Dienstag, 30. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 4)

Die Erzählung beginnt hier.
Denny war noch nie in irgendeinem Gebäude der Universität gewesen. Er folgte Metze und nahm wie er immer gleich mehrere Stufen. Nur grob nahm er die Umgebung wahr. Sterile weiße Wände. Auf beiden Seiten der Stockwerke zogen sich lange Gänge mit vielen Türen. Parallel zu den Treppen fuhren Fahrstühle, neben denen sich Toiletten befanden. Kleine Sitzgruppen mit Mülleimer befanden sich gegenüber der Aufzugstüren.
Es kam ihm ewig vor, bis sie endlich die erste Etage erreicht hatten. Metze gab sich damit nicht zufrieden. Er nahm weitere Treppen. Im zweiten Stockwerk eilte ihnen eine Studentin entgegen. Denny sah in ihr Gesicht und wusste, dass von ihr keine Hilfe zu erwarten war. Ihr verkniffener Mund zuckte, als sie sie erblickte.
"Haut ab! Hier ist alles voll", schnauzte sie zu ihnen herüber und verschwand hinter der Tür der Damentoilette.
"Selbst beim Sterben noch scheiße." Metze nickte zur Treppe. "Weg von der."
Kaum waren sie im nächst höheren Stockwerk angekommen, ging der Lärm wieder los. Geschrei. Glas zersplitterte. Kampfgeräusche. Etwas prallte mit Gewalt auf eine Wand. Soviel hatte Denny jetzt schon gelernt. Schläge auf Menschenkörper hinterließen dumpfe Klänge. Aber da warf jemand größere Gegenstände die Treppen herunter. Gegenangriff statt Flucht.
"Sie kommen über die Aufzüge. Keine Treppen. Sie kommen über die Aufzüge!", brüllte die Person in das Treppenhaus hinein. "Sie kommen -" Peitschenknallen. Würggeräusche. Schleifen über den Fußboden.
Metze und Denny schauten automatisch zu den Anzeigefeldern der Fahrstühle. Auf dem einen leuchtete ein rotes E. Der andere Fahrstuhl befand sich bei ihnen im dritten Stockwerk. Denny schlug auf den Türöffner, zog einen der Mülleimer heran zur Blockade des Aufzugs. Wie erwünscht bewegte sich die Fahrstuhltür auf und zu. Das Display des anderen Fahrstuhls wechselte auf eine 1.
"Los. Wir verbarrikadieren uns hier irgendwo." Metze zog ihn in den rechten Gang. Auf beiden Seiten des Flurs führten Türen in Räume. Denny drückte die erste Klinke herunter. Abgeschlossen. Die zweite. Keine Bewegung. Auch Metze traf auf keinen offenen Raum. Mehrere schrille Schreie erklangen aus einem der unteren Stockwerke. Wahrscheinlich das volle Frauenklo.
In dem Moment war es Denny egal. Jeder, der den Angreifern jetzt über den Weg lief, gab ihm mehr Zeit, sich ein Versteck zu suchen. Er fühlte kurz Scham für seine Gedanken. Es ging hier um Menschenleben. Nein. In erster Linie ging es um das eigene Überleben. Die Außerirdischen erweckten nicht den Eindruck, als kämen sie, um sie in ein friedliches Paradies zu entführen.
"Oh nein", hörte er Metze hauchen und auch er hatte im Unterbewusstsein den kurzen Klang vernommen, der das Öffnen des Fahrstuhls ankündigte.
Metze presste sich gegen die Tür, die er nicht öffnen konnte, und schaute mit aufgerissenen Augen zu Denny herüber, der sich nicht traute, weiter zu atmen.
Jetzt war es soweit. Keine zwanzig Meter lagen zwischen ihnen und den Außerirdischen. Kein Versteck. Keine Ausdauer mehr. Keine Waffen. Wieder das Gefühl, unter Strom zu stehen, nur wegrennen zu wollen, und gleichzeitig gelähmt zu sein von der Hoffnungslosigkeit, der Angst und dem Wissen um einen fehlenden Ausweg.
