Mittwoch, 28. Mai 2014

Blaupause

Mitten in der Nacht war für mich die Zeit zwischen 6 und 9 Uhr. Es war die Zeit, wo die schützende Dunkelheit verschwand und die Menschen in die Öffentlichkeit drängten. Zu Dutzenden saßen sie eingepfercht in ihren öffentlichen Verkehrsmitteln und starrten stumm bis abgestumpft aus den Fenstern. Unfreiwillig mussten sie erkennen, dass ich ihre Routine verändert hatte. Mein Erzeugnis, mein Handwerk, meine Signatur prangte an der Wand, die gestern noch weiß bis braun dahinsiechte, aber heute bunt erstrahlte wie ein Fenster in eine neue Welt.
Alle erblickten mein Werk, aber mich hatte der Entstehungsprozess geschlaucht. ich brauchte jetzt Ruhe. Und ein Alibi. Aber erst mal was zu essen. Dieses Klettern machte mich immer hungrig.
So begann mein Tag. Ein Freitag. Schlafen, essen, dösen, die Nachrichten ignorieren, wegen denen mein Telefon aufleuchtete. Seit einigen Tagen hatte ich es auf lautlos gestellt und hielt dies nun für die beste Innovation meines erwachsenen Lebens.
Ich arbeitete an ein paar neuen Motiven. Mich jagte die Vorstellung, menschliche Gesichter mit geometrischen Formen komponieren zu können, und ich übte, indem ich Fotografien aus Zeitschriften betrachtete und sie übertrug in Kreis- und Eckformen. Bald versuchte ich ein Selbstportrait, auch wenn es nie die Öffentlichkeit erblicken würde. Ich trug stets eine Maske, wenn ich sprühte. Auf einer unserer letzten Streifzüge hatte ich zu Maik gesagt, dass wir Kopftücher trügen für unseren Glauben, aber er mochte den Gedanken nicht und schnauzte mich an, ich soll die Fresse halten.
Maik war rabiat und furchtlos. Wir waren im gleichen Haus aufgewachsen und er war mein bester Freund. Er kannte keine Grenzen. Ich kannte keine Rahmen. Er zog umher. Ich veranstaltete Zirkus. Er liebte seine Freundin. Ich verfiel dem anderen Geschlecht. Mädchen waren ... wie sie sich bewegten und wie sie rochen und wie sie redeten. In ganzen Sätzen und nicht so rau. Praktisch bei Hitze, wärmend bei Kälte. Mädchen waren wie Seide.
"Ja, sie kommen von etwas, was spinnt", hätte Tippwii auf so einen Gedanken geantwortet.
Tippwii schwebte, leicht wie er war, immer in der Luft und sah von dort aus alles, was geschah. Ich hatte Tippwii auf einer Party kennen gelernt. Ein junger Kerl mit Bart sprach gerade über die richtige Musik. Tippwii nannte ihn einen Kunstfaschichten und bekam zu hören, seine aggrophile Handlung wäre Zeichen seines infantilen, verzweifelten Gemüts, das sich nur in Radikalität ergießen könnte. Tippwii ergriff ein Glas Rotwein und schüttete dem Gegenüber dessen Inhalt ins Gesicht.
Ich hatte Tippwii von der Feier gezerrt, nachdem der Bartmensch seine Freunde herbeigeheult hatte. "Ich heiße Tippwii", hatte er sich vorgestellt. "Ich heiße Tippplaysy", hatte ich geantwortet. Er schwieg kurz. "Das ist der schlechteste Witz, den ich je gehört habe", sagte er und wirkte ehrlich verstört. "Meine Freunde nennen mich B.Rack", redete ich weiter. "Der Graffiti-Typ aus Plagwitz?" "Ja, genau der." "Der Ort passt zu dir."
In nächster Zeit schleppte ich Tippwii überall mit hin. Er konnte nicht gut zeichnen, aber er sprudelte über vor Ideen und war erfrischend unterhaltsam. Maik und Tippwii vertrugen sich in einem Verhältnis wie Sandstein und Meerwasser. Eine Zeitlang hingen auch noch andere mit uns herum, aber die Unannehmlichkeiten, welche uns Staat und Mitbürger bereiteten, sorgten für eine hohe Fluktuation in meinem Umfeld. Ich sprühte, Tippwii half und Maik passte auf. Er legte Wert auf unsere Kondition. Klettern und Rennen müssen geübt sein. Kenne deine Gegend. Vertraue deinem Gefühl. Sei jederzeit bereit für einen Sprung.
