Montag, 27. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 9)

Die Erzählung beginnt hier.
In Dennys Kopf schrillte es für einen Moment. Jetzt kam also das Ende. Umzingelt von Gegnern. Verletzt. Kein Ausweg vorhanden. Nur Zähne und Fangseile. Seine Zukunft bestand aus dem Warten auf das Getötet werden.
Nein! Es durfte nicht alles umsonst gewesen sein. Denny fühlte die Wut in sich hoch kommen. Er wollte dieses furchtbare Szenario der brennenden Stadt lebendig hinter sich lassen. Er wollte nicht der Masse an toten Menschen angehören. Er wollte weiter atmen. Er wollte überleben.
Um das zu erreichen, hatte er sich heute mehr als einmal weg gedreht und war weiter gerannt statt zu helfen. Dabei war er nicht allein gewesen. Er hatte sich mit einer ihm fremden Person zusammen getan. Sie hatten sich gegenseitig das Leben gerettet und waren dabei von einer brenzligen Situation in die nächste gestolpert. Sie hatten es geschafft, bis jetzt nicht gefangen zu werden. Jetzt waren sie angeschlagen. Aber sie befanden sich nicht in einer Sackgasse. Sie mussten nur an einem dieser Außerirdischen vorbei. Der Eingang des City-Tunnels war zum Greifen nah.
Denny packte Metze und zog ihn in den Eingangsbereichs eines kleinen Geschäftes. Die Tür stand offen. Denny schlug sie hinter sich zu. Es war ein winziges Fachgeschäft für Gewürze.
Die Wände hingen voller unterschiedlicher Mischungen. Entweder waren sie fertig in Plastiktüten verpackt oder sie befanden sich in großen Gefäßen ordentlich an der Wand aufgereiht. Eine Leiter diente zum Erreichen der oberen Bereiche der Wandregale. Denny packte die Leiter und verbarrikadierte mit ihr die Eingangstür.
Er hörte Metze niesen. Einzelne zerbrochene Glasbehälter lagen auf dem Boden. Der intensive Geruch der ausgeschütteten Waren stieg ihm in die Nase. In dem Moment knallte es auch schon. Zwei der Außerirdischen schlugen gegen die Eingangstür. Sie zersplitterte. Nicht nur das Glas zersprang. Auch das Holz der Tür knackte.
Die Außerirdischen rissen die Tür aus den Angeln und schleuderten sie weg. Beide versuchten durch die Tür zu gelangen. Dabei stießen sie aneinander und begannen zu grunzen und sich gegenseitig zu schubsen. Der rechte von ihnen gewann. Er griff nach der Leiter, während der andere sich daran wandte, das Schaufenster kaputt zu schlagen. Die Leiter schien dem Außerirdischen Probleme zu bereiten. Er drosch auf das Gerät ein. Dabei verhakten seine Arme in den Sprossen.
Metze begann, ihn wüst zu schimpfen. Denny bekam dies nur als Randerscheinung mit. Er starrte auf das Glas links von ihm im Regal. Meersalz stand auf dem Etikett. Er griff es, schraubte es auf und schüttete dem Außerirdischen den Inhalt ins Gesicht.
Das Wesen stieß einen atemberaubend lauten, schrillen Ton aus. Für einen Moment dachte Denny, sein Trommelfell würde platzen.
"Denny!", schrie Metze. Denny hörte an der Stimmlage des Punks dessen Erleichterung.
Der Außerirdische wich zurück. Seine langgliedrigen Hände auf sein Gesicht gelegt, drehte er seinen Oberkörper in alle Richtungen und stieß dabei wiederholt kreischende Geräusche aus. Der andere Außerirdische, der das Fenster bearbeitet hatte, glitt zur Eingangstür. Kaum war sein Gesicht zu sehen, bekam er von Metze eine rotpulvrige Substanz ins Gesicht geschleudert. Chili.
"Greif dir was! Sprint zum Tunnel!", brüllte Denny seinen Begleiter an. Er packte eines der anderen Salzgläser. Neben den beiden lädierten Außerirdischen rollte schon die nächsten an. Sie schwangen ihre Lassos. Metze sprang hinter Denny hervor und warf mehrere kleine Flaschen in die Richtung der Wesen. Denny erkannte am Geruch, dass es Essig und Öl waren. Sie zersplitterten. Die Außerirdischen reagierten nicht mit ähnlichen Schmerzgeräuschen wie die anderen beiden, zogen sich aber für einen Moment aus der Gefahrenzone zurück.