Mit einem kurzen Knacken ging das Licht im Flur aus. Metze wimmerte. Kein Strom. Die Fahrstühle funktionierten nicht ohne Elektrizität. Jemand hatte die Warnrufe des Widerständlers vernommen und sinnvoll reagiert.
Denny wagte einen Blick in Richtung Fahrstuhl und tatsächlich: Die Tür war beim Aufgleiten verharrt. Nur ein Spalt war offen und Denny erkannte eine vielgliedrige Extremität, welche herausschoss und an den stehen gebliebenen Türen rüttelten.
Zeit, die Chance zu nutzen.
Denny rannte zur nächsten Tür und ein Jauchzen kam über seine Lippen, als die Klinke nachgab. Ein heller Raum, viele Tische, eine weiße Tafel, eine große Fensterfront.
"Metze, Beeilung!"
"Endlich!"
Kaum hatte sein Begleiter den Raum betreten, zog Denny den nächstbesten Tisch heran. Metze verkeilte zwei Stühle ineinander und positionierte sie unter der Klinke. Sie schoben das meiste des Inventars Richtung Tür. Ein Gedanke schoss durch Dennys Hirn: "Die Tür öffnet nach außen."
Er schaute zu Metze herüber, der weitere Stühle ineinander verschränkte und den Türrahmen damit ausfüllte.
Denny suchte den Raum ab. Eine Toilette oder ein Seminarraum: Eine Sackgasse blieb eine Sackgasse. Er öffnete ein Fenster und schaute heraus. Dritter Stock. Zu tief, um sauber zu laden. Er registrierte die Decke. Eine Erinnerung durchzuckte seinen Kopf.
Mittelschule. Polizeieinsatz. Zwei Mitschüler wurden des Drogenhandels beschuldigt. Vor aller Augen kletterte einer der Polizisten auf das Lehrerpult und fischte unbeeindruckt zwei erhebliche Tüten Gras aus der Verkleidung der Decke. "Den Trick kennen wir schon", kommentierte er trocken.
Vor der Tür hörten sie Getrampel. "Nein! Nein! Ihr kriegt mich nicht."
Denny zog zwei Tische zueinander, stellte einen dritten darauf und kletterte selbst hoch. Tatsächlich. Erleichterung durchströmte ihn. Die Platten der Deckenverkleidung waren beweglich und boten Platz für ein Versteck.
"Alter, geil, beeil dich!" Metze stand schon auf einem der unteren Tische, als Denny sich hoch zog und mit dem Kopf gegen die echte, roh verputzte Decke stieß.
"Ah, verdammt!"
Mit aller Kraft kroch er vorwärts. Das hatte er sich leichter vorgestellt. Er spürte Metzes Hände, wie sie seine Füße nahmen und ihn hoch stemmten. Ganzheitlich oben angekommen drehte er sich zur Öffnung und bot Metze seine Hand zur Unterstützung an. Metze agierte wesentlich eleganter als Denny beim Klettern und lag im Nu neben ihm.
Kaum waren sie beide oben angekommen, knallte es unter ihnen. Die Tür wurde aufgerissen und eine Kraft schlug wahllos die Tische und Stühle auseinander. Denny griff zur losen Styroporplatte und schob sie leise auf ihre vorherige Position. In der noch vorhandenen Lücke erkannte er, wie ein Stuhl in den Raum verworfen wurde. Dann war es kurz ruhig. Denny vernahm ein wütendes Grunzen. Es folgte ein leises Kriechgeräusch. Ihr Verfolger kam.
Mit den Fingern auf der Platte verharrte Denny. Ein kleiner Schlitz blieb und gab einen minimalen Einblick auf das, was unter ihnen geschah. Er wagte es nicht, sich zu bewegen. Der Schweiß rann seine Schläfen herunter. Seine Kleidung klebte am Körper. Seine Beine zuckten vor Übersäuerung und seine Kehle brannte.
