Montag, 27. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 9)

Die Erzählung beginnt hier.
In Dennys Kopf schrillte es für einen Moment. Jetzt kam also das Ende. Umzingelt von Gegnern. Verletzt. Kein Ausweg vorhanden. Nur Zähne und Fangseile. Seine Zukunft bestand aus dem Warten auf das Getötet werden.
Nein! Es durfte nicht alles umsonst gewesen sein. Denny fühlte die Wut in sich hoch kommen. Er wollte dieses furchtbare Szenario der brennenden Stadt lebendig hinter sich lassen. Er wollte nicht der Masse an toten Menschen angehören. Er wollte weiter atmen. Er wollte überleben.
Um das zu erreichen, hatte er sich heute mehr als einmal weg gedreht und war weiter gerannt statt zu helfen. Dabei war er nicht allein gewesen. Er hatte sich mit einer ihm fremden Person zusammen getan. Sie hatten sich gegenseitig das Leben gerettet und waren dabei von einer brenzligen Situation in die nächste gestolpert. Sie hatten es geschafft, bis jetzt nicht gefangen zu werden. Jetzt waren sie angeschlagen. Aber sie befanden sich nicht in einer Sackgasse. Sie mussten nur an einem dieser Außerirdischen vorbei. Der Eingang des City-Tunnels war zum Greifen nah.
Denny packte Metze und zog ihn in den Eingangsbereichs eines kleinen Geschäftes. Die Tür stand offen. Denny schlug sie hinter sich zu. Es war ein winziges Fachgeschäft für Gewürze.
Die Wände hingen voller unterschiedlicher Mischungen. Entweder waren sie fertig in Plastiktüten verpackt oder sie befanden sich in großen Gefäßen ordentlich an der Wand aufgereiht. Eine Leiter diente zum Erreichen der oberen Bereiche der Wandregale. Denny packte die Leiter und verbarrikadierte mit ihr die Eingangstür.
Er hörte Metze niesen. Einzelne zerbrochene Glasbehälter lagen auf dem Boden. Der intensive Geruch der ausgeschütteten Waren stieg ihm in die Nase. In dem Moment knallte es auch schon. Zwei der Außerirdischen schlugen gegen die Eingangstür. Sie zersplitterte. Nicht nur das Glas zersprang. Auch das Holz der Tür knackte.
Die Außerirdischen rissen die Tür aus den Angeln und schleuderten sie weg. Beide versuchten durch die Tür zu gelangen. Dabei stießen sie aneinander und begannen zu grunzen und sich gegenseitig zu schubsen. Der rechte von ihnen gewann. Er griff nach der Leiter, während der andere sich daran wandte, das Schaufenster kaputt zu schlagen. Die Leiter schien dem Außerirdischen Probleme zu bereiten. Er drosch auf das Gerät ein. Dabei verhakten seine Arme in den Sprossen.
Metze begann, ihn wüst zu schimpfen. Denny bekam dies nur als Randerscheinung mit. Er starrte auf das Glas links von ihm im Regal. Meersalz stand auf dem Etikett. Er griff es, schraubte es auf und schüttete dem Außerirdischen den Inhalt ins Gesicht.
Das Wesen stieß einen atemberaubend lauten, schrillen Ton aus. Für einen Moment dachte Denny, sein Trommelfell würde platzen.
"Denny!", schrie Metze. Denny hörte an der Stimmlage des Punks dessen Erleichterung.
Der Außerirdische wich zurück. Seine langgliedrigen Hände auf sein Gesicht gelegt, drehte er seinen Oberkörper in alle Richtungen und stieß dabei wiederholt kreischende Geräusche aus. Der andere Außerirdische, der das Fenster bearbeitet hatte, glitt zur Eingangstür. Kaum war sein Gesicht zu sehen, bekam er von Metze eine rotpulvrige Substanz ins Gesicht geschleudert. Chili.
"Greif dir was! Sprint zum Tunnel!", brüllte Denny seinen Begleiter an. Er packte eines der anderen Salzgläser. Neben den beiden lädierten Außerirdischen rollte schon die nächsten an. Sie schwangen ihre Lassos. Metze sprang hinter Denny hervor und warf mehrere kleine Flaschen in die Richtung der Wesen. Denny erkannte am Geruch, dass es Essig und Öl waren. Sie zersplitterten. Die Außerirdischen reagierten nicht mit ähnlichen Schmerzgeräuschen wie die anderen beiden, zogen sich aber für einen Moment aus der Gefahrenzone zurück.
Das war genau der Vorsprung, auf den Metze und Denny gehofft hatten. Sie rannten die Passage entlang. Denny hörte ein Lasso hinter sich auf den Boden knallen. Er schlug einen Haken, um die Säule herum, die den Eingang zur Passage markierte.
Draußen nieselte es leicht. Der Himmel war grau. Rauch lag über dem Markt, auf dem noch von einer Veranstaltung vom Wochenende eine Bühne aufgebaut war. Vor ihnen lag der Eingang zum City-Tunnel.
Von rechts kam das Geräusch. Denny fühlte das Seil noch bevor er den Außerirdischen sehen konnte. Einem Schlag auf die Brust gleich zog sich das Lasso um ihn. Es schnürte die Arme an seinen Rumpf. Schmerz schoss durch seinen Oberkörper. Er ließ das Glas mit dem Salz fallen.
Denny begann zu schreien. Er knickte zur Seite, als der Außerirdische an dem Seil riss. Er wandte den Kopf. Der Außerirdische, der ihn gefangen hatte, kam nicht aus der Passage. Er hatte unter den Arkaden des Alten Rathauses gewartet. Dennys Körper wurden über den Asphalt geschliffen. Er zappelte. Das Seil war so eng geschlungen, dass es ihm die Luft aus den Lungen presste. Seine Stimme versagte. Wo war Metze? Er sah den Begleiter nicht mehr, hörte ihn nur seinen Namen rufen.
Vor ihm geiferte das außerirdische Wesen. Es kam auf ihn zugerutscht, das Maul weit aufgerissen.
In dem Moment brüllte jemand "HALT!" Eine Glasflasche kam angeflogen. Denny hörte wie sie zerbrach. Es roch nach Benzin. Kurz darauf stieg eine Stichflamme auf, die Dennys Gesicht gefährlich nah kam. Der Rauch strömte in seine Lungen. Das Feuer knisterte direkt vor ihm. Die Hitze brannte in seinen Augen. Er begann wild zu zappeln. Die Wut von eben war verraucht. Die blanke Angst war zurück. Eingeschnürt am Boden liegend würde er lebendig verbrennen. Denny schloss die Augen.
Zwei Hände griffen nach ihm. Sie packten das Seil. Rissen ihn vorwärts. Finger griffen in seine Haare und tauchten seinen Kopf in eine Pfütze. Seine Haare hatten wirklich gebrannt. Jetzt spürte er die kühlende Nässe. Er griff an seinen Schopf. Er pochte und schmerzte.
Jemand sprach mit ihm. Er öffnete die Augen wieder. Ein Mädchen mit einem Messer in der Hand stand vor ihm. Sie hatte ihn losgeschnitten.
"Beeil dich! Schnell in den Tunnel!" Sie hielt ihm die Hand hin und half ihm hoch. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden, während um sie herum weitere Molotowcocktails explodierten. Er sah verschiedene Menschen hin und her rennen. Auf dem ganzen Marktplatz verteilen sich kleine Brandherde. Bewegungslose Außerirdische. Tote Menschen. Richtung Hainstraße ratterte tatsächliche eine Maschinenpistole.
Denny hielt sich am Geländer fest, als er die Stufen herunter stolperte zum Eingang der Haltestation. Kaum hatte er die Tür hinter sich gelassen, fiel ihm Metze um den Hals. Mit Tränen in den Augen stammelte er: "Alter, ich dachte, du wärst tot."
"Nein. Ich wurde gerettet." Das Sprechen reizte immer noch seinen Rachen. Wie viel Rauch hatte er eingeatmet?
"Hier sind ganz viele Menschen", plapperte Metze los. "Es gibt einen Durchgang zum Bayrischen Bahnhof, sagen sie. Es kommt Militär, sagen sie."
Sie bewegten sich zu dem langen Treppengang, der runter zu den Gleisen führte. Die Aufzüge waren blockiert worden. Es führte nichts außer diesen Treppen zur unterirdischen Haltestation. Denny zitterte beim Gehen am ganzen Körper. Metze humpelte. Er hätte sich das Bein verdreht, sagte er.
Die Rolltreppe funktionierte nicht mehr. Sie stiegen langsam herunter. Auf den Bahngleisen warteten kleine Gruppen an Menschen. Frauen, Männer, Kinder. Personen jeglicher Altersgruppen und sozialer Herkunft. Einer der Obdachlosen der Innenstadt befand sich unter ihnen. Denny fühlte erneut tiefe Scham in sich brennen, als er die Blinde erkannte, die er an der Nikolaikirche hatte hocken sehen und die jetzt auf einem der Wartebänke saß. Eine andere Frau unterhielt sich mit ihr und hielt ihr die Hand.
Aber Denny bemerkte auch die zugedeckten, leblosen Körper am anderen Ende der Station. Viele der Lebenden trugen Verbände. Zwei Männer in greller Sanitätsuniform waren umgeben von mehreren Personen mit sichtbaren Verletzungen.
Unten angekommen sprach sie eine Frau an, ob sie etwas trinken möchten. Sie gab ihnen jeweils eine kleine Flasche Wasser.
"Wie geht es jetzt weiter?", fragte Metze.
"Keine Ahnung." Die Frau nahm einen Schluck aus ihrer eigenen Wasserflasche. "Hier unten sind wir erst mal sicher. Wasser gibt es über die Becken der Toilettenräume und zu essen haben wir ein bisschen hier im Kiosk gefunden. Wenn ihr verletzt seid, meldet euch da vorne bei dem Mann mit der gelben Weste. Er sortiert die Verletzten für die Sanitäter vor." Sie warf Denny einen kritischen Blick zu. "Du siehst echt übel aus. - Wir haben Kontakt mit der Bundeswehr. Es wird bald irgendeine Maßnahme anlaufen. Solange wollen wir hier warten und Leute sammeln."
"Können wir rüber zum Bayrischen Bahnhof durchgehen?"
"Die Durchgänge sind verbarrikadiert, damit diese Typen nicht durchkommen. Der Weg zum Bahnhof ist komplett zusammen gestürzt."
"Wer sind die Leute, die da oben kämpfen?", fragte Denny.
Die Frau zuckte mit den Schultern. "Das sind Leute wie du und ich", sagte sie.