Meine Malstudien glitten dahin ab, ob ich Brüste eckig oder rund malen sollte. Hatte beides was für sich.
Mein Telefon leuchtete auf. Tippwii rief an. Ich ging dran.
"Eh, du Spasst, was meldest du dich nicht zurück?" - "Ich mal' grad hier und brauchte Ruhe." - "Ah. Ey, hör mal, kennst du noch die alte Fabrik hier in meiner Straße?" - "Ja, klar." - "Die ist verkauft. Da kommt jetzt ein Kaufland hin." - "Alter. Noch eins?" - "Ja. Endlich. Ich kriege nie genug von deren Billigangeboten. Aber vergiss das! Die haben ein riesiges Gerüst aufgebaut, direkt an der Wand. Hast du was, was du sprühen willst?"
Ich sah kurz über meine Errungenschaften der letzten Stunden hinweg. "Klar. Wird schon."

Es war halb drei, als wir beim Grundstück ankamen. Ein handelsübliches Hangschloss mit Metallkette sicherte das durchgerostete Tor. Das Licht der Straßenlaternen erhellte nur bis zu dieser Stelle. Danach verfiel die Ruine in komplette Dunkelheit. Uns blieben nur unsere Taschenlampen.
Tippwii hatte einen leicht zu erklimmenden Weg über die Mauerreste ausgemacht. Er war über eine Nebenstraße zu erreichen. Maik leuchtete den Weg ab. "Willst du mich verarschen? Das ist komplett dunkel. Du siehst nicht, wo du hinkletterst." Maik starrte die ineinander gefallenen Steinhaufen an. Trotz der Dunkelheit bemerkte ich, wie sich die Skepsis in seinem Gesicht zu reiner Abneigung wandelte.
"Wir müssen nur den Weg zum Gerüst schaffen." - "Da geh ich nicht rauf." - "Schön, dann leuchte uns den Weg." Tippwii setzte den Fuß auf das Gemäuer und zog sich hoch.
Mir war was Hübsches als Motiv eingefallen. Eine Wursttheke mit unterschiedlich farbigen Auslagen, eine blinde Bedienung, deren blutbefleckte Arbeitskleidung einer Uniform ähnelt, die mit ihrer Fleischgabel auf den Betrachter zeigt und sagt: "Was blutet, das lebt."
Ja, der Spruch war aus den Achtzigern geklaut, aber all meine anderen Ideen (von "Schwein gehabt" bis "Fleisch ist Jacke wie Hose") war keine wirklich überzeugend gewesen. Falls es jemanden interessiert: Die Brüste der Fachverkäuferin waren eckig wie die Theke vor ihr.
Ich schickte mich an, Tippwii zu folgen.
"René." Maik nannte mich selten bei meinem echten Namen. "Wir sollten es ausfallen lassen." Er zog die Stirn kraus. "Da ist etwas. - Ich weiß nicht was. Bitte mach das nicht."
Unsere Blicke trafen sich. Maik, der von eigenen Grenzgängen nie ohne Narben zurückkehrte. Der sein erstes Mädchen verlassen hatte, weil sie zu viel wegen ihm geweint hatte. Der vier Polizisten gebraucht hatte, um sich nicht mehr regen zu können. Der mal einen Rentner verprügelt hatte, weil dieser seinen Hund getreten hatte.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Meine Finger brannten, meinen Entwurf an die Wand zu bringen. Wir hatten auch nicht ewig Zeit. Aber: Wenn von Maik aus Widerstand kam, dann sollte mir das zu denken geben.
"Eh, krieg ich mal Licht hier oben." - "Tippwii, komm wieder runter", rief ich. "Maik hat was." - "Ne Pussy oder was?" - "Seit wann kennst du dich mit Pussys aus?" - "Alter, frag deine Mutter."
"Jungs." Maiks Stimme war weiterhin ruhig. "Tippwii, wir verschieben das Ganze. Hier ist was nicht geheuer."
"Na gut, leuchtet mir den Weg."
Wir hörten Tippwii oben schimpfen. Dann verstummte er recht untypisch mitten im Satz. Maik hob die Taschenlampe. Tippwii war ganz schön weit geklettert. Die Mauerbrüche hatten ein System von Stufen hinterlassen. Wir erhaschten seine Turnschuhe. Maik beleuchtete die Steine unter ihm. "Kletter jetzt runter. Wir waren eh viel zu laut. Wetten, uns hat jemand gehört und die Bullen sind schon auf dem Weg hier her."