Wenn er dies überlebte, würde er erst mal eine Wasserquelle aufsuchen. Denny schloss die Augen und versuchte, flach zu atmen. Wenn er dies überlebte.
Unter ihm bewegte sich der Eindringling langsam in den Raum hinein.



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Freitag, 26. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 3)

Die Erzählung beginnt hier.
Selbst in der Nebenstraße herrschte das Chaos. Menschen rannten in alle Richtungen. Frauen, Männer, Kinder, Senioren. Alleine oder in Gruppen. Eine blinde Frau saß an die Rückwand der Nikolaikirche gepresst und klammerte sich an ihren Blindenstock. Denny konnte erkennen, dass sie wieder und wieder etwas rief. In seinen Augen brannten Tränen, weil er zuviel Angst verspürte, um zu ihr herüberzulaufen und ihr zu helfen. Dieser Impuls, wegrennen zu wollen, ließ das Blut durch seine Adern preschen. Seine Beinmuskeln fühlten sich schwer an. Sein Rücken schmerzte noch vom Stoß der Tür. Und irgendwo kapitulierte sein Gehirn. Der Typ hatte sie noch gewarnt, nur um dann selbst gefangen zu werden. Ermordet vielleicht? Starben diese Menschen, um die sich die Lassos legten oder wurden sie irgendwohin gebracht? Das waren sicherlich wichtige Fragen, aber in erster Linie schrie in Dennys Kopf alles nach Sicherheit und Überleben. Das war es. Er wollte hier nicht sterben. Er wollte auch nicht verschleppt werden. Was genau da auch angriff, war sekundär. Er wollte einfach durchhalten und am Leben bleiben.
Er drehte der blinden Frau den Rücken zu. Der Punk, sein einsamer Mitstreiter, bemerkte seine Tränen, und nickte nur. Für einen kurzen Moment war Denny dankbar. Er war nicht alleine mit seiner Angst.
Sie stellten ihre Taktik um und statt zu rennen, huschten sie nun gebückt zum nächsten Hauseingang eines Antikwarengeschäftes. Ein Blitz schlug in die Alte Nikolaischule ein. Putz und Ziegel rutschten wie eine Lawine vom Dach herunter und ergossen sich als ohrenbetäubender Gesteinsregen auf die Tische und Stühle des Restaurants im Erdgeschoss. Aus dem entstandenen Loch kletterte ein Mann. Untersetzt, Halbglatze, das helle Hemd voller Blutflecken. Er streckte die Arme hoch zur Wolkendecke und schrie einige Worte heraus. Dann stolperte er vorwärts und stürzte sich vom Gebäude.
"Alter." Der Punk griff nach Dennys Handgelenk und drückte. "Sag mir deinen Namen! Sag mir, wie du heißt! Ich will nicht alleine sterben", flehte er in rauer Stimmlage. Ein erneuter Blitz schlug in ihrer Nähe ein und und hinterließ ein Aufzucken in den feuchten Augen des Punks.
"Ich bin Denny. Mit E." Wieso sagte er das? Sein ganzes Lebens hatte er sich so vorgestellt, weil die Leute seinen Namen immer falsch schrieben.
"Ich bin Metze." Metze schniefte, dann sagte er: "Machen wir los."
Eine Sirene ließ sie beide zusammenfahren. Ein Polizeiauto schoss um die Ecke in die Ritterstraße und hielt mit einer Vollbremsung. Die Türen wurden aufgerissen. Eine Handvoll Polizisten sprang heraus. Drei rannten in die dortige Dienststelle. Die anderen gingen hinter dem Fahrzeug in Deckung. Sie zogen ihre Waffen und feuerten in Richtung Goethestraße. Die Wolkendecke riss auf. Sonnenlicht fiel auf den Asphalt.
