpften, dass sie mitsuchen mussten.
„Wenn ich mich erkälte, bring ich Maleen um“, schwor Rita.
„Dieser Mistkerl muss die nach Hause schicken. Wetten, sie versteckt sich irgendwo in diesem Wirtshaus und lacht die ganze Zeit über uns.“
Der Lehrer kam vor ihnen aus dem Gebüsch. Auch er war durchnässt. Er hatte seine Brille abgenommen. An seinen Schuhen klebten Schlamm und Blätter.
„Rita und Lena, ich höre eure Stimmen gar nicht!“, tadelte er sie.
„Was bringt es hier herumzubrüllen, wenn der Regen alles übertönt?“, fragte Haila zurück.
Er schnaufte nur als Antwort. „Weiß einer, wo Haila ist?“
„Bestimmt zum Haus zurückgelaufen.“
„Können wir nicht auch wieder zurück? Wir finden die doch eh nicht. Die kommt schon wieder. Bestimmt beobachtet sie von irgendeinem Versteck das Gasthaus und zählt Minuten, bis sie wieder hervorkommt.“
„Gut, suchen wir Haila, dann gehen wir wieder zurück.“
Ein wenig abseits von den restlichen dreien der Suchtruppe durchkämmte Haila einen kleinen Hang, der ganz mit Sträuchern bedeckt war. In regelmäßigen Ab­ständen rief sie nach Maleen, obwohl sie wusste, dass das Echo im Rhythmus des Regens vollkom­men unterging. Maleen war viel zu eitel, um sich ohne Jacken solchen Regen auszusetzen. Sie würde es niemals riskieren krank zu werden. Wenn sie wirklich hier im Wald war, dann weil sie sich erschreckt hatte. Und sie musste hier im Wald sein. Haila hatte sie beobachtet, wie sie zum Bus gegangen war, aber sie hatte sie nicht zurückkommen sehen. Der Bus stand mit der türlosen Seite zum Gasthaus und verdeckte einen Bereich des Waldes. Wäre Maleen zum Haus zurückgelaufen, hätte Haila es auf jeden Fall mitbekommen.
Haila wollte sich nicht ausmalen, dass der Busfahrer ihr eventuell etwas angetan hatte. Aber Maleen hatte einen Grund gebraucht, in den Wald zu fliehen. Sie hatte einen fast unscheinbaren Pfad durch das Gestrüpp gefunden. Vielleicht war er von Tieren geschlagen worden, aber sie wollte die Möglichkeit nicht ungeachtet lassen. Außerdem schien es ihr verdächtig, dass hier mehrere Äste in Brusthöhe umgeknickt waren.
Haila bückte sich und entdeckte einen purpuren Stofffetzen an einem Ast. Maleens Pullover, schoss es ihr durch den Kopf. Sie richtete sich wieder auf und ließ ihren Blick schweifen. Sie verspürte ein Kribbeln im Hinterkopf. Es war, als ob jemand sehr nahe hinter ihr stand jedoch ohne sie zu berühren. Sie drehte sich um. Da stand niemand. Das Gefühl blieb.
Langsam bewegte sie sich vorwärts, schaute abwechselnd auf den Boden und über ihren Rücken zurück. Die Dichte der Regentropfen konnte sie auch hinters Licht führten, aber sie meinte dort hinten im Gebüsch etwas auszumachen. Ja, da war etwas. Ein Arm.
Hektisch stolperte sie einige Schritte zurück. Ein Arm. Maleens Arm. Haila erkannte die Mitschü­lerin. Sie lag in dem Gebüsch, ihr Gesicht kalkweiß, ihr Körper mit Kratzern übersät, ihre Klei­dung blut­durchtränkt, ihre leeren Augen halboffen.
„Hilfe!“, brüllte Haila, immer noch mit vor Schrecken geweiteten Augen auf das Mäd­chen star­rend. „Hil­fe! Hilfe! Sie ist hier, so kommt doch!“
Lena, Rita und der Lehrer hatten sich Haila auf der Suche nach ihr wesentlich genähert.
„Wo ist die denn?“, schimpfte der Lehrer. „Ich habe ihr das Gebiet, das sie durchsuchen soll, doch deut­lich genug beschrieben.“
„Jetzt holen wir uns ganz bestimmt eine Grippe, wenn nicht so­gar eine Lungenentzündung“, setzte Rita ein. „Diese dumme Pute, die ist fast genauso dämlich wie die ...“
„Rita, sei mal grad leise!“, unterbrach Lena sie und blieb stehen.
