Dienstag, 30. September 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 4)

Die Erzählung beginnt hier.
Denny war noch nie in irgendeinem Gebäude der Universität gewesen. Er folgte Metze und nahm wie er immer gleich mehrere Stufen. Nur grob nahm er die Umgebung wahr. Sterile weiße Wände. Auf beiden Seiten der Stockwerke zogen sich lange Gänge mit vielen Türen. Parallel zu den Treppen fuhren Fahrstühle, neben denen sich Toiletten befanden. Kleine Sitzgruppen mit Mülleimer befanden sich gegenüber der Aufzugstüren.
Es kam ihm ewig vor, bis sie endlich die erste Etage erreicht hatten. Metze gab sich damit nicht zufrieden. Er nahm weitere Treppen. Im zweiten Stockwerk eilte ihnen eine Studentin entgegen. Denny sah in ihr Gesicht und wusste, dass von ihr keine Hilfe zu erwarten war. Ihr verkniffener Mund zuckte, als sie sie erblickte.
"Haut ab! Hier ist alles voll", schnauzte sie zu ihnen herüber und verschwand hinter der Tür der Damentoilette.
"Selbst beim Sterben noch scheiße." Metze nickte zur Treppe. "Weg von der."
Kaum waren sie im nächst höheren Stockwerk angekommen, ging der Lärm wieder los. Geschrei. Glas zersplitterte. Kampfgeräusche. Etwas prallte mit Gewalt auf eine Wand. Soviel hatte Denny jetzt schon gelernt. Schläge auf Menschenkörper hinterließen dumpfe Klänge. Aber da warf jemand größere Gegenstände die Treppen herunter. Gegenangriff statt Flucht.
"Sie kommen über die Aufzüge. Keine Treppen. Sie kommen über die Aufzüge!", brüllte die Person in das Treppenhaus hinein. "Sie kommen -" Peitschenknallen. Würggeräusche. Schleifen über den Fußboden.
Metze und Denny schauten automatisch zu den Anzeigefeldern der Fahrstühle. Auf dem einen leuchtete ein rotes E. Der andere Fahrstuhl befand sich bei ihnen im dritten Stockwerk. Denny schlug auf den Türöffner, zog einen der Mülleimer heran zur Blockade des Aufzugs. Wie erwünscht bewegte sich die Fahrstuhltür auf und zu. Das Display des anderen Fahrstuhls wechselte auf eine 1.
"Los. Wir verbarrikadieren uns hier irgendwo." Metze zog ihn in den rechten Gang. Auf beiden Seiten des Flurs führten Türen in Räume. Denny drückte die erste Klinke herunter. Abgeschlossen. Die zweite. Keine Bewegung. Auch Metze traf auf keinen offenen Raum. Mehrere schrille Schreie erklangen aus einem der unteren Stockwerke. Wahrscheinlich das volle Frauenklo.
In dem Moment war es Denny egal. Jeder, der den Angreifern jetzt über den Weg lief, gab ihm mehr Zeit, sich ein Versteck zu suchen. Er fühlte kurz Scham für seine Gedanken. Es ging hier um Menschenleben. Nein. In erster Linie ging es um das eigene Überleben. Die Außerirdischen erweckten nicht den Eindruck, als kämen sie, um sie in ein friedliches Paradies zu entführen.
"Oh nein", hörte er Metze hauchen und auch er hatte im Unterbewusstsein den kurzen Klang vernommen, der das Öffnen des Fahrstuhls ankündigte.
Metze presste sich gegen die Tür, die er nicht öffnen konnte, und schaute mit aufgerissenen Augen zu Denny herüber, der sich nicht traute, weiter zu atmen.
Jetzt war es soweit. Keine zwanzig Meter lagen zwischen ihnen und den Außerirdischen. Kein Versteck. Keine Ausdauer mehr. Keine Waffen. Wieder das Gefühl, unter Strom zu stehen, nur wegrennen zu wollen, und gleichzeitig gelähmt zu sein von der Hoffnungslosigkeit, der Angst und dem Wissen um einen fehlenden Ausweg.