Donnerstag, 16. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 8)

Die Erzählung beginnt hier.
Kaum hatte Denny die Passage betreten, ordnete er dies als Fehler ein. Es gab nur wenige Schlupfwinkel. Die Geschäfte hier waren komplett mit Glasfenstern verkleidet, die in alle Richtungen reflektierten. Er sah die beiden Außerirdischen hinter sich, wie sie immer noch vehement mit den Armen fuchtelten.
War das ihre Kommunikation? Non-verbales Gestikulieren mit gebleckten Zähnen und unrhythmischen Stoßgeräuschen?
Egal. Für den Moment waren sie abgelenkt und folgten ihnen nicht mehr.
Auch in der Passage hatte die Angst gewütet. Scherben lagen auf dem Boden. Einrichtungsgegenstände der Geschäfte waren dazu benutzt worden, einzelne Türen zu verbarrikadieren. Eine Blutspur zog sich zu einer der Eingänge zu den Büroraumen in den oberen Stockwerken. Sicherlich versteckten sich dort Leute. Und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit würden sie sich nicht bewegen, um Metze und ihn hereinzulassen.
Es kam zu Unterbrechungen der Stromversorgung. Ein paar Lampen der Deckenbeleuchtung flackerten nur noch. Andere blieben ganz ausgeschaltet oder ergaben sich dem Spiel des langen Aufladens, kurzen Leuchtens und baldigen Ausgehens.
Metze und Denny verfielen in ein schnelles Laufen. Hastig schauten sie nach rechts und links, um mögliche Verstecke oder Gefahren schneller zu orten.
"He, du!"
Ein Mann kam von der gegenüberliegenden Seite angerannt. Er steuerte mit angespanntem Gesichtsausdruck auf Denny zu.
"Gib mir die Stange!"
"Nein, Mann! Verzieh dich!"
Der Mann versuchte, Denny Stange mit Gewalt aus der Hand zu greifen. Denny ließ nicht los und trat dem Mann gegen das Knie. Darauf ließ der Fremde von der Stange ab und schlug Denny mit der Faust ins Gesicht.
"Du Arsch!", brüllte Denny und fasste sich an die blutende Nase. Der Gegenüber zögerte nicht lange. Er griff nach dem metallenem Stuhlbein und wollte wegrennen. In dem Moment kam Metze von der Seite angesprungen und schlug ihm eine der ergaunerten Bierflaschen über den Kopf.
Es klirrte dumpf. Der Mann brach zusammen. Aus einer Platzwunde am Kopf strömte Blut.
"Vergiss ihn! Sie kommen!"
Da hörten sie es auch schon. Das schmierige Schleifengeräusch der außerirdischen Fortbewegung. Die geraden, glatten Gänge der Passagen sorgten für ideale Voraussetzungen. Sie mussten sich beeilen.
Sie nahmen die erste Abzweigung rechts. Der kurze Verbindungsgang teilte sich vor ihnen noch mal auf zur Mädler- und zur Königshaus-Passage. Denny ging hier sonst nur lang, wenn es regnete. Ihm war noch nie aufgefallen, wie viele kleine Geschäfte sich hier befanden. Aber wichtig war: Sie näherten sich dem Eingang zum City-Tunnel am Markt. Jetzt mussten sie nur noch diesen Spiegelsaal hinter sich bringen.
"Was ist kürzer? Rechts oder links?", flüsterte Metze ihm zu.
Vielleicht war es der Schlag auf den Kopf gewesen, dass Denny nicht sofort verstand, was Metze meinte. Er drehte den Kopf nach rechts. Neben ihm an der Wand spiegelte sich das flackernde Licht der Deckenlampen in einem kleinen unscheinbaren Rahmen.
Hausordnung, las er. Erster Punkt: Die Besucher der Objekte Messehof und Messehaus am Markt dürfen weder gefährdet, noch behindert oder belästigt werden. Er lachte. Blut spritzte aus seiner Nase.
"Mensch, Alter, mach voran!", hörte er Metze ungewöhnlich hoch quietschen. Denny warf einen Blick zurück. Der vorherige Angreifer stand mühselig wieder auf. Ein Lasso kam von der Seite herangeschossen und schlang sich um ihn. Die Metallstange in seiner Hand klirrte, als er sie auf den Boden fallen ließ.
"Rechts", sagte Denny.
Sie stoben los und rannten in die Mädler-Passage hinein. Ein Außerirdischer drehte sich zu ihnen um, kaum hatten sie den Durchgang betreten.
Flüchtig nahm Denny die Menschen wahr, die auf dem Boden zusammen gebunden lagen, teilweise leblos, teilweise noch im Kampf mit den Fesseln. Eine Frau kreischte sie an, sie sollen verschwinden.
Sie waren gerade hinein in eine Sammelstation gelaufen. Der Außerirdische vor ihnen griff nach einem der Seile, die sich auf dem Boden auftürmten. Und er war nicht alleine. Es bewegten sich noch drei andere Wesen hinter ihm auf sie zu. Zusätzlich zu den zweien, die vom Messehof kamen.
Denny warf sich zu Boden, als er ein Lasso heran fliegen sah. Das Seil prallte gegen Metze neben ihm, der auf den Sohlen kehrt machte. Denny spuckte Blut aus, als er wieder aufsprang.
Von wo sie her gekommen waren, näherte sich einer der Außerirdischen. Er glitt unwahrscheinlich schnell heran. Bald würde er ihn schon ohne Lasso fassen können. Denny sprintete zur linken Abzweigung, der Königshaus-Passage.
Und musste sofort wieder anhalten. Metze lag auf dem Boden unter einem gelben, altertümlichen Schriftzug. 
Er war gestolpert und hielt sich das Bein. Er schrie Dennys Namen und deutete auf das Ende des Durchgangs.
Auch dort befand sich ein gelbes Wesen.


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Freitag, 10. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 7)