„Was?“
„Hör mal! Was war das?“
„Da war nichts.“
„Lena, du hast Recht“, sagte der Lehrer. „Da ruft wer.“
„Haila?“
„Suchen wir sie. Los, bewegt euch!“
Es dauerte einige Zeit, bis der Lehrer, Lena und Rita Haila erreichten. Diese hockte neben Maleen und presste Zeige- und Mittelfinger auf deren Hals.
„Was brüllst du denn wie eine Irre?“, keuchte Lena, doch dann er­blick­te sie den leblosen Körper neben Haila und fing hyste­risch an zu kreischen. Rita wandte sich ab und erbrach sich in ein Ge­büsch.
„Oh mein Gott!“, hauchte der Lehrer fassungslos und sah im binnen einer Sekunde die nähere Zukunft: Eine Schülerin starb unter seiner Aufsicht. Und er hatte sie vor Zeugen weggeschickt. Er würde seinen Job verlieren und jegliches Ansehen, müsste wegziehen, vielleicht sogar einer Klage entgegen sehen. Er könnte nirgendwo mehr neu starten. Es würde ihn überall hin verfolgen. Es würde schließlich in den Zeitungen stehen. Storchmann waren wohlhabende Unternehmer.
„Hat sie ... Puls?“, fragte er.
„Ganz schwach“, antwortete Haila. Ihre Stimme war mehr ein Schluchzen.
„Wir müssen sie zurückbringen. Sei gefälligst ruhig!“, fauchte er Lena an, die immer noch kreischte. „Sie muss in ein Krankenhaus.“

Der komplette Asphaltboden war mit einer Mischung aus Glatteis und Wasserpfützen bedeckt. Auf eigenen Füßen wäre es bereits schwierig genug gewesen zum Re­s­tau­rant zu gelangen. Einen halbtoten Menschen mit sich zu führen, er­schwerte die gan­ze Sache um einiges. Der Lehrer und Haila trugen die bewusstlose Maleen, Rita und Lena liefen verstört nebenher.
„Es war bestimmt der Busfahrer“, wiederholte Rita durchgehend. „Er ist weg, er ist geflohen. Es war bes­timmt der Busfahrer.“
Als sie im Lokal ankamen, umringten die anderen Mitschüler die Grup­pe. Als sie Maleen sahen, schrieen die meis­ten auf, sodass auch die Wirtsleute herbeikamen. Die Frau fing wie Lena an hysterisch zu kreischen. Der Mann reagierte geistreicher. Er befahl seiner Frau ener­gisch Decken, Arz­neien und Verbände zu ho­len. Dann wandte er sich an den Lehrer.
„Und Sie sorgen dafür, dass die anderen Schüler sich beruhigen. Du Mädchen, rufst die Polizei und den Krankenwagen an. Das Telefon steht hinter der Theke“, wie er Haila an.
Während Haila zum Hörer griff, sammelte sich der Rest der Klasse um Rita und Lena die ganze Klasse. Der Lehrer hockte dabei und redete beruhigend auf sie ein.
Haila erklärte dem Polizisten, was passiert sei, um sich dann mutlos anhö­ren zu müs­sen, dass es aller Wahrscheinlichkeit „etwas länger“ dauern würde, da Straße durch Glatteis derzeit schwer ­pas­sierbar.
„Aber meine Mitschülerin ist schwer verletzt“, schrie Haila in den Hö­rer.
„Wir können es nur versuchen, aber Sie müssen verstehen, dass all unsere Kräfte derzeit schon ...“
Nichts. Alle Lichter im Hause erloschen. Weitere Schreie von den Klassenmitgliedern.
„Das ist der Busfahrer. Er ist noch hier“, wimmerte Rita.
„Hat denn keiner von euch eine Taschenlampe dabei?“, fragte der Lehrer in die Runde.
Haila verließ den vorderen Raum, um das Zimmer aufzusuchen. Sie wünschte sich, der Busfahrer würde kom­men und auch die Klasse und den Lehrer wie Maleen zuzu­richten. Dann schämte sie sich für den Gedanken.