Mit einem kurzen Knacken ging das Licht im Flur aus. Metze wimmerte. Kein Strom. Die Fahrstühle funktionierten nicht ohne Elektrizität. Jemand hatte die Warnrufe des Widerständlers vernommen und sinnvoll reagiert.
Denny wagte einen Blick in Richtung Fahrstuhl und tatsächlich: Die Tür war beim Aufgleiten verharrt. Nur ein Spalt war offen und Denny erkannte eine vielgliedrige Extremität, welche herausschoss und an den stehen gebliebenen Türen rüttelten.
Zeit, die Chance zu nutzen.
Denny rannte zur nächsten Tür und ein Jauchzen kam über seine Lippen, als die Klinke nachgab. Ein heller Raum, viele Tische, eine weiße Tafel, eine große Fensterfront.
"Metze, Beeilung!"
"Endlich!"
Kaum hatte sein Begleiter den Raum betreten, zog Denny den nächstbesten Tisch heran. Metze verkeilte zwei Stühle ineinander und positionierte sie unter der Klinke. Sie schoben das meiste des Inventars Richtung Tür. Ein Gedanke schoss durch Dennys Hirn: "Die Tür öffnet nach außen."
Er schaute zu Metze herüber, der weitere Stühle ineinander verschränkte und den Türrahmen damit ausfüllte.
Denny suchte den Raum ab. Eine Toilette oder ein Seminarraum: Eine Sackgasse blieb eine Sackgasse. Er öffnete ein Fenster und schaute heraus. Dritter Stock. Zu tief, um sauber zu laden. Er registrierte die Decke. Eine Erinnerung durchzuckte seinen Kopf.
Mittelschule. Polizeieinsatz. Zwei Mitschüler wurden des Drogenhandels beschuldigt. Vor aller Augen kletterte einer der Polizisten auf das Lehrerpult und fischte unbeeindruckt zwei erhebliche Tüten Gras aus der Verkleidung der Decke. "Den Trick kennen wir schon", kommentierte er trocken.
Vor der Tür hörten sie Getrampel. "Nein! Nein! Ihr kriegt mich nicht."
Denny zog zwei Tische zueinander, stellte einen dritten darauf und kletterte selbst hoch. Tatsächlich. Erleichterung durchströmte ihn. Die Platten der Deckenverkleidung waren beweglich und boten Platz für ein Versteck.
"Alter, geil, beeil dich!" Metze stand schon auf einem der unteren Tische, als Denny sich hoch zog und mit dem Kopf gegen die echte, roh verputzte Decke stieß.
"Ah, verdammt!"
Mit aller Kraft kroch er vorwärts. Das hatte er sich leichter vorgestellt. Er spürte Metzes Hände, wie sie seine Füße nahmen und ihn hoch stemmten. Ganzheitlich oben angekommen drehte er sich zur Öffnung und bot Metze seine Hand zur Unterstützung an. Metze agierte wesentlich eleganter als Denny beim Klettern und lag im Nu neben ihm.
Kaum waren sie beide oben angekommen, knallte es unter ihnen. Die Tür wurde aufgerissen und eine Kraft schlug wahllos die Tische und Stühle auseinander. Denny griff zur losen Styroporplatte und schob sie leise auf ihre vorherige Position. In der noch vorhandenen Lücke erkannte er, wie ein Stuhl in den Raum verworfen wurde. Dann war es kurz ruhig. Denny vernahm ein wütendes Grunzen. Es folgte ein leises Kriechgeräusch. Ihr Verfolger kam.
Mit den Fingern auf der Platte verharrte Denny. Ein kleiner Schlitz blieb und gab einen minimalen Einblick auf das, was unter ihnen geschah. Er wagte es nicht, sich zu bewegen. Der Schweiß rann seine Schläfen herunter. Seine Kleidung klebte am Körper. Seine Beine zuckten vor Übersäuerung und seine Kehle brannte.
Wenn er dies überlebte, würde er erst mal eine Wasserquelle aufsuchen. Denny schloss die Augen und versuchte, flach zu atmen. Wenn er dies überlebte.
Unter ihm bewegte sich der Eindringling langsam in den Raum hinein.



"Schlingen um Leipzig" geht hier weiter.

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