Donnerstag, 28. November 2013

Schneereif

Der Schnee fiel. Und er fiel so leise. Tore beobachtete ihn. Weiß auf Weiß. So früh am Morgen spiegelten sie noch das orangene Licht der Straßenlampen wider. Krank sahen sie aus.
Tore wäre gern dort draußen gewesen, umgeben vom Lebenseigenem Kältespeicher. Der Tumult hier drinnen gehörte nicht zu ihm.
Der Tumult bestand aus seinen Mitschülern. Kreischen. Rumgetrampel. Handygebimmel. Es gab kein Verbot für schlechte Lautsprecherleistung.
Er könnte sich draußen in den Schnee legen und warten, bis seine Ohren zugeschneit wären. Er würde in regelmäßigen Abständen den Schnee festklopfen. Eine feste Wand aus Eis und Schnee als Schutz und alles, was jetzt fehlte, war das offene Fenster, durch das er dorthin springen konnte.
Alles war besser als in diesem Zimmer voller halbgarer Langzeit-Affen, dem stetigen Konsumrausch eingepfercht gegenüber zu stehen und sich zu bekennen: „Ja, ich habe auch die Materialien dabei. Einmal werden wir sie brauchen.“
Tore legte den Kopf auf den Tisch. Presste die Wange an das lackierte Stück Holz. Ein totes Stück Natur. Angenehm kühl. Ein besseres Stück Freude als dieses Kunstgezücht namens Lehranstalt.
Wie ruhig er war. Er wusste schon und trotzdem blieb er. Tore, der mit seinen kurzen Haaren aussah wie ein Mädchen. Klar. Warum hänselten ihn seine Mitschüler? „Kennst du irgendwelche Folklore, Tore?“, hatte der Musiklehrer gefragt. „Na, mit deinem Namen spielst du Stürmer“, entschied der Sportlehrer. Was für ein Idiot.
Schule war etwas für Leute, die nicht wachsen wollten. In einem demokratischen Land lernte der zu gehorchen, der für nicht gemachte Hausaufgaben Tadel bekam.
Sein Mathelehrer fragte ihn, warum er seine Aufgaben nicht erledigte. „Die Lösungen sind doch bekannt. Warum muss ich sie wiederholen?“ – „Du sollst beweisen, dass du es verstanden hast.“ Er solle dieses neunmalkluge Rebellentum sein lassen. Es brächte ihn nirgendwohin. Unsinn.
Tore hatte mal einen ganzen Nachmittag probiert, ohne Zirkel einen perfekten Kreis zu malen. Das war eine Herausforderung gewesen.
Ein Ringen. Der Lehrer betrat den Raum. Tore löste sein Gesicht von der Tischplatte und hinterließ einen warmen Fettfleck. Was war es, was er wollte? Natürlich sein ist das Weitergehen. Er wollte natürlich sein in seiner Entwicklung.
Hier lernte er zu sitzen, zu stehen, zu laufen, zu gehen, zu bleiben, wie ein Hund, bis er frei gelassen wurde für ein Leben mit Verantwortung und Tadel, der seiner Dressur entgegen kam.
Aber was dagegen unternehmen? Tore legte Block und Stift zurecht.