Der Wirt hatte Maleen in eines der Hotelzimmer gelegt und dort all ihre Wunden desinfiziert und mit Hilfe seiner Frau ver­bun­den. Haila stand vor der Tür und wollte gerade eintreten, um das Ergebnis des Tele­fonats zu berichten, als sie die Stimme des Wirts hörte: „Ich weiß nicht, was mit diesem Mädchen passiert ist. Der Lehrer meinte, sie wäre aus was für Gründen auch immer in den Wald gelaufen und dort in einen Dornengebüsch gefallen ...“
Haila schnaufte. Wie konnte dieses Arschloch es wa­gen eine derartige Lü­ge zu er­zählen?
„ ... aber wenn du mich fragst, stimmt das nicht. Schau dir einmal ihre Wunden an. Das sind keine Wun­den von Dornen. Auch kein Tier, was hier lebt, kann einen solchen Schaden anrichten. Hier am Rücken sieht man es ganz deutlich. Das sind je­weils fünf paral­le­le Kratzspu­ren, fast wie aus menschlicher ...“
„Schweig! Ich will das nicht hören“, erklang die verängstigte Stimme der Wirtin. „Wird sie durchkom­men?“
Schweigen. Haila schloss die Augen.
„Ich weiß es nicht. Ich habe etwas Derartiges noch nie gesehen oder davon gehört.“
Da siegte Hailas elterliche Beziehung. Sie belauschte das Erwachsenengespräch nicht län­ger, sondern klopfte an. Die Wirtin verließ den Raum, als Haila hereinkam. Haila sagte: „Die Polizei meint, die Straße hi­erher sei un­passier­bar. Es würde einige Zeit dauern. Dann brach das Gespräch we­gen des Stromausfalls aus.“
Die Miene des alten Mannes verdüsterte sich. Er murmelte einige unverständliche Worte und winkte dann ab. „Ist gut. Danke für deine Hilfe. Nun geh wie­der zurück zu deinen Freunden.“
Haila schluckte und stand unschlüssig neben der Tür. Der Wirt hatte sich bereits abgewandt, um Maleens Stirn zu kühlen. Deren Gesicht war mittlerweile nicht mehr blass, son­dern grellrot. Anscheinend hatte sie ho­hes Fieber. Sie war bis zum Hals mit vielen Decken bedeckt und schien zu schlafen. Der alte Mann bemerkt­e, dass sie den Raum nicht verlassen hatte. Erwartend zog er die Augenbrauen hoch. Haila spürte, wie sie rot wurde.
„Was ist denn noch?“, fragte er.
„Kann ich nicht vielleicht noch irgendwo helfen?“
„Nein, brauchst du wirklich nicht. Geh zurück zu deinen Freunden.“
„Das sind nicht meine Freunde.“
Der alte Wirt betrachtete sie noch einmal und nickte schließlich. „Ja, natürlich. Du kannst mir helfen, das Mädchen zu pflegen. Wie heißt sie eigent­lich?“
„Maleen Storchmann.“
„Und du?“
„Haila Jerrykens.“
„Das klingt nicht sehr einheimisch. Woher kommst du?“
„Aus den Niederlanden, Herr ... ?“
„Herr Zoller.“

Drei Stunden später hatte sich die Lage nicht verändert. Es regnete weiter. Dazu kam die aufsteigende Däm­merung. Der Strom war immer noch nicht zu­rück­gekommen, Frau Zoller hatte einige Ker­zen aufgestellt. Die Klasse war verängstigt und verstört. Sie hatte sich vor dem Ka­min versammelt. Maleens Fieber war gestiegen und schwankte nun zwi­schen vierzig und ein­undvierzig Grad hin und her.
Haila und Herr Zoller hielten abwechselnd Wache an ihrem Bett. Kein anderes Klassenmitglied fragte nach, ob es sich nützlich machen konnte. In einer aufwen­digen Ak­tion holten sie ihre Schlafsä­cke aus dem Bus. Hailas Ge­päck wurde dabei vergessen. Sie bemerkte es nicht einmal, weil sie die ganze Zeit in Maleens Zimmer verbrachte. Sie sorgte sich. Der Gedanken, ob Maleen, welche kalt und abweisend zu ihr ge­wesen war, es überhaupt verdiente, dass man sich Sor­gen um sie machte, kam ihr nicht in den Sinn.