Die Erzählung beginnt hier.
Die Tür nach draußen ging ungewöhnlich schwer auf. Denny registrierte dies mit einer kurzen Irritation. Der Regenschauer hatte aufgehört. Dicke Luft strömte ihnen entgegen. Es roch nach Benzin. Auf der Straße vor ihnen brannte ein Auto. Der Rauch reizte in den Lungen.
Sie überquerten den Platz vor dem Seminargebäude und rannten in die gegenüberliegende Nebenstraße.
"Halt, warte!", rief Metze. Denny stolperte leicht, als er aus dem Sprint stehen blieb. An der Straßenkreuzung befand sich eine Kaufhalle. Ihre Fenster waren eingeworfen worden. Einzelne Verpackungen lagen verstreut auf dem Boden. Metze stieg in den Laden ein. Denny drückte sich eng an eines der Schaufenster.
"Gewandgässchen", las er auf dem Straßenschild. Noch so eine kleine Straße der Leipziger Innenstadt, deren Name ihm nicht geläufig war, obwohl er sie ein paar Hundert Mal in seinem Leben entlang gelaufen war.
Die Häuser auf der linken Seite wiesen große, bogenförmige Schaufenster auf. Kleine Vorsprünge entstanden dort, wo die Fassade des Hauses die Fenster einrahmten.
Es dauerte nicht lange, bis Metze wieder kam. In den Armen trug er verschiedene Nahrungsmittel. Darunter auch zwei Bierflaschen, die er in seine Hosentaschen stopfte. Denny runzelte die Stirn. Er wusste nicht, ob er seine aufkommenden Wut herunter schlucken sollte.
"Ich dachte, du bist nicht so assi?"
"Ich hab Knast. Soll ich umkippen, oder was?" Metze biss in ein Brötchen. "Magst du auch was?"
"Nein! - Wo ist dein Schlagstock?"
"Scheiße. Der liegt noch -" Es knallten Seile. Schreie klangen auf. Metze sprang neben Denny in die Nische. Er nahm die gleiche angespannte Haltung an. Auf den Zehenspitzen stehend, nah an die Wand gedrückt.
Denny dachte: Einer kann sich in dieser Ecke verstecken. Der zweite fällt sofort auf, wenn jemand in die Straße schaut.
"Die sind nahe", flüsterte Metze.
"Sei ruhig!"
Ein Mann rannte die Straße herunter bis zum Seminargebäude. Er griff nach einem der Fahrräder, musste aber feststellen, dass diese angekettet waren. Er warf einen Blick über die Schulter, schrie auf und warf sich hin. Ein Lasso knallte über ihm zusammen und verhedderte sich an einem Fahrrad
Der Mann sprang wieder auf und rief etwas in einer Sprache, die Denny nicht kannte. Er steuerte auf die Tür zu und versuchte sie aufzuziehen. Auch er war überrascht, wie schwerfällig dies vonstatten ging. In dem Moment kam das Lasso erneut angeflogen. Es wickelte sich um ihn und wurde festgezogen. Der Mann strampelte und versuchte, sich aus der engen Umklammerung des Seils zu befreien. Mit einem Ruck wurde nieder gerissen. Er griff mit seinen Beinen nach einem der nahen Fahrradständer.
Denny war beeindruckt von dieser Widerstandskraft. Der Mann schaffte es, sich mit dem ganzen Körper in dem silbernen Fahrradständer zu verhaken. Dabei brüllte er weiterhin in der fremden Sprache. Der Außerirdische am Ende des Seils, der für Denny nicht zu sehen war, zog mit aller Gewalt am Lasso, konnte seinen Gefangenen aber nicht zu sich schleifen.
"Krass", flüsterte Metze. "Jetzt wissen wir, dass die Außerirdischen nicht ausländerfeindlich sind."
"Solche Kommentare kannst du dir sparen. Ich hab keinen Bock auf dummes Gelaber."
Denny huschte ohne weitere Ansage zur nächsten Nische vor. Metze ließ seine geraubten Vorräte kurzum fallen und kam hinterher. Immer wieder verharrten sie kurz zwischen den einzelnen Vorsprüngen. Sie hörten den Gefangenen fortwährend schreien. Denny lugte vorsichtig zurück und sah eine Gruppe Menschen aus dem Seminargebäude stürmen. Sie überquerten die Straße, genau wie Metze und er selbst zuvor und stürmten in die Kaufhalle.
"Halte durch! Wir retten dich", rief einer von ihnen. Sie kamen mit mehreren Spirituosenflaschen heraus und rannten davon. Kurz darauf knallte es. Denny vernahm noch einige Jubelrufe, während er weiter die Straße entlang eilte. Metze kam ihm hinterher. Es fing wieder leicht an zu regnen. Die Stimmlage des Geschreis änderte sich. Denny senkte den Blick zu Boden und erstarrte, fest an die Fensterscheibe gedrückt. Der gepflasterte Boden unter ihm war mit buntem Konfetti übersät. Wie absurd. Hier der Tod, da das Feuer und er war von Konfetti umgeben.
Die Glaswand hinter ihm vibrierte. Metze und er sprangen erschrocken nach vorne. Ein Außerirdischer befand sich im Geschäft, an dessen Fassade sie sich gerade gepresst hatten, und pochte an die Scheibe. Die Zentimeterlangen Zähne sprossen so schief aus dem Mund heraus, dass dieser nicht komplett schloss. Die gelben Hände schlugen wiederholt nur eine Armlänge von ihnen entfernt gegen das Glas. Und dieses Auge. - So nah wollte er dem Ganzen nicht kommen. Denny konnte für einen kurzen Moment nur schreien.
Metze warf keinen so langen Blick auf das Wesen, sondern sprintete aus dem Stand herüber zum Eingang der Messehof-Passage. Denny setzte ihm nach. Etwas klobiges Gelbes kam von links die Straße herunter geschossen. Metze und Denny erkannten gleichzeitig den Außerirdischen und warfen sich zu Boden. Seine Metallstange rutschte ihm aus der Hand und schepperte über den Asphalt.
Anscheinend beschleunigte der nasse Boden die Fortbewegung der Angreifer. Er schoss an ihnen vorbei und gab dabei stoßartig dunkle Geräusche von sich, als er, das Lasso schon mit Kreisbewegungen schwenkend, weiter rutschte.
Der Außerirdische, der sich im Laden befunden hatte, kam aus diesem heraus und fuchtelte dabei mit den Armen in Richtung seines Artgenossen.
Zwei von denen auf einmal. Und sie kommunizierten miteinander. Denny griff im Aufstehen nach seiner Waffe und rannte geradeaus in den Messehof.




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Mittwoch, 8. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 6)

Die Erzählung beginnt hier.
Es dauerte nicht lange, bis Denny sich wieder beruhigt hatte.
"He, alles klar bei dir?", fragte Metze leise.
"Ja, danke. Es musste nur mal raus."
"Bei mir auch."
Denny schnüffelte. "Alter."
"Tut mir leid. Ich hab mich vor Angst voll gepieselt. Es tropft schon auf den Boden durch."
Denny fühlte das Lachen in sich hoch kommen. "Nimm das, tödlicher Außerirdischer: Bevor du mich umbringst, bepinkel ich dich noch."
Sie kicherten beide unterdrückt.
"Wie weit war er hier drin?", wollte Metze wissen.
"Bis zum Fenster."
"Hast du ihn gesehen?"
"Ja."
"Wie sah er aus?"
"Irgendwie - also nicht menschlich. Wie eine klotzige Schnecke, nur ohne Schleim, dafür mit einem Insektenauge und langen Armen. Kennst du diese Videos aus der Tiefsee, wo sie Tiere von dort zeigen, und du denkst nur: 'Unsinn. Das kann es nicht geben.' So ungefähr. Oh, und sie haben sehr lange Zähne."
Metze schüttelte den Kopf. "Weißt du. Ich war grad auf dem Weg von der Karli in die Innenstadt. Auf einmal dreht meine Hündin völlig durch. Sonst ist Juni die liebste der Welt. Sie knurrt und ihr Fell sträubt sich. Ich will sie beruhigen, aber sie schnappt nach mir. Das hat sie noch nie gemacht. Sie ist dann zum Ring-Café gelaufen. Ich bin ihr hinterher. Dann kamen die Blitze und ich habe sie aus den Augen verloren. Hoffentlich geht's ihr gut."
Denny versuchte es mit aufmunternden Worten. "Bestimmt, Mann. Sie versteckt sich einfach nur und wartet auf dich in eurem Zuhause."
"Ich hab kein Zuhause. Ich penn grad bei einem Kumpel."
"Hm." Da wusste Denny nicht, was er antworten sollte. Sie schwiegen kurz.
"Wir können hier nicht bleiben", sagte Denny. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir müssen irgendwohin, wo sie Schwierigkeiten haben, hin zu gelangen und wo wir Fluchtmöglichkeiten haben."
"Sie können keine Treppen gehen, ne?"
"Ja, aber in Häusern kommen sie von oben."
"Haben sie irgendwelche Schwachpunkte?"
"Keine Ahnung."
"Du hast doch einen gesehen, oder?"
"Ja, aber eben auch nur gesehen. Sie haben auf dem Rücken zwei blaue Flecken, die aussehen wie Gehirne. Vielleicht ist das ein Schwachpunkt. Aber sie können sich schnell wenden."
"Was soll das heißen? Sie können sich schnell wenden?"
"Als das Ding wieder heraus gekrochen ist, hat es sich nicht mit dem ganzen Körper umgedreht, sondern der Teil mit dem Kopf und den Armen sind ist einfach in die andere Richtung gerutscht."
"Das klingt verdammt abgefahren." Metze runzelte die Stirn. "Wo würdest du drauf schlagen?"
"Wenn nicht auf den Rücken, dann auf das Auge", überlegte Denny.
"Wir brauchen irgendwas als Waffe."
"Vielleicht können wir die Tische zerlegen. Die sind doch bestimmt nur zusammen geschraubt."
"Und wo soll es dann hin gehen?"
"Zu einem Ort in der Nähe hier. Viele Treppen. Wenig Fahrstühle. Versteckmöglichkeiten."
Sie überlegten. Denny kannte jedes einzelne Haus in der Innenstadt von seiner Fassade her. Wie sie innen drin ausgestattet waren, wusste er nicht.
"Der City-Tunnel. Ohne Fahrstuhl können sie da nicht runter", raunte Metze. "Im Bahnhof ist eine Bullenstation. Die haben Waffen."
"Die Außerirdischen haben den Bahnhof kaputt geschossen mit ihren Blitzen."
"Du meinst, vielleicht ist der Tunnel eingefallen?"
"Keine Ahnung."
"Mir fällt grad nichts Besseres ein. Sind in Tunneln nicht immer Notausgänge? Da könnten wir durch, wenn's eng wird."
"Gilt das nicht nur für Autobahntunnel?"
"Wir könnten bis zum Bayrischen Bahnhof vorgehen. Da kenne ich ein paar Schlupfwinkel."
Denny fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, im Dunkeln der Gleise zu warten. Aber die Treppen und die Tiefe der Anlage waren verlockend. Hier waren sie definitiv in Gefahr. Vielleicht kam der Außerirdische zurück. Draußen gab es wenigstens verschieden Wege wegzurennen.
Er atmete tief durch. "Lass es uns so machen: Wir bewegen uns zum Markt. Wenn wir zwischendurch ein besseres Versteck finden, dann lass uns da bleiben."
"In Ordnung."
Sie kletterten wieder aus ihrem Versteck heraus. Von draußen war nach wie vor Kampflärm zu hören. Immer noch schlugen Blitze in die Gebäude ein. Zwischendurch klirrte Glas. Keine Schüsse mehr. Der Regen hatte nachgelassen.
Denny bemerkte ein Waschbecken in der Ecke des Zimmers. Er beugte sich runter und ließ frisches Wasser in seinen Mund laufen, bis er sich gesättigt fühlte. Metze hockte an der Ecke zur Tür und warf einen Blick nach draußen.
"Hier ist nichts mehr", flüsterte er. Er griff in seine Hosentasche und holte ein kleines Messer hervor und begann in Windes Eile zwei Tische auseinander zu montieren. Jetzt hatten sie Waffen. Zwei Eisenstangen. Blau lackiert.
"Können wir die als Schild benutzen?" Denny hob einen Tisch hoch. Nein. Zu schwer. Zu unhandlich.
"Scharfe Zähne. Lange Arme. Wendiger Körper", erinnerte Denny. Metze nickte.
Sie schlichen aus dem Seminarraum vorwärts zum Treppenhaus. Die Anzeige des Aufzugs war erloschen. Der Strom war immer noch weg. Und in dem Moment, in dem Denny Metze darauf aufmerksam machen wollte, hörte er vor ihnen ein Geräusch.
Der Außerirdische war nach wie vor in ihrer Etage. Er kam durch den entgegen gesetzten Flur auf sie zu. Hinter sich zog er eine zusammen geschnürte Person. Denny merkte, wie die Eisenstange in seiner schwitzigen Hand rutschte.
Das Wesen war aufgerichtet genauso groß wie er. Es erblickte sie und begann zu grunzen.
Metze erstarrte in seiner Bewegung. Denny griff nach seinem Arm und zog ihn zur Treppe. "Alter, lass uns hier abhauen."
"Das ist ja furchtbar", hauchte Metze. "Mach, dass wir hier wegkommen."
Sie gaben ihre gebückte Haltung auf und rannten die Treppen hinunter.