"Was-?", begann Metze, aber Denny zog seinen Kopf mit aller Kraft herunter und schützte mit seinem Arm ihrer beider Sichtfelde. Die Hitzewelle der zwei aufeinander folgenden Blitze erfasste sie. Denny fühlte, wie sich seine Kleidung aufheizte. Kein angenehmes Gefühl. Zu oft durfte er nicht mehr in der Nähe von diesen Blitzen sein, bevor es unerträglich wurde.
Kaum war die Welle vorbei, riss Metze sich los und schaute die Straße runter. Der Polizeiwagen loderte. Die Körper brannten. Einer der Polizisten lebte noch. Er lag seitlich aufgestützt auf dem Boden und hielt mit zitternder Hand weiter seine Waffe hoch. Er schoss sein Magazin leer und sackte zurück.
"Weiter, Metze. Uns darf es nicht genauso gehen."
Aus dem Augenwinkel erkannte er etwas Gelbes, Schlaufenförmiges, was auf der anderen Seite des Platzes aus der Nikolaistraße herausgeschnellt kam.
"Sie sind nahe. Weg hier!"
"Warte!" Metze stieß einen Tisch um, auf welchem der Antikladen Bücher ausgestellt hatte. "Wenn wir uns breit machen, kann uns das Seil nicht erfassen."
"Metze. Das ist gut. Das ist gut!"
Sie packten den Tisch und hoben ihn hoch. Er war schwerer als gedacht, aber für den kurzen Weg, der vor ihnen lag, durchaus geeignet. Metze ging voran. Denny folgte. Hinter ihrem Schutzschild verschanzt überquerten sie den Fußgängerbereich der Grimmaischen Straße. Dort klingelten bei mehreren Geschäften der Feueralarm. Fensterscheiben waren eingeschlagen worden. Kleidung und leere Verpackungen lagen vor der Ladenzeile. Denny sah Leute mit Händen voller Ware davon laufen.
"So assi bin nicht mal ich", hörte er Metze schnaufen. "Die Stadt brennt und die Leute gehen plündern."
"Fresse! Weiter!", grollte Denny. Konsumkritik war das letzte, worüber er jetzt nachdenken wollte. Die Grimmaische Straße war schnell überquert. Vor ihnen ragten die Treppen zum weißroten Seminargebäude der Universität Leipzig auf. Kurz zweifelte er an ihrer Entscheidung, sich dort verstecken zu wollen. Die zahlreichen Fenster erlaubten großzügige Einblicke in die Räumlichkeiten. Denny hörte ein Geräusch, das wie das Knallen einer Peitsche klang. Etwas schlug auf seinem Kopf auf. Denny blickte nach oben und erkannte eines der gelben Lassos, wie es sich in der Luft über ihn zusammenzog.
"Metze, lauf!" Er stieß den Tisch von sich und sprang in großen Schritten die Treppen hoch. Er riss die Tür auf. In der Spiegelung des Türglases erkannte er eine unförmige, graugelbe Gestalt, die sich ihnen von hinten näherte. Ein erhobener Arm ließ das Seil in der Luft kreisen. Sie waren im Visier. Ihnen blieben Sekunden.
Metze und er stürmten in das Gebäude. "Nach oben", brüllte Metze und rannte die Treppen hoch. Aus dem Sichtfeld. Aus der Fangzone. Denny folgte ihm gleichauf.
Der Türschließer ließ die Tür sanft in ihre Ausgangsposition zurückgleiten. Von draußen schnellte ein erneut geworfenes Seil mit aller Gewalt dagegen und prallte am Glas ab.



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Mittwoch, 24. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 2)

Die Erzählung beginnt hier.