Gegen dreiundzwanzig Uhr ordnete der Lehrer Nachtruhe an. Die Tische waren schnell zur Seite gescho­ben und die Schlafsäcke ausgebreitet. Haila machte mit Herrn Zoller aus, dass sie die erste Schicht bis drei Uhr ü­ber­neh­men würde. Nach eini­ger Zeit döste sie leicht ein. Wach wurde sie, als Maleen an­fing wild um sich zu schlagen. So­fort stürzte Haila zum Bett. Sie versuchte Maleens Arme einzufangen und begann, langsam und beruhigend auf sie einzureden. Es half: Maleen fiel wieder in den Tiefschlaf. Haila wechselte die Kom­pre­s­se am Kopf. Kurz blickte sie auf die Uhr. Es war Viertel vor drei und vollkom­men still im Haus. Fast zu still, wenn man be­dachte, dass eine Horde Jugendlicher hier schlief. Haila beschloss, Herrn Zoller zu wecken.
Dieser hatte ihr grob den Weg zu den Privaträumen der Wirtsleute erklärt. Bei Hel­lig­keit wäre es sicher­lich kein Problem gewesen dorthin zu gelangen, zumal die Pri­vaträume auch ausgezeichnet waren, aber jetzt, da das ganze Haus stockdunkel war, sah sich Haila ei­nem echten Problem gegenüber. Die Klassenkameraden aus dem Schlaf zu rei­ßen war ein Reiz. Auf die darauf folgenden Strapazen konnte Haila allerdings verzicht­en.
Langsam und mit den Händen voraus bewegte sie sich vorwärts. Die Wände des Hau­ses waren größtenteils mit Holz verkleidet. Zwischendurch zierten Köpfe hei­mi­scher Tiere, ein paar ge­stickte, eingerahmte Weisheiten oder Bil­der von Landschaften die Wände.
Jetzt, ihre Hände hatten gerade einen dieser eingestickten und eingerahmten Sprü­che ertastet, meinte sie, kurz vor dem Saal zu sein, in dem die Klasse schlief. Sie hörte die Klassenkameraden atmen. Soweit es ih­re Er­in­nerungen hervorriefen, ging es jetzt gerade­aus an der Küche vorbei zu den Privaträumen. Dabei standen noch eine Kommode und ein Kleiderständer im Weg.
Sie schritt voran. Zwei rote Augen leuchteten auf. Grelle, zu Schlit­zen ver­engte Pupillen. Haila schreckte zurück, verlor das Gleichgewicht und schlug schmerzhaft mit dem Steißbein auf dem Boden auf. Sie schrie auf.
Die roten Augen waren verschwunden. Ein Schauer durchfuhr Haila. Das Gefühl im Nacken war wieder da gewesen. Einbildung. Einbildung. Bloße Einbildung. Sie war nur übermüdet.
Sie krabbelte erst ein paar Schritte vorwärts und stand wieder auf. Haila konnte sich nicht daran erinnern jemals so froh gewesen zu sein als in dem Mo­ment, als sie die Türklinke zu den Privatzim­mern des Wirt­paares her­unterdrückte. Kurze Zeit dar­auf machte sich Herr Zoller auf den Weg zu Maleen. Ihm fiel nichts Außergewöhnliches auf. Haila legte sich auf eine Couch im privaten Wohnzimmer hin. Frau Zoller hatte ihr eine Decke gegeben, doch sie zitterte trotzdem. Schlafen konn­te sie auch nicht. Jedes Mal, wenn sie die Au­gen schloss, schossen plötzlich zwei rote Augen aus der Dunkelheit auf sie zu. Wie ein Kamerablitz funkten sie auf und verschwanden und hinterließen dabei Schmerz in den Augen. So viel Hass beinhalteten diese Augen. Als wüssten sie um alles Veracht­enswerte in dieser Welt und nutzten ihr Wissen, um zu foltern.
Und es gelang ihnen.


3.5.2001
Am nächsten Tag ging es Maleen besser. Gegen Mittag war ihr Fieber gesunken, die An­fälle hör­ten auf. Sie schlief sich gesund, sagte Herr Zoller. Auch Haila war gegen Morgengrauen in einen eher einer Ohnmacht ähnelnden Schlaf gesunken.