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Samstag, 4. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 5)

Die Erzählung beginnt hier.
Dennys Körper verkrampfte. Die Luft, die er ausatmete, hinterließ eine feuchte Spur auf der Deckenverkleidung. Er öffnete die Augen wieder und blinzelte durch den Schlitz zum Fußboden herunter. Ganz leises Schaben erfüllte den Raum. Und er hörte noch etwas. Abgedämpfter Gesang und Gitarrenklänge.
Als der Horror los ging, hatte er die Kopfhörer abgenommen, aber die Musik nicht abgestellt. Die Hörer baumelten aus seiner Jacke heraus. Wieso war das auf einmal so laut?
Denny hatte das Gefühl, dass er sich zusammen kauern und nur noch weinen wollte. Er war dem Tod so nahe und jetzt versaute er sich jegliche Chance zu überleben. Er brauchte kein Pech, um zu sterben. Seine eigene Dummheit reichte vollkommen aus.
Er presste die Lippen aufeinander. Er durfte sich nicht bewegen. Jedes Rascheln würde die Aufmerksamkeit des Außerirdischen auf ihr Versteck lenken. Wie gut waren seine Ohren? Wie gut seine Nase? Roch er ihre Anwesenheit? Sah er den Spalt in der Deckenverkleidung? Wenn es nur einer war, konnten sie ihn dann überwältigen?
Denny warf einen Blick herüber zu Metze. Der hielt seine Ohren mit beiden Händen zu. Die Augen fest verschlossen murmelte er lautlos zu sich selbst.
Die Sinne weg rationalisieren. Verblendung als Flucht.
Denny konnte das nicht. Den Körper bis auf die kleinsten Muskeln angespannt, heftete er den Blick auf dieses kleine Fenster, das nur graues Linoleum offenbarte.
Das Schaben kam näher. Langsam. Schob sich etwas in sein Sichtfeld. Kein Schatten ging ihm voraus. Es kam.
Denny vergaß die leise plärrenden Kopfhörer, als er den Außerirdischen erblickte. Ein auf den ersten Blick unförmiges Wesen, farblich irgendwo zwischen grau, gelb und grün angesiedelt. Ein Klotz als Gestalt. Vielleicht Fett. Eher Muskeln. Die haarlose Haut wirkte formbar, wenn auch die Gestalt durchaus stabil aussah.
Von diesem Kloßartigen Körper gingen zwei Extremitäten aus. Eher Armen als Beinen ähnlich. Denny konnte keine Knochenstruktur ausmachen. Ellbogen besaß dieses Wesen nicht. Diese Arme gingen in mehrere Finger über. Sie waren länger als menschliche und Denny nannte sie nur Finger, weil sie dieser Beschreibung am nächsten waren. Es gab keine Handfläche. Die Extremität spaltete sich einfach in mehrere kleine andere auf. Die Finger hielten eines der gelben Lassos.
Die Arme waren schmal verglichen zum massiven Körper. Sie dienten nicht der Fortbewegung. Eine Wellenförmige Bewegung des unteren Bereichs des Körpers sorgte für das Vorankommen. Ähnlich wie bei einer Schnecke, nur ohne Schleim.
Auf der Oberseite des Körpers saß ein zylindrischer Kopf mit einem nach vorne gerichtetem Sehorgan. Es erinnerte Denny an die Augen von Insekten. Kein Augapfel, keine Pupille, sondern ein starres Netz aus kleinen schwarzen Punkten, die sich nicht bewegten, sondern nur vorne ausgerichtet blickten, einem Raubtier ähnlich.
Unter dem Auge öffnete sich eine Mundhöhle mit Zahnreihen. Denny konnte von seinem Standort aus nicht erkennen, aus welchen Einzelheiten das Gebiss bestand. Es gab keinen erkennbaren Kiefer. Rumpf und Kopf gingen nahtlos ineinander über und wurden nur von diesem lippenlosen Maul getrennt. Aus diesem stachen einzelne Zähne hervor. Spitze, lange, scharfe Zähne.
Bei all den Diskussionen über eine mögliche Kommunikation mit intelligentem Leben im All, war stets ein positiver, aufgeschlossener Tenor als Grundlage gebraucht worden. Was geschah, wenn die Gefräßigkeit den Verstand besiegte? Was geschah, wenn die Intelligenz der Gegenseite dazu diente, Tötungsstrategien zu entwickeln?
Aber sie mussten eine höhere Intelligenz haben als ein Tier, das nur auf Nahrungssuche ist. Sie hatten Raumschiffe gebaut. Sie hatten Energiestrahlen entwickelt, die Gebäude in Schutt und Asche legen konnten. Sie warfen ein Lasso mit einer nervenaufreibender Zielgenauigkeit. Das sprach von Entwicklung, Verstand und Geschick.
Der Außerirdische bewegte sich weiter und Denny konnte einen genaueren Blick auf seine Rückenpartie werfen. Dunkelblaue Stränge liefen dort in zwei ballförmige Knotenpunkte zusammen. War das sein Nervenzentrum? Oben im Kopf konnte es nicht sein. Über den Augen endete der Schädel wie schief abgeschnitten.
Es machte ein Geräusch. Dieses Grunzen. Ein dunkler, tiefer Ton, ganz hinten aus der Kehle.
Es wusste, dass sie in diesem Raum waren. Es sah sie nur nicht. Ging es jetzt die einzelnen Möglichkeiten durch? Wie lange waren sie hier oben sicher? Würde es Sinn machen, den Überraschungsmoment zu nutzen, jetzt schnell aus der Decke zu springen, das Wesen mit einem Stuhl zu schlagen und die Tür von der anderen Seite zu schließen. Oder rechnete es damit, angegriffen zu werden? Denny wollte den Zähnen nicht zu nahe kommen.
Unter ihm schlug der Außerirdische gegen das Fensterglas. Metze und Denny zuckten beide zusammen. Metze war aus seiner Agonie erwacht und starrte nun mit offenem Mund an Denny vorbei in den dunklen Raum ihres Versteckes.
Richtig. Er hatte ja das Fenster aufgelassen. Konnte der Außerirdische mit seiner Statur überhaupt bis zur Straße schauen? Vielleicht ging er davon aus, dass sie gesprungen waren. Wie auch immer. Das Wesen blieb im Raum. Denny konnte nicht sagen, wie lange. Seine innere Uhr lief Amok. Vielleicht waren es nur zwanzig Sekunden. Vielleicht fünf Minuten.
Ein langer Moment voller Bewegungslosigkeit. Leise Musik. Lärm von draußen. Schreie. Das dumpfe Zusammenbrechen von Gebäuden, wenn die Blitze einschlugen. Autoreifen quietschten. Er hörte wiederholt Schüsse.
Und dann kam ein neues Hintergrundgeräusch hinzu. Es begann zu regnen. Nicht leicht, sondern in Strömen. Das Wasser färbte die Geräuschkulisse noch dunkler. Und übertönte fast die Schritte, die sich dem Raum näherten.
Oh bitte, komm nicht rein, bettelte Denny in seinem Kopf. Vergebens. Schuhsohlen quietschten auf dem Boden.
"Sind hier noch Leute? Sie sind fast alle - Oh, fuck!" Eine angsterfüllte, hohe Stimme. Die Person rannte davon.
Das Wesen stieß ein weiteres Grunzgeräusch aus. Denny sah, wie es sich wieder auf die Tür zu bewegte. Dabei drehte es sich nicht um hundertachtzig Grad, wie ein Mensch es tun würde, sondern richtete einfach seinen Rumpf in die andere Richtung aus und kroch davon. In einer Geschwindigkeit, die nicht zu unterschätzen war.
Die Angreifer waren keine Schnecken. Sie verfolgten ihre Ziele. Und sie hatten Meterlange Lassos, mit denen sie rennende Menschen einfangen konnten. Selbst ohne Seile blieben sie Kolosse mit fürchterlichen Zähnen und langgliedrigen Extremitäten.
Denny wartete, bis sich das Schaben außer Hörweite befand. Er griff in seine Jackentasche und schaltete die Musik aus.
Sein Smartphone in der Hand schalt er sich einen Narren. Wieso hatte er kein Video gemacht? Er schaute auf das Display. Weil er auf der Arbeit das Gerät stets lautlos stellte, hatte er die Kontaktversuche nicht vernommen. 28 unbeantwortete Anrufe. Seine Mutter. Seine Schwester. Sein bester Freund. Mehrere Sofortnachrichten.
Bist du ok?
Denny, bitte melde dich.
Seine Hand zitterte, als er antwortete: Verstecke mich. Bin am Leben. Melde mich wenn kann. Er schluckte und fügte hinzu: Ich hab euch alle lieb.
Er schaltete das Telefon aus, um den Akku zu schonen. Dann schlug er die Hände vor das Gesicht und ließ den Tränen freien Lauf.