Dienstag, 5. November 2013

Veit muss fallen


Veit beschloss, keine Lust mehr zu haben. Er verweigerte sich Ursache und Wirkung und kletterte auf einen Baum. Veit war nicht ganz so dick, wie seine Mitschüler ihn schimpften. Er trug diesen roten, gepolsterten Anorak, wenn es kälter wurde. Schon seit 3 Jahren nannten sie ihn deswegen „Fat-Red“. Veit fühlte sich warm und sicher.
Der Stamm des Baumes bewies, dass er sich über Jahrzehnte hinweg hatte durchsetzen können. Wenn Veit die Arme um den Stamm legte, berührten sich seine Fingerspitzen nicht. Und wenn er sich auf die Zehenspitzen stellte und ein wenig hüpfte, erreichte er kaum den untersten Ast. Nun hatte Veit aber Glück gehabt. Letzte Woche hatte es einen schweren Sturm gegeben. Eine benachbarte Birke war in den großen Baum gekippt und hatte eine Brücke gebildet zur untersten Astgabelung des Baumes.
Er ließ seinen Schulrucksack nahe der Wurzeln liegen. Im Schlamm. Im Dreck. Im Blätterhaufen.
So begann der Aufstieg auf den Baum, der alle anderen überragte, nicht ganz so schwer wie erwartet. Veit konnte den blauen Himmel sehen, aber das war nicht so wichtig. Veit wollte zur Krone. Die Äste gabelten sich in einem ungeometrischen Muster. Mal dick, mal schmal, spalteten sich die Wege fort vom Zentrum. Veit griff nach dem nächsten Ast und führte seinen Weg fort. Seine Schuhe waren stark abgelaufen. Wenn er seine rote Jacke nicht trug, nannten seine Mitschüler in manchmal „Schuh-Wrack“ oder „SchuWa“, weil Wrack jetzt auch nicht das leichteste Wort der Welt ist. Jetzt ließ ihn das ungleichmäßig abgelaufene Profil seiner Schulen rutschen. Er fasste nach dem nächsten Ast, schwang sein Bein hoch und in dem Moment rutschte sein anderer Fuß weg. Er fiel nach vorn. Seine Nägel hinterließen Kratzspuren in der Rinde, als er versuchte, sich festzuhalten. Und da war sein Weg. Zweieinhalb Meter über den Boden fiel Veit.
Und der Baum fing ihn auf. Er landete mit dem Bauch auf den untersten, dicken Ast und in einer hektischen Bewegung umarmte Veit diesen. Sein Oberkörper schmerzte. Er hatte Kratzer im Gesicht. Seine Finger bluteten an drei Stellen. Aber er atmete noch. Und er stand wieder auf und kletterte weiter. Wenn seine Schuhe rutschten, lernte er jetzt, es auszubalancieren. Und er spürte, es wurde kälter. Die Wolken wurden dunkler. Kein Blau mehr.
Und dann war er ganz oben. Die Äste knickten um. Eine Schneise um ihn herum bewies, dass er nicht mehr weiterkam. Seine Füße fanden keinen neuen Halt. Veit setzte sich hin. Schlang seine Beine um die Gabelungen, klammerte seine Arme um die Äste, bettete seinen Kopf, wo er Halt fand.
Veit saß im Baum. Der Wind wehte. Einzelne Regentropfen fielen. Aber nicht viele. Der Baum wiegte sich hin und her und Veit fühlte mit.

Irgendwann erklangen Rufe. Es schrie auch mal jemand. An seinem Rucksack fanden sie seinen Namen. Die Feuerwehr kam. Die Polizei ebenso. Seine Mutter sprach zu ihm durch eine Flüstertüte. Er schloss kurz die Augen. Seine Beine waren eingeschlafen und seine Finger von der Kälte des Windes taub.
Man spannte ein Auffangtuch. Die Versammelten drohten ihm, er solle herunterkommen. Veit fiel und Veit landete. Hart. Ohne Verletzungen. Man half ihm aufstehen. Man half ihm weggehen. Veit war unten angekommen.

Samstag, 20. Juli 2013

Der Wind

Es gab keine Explosion. Der Wind, der sich einstellte, war ungewöhnlich frisch im Gegensatz zur warmen Sommerluft. Es geschah etwas und ich merkte es erst bei der Frau, die sich mit ihrer Begleitung stritt. Das Einfrieren des Gesichtes. Die fieberhafte Wut in ihren Augen erlosch wie auf einen Funkenschlag hin. Fiel in sich zusammen. Verschwand einfach. Aufgesogen von etwas, was sich auch mir nähern wollte.
Die Kälte war von Natur aus nicht der Tod. Es war der Rückzug des Lebenden. Und Ähnliches geschah auch mit allen Passanten um mich herum. Sie lagen da. Bewegungslos. Kaum ein Brustkorb hob und senkte sich sichtlich.
Warum konnten sie das und ich nicht? Ich drehte mich um. Dorthin, woher der Wind kam. Ein Riss in der Luft, aus dem dieser wütende Luftzug auslief, der Personen einfrieren ließ. Sie sanken alle zu Boden. Der Asphalt fing sie auf. Fleisch auf Teer. Das Künstliche bekam die Basis für den ohnmächtig gewordenen Körper. Das Ferne der Sinne wurde die Basis des Aufenthalts.
Und ich, ich stand noch da. Der Wind wurde so stark, dass ich den Kopf abwenden musste. Er drückte meine Lider zusammen. Er schaffte es nicht, mich umzuwerfen. Meine Körper wirkte wie abgekühltes Beton und ich konnte geschliffen werden, aber nicht einfach umgestoßen. Für ihn war ich der Widerstand und vielleicht diente das auch schon dazu, dass der Riss vor meinen Augen zu heilen begann. Der Wind wurde schwächer. Die Beeinträchtigung meines Sichtfeldes hörte auf und ich konnte noch die letzten Akte der Selbstheilung mitbekommen. Die Welt stand wieder gerade.
Was war das? Ein Riss, aus dem Sturmwind austritt, der die Menschen im Umfeld bis zum Lebensminimum erkalten ließ. Nur ich blieb stehen, erkannte das Einschneiden der Realität.
Der Wind versagte ganz. Die Sommersonne griff hindurch zu mir. Die Menschen bewegten sich wieder. Sie standen auf und gingen ihrer Wege, weil ihnen nichts geschehen war.
Leben war Wärme.