Das war genau der Vorsprung, auf den Metze und Denny gehofft hatten. Sie rannten die Passage entlang. Denny hörte ein Lasso hinter sich auf den Boden knallen. Er schlug einen Haken, um die Säule herum, die den Eingang zur Passage markierte.
Draußen nieselte es leicht. Der Himmel war grau. Rauch lag über dem Markt, auf dem noch von einer Veranstaltung vom Wochenende eine Bühne aufgebaut war. Vor ihnen lag der Eingang zum City-Tunnel.
Von rechts kam das Geräusch. Denny fühlte das Seil noch bevor er den Außerirdischen sehen konnte. Einem Schlag auf die Brust gleich zog sich das Lasso um ihn. Es schnürte die Arme an seinen Rumpf. Schmerz schoss durch seinen Oberkörper. Er ließ das Glas mit dem Salz fallen.
Denny begann zu schreien. Er knickte zur Seite, als der Außerirdische an dem Seil riss. Er wandte den Kopf. Der Außerirdische, der ihn gefangen hatte, kam nicht aus der Passage. Er hatte unter den Arkaden des Alten Rathauses gewartet. Dennys Körper wurden über den Asphalt geschliffen. Er zappelte. Das Seil war so eng geschlungen, dass es ihm die Luft aus den Lungen presste. Seine Stimme versagte. Wo war Metze? Er sah den Begleiter nicht mehr, hörte ihn nur seinen Namen rufen.
Vor ihm geiferte das außerirdische Wesen. Es kam auf ihn zugerutscht, das Maul weit aufgerissen.
In dem Moment brüllte jemand "HALT!" Eine Glasflasche kam angeflogen. Denny hörte wie sie zerbrach. Es roch nach Benzin. Kurz darauf stieg eine Stichflamme auf, die Dennys Gesicht gefährlich nah kam. Der Rauch strömte in seine Lungen. Das Feuer knisterte direkt vor ihm. Die Hitze brannte in seinen Augen. Er begann wild zu zappeln. Die Wut von eben war verraucht. Die blanke Angst war zurück. Eingeschnürt am Boden liegend würde er lebendig verbrennen. Denny schloss die Augen.
Zwei Hände griffen nach ihm. Sie packten das Seil. Rissen ihn vorwärts. Finger griffen in seine Haare und tauchten seinen Kopf in eine Pfütze. Seine Haare hatten wirklich gebrannt. Jetzt spürte er die kühlende Nässe. Er griff an seinen Schopf. Er pochte und schmerzte.
Jemand sprach mit ihm. Er öffnete die Augen wieder. Ein Mädchen mit einem Messer in der Hand stand vor ihm. Sie hatte ihn losgeschnitten.
"Beeil dich! Schnell in den Tunnel!" Sie hielt ihm die Hand hin und half ihm hoch. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden, während um sie herum weitere Molotowcocktails explodierten. Er sah verschiedene Menschen hin und her rennen. Auf dem ganzen Marktplatz verteilen sich kleine Brandherde. Bewegungslose Außerirdische. Tote Menschen. Richtung Hainstraße ratterte tatsächliche eine Maschinenpistole.
Denny hielt sich am Geländer fest, als er die Stufen herunter stolperte zum Eingang der Haltestation. Kaum hatte er die Tür hinter sich gelassen, fiel ihm Metze um den Hals. Mit Tränen in den Augen stammelte er: "Alter, ich dachte, du wärst tot."
"Nein. Ich wurde gerettet." Das Sprechen reizte immer noch seinen Rachen. Wie viel Rauch hatte er eingeatmet?
"Hier sind ganz viele Menschen", plapperte Metze los. "Es gibt einen Durchgang zum Bayrischen Bahnhof, sagen sie. Es kommt Militär, sagen sie."
Sie bewegten sich zu dem langen Treppengang, der runter zu den Gleisen führte. Die Aufzüge waren blockiert worden. Es führte nichts außer diesen Treppen zur unterirdischen Haltestation. Denny zitterte beim Gehen am ganzen Körper. Metze humpelte. Er hätte sich das Bein verdreht, sagte er.
Die Rolltreppe funktionierte nicht mehr. Sie stiegen langsam herunter. Auf den Bahngleisen warteten kleine Gruppen an Menschen. Frauen, Männer, Kinder. Personen jeglicher Altersgruppen und sozialer Herkunft. Einer der Obdachlosen der Innenstadt befand sich unter ihnen. Denny fühlte erneut tiefe Scham in sich brennen, als er die Blinde erkannte, die er an der Nikolaikirche hatte hocken sehen und die jetzt auf einem der Wartebänke saß. Eine andere Frau unterhielt sich mit ihr und hielt ihr die Hand.