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Dienstag, 30. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 4)

Die Erzählung beginnt hier.
Denny war noch nie in irgendeinem Gebäude der Universität gewesen. Er folgte Metze und nahm wie er immer gleich mehrere Stufen. Nur grob nahm er die Umgebung wahr. Sterile weiße Wände. Auf beiden Seiten der Stockwerke zogen sich lange Gänge mit vielen Türen. Parallel zu den Treppen fuhren Fahrstühle, neben denen sich Toiletten befanden. Kleine Sitzgruppen mit Mülleimer befanden sich gegenüber der Aufzugstüren.
Es kam ihm ewig vor, bis sie endlich die erste Etage erreicht hatten. Metze gab sich damit nicht zufrieden. Er nahm weitere Treppen. Im zweiten Stockwerk eilte ihnen eine Studentin entgegen. Denny sah in ihr Gesicht und wusste, dass von ihr keine Hilfe zu erwarten war. Ihr verkniffener Mund zuckte, als sie sie erblickte.
"Haut ab! Hier ist alles voll", schnauzte sie zu ihnen herüber und verschwand hinter der Tür der Damentoilette.
"Selbst beim Sterben noch scheiße." Metze nickte zur Treppe. "Weg von der."
Kaum waren sie im nächst höheren Stockwerk angekommen, ging der Lärm wieder los. Geschrei. Glas zersplitterte. Kampfgeräusche. Etwas prallte mit Gewalt auf eine Wand. Soviel hatte Denny jetzt schon gelernt. Schläge auf Menschenkörper hinterließen dumpfe Klänge. Aber da warf jemand größere Gegenstände die Treppen herunter. Gegenangriff statt Flucht.
"Sie kommen über die Aufzüge. Keine Treppen. Sie kommen über die Aufzüge!", brüllte die Person in das Treppenhaus hinein. "Sie kommen -" Peitschenknallen. Würggeräusche. Schleifen über den Fußboden.
Metze und Denny schauten automatisch zu den Anzeigefeldern der Fahrstühle. Auf dem einen leuchtete ein rotes E. Der andere Fahrstuhl befand sich bei ihnen im dritten Stockwerk. Denny schlug auf den Türöffner, zog einen der Mülleimer heran zur Blockade des Aufzugs. Wie erwünscht bewegte sich die Fahrstuhltür auf und zu. Das Display des anderen Fahrstuhls wechselte auf eine 1.
"Los. Wir verbarrikadieren uns hier irgendwo." Metze zog ihn in den rechten Gang. Auf beiden Seiten des Flurs führten Türen in Räume. Denny drückte die erste Klinke herunter. Abgeschlossen. Die zweite. Keine Bewegung. Auch Metze traf auf keinen offenen Raum. Mehrere schrille Schreie erklangen aus einem der unteren Stockwerke. Wahrscheinlich das volle Frauenklo.
In dem Moment war es Denny egal. Jeder, der den Angreifern jetzt über den Weg lief, gab ihm mehr Zeit, sich ein Versteck zu suchen. Er fühlte kurz Scham für seine Gedanken. Es ging hier um Menschenleben. Nein. In erster Linie ging es um das eigene Überleben. Die Außerirdischen erweckten nicht den Eindruck, als kämen sie, um sie in ein friedliches Paradies zu entführen.
"Oh nein", hörte er Metze hauchen und auch er hatte im Unterbewusstsein den kurzen Klang vernommen, der das Öffnen des Fahrstuhls ankündigte.
Metze presste sich gegen die Tür, die er nicht öffnen konnte, und schaute mit aufgerissenen Augen zu Denny herüber, der sich nicht traute, weiter zu atmen.
Jetzt war es soweit. Keine zwanzig Meter lagen zwischen ihnen und den Außerirdischen. Kein Versteck. Keine Ausdauer mehr. Keine Waffen. Wieder das Gefühl, unter Strom zu stehen, nur wegrennen zu wollen, und gleichzeitig gelähmt zu sein von der Hoffnungslosigkeit, der Angst und dem Wissen um einen fehlenden Ausweg.
Mit einem kurzen Knacken ging das Licht im Flur aus. Metze wimmerte. Kein Strom. Die Fahrstühle funktionierten nicht ohne Elektrizität. Jemand hatte die Warnrufe des Widerständlers vernommen und sinnvoll reagiert.
Denny wagte einen Blick in Richtung Fahrstuhl und tatsächlich: Die Tür war beim Aufgleiten verharrt. Nur ein Spalt war offen und Denny erkannte eine vielgliedrige Extremität, welche herausschoss und an den stehen gebliebenen Türen rüttelten.
Zeit, die Chance zu nutzen.
Denny rannte zur nächsten Tür und ein Jauchzen kam über seine Lippen, als die Klinke nachgab. Ein heller Raum, viele Tische, eine weiße Tafel, eine große Fensterfront.
"Metze, Beeilung!"
"Endlich!"
Kaum hatte sein Begleiter den Raum betreten, zog Denny den nächstbesten Tisch heran. Metze verkeilte zwei Stühle ineinander und positionierte sie unter der Klinke. Sie schoben das meiste des Inventars Richtung Tür. Ein Gedanke schoss durch Dennys Hirn: "Die Tür öffnet nach außen."
Er schaute zu Metze herüber, der weitere Stühle ineinander verschränkte und den Türrahmen damit ausfüllte.
Denny suchte den Raum ab. Eine Toilette oder ein Seminarraum: Eine Sackgasse blieb eine Sackgasse. Er öffnete ein Fenster und schaute heraus. Dritter Stock. Zu tief, um sauber zu laden. Er registrierte die Decke. Eine Erinnerung durchzuckte seinen Kopf.
Mittelschule. Polizeieinsatz. Zwei Mitschüler wurden des Drogenhandels beschuldigt. Vor aller Augen kletterte einer der Polizisten auf das Lehrerpult und fischte unbeeindruckt zwei erhebliche Tüten Gras aus der Verkleidung der Decke. "Den Trick kennen wir schon", kommentierte er trocken.
Vor der Tür hörten sie Getrampel. "Nein! Nein! Ihr kriegt mich nicht."
Denny zog zwei Tische zueinander, stellte einen dritten darauf und kletterte selbst hoch. Tatsächlich. Erleichterung durchströmte ihn. Die Platten der Deckenverkleidung waren beweglich und boten Platz für ein Versteck.
"Alter, geil, beeil dich!" Metze stand schon auf einem der unteren Tische, als Denny sich hoch zog und mit dem Kopf gegen die echte, roh verputzte Decke stieß.
"Ah, verdammt!"
Mit aller Kraft kroch er vorwärts. Das hatte er sich leichter vorgestellt. Er spürte Metzes Hände, wie sie seine Füße nahmen und ihn hoch stemmten. Ganzheitlich oben angekommen drehte er sich zur Öffnung und bot Metze seine Hand zur Unterstützung an. Metze agierte wesentlich eleganter als Denny beim Klettern und lag im Nu neben ihm.
Kaum waren sie beide oben angekommen, knallte es unter ihnen. Die Tür wurde aufgerissen und eine Kraft schlug wahllos die Tische und Stühle auseinander. Denny griff zur losen Styroporplatte und schob sie leise auf ihre vorherige Position. In der noch vorhandenen Lücke erkannte er, wie ein Stuhl in den Raum verworfen wurde. Dann war es kurz ruhig. Denny vernahm ein wütendes Grunzen. Es folgte ein leises Kriechgeräusch. Ihr Verfolger kam.
Mit den Fingern auf der Platte verharrte Denny. Ein kleiner Schlitz blieb und gab einen minimalen Einblick auf das, was unter ihnen geschah. Er wagte es nicht, sich zu bewegen. Der Schweiß rann seine Schläfen herunter. Seine Kleidung klebte am Körper. Seine Beine zuckten vor Übersäuerung und seine Kehle brannte.
Wenn er dies überlebte, würde er erst mal eine Wasserquelle aufsuchen. Denny schloss die Augen und versuchte, flach zu atmen. Wenn er dies überlebte.
Unter ihm bewegte sich der Eindringling langsam in den Raum hinein.