"Hallo, hallo? Hörst du mich noch? Du musst herkommen." Ein Unfall mit der Straßenbahn. Schwer verletzt ins Krankenhaus. Ich verstand die Worte. Aber ich spürte die Temperatur nicht mehr.

Sonntag, 23. Juni 2013

Hacke Spitze

Der Park war frisch geschoren worden. Sehr zu meinem Leidwesen. In wasserschiefen Linien lagen die sterbenden Grashalme zueinander aufgereiht.
Gemäht. Nicht geschoren.
Gras wurde gemäht, nicht wie ein Schaf seiner Wolle beraubt.
Und Gras starb auch nicht. Nur die Halme. Das ineinander verwobene Wurzelwerk arbeitete bereits fleißig am Wiederaufbau. So machte man das hier. Sich im Wiederaufbau suhlen, während man sich daran erinnerte, wie es früher war, als das Gras noch dem Volk gehörte, nicht der Stadt.
Meine Nachbarn redeten so. Weißt du noch, früher? Meine Nachbarn, das Supervolk.
Mir persönlich war es egal. Ich befand mich hier in frei zu begehbaren Weiten. Menschen lagen um mich herum. Fern genug, um mich allein zu lassen. Nah genug, um sie beobachten zu können. Durch meine Sonnenbrille. Ich war so ein Fuchs.
Da war der Vater, der seinem Kind Fahrradfahren beibrachte. Zwei Mädels, die schnatterten. "Der sitzt die ganze Zeit vor mir im Unterricht." Zwei Jungs, die Fußball spielten. Der kleinere entschuldigte sich, als er den Ball fehlschoss.
Oh Gott. Die dicke Frau da war nackt. Die Sonnenbrille rutschte zur Nasenspitze und ich starrte herüber. Nein, keine Frau. Ein Typ mit langen Haaren inmitten eines Kreises junger Kerle, die sich alle mit nacktem Oberkörper um eine kleine Quelle des Rauchs sammelten. Sie hatten Feuer gemacht. Auf der frisch gemähten Wiese. Im angehenden Hochsommer.
Das konnte nur der Homo sapiens. Ich kicherte los.
Der Kreis begann sich zu schließen. Noch so was Fiktives. Es gab eine Bewegungen von Seiten des Zoos und ich wusste, die auftauchenden Herren in Blau waren nicht wegen den unfreiwillig homoerotischen Abenteurern noch wegen des fortwährenden Versagens des kleinen Kickers hier aufgetaucht. Unauffällig griffen meine Hände nach zwei Einkaufstüten. Ihre Griffe waren heiß und würde farbliche Rückstände an meinen Fingern hinterlassen.
Ein Spruch. Ein Funk. Ein Blick. Ein Zeigen.
Vorwärts. Rückwärts. Seitwärts. Ran.
Hacke, Spitze, Hoch das Bein.
Ich für meinen Teil befürwortete Vorwärts. Schade um die Einkaufsbeutel. Ich sprang auf und rannte gen Wald, wo die verschlungenen Wege und die grüne Umwelt Flucht und Verstecke versprachen. Auch die Polizisten setzten an. Über das Gras, nicht den Weg entlang wie vorher.
Der Boden war uneben. Einer der beiden fiel. Ich hörte das Aufschreien und sah kurz zurück. An anderer Stelle wäre es lustig gewesen. Hoffentlich filmte es jemand. Ich war ein guter Sprinter. Ich hatte Übung. Meine Schuhe lagen an mir wie Engelsflügel.
Eine Verfolgungsjagd. Hatte ich lang nicht mehr. Ich liebte es, wenn mein Hirn vibrierte.
Nicht am Zoo entlang wegen der Videokameras. Nichts zur Straße. Zeugen und Gefahr. Vor einem Auto wollte ich nicht landen. Aber auch nicht in einem.
Die Hitze im Kopf steigerte sich. Ich würde schlapp machen. Sprint ja. Ausdauer nein.
Da! Ein umgekippter Baum. Ich sprang dahinter.
In ein Beet voller Brennnessel. Es darf nicht wahr sein! Ich schrie. Brüllte wie ... ach, wie am Arsch, wie jemand, der aus voller Geschwindigkeit in eine Flut an Brennnessel gesprungen war. Ich wankte auf den Gehweg zurück. Streckte meine Arme von mir. Ein Halt wäre toll gewesen. Etwas, was meine Schmerzen zum Stillen gebracht hätte. Schmierte man nicht Spucke auf die Quaddeln. Doch was, wenn der ganze Kopf und die kompletten Arme und Beine und Teile des Rückens voll davon waren?
Und immer noch kamen Geräuschintensive Laute des Schmerzens über meine Lippen. Mein Mund war ausgetrocknet.
Der Polizist kam angelaufen. Er sprach mit mir. Ich wankte auf ihn zu. "Spucken Sie mich an! Spucken Sie mich an!" Ich krallte mich an ihm fest. Polizisten mögen es nicht, von den Leuten angefasst zu werden, die sie gerade noch im Schweiße ihres Angesichts gejagt haben.
Ich fand mich mit dem Gesicht am Boden wieder. Der Polizist schrie mich an. Ich brüllte zurück: "Meine Brille! Mein Gesicht!"
Eh, die Brille hatte ich mir sogar gekauft. Oder es war die andere zu Hause. Egal. Irgendeine Brille hatte ich mir irgendwann mal gekauft.
Der Polizist, den es hingelegt hatte, fand sich auch bei mir an. Ich hörte noch andere Sirenen.
Mein Beutezug. Umsonst. Mein Gesicht. Voll Quaddeln. Ein Polizist mit dem Knie auf meinem Rücken. Meine Lippen knutschten Dreck.
Jetzt waren wir wohl bei "hoch das Bein".