Aber Denny bemerkte auch die zugedeckten, leblosen Körper am anderen Ende der Station. Viele der Lebenden trugen Verbände. Zwei Männer in greller Sanitätsuniform waren umgeben von mehreren Personen mit sichtbaren Verletzungen.
Unten angekommen sprach sie eine Frau an, ob sie etwas trinken möchten. Sie gab ihnen jeweils eine kleine Flasche Wasser.
"Wie geht es jetzt weiter?", fragte Metze.
"Keine Ahnung." Die Frau nahm einen Schluck aus ihrer eigenen Wasserflasche. "Hier unten sind wir erst mal sicher. Wasser gibt es über die Becken der Toilettenräume und zu essen haben wir ein bisschen hier im Kiosk gefunden. Wenn ihr verletzt seid, meldet euch da vorne bei dem Mann mit der gelben Weste. Er sortiert die Verletzten für die Sanitäter vor." Sie warf Denny einen kritischen Blick zu. "Du siehst echt übel aus. - Wir haben Kontakt mit der Bundeswehr. Es wird bald irgendeine Maßnahme anlaufen. Solange wollen wir hier warten und Leute sammeln."
"Können wir rüber zum Bayrischen Bahnhof durchgehen?"
"Die Durchgänge sind verbarrikadiert, damit diese Typen nicht durchkommen. Der Weg zum Bahnhof ist komplett zusammen gestürzt."
"Wer sind die Leute, die da oben kämpfen?", fragte Denny.
Die Frau zuckte mit den Schultern. "Das sind Leute wie du und ich", sagte sie.



Donnerstag, 16. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 8)

Die Erzählung beginnt hier.
Kaum hatte Denny die Passage betreten, ordnete er dies als Fehler ein. Es gab nur wenige Schlupfwinkel. Die Geschäfte hier waren komplett mit Glasfenstern verkleidet, die in alle Richtungen reflektierten. Er sah die beiden Außerirdischen hinter sich, wie sie immer noch vehement mit den Armen fuchtelten.
War das ihre Kommunikation? Non-verbales Gestikulieren mit gebleckten Zähnen und unrhythmischen Stoßgeräuschen?
Egal. Für den Moment waren sie abgelenkt und folgten ihnen nicht mehr.
Auch in der Passage hatte die Angst gewütet. Scherben lagen auf dem Boden. Einrichtungsgegenstände der Geschäfte waren dazu benutzt worden, einzelne Türen zu verbarrikadieren. Eine Blutspur zog sich zu einer der Eingänge zu den Büroraumen in den oberen Stockwerken. Sicherlich versteckten sich dort Leute. Und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit würden sie sich nicht bewegen, um Metze und ihn hereinzulassen.
Es kam zu Unterbrechungen der Stromversorgung. Ein paar Lampen der Deckenbeleuchtung flackerten nur noch. Andere blieben ganz ausgeschaltet oder ergaben sich dem Spiel des langen Aufladens, kurzen Leuchtens und baldigen Ausgehens.
Metze und Denny verfielen in ein schnelles Laufen. Hastig schauten sie nach rechts und links, um mögliche Verstecke oder Gefahren schneller zu orten.
"He, du!"
Ein Mann kam von der gegenüberliegenden Seite angerannt. Er steuerte mit angespanntem Gesichtsausdruck auf Denny zu.
"Gib mir die Stange!"
"Nein, Mann! Verzieh dich!"
Der Mann versuchte, Denny Stange mit Gewalt aus der Hand zu greifen. Denny ließ nicht los und trat dem Mann gegen das Knie. Darauf ließ der Fremde von der Stange ab und schlug Denny mit der Faust ins Gesicht.
"Du Arsch!", brüllte Denny und fasste sich an die blutende Nase. Der Gegenüber zögerte nicht lange. Er griff nach dem metallenem Stuhlbein und wollte wegrennen. In dem Moment kam Metze von der Seite angesprungen und schlug ihm eine der ergaunerten Bierflaschen über den Kopf.
Es klirrte dumpf. Der Mann brach zusammen. Aus einer Platzwunde am Kopf strömte Blut.
"Vergiss ihn! Sie kommen!"