Aber Tippwii bewegte sich nicht. "Tippwii, mach keine scheiß -" Der Lichtstrahl von Maiks Taschenlampe fuhr hoch zu Tippwiis Kopf. Dieser zuckte zurück. Nur einen Augenaufschlag lang konnten wir Tippwiis verzerrte Gesichtszüge erkennen. Die Augen drehten sich ins Weiße. Die Zunge hing an der rechten Seite aus seinem Mundwinkel. Dann hörten wir ein Stöhnen und Tippwii fiel rückwärts von seinem Vorsprung mitten in die Dunkelheit der Fabrikruine. Ein dumpfer Aufschlag klang zu uns.
"Tippwii!", brüllte ich und war schon auf den untersten Stein der Mauer gestiegen.
"Was war das? Hast du das gesehen?" Maik griff mich am Ärmel, aber ich riss mich los und kletterte weiter.
"Er hat einen Krampfanfall oder so was. Maik, ruf den Krankenwagen."
"Nein. Das war kein Anfall. Hast du nicht den Schatten gesehen?"
"Alter, was für einen Schatten? - Leuchte mir den Weg, verdammt!"
"Da war etwas hinter Tippwii. Geh da nicht rein. Mensch, René!" Wie hoch seine Stimme kurz wurde. Ich holte meine eigene Taschenlampe hervor und leuchtete die Ruine ab.
"Tippwii?" Immer wieder rief ich den Namen meines Freundes, aber dieser antwortete nicht. Ich hörte Maik telefonieren. "... ich kenne den Straßennamen nicht ... eben diese alte Fabrik." Ich war an der Stelle angekommen, an der Tippwii gehockt hatte. Ich leuchtete nach unten. Ich konnte nichts erkennen, was wie ein Mensch aussah. Langsam begann ich den Abstieg. Der Strahl meiner Taschenlampe sagte mir den Weg voraus.
"René?", brüllte Maik. "Alles klar?"
"Ich kann Tippwii nirgends sehen."
"Der Krankenwagen kommt. Die haben gesagt, du sollst ihn nicht anfassen."
"Ich muss ihn erst mal finden, verdammt!"
Ein Rasseln, als würde jemand mit schwerer Bronchitis ausatmen, durchdrang die Dunkelheit unter mir. Die Mauern trugen das Echo so nah an meine Ohren, dass die Geräuschsquelle auch direkt neben mir hätte sein können.
Mit einem letzten Sprung erreichte ich den Boden.
"Tippwii? Tippwii?"
Ich leuchtete den Boden ab. Zerbrochene Flaschen und Müll unterschiedlichster Herkunft verteilten sich über den ehemaligen Fabrikboden, der mit Dreck überlagert oder von Unkraut aufgespalten war. In den Glasscherben fing sich mein Licht ein.
"Tippwii, Hilfe ist unterwegs, halte durch."
Ein Wimmern erklang hinter mir. Es knirschte unter meinen Fußsohlen, als ich mich umdrehte. Mein Lichtstrahl fand Tippwi auf dem Boden liegend. Er war auf einem Steinhaufen aufgekommen. Eines seiner Beine baumelte quer zum Boden herab. Aus seinem Mundwinkel lief Speichel. Ich konnte das Blut sehen, das sich um ihn herum ausbreitete. Die Tränen in seinen Augen warfen das Licht meiner Taschenlampe zurück zu mir.
"Tippwii, es wird alles wieder gut. Wir holen dich hier heraus. Der Arzt ist schon unterwegs."
"Ich bin -" während er sprach, verleitete der Schmerz ihn zu unschönen Atempausen "- nicht gefallen, B.Rack."
Meine Gedanken verfielen auf meiner Zunge, bevor sie zu Worten reifen konnten. Ich nahm seine Hand und drückte sie. Ich wusste nicht, ob er zurückdrückte oder ob seine Hand vor Schmerzen krampfte.
Der Krankenwagen kam. Ich hörte ihn draußen vorfahren. Um die Uhrzeit stellten sie die Sirene nicht an. Über mir leuchtete das Blau in den Nachthimmel hinein, aber das erste Mal in meinem Leben erreichte mich die Farbe nicht.