Er war den Weg schon oft zu Fuß gegangen. Vom Augustusplatz bis runter zum Bahnhof. Die leichte Steigung des Weges war ihm nie groß aufgefallen. Jetzt kam ihm der Weg vor wie der längste Berg der Welt. Die blinde Panik ließ ihn an allem und jedem vorbeihechten. Er sprintete so leichtsinnig über ungeschützte Fläche rannte. Es kümmerte ihn nicht - bis ihm kurz vor Ende der Steigung die Luft erneut komplett wegblieb und er keuchend stehen blieb. Er sah einen Mann auf sich zukommen.
"Aus dem Weg, du Penner!" Er schlug mit der Faust nach Denny, der zurückwich. Er prallte an die Fensterscheibe eines Bekleidungsgeschäftes. Sie rettete ihn vor dem Hinfallen.
Er sah mehrere Personen über den Augustusplatz rennen. Hinter dem Gewandhaus glühte es in den Himmel hinein. Brannte das Ring-Café? Es sah ganz danach aus. Die Menge Menschen aus dieser Richtung war enorm. Und alle rannten den Weg runter zum Bahnhof. Eine Frau, ihre Stöckelschuhe in der Hand tragend, hetzte an ihm vorbei. Er griff nach ihr, mehr in einem Reflex als in einem durchdachten Akt. Sie hatte geweint. Ihre Schminke lief in breiten Bächen ihre Wangen herunter.
"Lassen Sie mich los!", brüllte sie ihn an.
"Da unten ist die Hölle los!"
"Ich komme grad aus der Hölle." Sie schrie in einem hohen Ton auf. "Da vorne zerfleischen sie Menschen." Sie riss sich los und rannte weiter.
Denny sah zum Gewandhaus. In dessen Fenster spiegelten sich die andauernden Blitzeinschläge, die jetzt auch den Augustusplatz heimsuchten.
Eine weitere Welle an Geschrei erreichte ihn. Vor der Oper stob eine Gruppe Menschen auseinander. Für einen Augenblick erblickte Denny grelle, ringförmige Objekte, welche sich rasant um einzelne Personen zogen und sie in einem gewaltvollen Akt zu Boden zerrten und weg schleiften.
Ich muss mich verstecken, dachte er.
"Steh hier nicht so rum." In dem Moment sprang jemand neben ihm hervor und zog ihn hinter einer der Eingangssäulen des Krochhauses. Sie verharrten kurz, während weitere Menschen an ihnen vorbei rannten.
"Wir müssen uns verstecken", wiederholte Denny seine Gedanken.
"Sag mir wo und ich folge dir." Die Person, die ihn gepackt hatte, war einer der Punks, die tagsüber in der Innenstadt bettelten. Piercings ließen seine Augenbrauen etwas über die Lider hängen. Selbst hier zwischen Rauch und tötenden Lichtstrahlen stank er noch nach Zigaretten und schalem Bier.
"Da vorne ist eine Tür. Lass uns da rein."
Geduckt bewegten sie sich zur Tür. Der Punk zog mit aller Gewalt am Türknauf. 
"Eh, Alter. Die geht nicht auf." Wahllos schlug er mit der Faust auf die Klingelschilder. "Lasst uns rein! Lasst uns rein!"
Ein Hitzestrahl erfasste sie. Ein Blitz war unmittelbar vor dem Haus eingeschlagen. Sofort drückten sich Denny und der Punk in die Nische des Eingangs.
"Fuck. Fuck. Fuck. Fuck."
Denny hörte den anderen das aussprechen, was ihm selbst durch den Kopf jagte.
Getrampel näherte sich. Zwei junge Frauen sprangen zu ihnen in die Nische.
"Scheiße." Die Braunhaarige von ihnen knallte mit der Faust gegen die Glasscheibe. "Hier ist auch zu. Wir müssen ins Seminargebäude. Da sind viele Versteckmöglichkeiten."
"Was für ein Sem-?", schrie Denny sie an.
"Die Uni, Mann", antwortete der Punk. "Die ist riesig."