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Freitag, 26. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 3)

Die Erzählung beginnt hier.
Selbst in der Nebenstraße herrschte das Chaos. Menschen rannten in alle Richtungen. Frauen, Männer, Kinder, Senioren. Alleine oder in Gruppen. Eine blinde Frau saß an die Rückwand der Nikolaikirche gepresst und klammerte sich an ihren Blindenstock. Denny konnte erkennen, dass sie wieder und wieder etwas rief. In seinen Augen brannten Tränen, weil er zuviel Angst verspürte, um zu ihr herüberzulaufen und ihr zu helfen. Dieser Impuls, wegrennen zu wollen, ließ das Blut durch seine Adern preschen. Seine Beinmuskeln fühlten sich schwer an. Sein Rücken schmerzte noch vom Stoß der Tür. Und irgendwo kapitulierte sein Gehirn. Der Typ hatte sie noch gewarnt, nur um dann selbst gefangen zu werden. Ermordet vielleicht? Starben diese Menschen, um die sich die Lassos legten oder wurden sie irgendwohin gebracht? Das waren sicherlich wichtige Fragen, aber in erster Linie schrie in Dennys Kopf alles nach Sicherheit und Überleben. Das war es. Er wollte hier nicht sterben. Er wollte auch nicht verschleppt werden. Was genau da auch angriff, war sekundär. Er wollte einfach durchhalten und am Leben bleiben.
Er drehte der blinden Frau den Rücken zu. Der Punk, sein einsamer Mitstreiter, bemerkte seine Tränen, und nickte nur. Für einen kurzen Moment war Denny dankbar. Er war nicht alleine mit seiner Angst.
Sie stellten ihre Taktik um und statt zu rennen, huschten sie nun gebückt zum nächsten Hauseingang eines Antikwarengeschäftes. Ein Blitz schlug in die Alte Nikolaischule ein. Putz und Ziegel rutschten wie eine Lawine vom Dach herunter und ergossen sich als ohrenbetäubender Gesteinsregen auf die Tische und Stühle des Restaurants im Erdgeschoss. Aus dem entstandenen Loch kletterte ein Mann. Untersetzt, Halbglatze, das helle Hemd voller Blutflecken. Er streckte die Arme hoch zur Wolkendecke und schrie einige Worte heraus. Dann stolperte er vorwärts und stürzte sich vom Gebäude.
"Alter." Der Punk griff nach Dennys Handgelenk und drückte. "Sag mir deinen Namen! Sag mir, wie du heißt! Ich will nicht alleine sterben", flehte er in rauer Stimmlage. Ein erneuter Blitz schlug in ihrer Nähe ein und und hinterließ ein Aufzucken in den feuchten Augen des Punks.
"Ich bin Denny. Mit E." Wieso sagte er das? Sein ganzes Lebens hatte er sich so vorgestellt, weil die Leute seinen Namen immer falsch schrieben.
"Ich bin Metze." Metze schniefte, dann sagte er: "Machen wir los."
Eine Sirene ließ sie beide zusammenfahren. Ein Polizeiauto schoss um die Ecke in die Ritterstraße und hielt mit einer Vollbremsung. Die Türen wurden aufgerissen. Eine Handvoll Polizisten sprang heraus. Drei rannten in die dortige Dienststelle. Die anderen gingen hinter dem Fahrzeug in Deckung. Sie zogen ihre Waffen und feuerten in Richtung Goethestraße. Die Wolkendecke riss auf. Sonnenlicht fiel auf den Asphalt.
"Was-?", begann Metze, aber Denny zog seinen Kopf mit aller Kraft herunter und schützte mit seinem Arm ihrer beider Sichtfelde. Die Hitzewelle der zwei aufeinander folgenden Blitze erfasste sie. Denny fühlte, wie sich seine Kleidung aufheizte. Kein angenehmes Gefühl. Zu oft durfte er nicht mehr in der Nähe von diesen Blitzen sein, bevor es unerträglich wurde.
Kaum war die Welle vorbei, riss Metze sich los und schaute die Straße runter. Der Polizeiwagen loderte. Die Körper brannten. Einer der Polizisten lebte noch. Er lag seitlich aufgestützt auf dem Boden und hielt mit zitternder Hand weiter seine Waffe hoch. Er schoss sein Magazin leer und sackte zurück.
"Weiter, Metze. Uns darf es nicht genauso gehen."
Aus dem Augenwinkel erkannte er etwas Gelbes, Schlaufenförmiges, was auf der anderen Seite des Platzes aus der Nikolaistraße herausgeschnellt kam.
"Sie sind nahe. Weg hier!"
"Warte!" Metze stieß einen Tisch um, auf welchem der Antikladen Bücher ausgestellt hatte. "Wenn wir uns breit machen, kann uns das Seil nicht erfassen."
"Metze. Das ist gut. Das ist gut!"
Sie packten den Tisch und hoben ihn hoch. Er war schwerer als gedacht, aber für den kurzen Weg, der vor ihnen lag, durchaus geeignet. Metze ging voran. Denny folgte. Hinter ihrem Schutzschild verschanzt überquerten sie den Fußgängerbereich der Grimmaischen Straße. Dort klingelten bei mehreren Geschäften der Feueralarm. Fensterscheiben waren eingeschlagen worden. Kleidung und leere Verpackungen lagen vor der Ladenzeile. Denny sah Leute mit Händen voller Ware davon laufen.
"So assi bin nicht mal ich", hörte er Metze schnaufen. "Die Stadt brennt und die Leute gehen plündern."
"Fresse! Weiter!", grollte Denny. Konsumkritik war das letzte, worüber er jetzt nachdenken wollte. Die Grimmaische Straße war schnell überquert. Vor ihnen ragten die Treppen zum weißroten Seminargebäude der Universität Leipzig auf. Kurz zweifelte er an ihrer Entscheidung, sich dort verstecken zu wollen. Die zahlreichen Fenster erlaubten großzügige Einblicke in die Räumlichkeiten. Denny hörte ein Geräusch, das wie das Knallen einer Peitsche klang. Etwas schlug auf seinem Kopf auf. Denny blickte nach oben und erkannte eines der gelben Lassos, wie es sich in der Luft über ihn zusammenzog.
"Metze, lauf!" Er stieß den Tisch von sich und sprang in großen Schritten die Treppen hoch. Er riss die Tür auf. In der Spiegelung des Türglases erkannte er eine unförmige, graugelbe Gestalt, die sich ihnen von hinten näherte. Ein erhobener Arm ließ das Seil in der Luft kreisen. Sie waren im Visier. Ihnen blieben Sekunden.
Metze und er stürmten in das Gebäude. "Nach oben", brüllte Metze und rannte die Treppen hoch. Aus dem Sichtfeld. Aus der Fangzone. Denny folgte ihm gleichauf.
Der Türschließer ließ die Tür sanft in ihre Ausgangsposition zurückgleiten. Von draußen schnellte ein erneut geworfenes Seil mit aller Gewalt dagegen und prallte am Glas ab.