Dienstag, 28. Mai 2013

Die Eliten denken



Leipziger Studenten.
Bildungsbürger denken.
Können nicht lesen, Bilder nicht verstehen.
Wer Hilfe braucht, wird nicht gesehen.
Die Eliten denken: Schlecht gemacht.
Hier wird Bildung noch verlacht.
Asoziales Drecksgetummle, blind im Kopf und taub im Hirn
Behinderte, die hier nach Vorteil gier'n,
Leute, die zwei Räder wählen, auf ihre Freiheit eingeschworen,
jeden Tag sind sie zu zählen, im Denkfabrikentum verloren.
In der Innenstadt, zeigt sich zentral,
wird das Handeln nur zur Qual,
wenn der Opportunist die Opfer sieht
und nicht still schweigend vom Tatort flieht.
Die Feigen kennen keine Pflicht
und die Schuld genauso nicht.
"Ups, ich hab nicht nachgedacht."
Und, Bildung, was hast du falsch gemacht?

Freitag, 17. Mai 2013

Nimmermehr

Es war noch nicht mal später Nachmittag und der Himmel begann bereits sich mit Dunkelheit vollzusaugen. Das Firmament war einheitlich dem milchig grauen Blau unterworfen, von dem sich nicht sagen ließ, ob dort oben Wolken mitmischten oder der Tag eigenständig seine Klarheit abgab. Die Straßenlaternen reagierten nicht und blieben ausgeschaltet.
Ich kam gerade aus der Albertina Bibliothek, hatte einen dicken Bund frischer Kopien unter dem Arm, nach Seitenzahlen sortiert, unbehandelt, nur allein meinem künftigen Amüsement unterworfen.
Ein Geräusch kratzte in meiner Ohrmuschel, einem synthetischem Meeresrauschen gleich. Viel zu falsch für die Beethovenstraße. Ich drehte mich um und bemerkte, dass die Raucher vor dem Geisteswissenschaftlichen Zentrum in den Schatten des Gebäudekomplexes traten, die Köpfe nach hinten geneigt. Nach einigem Zögern blieb ich stehen.
Es waren Krähen. Noch nie hatte ich so viele auf einmal gesehen. Eine ganze Horde schwarzer Flecken erhob sich über mir. Sie bewegten sich - ich kann nicht mal sagen vorwärts. Ihrer unförmigen Gesamtgestalt nach konnte ich nicht ausmachen, welches Ziel sie anpeilten. Die Quelle des Geräuschs waren die sich aneinander reibenden Federn.
Sie mussten nicht einmal mehr krächzen, um sich der Welt mitzuteilen. Allein das nachwirkende Geräusch ihrer Fortbewegung verriet sie. Ansonsten würden sie unbeachtet bleiben. Der schwebende Fleck über dir, schwärzer als sein eigener Schatten.
Verglichen mit diesem dunklen Federkleid begann sich der Himmel wieder zu erhellen. Just in dem Moment, als ich das hätte denken können, veränderten sie ihre Linie und verschwanden hinter dem Bundesverwaltungsgericht. Ich schaute ihnen noch hinterher, als die anderen Studenten bereits wieder ihren Gesprächen nachgingen, an ihren Zigaretten zogen und ihren Kaffee schlürften. 
Ein Mädchen lachte. Ein Blick zurück zeigte mir mehr als einen dieser Bildungsbürger, der mich musterte wie die eine Dumme, die es gewagt hatte, hervorzutreten. In der ganzen Straße hatte niemand außer mir unter freiem Himmel gestanden.
Aber ich hatte gewonnen. Ich war nicht getroffen worden. Mein Magen zog sich zusammen und endlich kam der Schauer, der meinen Rücken herunter lief. Hätte ich eine nahende Herausforderung geahnt, hätte ich mich den anderen gleich überdachen lassen.
Es fühlte sich nicht gut, was ich dann dachte. Deshalb ging ich weiter, bog in die nächste Straße ein. Es war nur eine kleine Nebengasse zwischen den imposanten Bauten der Bibliothek und des Bundesverwaltungsgerichtes. Als ich das erste Mal diese Straße entlang gegangen war, hatte ich mich noch gewundert. Mitten im Straßenbild umgaben stabile, mit Reflektoren ausgezeichnete Pflöcke ein eh schon sorgsam umzäuntes Haus. Langsam patrouillierten Polizisten. An einem Mast wehte eine Fahne aus Streifen und Sternen. Sie leuchtete nicht in der Dunkelheit. 
Eine amerikanische Botschaft, hier in Leipzig, nahe Richtern und Gelehrten? Das passte nicht ins Bild. Später kramte ich ein bisschen im Internet. Es war ein amerikanisches Generalkonsulat.
Ich eilte dran vorbei. Was mich nicht schützte, interessierte mich nicht.
Nachher in der Straßenbahn fiel mir auf, dass die Szene mit den Krähen etwas von Hitchcock gehabt hatte. Ich war froh, dass es mir erst jetzt auffiel und es nicht mein erster Gedanke gewesen war. Nun jedoch gepackt, sponn ich den Gedanken weiter, woran mich der Moment noch hätte erinnern können.
Nimmermehr.
Ich atmete tief ein und langsam wieder aus. Es war besser, doch nicht darüber nachzudenken.

