Montag, 22. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 1)

Das Warten auf die Straßenbahn war ein wesentlicher Bestandteil in Dennys Leben. Morgens zur Arbeit. Warten auf die Straßenbahn. Umsteigen am Bahnhof. Warten. Später dann wieder nach Hause. Warten am Bahnhof. Er hatte es mal mit Fahrradfahren probiert, aber dann war ihm das Rad geklaut worden. In Leipzig hatte das ungefähr den gleichen Stellenwert von in Hundekacke treten. Jetzt ärgerte sich jemand herum mit der Kette, die immer raussprang, und der Bremse, die auf der einen Seite nicht funktionierte. Wenn man zu schnell fuhr, musste man es ein bisschen darauf ankommen lassen. Eigentlich vermisste Denny das Fahrrad. Die Bewegung hatte ihm Freude bereitet. Aber Straßenbahnfahren war auch recht bequem. Es war Herbst. Es regnete viel. Es war ein Luxus, relativ trocken nach nach Hause zu gelangen.
Dieser Nachmittag zeigte sich mehr trüb als dunkel. Denny stand am Gleis 1 und starrte ziellos in der Gegend herum. Den ganzen Tag schon hatte es geregnet. Jetzt zog Nebel durch die Straßen. So etwas hatte er hier in der Innenstadt noch nie mitbekommen. War das überhaupt Nebel? War das nicht eher Rauch? Da brannte doch etwas.
Denny nahm die Kopfhörer aus den Ohren. Waren da Sirenen zu hören? Am Bahnhof war es immer laut. Die Straßenbahnen, der Verkehr des Stadtrings, die Passanten, irgendwelche Bauarbeiten. Da bevorzugte er die Musik auf seinem Handy. Gitarren und Bass. Ein ordentliches Schlagzeug. Da wurde der Feierabend gleich etwas runder.
Er schaute herauf zur Anzeigetafel. 16 Richtung Messegelände 7 Min Was sollte das? Gerade eben waren es noch 2 Minuten gewesen. 8 Minuten. Irgendeine dämliche Streckenblockierung? Ein Unfall? Ein Falschparker? Technische Störung? Auf einmal erlosch die Anzeigetafel.
Es knallte hinter ihm. Eine Druckwelle heißer Luft erfasste Denny. Die Straßenbahn, die gerade dabei war, auf den Gleis zu fahren, gab ein lautes Quietschen und Kreischen von sich. Sie war von etwas getroffen worden, was sie aus den Schienen gehoben hatte. Er hörte das Schreien der Leute in der Bahn, als sie mit einem noch lauteren Scheppern zur Seite kippte und auf dem Schienennetz liegen blieb.
In dem Moment begann auch Denny zu schreien. Er bemerkte die entgegen kommende Bahn, die auf die havarierte zusteuerte. Die schrillende Geräusch der Bremsen der Bahn schrillte durch die Abendluft.
Dann kam der Aufprall. Und vielleicht spielte Denny seine Fantasie bei dem Unfall einen Streich, aber in der Distanz konnte er den Straßenbahnfahrer ausmachen, wie dieser sich mit aufgerissenem Mund die Arme vor das Gesicht hielt.
Als die Bahnen kollidierten, schmerzten Denny die Ohren von dem Geräusch des Aufpralls. Erste Menschen begannen zu flüchten. Die meisten rannten fort. Ein paar bewegten sich zu den Bahnen hin. Er sah Menschen aus den zerschlagenen Fenstern herausklettern. Andere reichten Hände zur Hilfe. Es gab mehrere Feuerherde. Eine Mutter zerrte zwei weinende kleine Mädchen zurück in die Westhalle des Bahnhofs. Sie wurde aus dem Weg gestoßen von jemand anderem, der in wahnsinniger Geschwindigkeit über den Ring zur Innenstadt lief. Autoreifen quietschten. Das dumpfe Knallen von aufeinander stoßenden Karosserien.
Dennys Puls raste. Er führte sein Herz schlagen wie nach einem Sprint. Aber er stand nur da weiter an Gleis 1, den Blick auf den furchtbaren Unfall gerichtet, der sich da gerade ereignet hatte. Die Luft um ihn herum war schwer geworden. Sein Mund stand offen und er bemerkte es erst, als Speichel auf sein Kinn tropfte. Er zuckte zusammen und wischt sich die Spucke weg.
Im Augenwinkel machte er einen grellen Schein aus. Wieder schrien Menschen. Denny drehte sich um. An der Bushaltestelle an der Ostseite des Bahnhofs brannte ein Bus Der Fahrer sprang gerade aus dem Vehikel. Anscheinend gab es keine Passagiere.
Hatte er gerade eine Blitz gesehen? War war das Helle gewesen? Ein Blitz? Es waren Wolken am Himmel, aber sie waren nicht dunkel, nur grau. Herbstwetter. Woher kamen diese Blitze? Die Autos auf dem Ring begannen zu hupen. Nicht alle konnten den Unfall erkennen.
"Was ist denn da los?", hörte Denny jemanden schreien.
Sirenen auf der anderen Seite der Straße. Jetzt hörte er sie ganz deutlich. Ein greller Blitz schlug vor ihm auf der Straße ein und teilte ein Taxi in zwei Hälften, ein zweiter traf das Vordach des Hauptbahnhofs. Ziegel fielen herunter und zersprangen auf dem Gehweg.
