Montag, 11. August 2014

Herbst

Jette und ich probieren es noch mal miteinander. Wir sitzen auf der Parkbank und starren in den Himmel. Endloses All. Was für ein Unsinn. Das Ende beginnt dort, wo man nicht mehr atmen kann.
Jette sitzt neben mir. Ein Bild, Realismus, eine Aufnahme des Momentes. Ich höre sie öfter ausatmen als Luft holen. Nach Hause kommen nach einem langen Arbeitstag und sehen, wie sie vor dem Fernseher sitzt und still konsumiert. Das ist Jette für mich. Kein Engel, keine Erscheinung, kein Glanz. Nur meine Frau.
"Wie war dein Tag", fragt sie und schaltet den Fernseher nicht leise. "Wie war deiner", möchte ich wissen, aber ich frage nicht. Ich habe vergessen, die Schuhe auszuziehen und ein Blick ihrerseits erinnert mich daran. Die Absätze verstummen auf unserem Teppich. Sie hat gesaugt und ich muss erst Dreck hinterlassen, um es zu bemerken.
"Glaubst du, wir schaffen es?", frage ich. Sie öffnet ihre Augen. Ich hatte sie geweckt. Mein Vorschlag, einen Spaziergang durch den Park zu unternehmen, langweilt sie. Was war es denn, was sie wollte? Ein Mann, der ihr sagt, dass er sie liebt? Ihr Lächeln sei so kostbar, dass Menschen darum kämpfen würden, es sehen zu können. Würde ich mein Leben für solch ein Zeichen des Wohlwollens opfern? Im Park sitzen und nichts tun. Nur mit ihr zusammen sein. Die Endlosigkeit in Kauf nehmen, mit den Füßen am Boden, das Gesicht zur Sonne gestreckt?
Ich würde meinen freien Tag geben, um ihn mit ihr zu verbringen.
"Können wir jetzt gehen?", fragt sie.
Also stehen wir auf und warten an der nächsten Haltestelle auf die Straßenbahn. Jette zeigt auf das Grundstück gegenüber. "Die reißen die ganzen alten Gebäude der DDR ab", sagt sie. "Darin hat man früher so schön wohnen können."
Ich nicke nur. Gut, dass die hässlichen, alten Bauten verschwinden. Alles, was bleibt, sind die Erinnerungen an sie. Sie kommen aus einer Zeit, als wir jung waren. Damals haben wir gegen eine geformte Welt rebelliert und alles Neue an uns gerissen. Jetzt habe ich gelernt, dass Bildung und Form im Zusammenspiel existieren und ich möchte nicht missen, was mich hier hin gebracht hat, auch wenn vieles davon mittlerweile verwittert und altbacken ist.
Aber das sage ich Jette nicht. Ich weiß noch, wie sie früher von den neuen Wohnungen geschwärmt hat, von denen sie sicher gerne eine bezogen hätte.
Ich nehme Jettes Hand in meine und drücke sie kurz. Die Winkel ihrer Lippen fallen nach oben. Ein kurzes Zucken zum Zeigen des Erstaunens.
Die Straßenbahn kommt und wir steigen ein. Jette setzt sich auf den Platz für Senioren. Ich bleibe davor stehen.