Die Klasse hingegen war putzmunter. Als wäre nichts passiert, alberten die Mitschüler herum. Die Ausnahmen bildeten Rita und Lena. Die anderen luden sie ein mit Flaschendrehen oder Karten oder Stadt Land Fluss zu spielen. Rita fauchte sie an, sie in Ruhe zu lassen. Sie wären jetzt nicht in der Lage zu spielen und ob ih­nen denn nicht bewusst wären, dass sie hier oben festsäßen. Eine Mitschülerin sei angefallen wor­den war und vom Hauptverdächtigen fehlte jegliche Spur. Sie erntete unverständliche Blicke. Daraufhin packte Lena Rita und die beiden sonderten sich in eine Ecke ab. Sie redeten wenig, flüsterten nur ab und zu ein paar Worte und beschimpften jeden, der das Wort an sie richtete.
Frau Zoller bat die Klasse mehrmals, leiser zu sein. Die ignorierte die Bitte je­doch, sodass schließlich Herr Zoller kam und dem Lehrer sagte, dass wenn sich nichts än­derte, würde er sie alle vor die Tür setzen. Das half. Der Leh­rer beauftrage ein paar Mädchen, Frau Zoller in der Kü­che zu helfen. Keine allzu leichte Auf­gabe, da es immer noch kei­nen Strom gab.
Gegen Mittag wandelte sich die Gemütslage der Klasse von ausgelassen in launisch. Es hörte auf zu reg­nen. Der Himmel lichtete sich langsam. Sie wollten heraus. Der Lehrer verbot es ihnen. Das minimale Mit­tagessen bestand aus Salat, Brot und kaltem Kakao. Danach fingen die Schüler an sich wegen den kleinsten Banali­täten zu strei­ten. Nervös, unwissend und gereizt fühlten sie sich. Freude und En­thusiasmus für die lang ersehnte Klassen­fahrt ver­lor sich. Spiele wurden weggepackt. Alle saßen herum, hörten Musik, wenige rede­ten.
Als Haila aufwachte, löste sie den Wirt ab. Frau Zoller gab ihr ei­ne Zeitung, mit der sie sich be­schäftigen konnte, schließlich schlief Maleen nun die ganze Zeit über. Haila war gerade in einen Artikel über afri­kanische Stämme in Namibia vertieft, als ein leises Stöhnen zu ihr drang. Sie schleuderte die Zeitung weg und hastete zu Maleen, die ihre Augen leicht aufgeschlagen hatte.
„Maleen. Hallo? Kannst du mich hören? Ich bin’s – Haila“, redete sie.
Maleens Augen klärten sich mit jedem ein­zelnen Wort mehr und mehr. Langsam bewegte sie ihre Arme. Ent­geistert mu­sterte sie ihre Verbände.
„Was ist passiert?“, fragte sie mühsam.
Haila nagte nervös an ihrer Unterlippe. „Ich weiß nicht. Erinnerst du dich nicht?“
Sofort bereute Haila ihre Freundin, denn der ahnungslose Ausdruck in Maleens Gesicht wandelte sich in pure Panik.
„Wir müssen hier weg“, krächzte sie. „Es kommt wieder.“
„Es? Was ist mit dem Busfahrer.“
Maleen krächzte auf. „Busfahrer? Vergiss den.“
Haila hätte niemals gedacht, dass ein charakterstarker Mensch wie Maleen jemals mit ei­ner solchen Stimme sprechen oder diesen Gesichtausdruck annehmen könnte. Was hatte sie erlebt? Wer hatte ihr das zugefügt, wenn nicht der Busfahrer? Wer oder was war es? Sie stand wohl noch unter Schock, wusste nicht, was sie sagte.
Maleen wollte sich aufsetzen. Als sie merkte, dass sie zu schwach war, sank sie wieder in die Kissen zurück. „Kannst du mir nicht helfen aufzustehen, Haila? Wir müssen hier weg, glaub mir. Es bringt uns um. Ich hatte nur Glück. Es spielt gern.“
Haila rührte sich nicht, starrte Maleen weiterhin an. Ein lauter Knall erklang. Beide Mädchen zuckten zusam­men. Es hatte sich angehört, als würde je­mand mit Gewalt einen Holztisch zerschlagen. Zögernd be­wegte sich Haila auf die Tür zu. Sie wollte sehen, was da vorging. Sicher war es nur einer ihrer Mit­schüler, der es lustig fand ein biss­chen ver­rückt zu spielen. Die schmale Hand des Mäd­chens legte sich auf die Klinke nieder.
„AAAAAAAHHHHHHH!!!!“
Als wäre die Klinke glühend heiß, riss Haila ihre Hand zurück und entfernte sich schnell von der Tür. Hek­tisch sah sie sich um, ob sie etwas hatte, mit dem sie sich vertei­digen konnte, wenn jemand hineinkäme.