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Mittwoch, 24. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 2)

Die Erzählung beginnt hier.
Er war den Weg schon oft zu Fuß gegangen. Vom Augustusplatz bis runter zum Bahnhof. Die leichte Steigung des Weges war ihm nie groß aufgefallen. Jetzt kam ihm der Weg vor wie der längste Berg der Welt. Die blinde Panik ließ ihn an allem und jedem vorbeihechten. Er sprintete so leichtsinnig über ungeschützte Fläche rannte. Es kümmerte ihn nicht - bis ihm kurz vor Ende der Steigung die Luft erneut komplett wegblieb und er keuchend stehen blieb. Er sah einen Mann auf sich zukommen.
"Aus dem Weg, du Penner!" Er schlug mit der Faust nach Denny, der zurückwich. Er prallte an die Fensterscheibe eines Bekleidungsgeschäftes. Sie rettete ihn vor dem Hinfallen.
Er sah mehrere Personen über den Augustusplatz rennen. Hinter dem Gewandhaus glühte es in den Himmel hinein. Brannte das Ring-Café? Es sah ganz danach aus. Die Menge Menschen aus dieser Richtung war enorm. Und alle rannten den Weg runter zum Bahnhof. Eine Frau, ihre Stöckelschuhe in der Hand tragend, hetzte an ihm vorbei. Er griff nach ihr, mehr in einem Reflex als in einem durchdachten Akt. Sie hatte geweint. Ihre Schminke lief in breiten Bächen ihre Wangen herunter.
"Lassen Sie mich los!", brüllte sie ihn an.
"Da unten ist die Hölle los!"
"Ich komme grad aus der Hölle." Sie schrie in einem hohen Ton auf. "Da vorne zerfleischen sie Menschen." Sie riss sich los und rannte weiter.
Denny sah zum Gewandhaus. In dessen Fenster spiegelten sich die andauernden Blitzeinschläge, die jetzt auch den Augustusplatz heimsuchten.
Eine weitere Welle an Geschrei erreichte ihn. Vor der Oper stob eine Gruppe Menschen auseinander. Für einen Augenblick erblickte Denny grelle, ringförmige Objekte, welche sich rasant um einzelne Personen zogen und sie in einem gewaltvollen Akt zu Boden zerrten und weg schleiften.
Ich muss mich verstecken, dachte er.
"Steh hier nicht so rum." In dem Moment sprang jemand neben ihm hervor und zog ihn hinter einer der Eingangssäulen des Krochhauses. Sie verharrten kurz, während weitere Menschen an ihnen vorbei rannten.
"Wir müssen uns verstecken", wiederholte Denny seine Gedanken.
"Sag mir wo und ich folge dir." Die Person, die ihn gepackt hatte, war einer der Punks, die tagsüber in der Innenstadt bettelten. Piercings ließen seine Augenbrauen etwas über die Lider hängen. Selbst hier zwischen Rauch und tötenden Lichtstrahlen stank er noch nach Zigaretten und schalem Bier.
"Da vorne ist eine Tür. Lass uns da rein."
Geduckt bewegten sie sich zur Tür. Der Punk zog mit aller Gewalt am Türknauf. 
"Eh, Alter. Die geht nicht auf." Wahllos schlug er mit der Faust auf die Klingelschilder. "Lasst uns rein! Lasst uns rein!"
Ein Hitzestrahl erfasste sie. Ein Blitz war unmittelbar vor dem Haus eingeschlagen. Sofort drückten sich Denny und der Punk in die Nische des Eingangs.
"Fuck. Fuck. Fuck. Fuck."
Denny hörte den anderen das aussprechen, was ihm selbst durch den Kopf jagte.
Getrampel näherte sich. Zwei junge Frauen sprangen zu ihnen in die Nische.
"Scheiße." Die Braunhaarige von ihnen knallte mit der Faust gegen die Glasscheibe. "Hier ist auch zu. Wir müssen ins Seminargebäude. Da sind viele Versteckmöglichkeiten."
"Was für ein Sem-?", schrie Denny sie an.
"Die Uni, Mann", antwortete der Punk. "Die ist riesig."
In dem Moment, die Frauen rannten schon weiter, wurde die Tür hinter ihnen aufgestoßen. Denny bekam den Türknauf ins Rückrat und brüllte vor Schmerzen auf. Zwei Männer in Anzügen schubsten sie zur Seite und hetzten rechts zur Goethestraße hinaus. Einer drehte sich noch zu ihnen zurück und rief: "Die sind auf dem Dach! Scheiße! Auf dem Dach!"
Den Kopf noch zu ihnen ihnen gewandt, sah er das gelbe Objekt nicht auf ihn zuschnellen. Es war ein leuchtend grelles Seil, das sich in Windeseile um den Mann legte und zusammenzog. Mit einem schrillen Laut, der ihm aus der Kehle wrang, wurde er nach rechts gezogen.
"Mann, Alter, weg hier!" Der Punk zog Denny an der Jacke aus der Ecke heraus und sie sprangen die Treppen herunter und rannten durch die Passage zur Ritterstraße.




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Montag, 22. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 1)