Freitag, 22. März 2013

Bian im Winter

Gegen Dienstag begann wieder der Schnee zu fallen. Bian drückte ihre Nase ans Fenster. Ein kalter Zug fuhr an ihrem Gesicht entlang. Sie atmete aus. Ein Fleck blieb am Glas zurück. Sie zog ihren Ärmel über die Hand und wischte ihn eilig weg. Es hatte Ärger gegeben. Da waren Gesichter im Glas erschienen. Lächelnd. Mit einem Auge schielend. Vergnügt. Eine kleine Katze. Wenn auch der Kopf zu groß geraten war.
Was für ein Unsinn. Wozu hast du Blätter, Bian, und Stifte? Erst letzte Woche gekauft. Mit Glitzer. Bian, wenn du malst, bemal Papier!
Aber überall war eine Fläche. Bian bestaunte die bunten Häuserwände draußen. Auf dem Weg zum Spielplatz war alles vollgemalt. Große Figuren. Ein Dinosaurier. Ein Hai.
Manchmal gingen sie in die Stadt. Dort, wo die großen Bagger standen, hatten sie einen riesigen Zaun aufgezogen, und auch dort war alles voller Gesichter und Bilder. Seltsame Gesichter. Bunte Bilder. Sie erzählten Bian Geschichten, doch bevor Bian ihnen zuhören konnte, drängte ihre Mutter oder ihre Tante, ihre Schwester, ihr Bruder, sie solle sich beeilen. Manchmal kam auch ihre Großmutter mit in die Innenstadt. Sie beschwerte sich am meisten. Großmutter mochte diese Welt hier nicht. Die Leute waren unfreundlich, das Essen schmeckte nicht und es war andauernd so kalt.
Je älter die Menschen wurden, desto mehr jammerten sie.
Bian war letztens fünf Jahre alt geworden und erst seit sie Spielplatzverbot bekommen hatte, verstand sie ein bisschen, wie sich die Großmutter fühlte. Auch die wollte gern woanders sein. Der Spielplatz, wo sie so gern schaukelte, lag nur zwei Straßen weiter. Meistens begleitete sie ihr älterer Bruder, Thien, zusammen mit ihrer Schwester Thao. Sie packten einander an den Händen. Thao ging in der Mitte, weil sie die jüngste war. Dann schaute Thien irgendwann auf die Uhr, die er zu seinem Geburtstag geschenkt bekommen hatte, und rief, dass sie wieder gehen müssten. Thao bekam manchmal Ärger, weil sie ihre Hose dreckig gemacht hatte. Bian hatte mal ihre Haarspange verloren. Da war sie sehr traurig gewesen. Jemand hatte sie gefunden und mitgenommen, denn am nächsten Tag lag sie nicht mehr am Spielplatz, obwohl sie überall gesucht hatte. Eine bunte Klammer mit einer glitzernden Blume drauf. Sie war so hübsch gewesen.
Wenn sie jetzt etwas verlor, musste es irgendwo in der Wohnung liegen. Vielleicht hatte es Mama weg geräumt oder Thao hatte damit gespielt. Es fand sich alles wieder. Und es wurde langweilig.
Draußen hatte der Schnee die komplette Straße bedeckt. Zwei Leute hatten Fußspuren hinterlassen. Keine Autos fuhren vorbei.
"Mama, dürfen wir morgen raus auf die Wiese und einen Schneemann bauen?", hörte sie Thien in der Küche fragen.
"Nein, ihr geht nicht mehr alleine heraus. Da draußen sind Schweine. Und ich habe keine Zeit. Vielleicht begleitet euch Thang morgen."
Bian seufzte. Da draußen sind Schweine. Jemand hatte am Hauptbahnhof ein Schwein vor dem Seiteneingang auf den Boden gemalt. Es trug eine Mütze und einen Stock. Es war ein hässliches Tier und Bian mochte es nicht.