In dem Moment, die Frauen rannten schon weiter, wurde die Tür hinter ihnen aufgestoßen. Denny bekam den Türknauf ins Rückrat und brüllte vor Schmerzen auf. Zwei Männer in Anzügen schubsten sie zur Seite und hetzten rechts zur Goethestraße hinaus. Einer drehte sich noch zu ihnen zurück und rief: "Die sind auf dem Dach! Scheiße! Auf dem Dach!"
Den Kopf noch zu ihnen ihnen gewandt, sah er das gelbe Objekt nicht auf ihn zuschnellen. Es war ein leuchtend grelles Seil, das sich in Windeseile um den Mann legte und zusammenzog. Mit einem schrillen Laut, der ihm aus der Kehle wrang, wurde er nach rechts gezogen.
"Mann, Alter, weg hier!" Der Punk zog Denny an der Jacke aus der Ecke heraus und sie sprangen die Treppen herunter und rannten durch die Passage zur Ritterstraße.




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Montag, 22. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 1)

Das Warten auf die Straßenbahn war ein wesentlicher Bestandteil in Dennys Leben. Morgens zur Arbeit. Warten auf die Straßenbahn. Umsteigen am Bahnhof. Warten. Später dann wieder nach Hause. Warten am Bahnhof. Er hatte es mal mit Fahrradfahren probiert, aber dann war ihm das Rad geklaut worden. In Leipzig hatte das ungefähr den gleichen Stellenwert von in Hundekacke treten. Jetzt ärgerte sich jemand herum mit der Kette, die immer raussprang, und der Bremse, die auf der einen Seite nicht funktionierte. Wenn man zu schnell fuhr, musste man es ein bisschen darauf ankommen lassen. Eigentlich vermisste Denny das Fahrrad. Die Bewegung hatte ihm Freude bereitet. Aber Straßenbahnfahren war auch recht bequem. Es war Herbst. Es regnete viel. Es war ein Luxus, relativ trocken nach nach Hause zu gelangen.
Dieser Nachmittag zeigte sich mehr trüb als dunkel. Denny stand am Gleis 1 und starrte ziellos in der Gegend herum. Den ganzen Tag schon hatte es geregnet. Jetzt zog Nebel durch die Straßen. So etwas hatte er hier in der Innenstadt noch nie mitbekommen. War das überhaupt Nebel? War das nicht eher Rauch? Da brannte doch etwas.
Denny nahm die Kopfhörer aus den Ohren. Waren da Sirenen zu hören? Am Bahnhof war es immer laut. Die Straßenbahnen, der Verkehr des Stadtrings, die Passanten, irgendwelche Bauarbeiten. Da bevorzugte er die Musik auf seinem Handy. Gitarren und Bass. Ein ordentliches Schlagzeug. Da wurde der Feierabend gleich etwas runder.
Er schaute herauf zur Anzeigetafel. 16 Richtung Messegelände 7 Min Was sollte das? Gerade eben waren es noch 2 Minuten gewesen. 8 Minuten. Irgendeine dämliche Streckenblockierung? Ein Unfall? Ein Falschparker? Technische Störung? Auf einmal erlosch die Anzeigetafel.
Es knallte hinter ihm. Eine Druckwelle heißer Luft erfasste Denny. Die Straßenbahn, die gerade dabei war, auf den Gleis zu fahren, gab ein lautes Quietschen und Kreischen von sich. Sie war von etwas getroffen worden, was sie aus den Schienen gehoben hatte. Er hörte das Schreien der Leute in der Bahn, als sie mit einem noch lauteren Scheppern zur Seite kippte und auf dem Schienennetz liegen blieb.
In dem Moment begann auch Denny zu schreien. Er bemerkte die entgegen kommende Bahn, die auf die havarierte zusteuerte. Die schrillende Geräusch der Bremsen der Bahn schrillte durch die Abendluft.