Das Warten auf die Straßenbahn war ein wesentlicher Bestandteil in Dennys Leben. Morgens zur Arbeit. Warten auf die Straßenbahn. Umsteigen am Bahnhof. Warten. Später dann wieder nach Hause. Warten am Bahnhof. Er hatte es mal mit Fahrradfahren probiert, aber dann war ihm das Rad geklaut worden. In Leipzig hatte das ungefähr den gleichen Stellenwert von in Hundekacke treten. Jetzt ärgerte sich jemand herum mit der Kette, die immer raussprang, und der Bremse, die auf der einen Seite nicht funktionierte. Wenn man zu schnell fuhr, musste man es ein bisschen darauf ankommen lassen. Eigentlich vermisste Denny das Fahrrad. Die Bewegung hatte ihm Freude bereitet. Aber Straßenbahnfahren war auch recht bequem. Es war Herbst. Es regnete viel. Es war ein Luxus, relativ trocken nach nach Hause zu gelangen.
Dieser Nachmittag zeigte sich mehr trüb als dunkel. Denny stand am Gleis 1 und starrte ziellos in der Gegend herum. Den ganzen Tag schon hatte es geregnet. Jetzt zog Nebel durch die Straßen. So etwas hatte er hier in der Innenstadt noch nie mitbekommen. War das überhaupt Nebel? War das nicht eher Rauch? Da brannte doch etwas.
Denny nahm die Kopfhörer aus den Ohren. Waren da Sirenen zu hören? Am Bahnhof war es immer laut. Die Straßenbahnen, der Verkehr des Stadtrings, die Passanten, irgendwelche Bauarbeiten. Da bevorzugte er die Musik auf seinem Handy. Gitarren und Bass. Ein ordentliches Schlagzeug. Da wurde der Feierabend gleich etwas runder.
Er schaute herauf zur Anzeigetafel. 16 Richtung Messegelände 7 Min Was sollte das? Gerade eben waren es noch 2 Minuten gewesen. 8 Minuten. Irgendeine dämliche Streckenblockierung? Ein Unfall? Ein Falschparker? Technische Störung? Auf einmal erlosch die Anzeigetafel.
Es knallte hinter ihm. Eine Druckwelle heißer Luft erfasste Denny. Die Straßenbahn, die gerade dabei war, auf den Gleis zu fahren, gab ein lautes Quietschen und Kreischen von sich. Sie war von etwas getroffen worden, was sie aus den Schienen gehoben hatte. Er hörte das Schreien der Leute in der Bahn, als sie mit einem noch lauteren Scheppern zur Seite kippte und auf dem Schienennetz liegen blieb.
In dem Moment begann auch Denny zu schreien. Er bemerkte die entgegen kommende Bahn, die auf die havarierte zusteuerte. Die schrillende Geräusch der Bremsen der Bahn schrillte durch die Abendluft.
Dann kam der Aufprall. Und vielleicht spielte Denny seine Fantasie bei dem Unfall einen Streich, aber in der Distanz konnte er den Straßenbahnfahrer ausmachen, wie dieser sich mit aufgerissenem Mund die Arme vor das Gesicht hielt.
Als die Bahnen kollidierten, schmerzten Denny die Ohren von dem Geräusch des Aufpralls. Erste Menschen begannen zu flüchten. Die meisten rannten fort. Ein paar bewegten sich zu den Bahnen hin. Er sah Menschen aus den zerschlagenen Fenstern herausklettern. Andere reichten Hände zur Hilfe. Es gab mehrere Feuerherde. Eine Mutter zerrte zwei weinende kleine Mädchen zurück in die Westhalle des Bahnhofs. Sie wurde aus dem Weg gestoßen von jemand anderem, der in wahnsinniger Geschwindigkeit über den Ring zur Innenstadt lief. Autoreifen quietschten. Das dumpfe Knallen von aufeinander stoßenden Karosserien.
Dennys Puls raste. Er führte sein Herz schlagen wie nach einem Sprint. Aber er stand nur da weiter an Gleis 1, den Blick auf den furchtbaren Unfall gerichtet, der sich da gerade ereignet hatte. Die Luft um ihn herum war schwer geworden. Sein Mund stand offen und er bemerkte es erst, als Speichel auf sein Kinn tropfte. Er zuckte zusammen und wischt sich die Spucke weg.
Im Augenwinkel machte er einen grellen Schein aus. Wieder schrien Menschen. Denny drehte sich um. An der Bushaltestelle an der Ostseite des Bahnhofs brannte ein Bus Der Fahrer sprang gerade aus dem Vehikel. Anscheinend gab es keine Passagiere.
Hatte er gerade eine Blitz gesehen? War war das Helle gewesen? Ein Blitz? Es waren Wolken am Himmel, aber sie waren nicht dunkel, nur grau. Herbstwetter. Woher kamen diese Blitze? Die Autos auf dem Ring begannen zu hupen. Nicht alle konnten den Unfall erkennen.
"Was ist denn da los?", hörte Denny jemanden schreien.
Sirenen auf der anderen Seite der Straße. Jetzt hörte er sie ganz deutlich. Ein greller Blitz schlug vor ihm auf der Straße ein und teilte ein Taxi in zwei Hälften, ein zweiter traf das Vordach des Hauptbahnhofs. Ziegel fielen herunter und zersprangen auf dem Gehweg.
Das war nichts Natürliches. Jetzt schlugen immer wieder und wieder Blitze um den Bahnhof herum ein.
Viele der Menschen, die vorher in dem Gebäude Sicherheit gesucht hatten, verließen diesen wieder fluchtartig. Völlig orientierungslos hasteten sie über den dreispurigen Straßenring fort vom Hauptbahnhof. Viele mit reiner Panik in den Augen. Es waren auch Angestellte der Geschäfte darunter, Leute mit Uniformen, die aus den Türen stürzten und den Unfall, den Stau, das Feuer gar nicht zur Kenntnis nahmen, sondern sich so schnell wie möglich von dannen machten.
Denny sah Menschen fallen. Ein alter Mann am Boden suchte seine Krücke. Er bekam ein Knie ins Gesicht und seine Brille zersprang in Einzelteile. Die Mutter mit den zwei Kindern rannte nun wieder heraus. Sie trug das kleinere Mädchen auf dem Arm. Das andere konnte Denny nicht ausmachen. Die großen Schwingtüren des Bahnhofs trafen die Flüchtenden, als sie in ihre Ausgangsposition zurück federten. Eine junge Frau mit Platzwunde am Kopf stolperte heraus und erbrach sich, während sie mit beiden Armen die Ampel umklammert hielt.
"Denny, du musst weg von hier." Er sprach zu sich selbst.
Von allen Seiten strömte Angst zu ihm. Noch eine Explosion. Ein weiterer Knall. Der Boden vibrierte. Rauch brannte in seinen Augen.
"Denny, beweg deinen Arsch."
Und dann rannte auch Denny. Seine Füße arbeiteten für ihn. Hoch zur Goethestraße. Weg vom Feuer. Sein Sprint nahm ihm den Atem. Seine Lungen brannten. Wie schafften es die anderen zu rennen ohne inne zu halten? Denny stand an der Ecke zur Richard-Wagner-Straße, stützte sich an der Wand des dortigen Hotels ab. Einer der Hotelangestellten kam heraus und starrte mit offenem Mund zum Hauptbahnhof.
"Was passiert da?", fragte er ohne sich zu Denny zu wenden.
"Etwas Furchtbares. Laufen Sie weg!"
Der Mann schüttelte den Kopf, sprach einige Worte zu sich selbst und kehrte zurück ins Hotel.
Ein Polizeiwagen schoss an Denny vorbei. Mit Sirene und Blaulicht. Und Denny dachte noch: "Als ob das was hilft."
In dem Moment zog sich die Wolkendecke auseinander. Vorher verstecktes Sonnenlicht warf helle Flecken auf das Rauch- und Feuerszenario. Aus drei Löchern am Himmel strahlten drei Säulen aus Licht herunter. Sie bewegten sich langsam aufeinander zu und zentrierten sich in einer langsamen, aber stetigen Bewegung zum Hauptbahnhof hin.
"Oh nein."
Denny schloss die Augen. Ein Reflex, der ihm das Augenlicht rettete. Er spürte die Blitze. Wieder kam diese Hitzewelle auf ihn zugerollt. Drei Blitze schlugen in die Ostseite des Bahnhofs ein. Glas zerbarst. Ein ungeheurer Lärm dröhnte selbst auf die Entfernung hin in seinen Ohren. Mehrere Explosionen folgten. Rauchentwicklung. Denny hob die Augenlider als das Knirschen der Wände nicht aufhören wollte. Der Ostflügel des Gebäudes brach in Stücken in sich zusammen.
"Nein. Nein." Er starrte hoch zum Himmel. Weitere Löcher bildeten sich in der Wolkendecke. Er sah etwas Großes, fast Rundes, was sich langsam zum Boden hin bewegte.
Flugzeuge? War das die Luftwaffe? So schnell? Bestimmt nicht.
Diese gesteuerten Blitze? Von dieser Technologie hatte Denny noch nie etwas gehört. Und wer würde sie angreifen? Mitten in Leipzig. An einem Montag. Aus dem Nichts heraus.
Was auch immer sich da bewegte, war auf gut zwanzig Meter bis zum Erdboden herangekommen. Denny konnte es nicht richtig erkennen. "Was...?" Auf einmal war es weg. Nein. Es hatte einen Tarnmodus angenommen. Das Feuer spiegelte sich in der Ummantelung des Objekts. Aber ansonsten kam das Grau dem der Wolken schon sehr nahe. Und jetzt näherte es sich langsam der Oberfläche.
Denny atmete in heftigen Stößen. Seine Hände zitterten. Aber irgendwo zwischen Angst und Fluchtreflex wollte er wissen, was das war, was da gerade auf die Erde gelassen wurde.
Und dann sah er einen weiteren, hellen Lichtstrahl. Nicht senkrecht von oben gesteuert, sondern von dem Objekt ausgehen. Kleiner, feiner, präziser. Vor dem Hintergrund des brennenden Bahnhofs erkannte Denny die flüchtenden Menschen nur als dunkle Schemen. Einer der Lichtstrahlen traf einen der Schatten. Sein Kopf fiel zur Seite und der Rest des Körpers stolperte noch einige Schritte weiter, bis auch er auf den Boden aufprallte.
Das sah Denny nicht mehr. Er rannte bereits die Goethestraße hoch.




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Montag, 11. August 2014

Herbst

Jette und ich probieren es noch mal miteinander. Wir sitzen auf der Parkbank und starren in den Himmel. Endloses All. Was für ein Unsinn. Das Ende beginnt dort, wo man nicht mehr atmen kann.
Jette sitzt neben mir. Ein Bild, Realismus, eine Aufnahme des Momentes. Ich höre sie öfter ausatmen als Luft holen. Nach Hause kommen nach einem langen Arbeitstag und sehen, wie sie vor dem Fernseher sitzt und still konsumiert. Das ist Jette für mich. Kein Engel, keine Erscheinung, kein Glanz. Nur meine Frau.
"Wie war dein Tag", fragt sie und schaltet den Fernseher nicht leise. "Wie war deiner", möchte ich wissen, aber ich frage nicht. Ich habe vergessen, die Schuhe auszuziehen und ein Blick ihrerseits erinnert mich daran. Die Absätze verstummen auf unserem Teppich. Sie hat gesaugt und ich muss erst Dreck hinterlassen, um es zu bemerken.
"Glaubst du, wir schaffen es?", frage ich. Sie öffnet ihre Augen. Ich hatte sie geweckt. Mein Vorschlag, einen Spaziergang durch den Park zu unternehmen, langweilt sie. Was war es denn, was sie wollte? Ein Mann, der ihr sagt, dass er sie liebt? Ihr Lächeln sei so kostbar, dass Menschen darum kämpfen würden, es sehen zu können. Würde ich mein Leben für solch ein Zeichen des Wohlwollens opfern? Im Park sitzen und nichts tun. Nur mit ihr zusammen sein. Die Endlosigkeit in Kauf nehmen, mit den Füßen am Boden, das Gesicht zur Sonne gestreckt?
Ich würde meinen freien Tag geben, um ihn mit ihr zu verbringen.
"Können wir jetzt gehen?", fragt sie.
Also stehen wir auf und warten an der nächsten Haltestelle auf die Straßenbahn. Jette zeigt auf das Grundstück gegenüber. "Die reißen die ganzen alten Gebäude der DDR ab", sagt sie. "Darin hat man früher so schön wohnen können."
Ich nicke nur. Gut, dass die hässlichen, alten Bauten verschwinden. Alles, was bleibt, sind die Erinnerungen an sie. Sie kommen aus einer Zeit, als wir jung waren. Damals haben wir gegen eine geformte Welt rebelliert und alles Neue an uns gerissen. Jetzt habe ich gelernt, dass Bildung und Form im Zusammenspiel existieren und ich möchte nicht missen, was mich hier hin gebracht hat, auch wenn vieles davon mittlerweile verwittert und altbacken ist.
Aber das sage ich Jette nicht. Ich weiß noch, wie sie früher von den neuen Wohnungen geschwärmt hat, von denen sie sicher gerne eine bezogen hätte.
Ich nehme Jettes Hand in meine und drücke sie kurz. Die Winkel ihrer Lippen fallen nach oben. Ein kurzes Zucken zum Zeigen des Erstaunens.
Die Straßenbahn kommt und wir steigen ein. Jette setzt sich auf den Platz für Senioren. Ich bleibe davor stehen.