Sonntag, 23. Juni 2013

Hacke Spitze

Der Park war frisch geschoren worden. Sehr zu meinem Leidwesen. In wasserschiefen Linien lagen die sterbenden Grashalme zueinander aufgereiht.
Gemäht. Nicht geschoren.
Gras wurde gemäht, nicht wie ein Schaf seiner Wolle beraubt.
Und Gras starb auch nicht. Nur die Halme. Das ineinander verwobene Wurzelwerk arbeitete bereits fleißig am Wiederaufbau. So machte man das hier. Sich im Wiederaufbau suhlen, während man sich daran erinnerte, wie es früher war, als das Gras noch dem Volk gehörte, nicht der Stadt.
Meine Nachbarn redeten so. Weißt du noch, früher? Meine Nachbarn, das Supervolk.
Mir persönlich war es egal. Ich befand mich hier in frei zu begehbaren Weiten. Menschen lagen um mich herum. Fern genug, um mich allein zu lassen. Nah genug, um sie beobachten zu können. Durch meine Sonnenbrille. Ich war so ein Fuchs.
Da war der Vater, der seinem Kind Fahrradfahren beibrachte. Zwei Mädels, die schnatterten. "Der sitzt die ganze Zeit vor mir im Unterricht." Zwei Jungs, die Fußball spielten. Der kleinere entschuldigte sich, als er den Ball fehlschoss.
Oh Gott. Die dicke Frau da war nackt. Die Sonnenbrille rutschte zur Nasenspitze und ich starrte herüber. Nein, keine Frau. Ein Typ mit langen Haaren inmitten eines Kreises junger Kerle, die sich alle mit nacktem Oberkörper um eine kleine Quelle des Rauchs sammelten. Sie hatten Feuer gemacht. Auf der frisch gemähten Wiese. Im angehenden Hochsommer.
Das konnte nur der Homo sapiens. Ich kicherte los.
Der Kreis begann sich zu schließen. Noch so was Fiktives. Es gab eine Bewegungen von Seiten des Zoos und ich wusste, die auftauchenden Herren in Blau waren nicht wegen den unfreiwillig homoerotischen Abenteurern noch wegen des fortwährenden Versagens des kleinen Kickers hier aufgetaucht. Unauffällig griffen meine Hände nach zwei Einkaufstüten. Ihre Griffe waren heiß und würde farbliche Rückstände an meinen Fingern hinterlassen.
Ein Spruch. Ein Funk. Ein Blick. Ein Zeigen.
Vorwärts. Rückwärts. Seitwärts. Ran.
Hacke, Spitze, Hoch das Bein.
Ich für meinen Teil befürwortete Vorwärts. Schade um die Einkaufsbeutel. Ich sprang auf und rannte gen Wald, wo die verschlungenen Wege und die grüne Umwelt Flucht und Verstecke versprachen. Auch die Polizisten setzten an. Über das Gras, nicht den Weg entlang wie vorher.
Der Boden war uneben. Einer der beiden fiel. Ich hörte das Aufschreien und sah kurz zurück. An anderer Stelle wäre es lustig gewesen. Hoffentlich filmte es jemand. Ich war ein guter Sprinter. Ich hatte Übung. Meine Schuhe lagen an mir wie Engelsflügel.
Eine Verfolgungsjagd. Hatte ich lang nicht mehr. Ich liebte es, wenn mein Hirn vibrierte.
Nicht am Zoo entlang wegen der Videokameras. Nichts zur Straße. Zeugen und Gefahr. Vor einem Auto wollte ich nicht landen. Aber auch nicht in einem.
Die Hitze im Kopf steigerte sich. Ich würde schlapp machen. Sprint ja. Ausdauer nein.
Da! Ein umgekippter Baum. Ich sprang dahinter.
In ein Beet voller Brennnessel. Es darf nicht wahr sein! Ich schrie. Brüllte wie ... ach, wie am Arsch, wie jemand, der aus voller Geschwindigkeit in eine Flut an Brennnessel gesprungen war. Ich wankte auf den Gehweg zurück. Streckte meine Arme von mir. Ein Halt wäre toll gewesen. Etwas, was meine Schmerzen zum Stillen gebracht hätte. Schmierte man nicht Spucke auf die Quaddeln. Doch was, wenn der ganze Kopf und die kompletten Arme und Beine und Teile des Rückens voll davon waren?
Und immer noch kamen Geräuschintensive Laute des Schmerzens über meine Lippen. Mein Mund war ausgetrocknet.
Der Polizist kam angelaufen. Er sprach mit mir. Ich wankte auf ihn zu. "Spucken Sie mich an! Spucken Sie mich an!" Ich krallte mich an ihm fest. Polizisten mögen es nicht, von den Leuten angefasst zu werden, die sie gerade noch im Schweiße ihres Angesichts gejagt haben.
Ich fand mich mit dem Gesicht am Boden wieder. Der Polizist schrie mich an. Ich brüllte zurück: "Meine Brille! Mein Gesicht!"
Eh, die Brille hatte ich mir sogar gekauft. Oder es war die andere zu Hause. Egal. Irgendeine Brille hatte ich mir irgendwann mal gekauft.
Der Polizist, den es hingelegt hatte, fand sich auch bei mir an. Ich hörte noch andere Sirenen.
Mein Beutezug. Umsonst. Mein Gesicht. Voll Quaddeln. Ein Polizist mit dem Knie auf meinem Rücken. Meine Lippen knutschten Dreck.
Jetzt waren wir wohl bei "hoch das Bein".