Da hörten sie es auch schon. Das schmierige Schleifengeräusch der außerirdischen Fortbewegung. Die geraden, glatten Gänge der Passagen sorgten für ideale Voraussetzungen. Sie mussten sich beeilen.
Sie nahmen die erste Abzweigung rechts. Der kurze Verbindungsgang teilte sich vor ihnen noch mal auf zur Mädler- und zur Königshaus-Passage. Denny ging hier sonst nur lang, wenn es regnete. Ihm war noch nie aufgefallen, wie viele kleine Geschäfte sich hier befanden. Aber wichtig war: Sie näherten sich dem Eingang zum City-Tunnel am Markt. Jetzt mussten sie nur noch diesen Spiegelsaal hinter sich bringen.
"Was ist kürzer? Rechts oder links?", flüsterte Metze ihm zu.
Vielleicht war es der Schlag auf den Kopf gewesen, dass Denny nicht sofort verstand, was Metze meinte. Er drehte den Kopf nach rechts. Neben ihm an der Wand spiegelte sich das flackernde Licht der Deckenlampen in einem kleinen unscheinbaren Rahmen.
Hausordnung, las er. Erster Punkt: Die Besucher der Objekte Messehof und Messehaus am Markt dürfen weder gefährdet, noch behindert oder belästigt werden. Er lachte. Blut spritzte aus seiner Nase.
"Mensch, Alter, mach voran!", hörte er Metze ungewöhnlich hoch quietschen. Denny warf einen Blick zurück. Der vorherige Angreifer stand mühselig wieder auf. Ein Lasso kam von der Seite herangeschossen und schlang sich um ihn. Die Metallstange in seiner Hand klirrte, als er sie auf den Boden fallen ließ.
"Rechts", sagte Denny.
Sie stoben los und rannten in die Mädler-Passage hinein. Ein Außerirdischer drehte sich zu ihnen um, kaum hatten sie den Durchgang betreten.
Flüchtig nahm Denny die Menschen wahr, die auf dem Boden zusammen gebunden lagen, teilweise leblos, teilweise noch im Kampf mit den Fesseln. Eine Frau kreischte sie an, sie sollen verschwinden.
Sie waren gerade hinein in eine Sammelstation gelaufen. Der Außerirdische vor ihnen griff nach einem der Seile, die sich auf dem Boden auftürmten. Und er war nicht alleine. Es bewegten sich noch drei andere Wesen hinter ihm auf sie zu. Zusätzlich zu den zweien, die vom Messehof kamen.
Denny warf sich zu Boden, als er ein Lasso heran fliegen sah. Das Seil prallte gegen Metze neben ihm, der auf den Sohlen kehrt machte. Denny spuckte Blut aus, als er wieder aufsprang.
Von wo sie her gekommen waren, näherte sich einer der Außerirdischen. Er glitt unwahrscheinlich schnell heran. Bald würde er ihn schon ohne Lasso fassen können. Denny sprintete zur linken Abzweigung, der Königshaus-Passage.
Und musste sofort wieder anhalten. Metze lag auf dem Boden unter einem gelben, altertümlichen Schriftzug. 
Er war gestolpert und hielt sich das Bein. Er schrie Dennys Namen und deutete auf das Ende des Durchgangs.
Auch dort befand sich ein gelbes Wesen.


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Freitag, 10. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 7)

Die Erzählung beginnt hier.
Die Tür nach draußen ging ungewöhnlich schwer auf. Denny registrierte dies mit einer kurzen Irritation. Der Regenschauer hatte aufgehört. Dicke Luft strömte ihnen entgegen. Es roch nach Benzin. Auf der Straße vor ihnen brannte ein Auto. Der Rauch reizte in den Lungen.
Sie überquerten den Platz vor dem Seminargebäude und rannten in die gegenüberliegende Nebenstraße.
"Halt, warte!", rief Metze. Denny stolperte leicht, als er aus dem Sprint stehen blieb. An der Straßenkreuzung befand sich eine Kaufhalle. Ihre Fenster waren eingeworfen worden. Einzelne Verpackungen lagen verstreut auf dem Boden. Metze stieg in den Laden ein. Denny drückte sich eng an eines der Schaufenster.
"Gewandgässchen", las er auf dem Straßenschild. Noch so eine kleine Straße der Leipziger Innenstadt, deren Name ihm nicht geläufig war, obwohl er sie ein paar Hundert Mal in seinem Leben entlang gelaufen war.