Dann kam der Aufprall. Und vielleicht spielte Denny seine Fantasie bei dem Unfall einen Streich, aber in der Distanz konnte er den Straßenbahnfahrer ausmachen, wie dieser sich mit aufgerissenem Mund die Arme vor das Gesicht hielt.
Als die Bahnen kollidierten, schmerzten Denny die Ohren von dem Geräusch des Aufpralls. Erste Menschen begannen zu flüchten. Die meisten rannten fort. Ein paar bewegten sich zu den Bahnen hin. Er sah Menschen aus den zerschlagenen Fenstern herausklettern. Andere reichten Hände zur Hilfe. Es gab mehrere Feuerherde. Eine Mutter zerrte zwei weinende kleine Mädchen zurück in die Westhalle des Bahnhofs. Sie wurde aus dem Weg gestoßen von jemand anderem, der in wahnsinniger Geschwindigkeit über den Ring zur Innenstadt lief. Autoreifen quietschten. Das dumpfe Knallen von aufeinander stoßenden Karosserien.
Dennys Puls raste. Er führte sein Herz schlagen wie nach einem Sprint. Aber er stand nur da weiter an Gleis 1, den Blick auf den furchtbaren Unfall gerichtet, der sich da gerade ereignet hatte. Die Luft um ihn herum war schwer geworden. Sein Mund stand offen und er bemerkte es erst, als Speichel auf sein Kinn tropfte. Er zuckte zusammen und wischt sich die Spucke weg.
Im Augenwinkel machte er einen grellen Schein aus. Wieder schrien Menschen. Denny drehte sich um. An der Bushaltestelle an der Ostseite des Bahnhofs brannte ein Bus Der Fahrer sprang gerade aus dem Vehikel. Anscheinend gab es keine Passagiere.
Hatte er gerade eine Blitz gesehen? War war das Helle gewesen? Ein Blitz? Es waren Wolken am Himmel, aber sie waren nicht dunkel, nur grau. Herbstwetter. Woher kamen diese Blitze? Die Autos auf dem Ring begannen zu hupen. Nicht alle konnten den Unfall erkennen.
"Was ist denn da los?", hörte Denny jemanden schreien.
Sirenen auf der anderen Seite der Straße. Jetzt hörte er sie ganz deutlich. Ein greller Blitz schlug vor ihm auf der Straße ein und teilte ein Taxi in zwei Hälften, ein zweiter traf das Vordach des Hauptbahnhofs. Ziegel fielen herunter und zersprangen auf dem Gehweg.
Das war nichts Natürliches. Jetzt schlugen immer wieder und wieder Blitze um den Bahnhof herum ein.
Viele der Menschen, die vorher in dem Gebäude Sicherheit gesucht hatten, verließen diesen wieder fluchtartig. Völlig orientierungslos hasteten sie über den dreispurigen Straßenring fort vom Hauptbahnhof. Viele mit reiner Panik in den Augen. Es waren auch Angestellte der Geschäfte darunter, Leute mit Uniformen, die aus den Türen stürzten und den Unfall, den Stau, das Feuer gar nicht zur Kenntnis nahmen, sondern sich so schnell wie möglich von dannen machten.
Denny sah Menschen fallen. Ein alter Mann am Boden suchte seine Krücke. Er bekam ein Knie ins Gesicht und seine Brille zersprang in Einzelteile. Die Mutter mit den zwei Kindern rannte nun wieder heraus. Sie trug das kleinere Mädchen auf dem Arm. Das andere konnte Denny nicht ausmachen. Die großen Schwingtüren des Bahnhofs trafen die Flüchtenden, als sie in ihre Ausgangsposition zurück federten. Eine junge Frau mit Platzwunde am Kopf stolperte heraus und erbrach sich, während sie mit beiden Armen die Ampel umklammert hielt.
"Denny, du musst weg von hier." Er sprach zu sich selbst.