Freitag, 2. Mai 2014

Der Abdecker

Seit Stunden warte ich auf das Gewitter. "Am frühen Nachmittag Regen und Sturm" haben sie im Wetterbericht geschrieben. Warum lese ich überhaupt noch Zeitungen? Nachrichten von gestern. Der Müll von morgen. Große Papierbögen, die den Boden bedecken und meine Schritte dämpfen. Was auch immer geschildert wird, es bleibt nicht für die Ewigkeit. Skaliertes zwischen Bildern. Keine echten Farben. Und jetzt die nächste Wiederholung des gleichen Themas in einer anderen Schattierung. Abgeklatscht. Ausgelobt. Aufgegeben. Es gibt keine echten Aufreißer mehr. Der Finger ist wichtig. Nicht die Wunde. Der Doktor kennt den Schmerz nicht, auch wenn er ihn diagnostizieren kann.
Oder geht es nur mir so? Meine Suche nach Schmerz, mein Streben nach Gefühl lässt mich jeden Tag zwischen den Blättern nach etwas suchen, was meine Aufmerksamkeit erregt, was mein Abstumpfen verneint. Manchmal begegne ich etwas, in dem ich mich sehen kann, etwas, in dem ich mich bewege, etwas, was Überschneidungen hervorbringt. Der Forscher in mir möchte finden.
Ich öffne das Fenster. Kalte Luft strömt hinein. Es riecht schon nach Umschwung. Die Wolken drücken sich zusammen. Wie schön dunkel es draußen wird mitten am Tag. Der Blitz naht. Bringt kurze Einsicht, bevor der Schlag des Donners für Aufruhr sorgt. Tief und laut. Zähl die Sekunden und du weißt, wie nah das Zentrum des Sturms ist.
Einzelne Tropfen treffen mein Gesicht. Ich muss das Papier fort bringen. Es auflösen lassen. Ich muss mich von ihm fern halten. Ich habe für Worte bezahlt, die sich mir anbiedern, die ich aber nie mein Eigen nennen werde. Was habe ich auch erwartet. Konkurrenz, Opposition, Einsicht. Und ich bekomme die Welt da draußen, extra komprimiert für mich. Brauche ich denn Komprimat? Komme ich weiter, wenn ich den Vorentscheidungen anderer vertraue? Was bringt mir die fremde Rede denn jetzt noch? Es ist nicht mein Wort, nachdem ich es vom Blatt entleihe. Meine Worte sind keinem zugänglich. Meine Gedanken sind nicht frei. Sie sind in meinem Kopf gebunden. Sie gehören mir und ich teile sie nicht. Aber ich muss sie beschützen vor Einflüssen, die sie madig machen.
Ich bin wieder hungrig. Der fertig gesetzte Baukasten für mein Gedankenspiel, dieses 'Was wäre wenn?' mit vorgegebenen Türen, sättigt mich nicht mehr.
Der Regen läuft meinen Hals herunter, kitzelt am Schlüsselbein und verfängt sich in meinem Hemd. Ich greife nach dem Papier auf dem Boden, hebe es auf und stapele es. Wie schwer es wiegt. Auf dem Weg zum Müllcontainer beginnt mein Arm zu krampfen. Kaum habe ich die Haustür geöffnet, tritt mir der Regen als eine Wand entgegen. Von allen Seiten empfängt mich ein ungeheurer Lärm. Mit gleicher Herkunft und unterschiedlichen Auswüchsen, beeindruckend auch ohne Donner. Er prasselt auf den Boden, gegen die Verdecke der Müllcontainer, auf die Autos meiner Nachbarn. Endlich erklingt wieder Rauschen aus dem Abfluss. Der Sturm verfrüht und mit fehlenden Details prognostiziert. Nach heißen Sommertagen riecht er unverkennbar. Wie konnte ich das vergessen?
Ich trete auf den blauen Müllcontainer zu. Jemand ist vor mir hier gewesen und hat den Deckel nicht wieder zugeschoben. Dumpfe Laute kommen aus der Öffnung. Die Tropfen fallen weich. Ich luge hinein und erkenne erste Auflösungserscheinungen. Dünne Werbung, dichte Buchstabenreihen, unscharfe Fotos, dunkler Karton. Alles zusammen und durcheinander ergibt es durchgenässt keinen Unterschied mehr zwischen den einzelnen Ursprungsformen.
Mit einer ausholenden Geste werfe ich meinen Stapel in den Container, greife nach dem Deckel und ziehe ihn zu. Ich mag Veränderung wollen, aber ich denke mit. Die Verwaltung hat es in ihrer Hausordnung so festgehalten: Es droht Ärger, wenn man den Deckel nicht schließt.