Freitag, 10. Januar 2014

Im Schatten - mein Wort

Der Winter war warm dieses Jahr. Dezember und zweistellige Gradzahlen. Mich interessierte nicht die Propaganda vom wissenschaftlichen Konsens. Ich fühlte mich umarmt, willkommen im Draußen. Ein bisschen Wind, um zu untermalen, dass sich die Welt vor dem Fenster unterschied von jener dahinter. In meinen Spaziergängen betrachtete ich die Häuser, verrottet, verfallen, noch mit Namen an den Klingelschildern. Leipzig. Gohlis. Mein Viertel. Mitten in der Nacht. Und ich war hier zu Hause.
Kein Auto fuhr. Es war noch zu früh für die Straßenbahnen. Hier sparten sie am Licht der Straßenlampen. Am Ende der Straße das Rosental. Dort war es nicht nur dunkel, das blanke Schwarz regierte im Blätterdickicht. Mehr Abgrund als Nacht. Ich starrte herüber. Der Schatten der Bäume zeigte zu mir. Getrieben von zarten Lüften verneigte er sich. Wir kannten uns. Er löste sich am äußeren Rand, kam näher auf mich zu. Ich zuckte irritiert zurück. Das war neu. Das war nicht echt. Ein Schatten, der sich auf mich zu bewegte. Langsam. Unförmig. Mal scharfe Kanten, wie die Klauen des Ungeheuers, mal plump zertrieben, wie die Wolken des Himmelmagnaten.
„Es ist Zeit für den Rückweg.“ Ich stolperte zur anderen Straßenseite. Jetzt war genug. Verfolgt vom Schatten in der Nacht? Was sollte das? Das Dunkle war nicht mein Feind. Wie konnte ich mich fürchten? Aber dieses Kratzen in meinem Magen ängstigte mich mehr als mein Verstand, der mich allein gelassen hatte. Und deshalb lief ich. Meine Schritte hatten etwas Marathonmäßiges. Es gab nichts, was mich einholen würde.
Aber er kannte meinen Weg. Seine dunklen Stränge zogen sich zielsicher auf meine Fesseln zu. Wo ich mich hinbewegen musste, existierte er bereits. Und dann war er vor mir.
Mit wilden Augen sah ich mich. Wohin konnte ich mich retten? Ein künstliches Licht stahl der Nacht ihren Auftritt. Vor einem dieser leer stehenden Häuser ließ die Stadt eine Straßenlampe leuchten. In einer Ecke, in der nur ungemeldete Menschen wohnten. Und ich sprang nur in das rettende Geheiß. Da fand mich die Dunkelheit nicht.
Was war an diesem Haus zu besonders, dass es noch beleuchtet wurde. Einst hatte ein stolzer Zaun die Grenzen des Grundstückes besiegelt. Jetzt waren einzelne Zacken verbogen. Rost machte sich breit. Ich roch das verwitternde Innere des Gebäudes bis auf den Bürgersteig.
Die Tür stand offen. Nicht nur die des Zauns – sie war einfach abgerissen und auf den Rasen geschleudert worden. Der Eingang des verfallenen Hauses, einst Villa, einst Praxis, einst Besitz, hatte seine Pforten geöffnet, und ich, der ich vor Schatten geflohen war, trat ein.
In meiner Tasche fand ich ein Feuerzeug und hielt es hoch.
„Ist jemand hier?“ Meine Stimme hallte. „Ich bin nur neugierig.“ Das Haus war komplett leer geräumt. Keine Möbel in Sichtweite, keine Lampen an der Decke. Lose Schnüre, die herunter hingen. Eine andere Regierungsform hatte hier gewütet. Die Tapete war von den Wänden geplatzt und hing bis auf den Boden. Schimmel verdunkelte die Ecken.
Der Boden knarrte. Aber ich, ich stand doch auf Fliesen. Die Dielen über mir mussten Geräusche verursacht hatte. Ein erneutes Grußwort von mir verlor sich im Echo. Wie ich Angst hatte. Der Wahnsinn war so nah. Und er antwortete mir nicht.
Ich spürte, dass da etwas war. Hinter mir. Unter mir. Verfolgte mich der Schatten auch unter einem geschlossenem Dach? Mein Hemd klebte an meinem Rücken. Ich schwitzte und konnte nicht erklären, was mir da zu nahe kam. Oben hatte es Bewegungen gegeben. Ich würde nach unten gehen. Dorthin, wo mein Magen mich hinzog. Es war nichts Gutes. Er verkrampfte leicht. Aber nach oben zu gehen, wo die Dielen schon sichtlich faulten, war für mich keine Alternative. Niemand fällt nach oben.
Die Kellertür öffnete nach innen. Die lackierten Stufen waren ungleichmäßig durchgetreten. Gegen Ende der Treppe wurden sie fester. Kehrten hier die meisten um? Wie viele Besucher erlaubte man sich hier? Es gab kein Geländer. Meine rechte Hand stütze sich an der Wand ab, die linke hielt mein Feuerzeug. Wann hatte ich es das letzte Mal gefüllt? Letzte Woche? Es war bereit, mir den Weg in die Ewigkeit zu leuchten.
Der Boden war voller Staub und meine Schuhe hinterließen Spuren. Wie seltsam klein meine Schritte wirkten, schaute ich zurück.
Im Untergeschoss kam das unangenehm Feuchte zur abgestandenen Luft. Der Wind trotzte all den offenen Türen und fand sich nicht hier unten ein.