Rote Augen – Glühend. Hassend. Wissend. Vorraussagend. Böse.
„AAAAAAAHHHHHHH!!!!“
Erneut zerriss ein markerschütternder Schrei die Luft. Der erste war nah, der zweite ferner gewesen. Das war kein normaler Schrei. Nicht mal Lena hatte sich so angehört, als sie Maleen gesichtet hatte. Diese fing jetzt an zu jammern: „Bitte, geh nicht raus. Lass mich nicht allein!“
Rennende Schritte auf dem Holzboden. Irgendwo zerbrachen Fenster. Noch mehr Lärm. Getrampel. Hysterisches Krei­schen. Einzelne Namen. Abgewürgte Satzfetzen. Hilferufe. Dann Schreie. Schmerz­erfüllt, laut und lang.
Haila hörte ein­zelne Stim­men ihrer Klassenmitglieder heraus. Mit je­der Sekunde schoss das Blut schnel­ler durch ihre Adern. In ihren Fingern fing es an zu kribbeln. Sie zitterte. Die Au­gen ta­s­te­ten die Tür ab. Etwas war davor. Sie spürte es. Etwas mit roten Augen.
Ich muss mich verstecken, schoss es ihr durch den Kopf. Ge­rade wollte sie Maleen ih­ren Vor­schlag mit­teilen, als sie sah, dass sie bereits unter die Decke ge­krochen war. Haila legte sich auf den Boden und krabbelte unter das Bett, bis sich die Wand an ihren Rücken drängte.
Sie hörte das Klicken, als die Tür­klinke herunter gedrückt wurde. Die Tür öffnete sich ohne Knirschen und fiel hastig zu. Haila schloss die Augen und versuchte, sich nicht zu bewe­gen.
Wimmernde Geräusche. Schritte mit leisem Hall. Haila wagte nicht zu atmen. Still betete sie. Was auch immer herein gekommen war, es bewegte sich nicht. Stand nur da, keuchte und gab leise Ge­räu­sche von sich.
Haila meinte, sie müsste ersticken. Das Zittern ließ sich nicht mehr unterdrücken. Ihre Un­terlippe bebte. Da ent­schlüpfte ihr auch schon ein kleines Schluchzen. Angst­voll riss sie die Augen auf. Hatte es sie gehört? Ja. Es bewegte sich. Kam näher, immer näher. Haila presste sich noch enger an Wand und Boden, betete weiter, schloss wieder die Augen. Sie wollte die roten Augen nicht sehen. Sie brannten. Solch eine Quelle des Hasses, dass sie Seelen verglühte.
Keuchen, Schritte.
Immer näher. Immer lauter.
... Mama, Papa, ich liebe euch ...
„Haila?“
Die jämmerliche leise Stimme ließ sie die Augen aufreißen. Sie erwartete ein schreckli­ches Ungeheuer mit ro­ten Augen, doch vor ihr stand mit einer Schnittwunde im Ge­sicht Lena.
„Lena?“, flüsterte Haila zurück. Sie sahen sich an. Lena nickte auf Hailas ungestellte Frage. Das Grauen war im Haus. Und es war nicht der Busfahrer.
„Wir müssen hier weg“, wiederholte Lena Maleens Worte. „Es wird auch uns töten.“
Nur mühsam kontrollierte sie die Panik in ihrer Stimme. Sie versuchte erst gar nicht, das Zittern ihres Körper zu unterdrücken.
„Bitte.“
Das Wort war leise und sehr undeutlich, weil sie es unter Tränen aussprach, aber Haila wusste, was hier ge­sche­hen war. Lena wusste nicht, was sie tun sollte, war ratlos, hatte Angst. Sie brauchte jemanden, an den sie sich hängen konnte, der ihr Schutz gab. Und da wandte sie sich an Haila, die als einzige hier unbeschadet war.
Haila antwortete nicht. Lena blickte zum Bett.
„Wie geht es ihr?“, fragte sie.
„Was kümmert es dich? Jetzt, da du Hilfe brauchst, tust du, als würde ich dir etwas bedeuten“, kam Maleen wieder unter der Decke hervor.