Von allen Seiten strömte Angst zu ihm. Noch eine Explosion. Ein weiterer Knall. Der Boden vibrierte. Rauch brannte in seinen Augen.
"Denny, beweg deinen Arsch."
Und dann rannte auch Denny. Seine Füße arbeiteten für ihn. Hoch zur Goethestraße. Weg vom Feuer. Sein Sprint nahm ihm den Atem. Seine Lungen brannten. Wie schafften es die anderen zu rennen ohne inne zu halten? Denny stand an der Ecke zur Richard-Wagner-Straße, stützte sich an der Wand des dortigen Hotels ab. Einer der Hotelangestellten kam heraus und starrte mit offenem Mund zum Hauptbahnhof.
"Was passiert da?", fragte er ohne sich zu Denny zu wenden.
"Etwas Furchtbares. Laufen Sie weg!"
Der Mann schüttelte den Kopf, sprach einige Worte zu sich selbst und kehrte zurück ins Hotel.
Ein Polizeiwagen schoss an Denny vorbei. Mit Sirene und Blaulicht. Und Denny dachte noch: "Als ob das was hilft."
In dem Moment zog sich die Wolkendecke auseinander. Vorher verstecktes Sonnenlicht warf helle Flecken auf das Rauch- und Feuerszenario. Aus drei Löchern am Himmel strahlten drei Säulen aus Licht herunter. Sie bewegten sich langsam aufeinander zu und zentrierten sich in einer langsamen, aber stetigen Bewegung zum Hauptbahnhof hin.
"Oh nein."
Denny schloss die Augen. Ein Reflex, der ihm das Augenlicht rettete. Er spürte die Blitze. Wieder kam diese Hitzewelle auf ihn zugerollt. Drei Blitze schlugen in die Ostseite des Bahnhofs ein. Glas zerbarst. Ein ungeheurer Lärm dröhnte selbst auf die Entfernung hin in seinen Ohren. Mehrere Explosionen folgten. Rauchentwicklung. Denny hob die Augenlider als das Knirschen der Wände nicht aufhören wollte. Der Ostflügel des Gebäudes brach in Stücken in sich zusammen.
"Nein. Nein." Er starrte hoch zum Himmel. Weitere Löcher bildeten sich in der Wolkendecke. Er sah etwas Großes, fast Rundes, was sich langsam zum Boden hin bewegte.
Flugzeuge? War das die Luftwaffe? So schnell? Bestimmt nicht.
Diese gesteuerten Blitze? Von dieser Technologie hatte Denny noch nie etwas gehört. Und wer würde sie angreifen? Mitten in Leipzig. An einem Montag. Aus dem Nichts heraus.
Was auch immer sich da bewegte, war auf gut zwanzig Meter bis zum Erdboden herangekommen. Denny konnte es nicht richtig erkennen. "Was...?" Auf einmal war es weg. Nein. Es hatte einen Tarnmodus angenommen. Das Feuer spiegelte sich in der Ummantelung des Objekts. Aber ansonsten kam das Grau dem der Wolken schon sehr nahe. Und jetzt näherte es sich langsam der Oberfläche.
Denny atmete in heftigen Stößen. Seine Hände zitterten. Aber irgendwo zwischen Angst und Fluchtreflex wollte er wissen, was das war, was da gerade auf die Erde gelassen wurde.
Und dann sah er einen weiteren, hellen Lichtstrahl. Nicht senkrecht von oben gesteuert, sondern von dem Objekt ausgehen. Kleiner, feiner, präziser. Vor dem Hintergrund des brennenden Bahnhofs erkannte Denny die flüchtenden Menschen nur als dunkle Schemen. Einer der Lichtstrahlen traf einen der Schatten. Sein Kopf fiel zur Seite und der Rest des Körpers stolperte noch einige Schritte weiter, bis auch er auf den Boden aufprallte.
Das sah Denny nicht mehr. Er rannte bereits die Goethestraße hoch.




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