Ich sah mich um. Spinnenweben. Ein achtbeiniges Tier hing zusammengekrümmt oben in der Ecke. Es lebte nicht mehr. Dieses Haus nährte niemanden. Zwei Türen gingen von dem Kellerraum aus. Ich öffnete die erste, drückte die Klinke herunter und stieß sie mit dem Fuß auf. Ich hielt die Klinke noch in der Hand und dieser kleine Widerstand reichte, um sie auseinanderzuziehen. Ich umfasste noch den metallenen Hebel, während sich das andere Ende aus diesem löste und mit einem lauten Aufprall zu Boden fiel. Ich erschreckte mich und ließ auch das Gegenstück los. Es kam leiser auf dem Boden auf als sein Gegenpart. Ich starrte hinunter. Der Schein meines Feuerzeugs spiegelte sich im eingedreckten Metall der beiden Klinken. Und sie waren das einzige, was nun in diesem Zimmer lag. Ein leerer Raum. Dreckig und eingestaubt. Blanke Wände. Ich sah die Steine, welche das Fundament des Hauses bildeten. Diese Rohheit bekam mir nicht und ich wandte mich von dem Raum ab, ohne ihn betreten zu haben.
Ich war nicht alleine. Der andere Raum war nicht weit entfernt. Gerade eben noch maß er drei Schritte. Ich zählte meine Fußabdrücke. Sie waren nicht mehr das einzige Zeichen am Boden. Ein breiter Pfeil zeigte zu dem zweiten Raum. Zwei faustdicke Linien wiesen zur Tür. Oder war es ein Größerzeichen, welches mich verschlingen sollte. Hatte ich den Verantwortlichen für diese Richtungsanzeige verjagt, als ich mich umdrehte? Mein Daumen krampfte schon auf dem Anzünder des Feuerzeugs. Ich war bald am Ende meiner Kräfte.
„Ich bin nicht alleine. Aber mir geht es gut.“ Ich sprach leise. Meine Stimme zu hören, beruhigte mich. Ich brauchte Bekanntes in einer Welt, in der in Staub Zeichen erschienen. Während ich sprach, flackerte die Flamme des Feuerzeugs. Die Tür pulsierte im Licht. Im Gegensatz zur anderen war sie lackiert worden. Schlecht zwar, unregelmäßig, aber ein Zeichen von Anerkennung. Hier unten gab es einst etwas, was einer zivilisierten Herkunft würdig gewesen war.
Die Tür war nur angelehnt. Ich stob sie auf mit dem Fuß. Ein neuer Geruch schlug mir entgegen. Aus Schultagen noch bekannt. Ich wollte mich schon abwenden. Das hatte mich her gelockt?
Die Wände des Raums waren mit Regalen gesäumt. Bis an die Decke. Und vollgestopft mit Büchern. Triste Farbe. Grau, braun, rostrot, hellblau. Ich machte einen Schritt in den Raum hinein. Es raschelte. Was war das? Ein Blick nach unten zeigte mir das, was das Wort 'Massaker' nur andeutet. Hunderte, tausende von Seiten waren herausgerissen worden aus ihrem gebundenen Körper. Leim und Bindung hatten nicht verhindern können, was hier auf dem Boden lag. Brutal zertrennte Einheiten. Keinen Anfang mehr, kein Ende. Nur Fragmente. Jemand hatte hier brutal gewütet. Ein Krieg gegen Papier. Worte, Sprache, von dem Hass zerstört.
In der Ecke hinter mir fand ich die leeren Einbände. Feuchtwanger. Noch nie gehört. Hoffmann. Noch nie gelesen.
Nicht nur die bemerkenswerte Raserei war Gefahr für den Bestand gewesen. Auch der feuchte Keller zollte Tribut. Viele Bücher zeigten Schimmelflecken. Wann hatte ich das letzte Mal etwas in Sütterlin Geschriebenes gesehen? So viel Vergangenes in so schlechter Umgebung. Ich las nicht viel, aber selbst ich wusste, dass in Büchern etwas fortbestand, was wir ohne sie nicht mehr rekonstruieren konnten. Ich trat nur ungern auf die Seiten.
Ich griff nach einem Buch. Schlug es auf. Aufbau. So alt war das hier also gar nicht. Ich klappte das Buch zu. Staub wirbelte auf, zog sich in den Raum hinein. Fiel Staub nicht zu Boden? Ich leuchtete ihm nach. Und der Staub: Er blieb in der Luft hängen. Er formte.
Ein Gesicht. Einen Schnauzer. Graue Augen. Ich wurde angeblickt. Mein Name als Flüstern zwischen den Wänden. Ich schrie, ließ das Feuerzeug fallen. Die Flamme verschwand nicht. Vielleicht klemmte das Plastik des Anzünders. Ich sprang zurück und sah den Funken überspringen. Die Seiten. Bitte, tragt genug Wasser, um euch zu retten. Aber ich sah die Flamme, die entstand.
Da war kein Gesicht mehr in der Luft. Keine menschlichen Laute drangen an mein Ohr. Es begann zu knistern und mit Tränen in den Augen schaute ich auf die Bücher an der Wand.

Ich drehte mich um, sprang in großen Schritten zur Treppe. Hinfort. Alte Bücher kannten mich. Sie flüsterten meinen Namen. Aber ich - ich rannte nur davon. Ich wollte nicht gefunden werden.
Die Vergangenheit kennt meinen Namen.