„Komm, lass uns das jetzt erst einmal begraben“, schluchzte Lena. „Da ist was im Haus, was uns weitaus größe­re Probleme bescheren wird. Ich weiß, ich habe mich beschissen be­nom­men, aber das ist doch jetzt nicht mehr wichtig ...“
„Nicht mehr wichtig?“, spie Maleen aus. „Du und Rita habt mir das Leben zur Hölle ge­macht, ob­wohl es schon beschis­sen genug war. Und jetzt soll ich dir vergeben, weil wir wahrscheinlich bald sterben?“
„Wie kannst du so reden? Wir können uns noch retten.“
„Hast du dein Hirn jetzt vollkommen verloren? Das, was da draußen ist, hat mich so zugerichtet. Ich hab es ge­sehen. Ich hab genauso geschrieen, wie die anderen. Dass ich nicht tot bin, ist reiner Zufall. Glaub mir, wir können nicht vor ihm wegrennen.“
„Lass es uns wenigstens versuchen. Haila, sag doch auch mal was. Die anderen sind alle so gut wie tot. Noch ist es abgelenkt.“
„Soll uns das jetzt leid tun?“, herrschte Maleen sie an.
„Hört auf!“, brüllte Haila die beiden Mädchen an, die sofort innehielten. „Wir müssen hier weg! Was auch im­mer hier im Haus ist, wird bestimmt nicht warten, bis ihr euch geeinigt habt. Also reißt euch jetzt gefäl­ligst zu­sammen. Maleen, ver­such aufzustehen! Lena, hilf ihr! Wir müssen durch das Fens­ter flie­hen.“
Haila rannte zur Tür und schloss diese ab. Wäh­rend Lena und Maleen müh­sam zum Fenster gingen, wobei Maleen fast hinfiel, schob Haila noch einen Stuhl unter die Klinke.
„Lena, du gehst als erste raus, danach du, Maleen“, befahl Haila weiter. Lena han­delte widerstandslos. Als Haila Maleen half, sich auf das Fensterbrett zu setzen, bemerkte sie, dass diese sie aus gro­ßen Augen ansah.
„He, wo hattest du denn Zeit, dich zu entwickeln?“, fragte sie mit der Spur eines Lä­chelns auf ihrem Ge­sicht. Es war das erste Mal, dass Haila Maleen lächeln sah. Maleen setzte sich auf das Fensterbrett und hievte die Beine hinaus. Gerade, als sie diese auf dem Boden aufgesetzt hatte, sprang etwas von außen gegen die Tür. Aus Reflex sprang Maleen ohne sich weiter zu stützen aus dem Fenster. Lena half ihr wieder aufzustehen und schrie er­schrocken: „Haila, Haila. Mach schnell!“
Erneut versuchte das, was sich auf dem Flur befand, hereinzukommen. Ein lauter Knall erklang, aber noch hielten die Angeln der Tür und der Stuhl. Sie hörte Holz splittern. Was auch immer es war, es hatte ein kleines Loch in die Tür geschlagen. Haila sprang aus dem Fenster, wo­bei sie sehr unsanft auf ihr Handgelenk fiel. Es knackte. Sie heulte schrill auf, doch da riss Lena sie auch schon hoch.
„Wir müssen weg!“, brüllte sie und zerrte Haila mit sich.
Maleen, die immer noch sehr ge­schwächt war, konnte nicht schnell folgen, wie Lena erst ei­nige Mo­mente später auffiel. Drum verlangsamte sie ihre Schritte, griff dann mit der ande­ren Hand auch nach Maleen, sodass sie sie mitzog. Haila beruhigte sich langsam und versuch­te, den Schmerz in der rechten Hand zu ignorieren. Sie hechtete an Maleens an­dere Seite, damit sie das Mädchen auch mitstützen konnte.
„Nicht in den Wald! Nicht in den Wald. Da ist es uns überlegen. Zum Abhang“, kreischte Maleen.
Haila erkannte sofort Maleens Denkfehler. Der Abhang war viel gefährlicher.
„Nein! Nicht zum Abhang!“, brüllte Haila zurück, doch es war schon zu spät. Sie schlid­der­ten bereits die nasse Wiese herunter.
Keine von ihnen hatte eine Chance. Sie konnten sich auf dem nassen Gras nicht lan­ge aufrecht halten konnte, da sie zuviel Schwung vom Laufen hatten. Sie überschlugen sich bereits nach mehre­ren Metern. Als sie das Ende des Hangs erreichten, waren sie tot.

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