Das letzte Mal, als sie zusammen den Spielplatz besucht hatten, stand da ein Mann im Gebüsch. Er trug einen Mantel und als Bian ihn bemerkte, öffnete er den Reißverschluss und sie sah, dass er nackt war. Bian fing an zu schreien und lief weg. Sie zeigte Thien den Mann. Thien warf einen Stein nach ihm. Dann befahl er ihnen, nach Hause zu laufen. Thao verstand es nicht. Sie wollte noch länger spielen. Aber Thien war auf einmal sehr böse geworden. Er erzählte zu Hause davon und ihr ältester Bruder, Thang, der mal ausnahmsweise zu Hause gewesen war, war sofort herunter zum Spielplatz gelaufen, um zu schauen, ob der Mann noch da war.
Bian glaubte, Thang wollte den Mann hauen. Sie träumte schlecht in der Nacht. Ihre Oma nahm sie in den Arm und betete mit ihr. Sie verscheuchte die bösen Geister. Aber seitdem durften die drei Kinder nicht mehr alleine zum Spielplatz. Thang war selten da. Bian mochte ihren ältesten Bruder. Er war sehr klug und ging aufs Gymnasium. Er hatte eine hübsche Freundin, Minh, die aber kein vietnamesisch sprach, sondern nur deutsch, was besonders die Großmutter nicht mochte. Früher hatte Thang ihr Geschichten erzählt von Prinzessinnen, die zaubern konnten und von mächtigen Drachen beschützt wurden.
Den ganzen Winter über hatte Bian im elterlichen Schlafzimmer am Fenster gesessen und heraus geschaut. Von hier gab es einen guten Einblick über die Straße. Sie konnte die Leute im Haus gegenüber sehen. Da war die Frau, die immer nur telefonierend in ihrer Wohnung herumlief. Fast überall verfärbte das Fernsehen die Fenster mit milchigen Abdrücken. Bian beobachtete die Menschen, wie sie auf dem Balkon rauchten. Wie sie sich unterhielten, sich stritten, sich anschwiegen. Manche zogen ihre Kleidung um. Selten tanzte mal jemand. Einmal die junge Frau. Das hatte Bian gefreut. Sie würde auch gern tanzen draußen im Schnee. Spuren hinterlassen. Mit ihren Fingern Figuren in den Schnee malen. Eine Blume. Eine Katze. Ein Mädchen, das zaubern könnte, wenn sie nicht ihre magische Haarspange verloren hätte.
Draußen gingen die Straßenlampen an und die weiße Schneedecke wies nun orangefarbene Flecken auf, wo das Licht sie traf. Warum ist unser Licht hier drinnen hell und warum macht das Licht draußen alles dunkel?, fragte sich Bian.
Ein Auto hielt vor ihrem Haus. Sie hörte die Musik bis hier herauf. Thang stieg aus der Beifahrertür heraus. Er hob die Hand zum Gruß und schlug die Tür zu. Das Auto hupte und fuhr weiter.
Bian hörte, wie die Wohnungstür geöffnet wurde und wieder ins Schloss fiel.
"Thang, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?", begrüßte ihn die Großmutter.
"Natürlich. Alles schon erledigt."
"Gut. Hilf deinen Geschwistern, sich für das Abendessen zurecht zu machen. Es gibt gleich Essen."
Jemand schaltete das Licht im Schlafzimmer an.
"Hallo Bian. Was sitzt du hier?" Thao kam herein. Er hockte sich neben sie.
"Ich beobachte die Welt."
"Und was geschieht da draußen?"
"Nicht viel." Bian seufzte. "Immer nur das gleiche."
Thao lachte. "Schau mal." Er hauchte das Fenster an und bevor die Spuren seines Atems auch schon verblichen, zeichnete er schnell einen kleinen Drachen. "Das da draußen ist nur Bildfläche. Wichtig ist, was du daraus machst. Und jetzt, komm, kleine Schwester, lass uns etwas essen gehen."