Das war nichts Natürliches. Jetzt schlugen immer wieder und wieder Blitze um den Bahnhof herum ein.
Viele der Menschen, die vorher in dem Gebäude Sicherheit gesucht hatten, verließen diesen wieder fluchtartig. Völlig orientierungslos hasteten sie über den dreispurigen Straßenring fort vom Hauptbahnhof. Viele mit reiner Panik in den Augen. Es waren auch Angestellte der Geschäfte darunter, Leute mit Uniformen, die aus den Türen stürzten und den Unfall, den Stau, das Feuer gar nicht zur Kenntnis nahmen, sondern sich so schnell wie möglich von dannen machten.
Denny sah Menschen fallen. Ein alter Mann am Boden suchte seine Krücke. Er bekam ein Knie ins Gesicht und seine Brille zersprang in Einzelteile. Die Mutter mit den zwei Kindern rannte nun wieder heraus. Sie trug das kleinere Mädchen auf dem Arm. Das andere konnte Denny nicht ausmachen. Die großen Schwingtüren des Bahnhofs trafen die Flüchtenden, als sie in ihre Ausgangsposition zurück federten. Eine junge Frau mit Platzwunde am Kopf stolperte heraus und erbrach sich, während sie mit beiden Armen die Ampel umklammert hielt.
"Denny, du musst weg von hier." Er sprach zu sich selbst.
Von allen Seiten strömte Angst zu ihm. Noch eine Explosion. Ein weiterer Knall. Der Boden vibrierte. Rauch brannte in seinen Augen.
"Denny, beweg deinen Arsch."
Und dann rannte auch Denny. Seine Füße arbeiteten für ihn. Hoch zur Goethestraße. Weg vom Feuer. Sein Sprint nahm ihm den Atem. Seine Lungen brannten. Wie schafften es die anderen zu rennen ohne inne zu halten? Denny stand an der Ecke zur Richard-Wagner-Straße, stützte sich an der Wand des dortigen Hotels ab. Einer der Hotelangestellten kam heraus und starrte mit offenem Mund zum Hauptbahnhof.
"Was passiert da?", fragte er ohne sich zu Denny zu wenden.
"Etwas Furchtbares. Laufen Sie weg!"
Der Mann schüttelte den Kopf, sprach einige Worte zu sich selbst und kehrte zurück ins Hotel.
Ein Polizeiwagen schoss an Denny vorbei. Mit Sirene und Blaulicht. Und Denny dachte noch: "Als ob das was hilft."
In dem Moment zog sich die Wolkendecke auseinander. Vorher verstecktes Sonnenlicht warf helle Flecken auf das Rauch- und Feuerszenario. Aus drei Löchern am Himmel strahlten drei Säulen aus Licht herunter. Sie bewegten sich langsam aufeinander zu und zentrierten sich in einer langsamen, aber stetigen Bewegung zum Hauptbahnhof hin.
"Oh nein."
Denny schloss die Augen. Ein Reflex, der ihm das Augenlicht rettete. Er spürte die Blitze. Wieder kam diese Hitzewelle auf ihn zugerollt. Drei Blitze schlugen in die Ostseite des Bahnhofs ein. Glas zerbarst. Ein ungeheurer Lärm dröhnte selbst auf die Entfernung hin in seinen Ohren. Mehrere Explosionen folgten. Rauchentwicklung. Denny hob die Augenlider als das Knirschen der Wände nicht aufhören wollte. Der Ostflügel des Gebäudes brach in Stücken in sich zusammen.
"Nein. Nein." Er starrte hoch zum Himmel. Weitere Löcher bildeten sich in der Wolkendecke. Er sah etwas Großes, fast Rundes, was sich langsam zum Boden hin bewegte.
Flugzeuge? War das die Luftwaffe? So schnell? Bestimmt nicht.
Diese gesteuerten Blitze? Von dieser Technologie hatte Denny noch nie etwas gehört. Und wer würde sie angreifen? Mitten in Leipzig. An einem Montag. Aus dem Nichts heraus.
Was auch immer sich da bewegte, war auf gut zwanzig Meter bis zum Erdboden herangekommen. Denny konnte es nicht richtig erkennen. "Was...?" Auf einmal war es weg. Nein. Es hatte einen Tarnmodus angenommen. Das Feuer spiegelte sich in der Ummantelung des Objekts. Aber ansonsten kam das Grau dem der Wolken schon sehr nahe. Und jetzt näherte es sich langsam der Oberfläche.
Denny atmete in heftigen Stößen. Seine Hände zitterten. Aber irgendwo zwischen Angst und Fluchtreflex wollte er wissen, was das war, was da gerade auf die Erde gelassen wurde.
Und dann sah er einen weiteren, hellen Lichtstrahl. Nicht senkrecht von oben gesteuert, sondern von dem Objekt ausgehen. Kleiner, feiner, präziser. Vor dem Hintergrund des brennenden Bahnhofs erkannte Denny die flüchtenden Menschen nur als dunkle Schemen. Einer der Lichtstrahlen traf einen der Schatten. Sein Kopf fiel zur Seite und der Rest des Körpers stolperte noch einige Schritte weiter, bis auch er auf den Boden aufprallte.
Das sah Denny nicht mehr. Er rannte bereits die Goethestraße hoch.




"Schlingen um Leipzig" geht hier weiter.

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