Mittwoch, 6. März 2013

Allein die Kraft


Da ist ein Dreieck, das sich dreht, und die Spitze deutet auf mich. Auf einmal ist das Leben nur ein Mosaik von Augenblicken. Ich sah das Eisen rosten und die Blätter welken. Der Höhlenmensch verewigte sich in Stein und meine Schrift löst sich von alleine auf. Die Tinte zerläuft in den Fasern. Einmal auf Papier gebannt, schinden die Worte eine Brücke zu meinem Kopf. Du weißt, wie schwer Papier sein kann.
In meinen Gedanken werde ich aufgeknüpft, wenn ich mich dir nähere. Entwirre mich. Eröffne mich. Am Ende der Schachtelpuppe beginne ich erst und wie soll ich meinen Anfang überhaupt erklären? Der Pfeil zeigt zu mir. Und ich schenke dir meinen Augenblick. Das Zentrum der Welt. Die Bewegung, die dich umfließt, ist der Umschwung.
Der Laut ist so schwer. Ein Zeichen. Ein Hauch. Ein Wort.
Lass mich erhören.
Heutzutage will jeder Schöpfer sein. Zu finden aber löst Gewalt. Es trägt uns in die Bedeutung hinein. Ich möchte lieben, was existiert. Ich möchte wissen und aufgehen darin.
Wir sind der Blätterregen, der die Erde düngt. Ich denke allein an die Kraft, die aus uns wachsen kann. Allein die Kraft.