Die Häuser auf der linken Seite wiesen große, bogenförmige Schaufenster auf. Kleine Vorsprünge entstanden dort, wo die Fassade des Hauses die Fenster einrahmten.
Es dauerte nicht lange, bis Metze wieder kam. In den Armen trug er verschiedene Nahrungsmittel. Darunter auch zwei Bierflaschen, die er in seine Hosentaschen stopfte. Denny runzelte die Stirn. Er wusste nicht, ob er seine aufkommenden Wut herunter schlucken sollte.
"Ich dachte, du bist nicht so assi?"
"Ich hab Knast. Soll ich umkippen, oder was?" Metze biss in ein Brötchen. "Magst du auch was?"
"Nein! - Wo ist dein Schlagstock?"
"Scheiße. Der liegt noch -" Es knallten Seile. Schreie klangen auf. Metze sprang neben Denny in die Nische. Er nahm die gleiche angespannte Haltung an. Auf den Zehenspitzen stehend, nah an die Wand gedrückt.
Denny dachte: Einer kann sich in dieser Ecke verstecken. Der zweite fällt sofort auf, wenn jemand in die Straße schaut.
"Die sind nahe", flüsterte Metze.
"Sei ruhig!"
Ein Mann rannte die Straße herunter bis zum Seminargebäude. Er griff nach einem der Fahrräder, musste aber feststellen, dass diese angekettet waren. Er warf einen Blick über die Schulter, schrie auf und warf sich hin. Ein Lasso knallte über ihm zusammen und verhedderte sich an einem Fahrrad
Der Mann sprang wieder auf und rief etwas in einer Sprache, die Denny nicht kannte. Er steuerte auf die Tür zu und versuchte sie aufzuziehen. Auch er war überrascht, wie schwerfällig dies vonstatten ging. In dem Moment kam das Lasso erneut angeflogen. Es wickelte sich um ihn und wurde festgezogen. Der Mann strampelte und versuchte, sich aus der engen Umklammerung des Seils zu befreien. Mit einem Ruck wurde nieder gerissen. Er griff mit seinen Beinen nach einem der nahen Fahrradständer.
Denny war beeindruckt von dieser Widerstandskraft. Der Mann schaffte es, sich mit dem ganzen Körper in dem silbernen Fahrradständer zu verhaken. Dabei brüllte er weiterhin in der fremden Sprache. Der Außerirdische am Ende des Seils, der für Denny nicht zu sehen war, zog mit aller Gewalt am Lasso, konnte seinen Gefangenen aber nicht zu sich schleifen.
"Krass", flüsterte Metze. "Jetzt wissen wir, dass die Außerirdischen nicht ausländerfeindlich sind."
"Solche Kommentare kannst du dir sparen. Ich hab keinen Bock auf dummes Gelaber."
Denny huschte ohne weitere Ansage zur nächsten Nische vor. Metze ließ seine geraubten Vorräte kurzum fallen und kam hinterher. Immer wieder verharrten sie kurz zwischen den einzelnen Vorsprüngen. Sie hörten den Gefangenen fortwährend schreien. Denny lugte vorsichtig zurück und sah eine Gruppe Menschen aus dem Seminargebäude stürmen. Sie überquerten die Straße, genau wie Metze und er selbst zuvor und stürmten in die Kaufhalle.
"Halte durch! Wir retten dich", rief einer von ihnen. Sie kamen mit mehreren Spirituosenflaschen heraus und rannten davon. Kurz darauf knallte es. Denny vernahm noch einige Jubelrufe, während er weiter die Straße entlang eilte. Metze kam ihm hinterher. Es fing wieder leicht an zu regnen. Die Stimmlage des Geschreis änderte sich. Denny senkte den Blick zu Boden und erstarrte, fest an die Fensterscheibe gedrückt. Der gepflasterte Boden unter ihm war mit buntem Konfetti übersät. Wie absurd. Hier der Tod, da das Feuer und er war von Konfetti umgeben.
Die Glaswand hinter ihm vibrierte. Metze und er sprangen erschrocken nach vorne. Ein Außerirdischer befand sich im Geschäft, an dessen Fassade sie sich gerade gepresst hatten, und pochte an die Scheibe. Die Zentimeterlangen Zähne sprossen so schief aus dem Mund heraus, dass dieser nicht komplett schloss. Die gelben Hände schlugen wiederholt nur eine Armlänge von ihnen entfernt gegen das Glas. Und dieses Auge. - So nah wollte er dem Ganzen nicht kommen. Denny konnte für einen kurzen Moment nur schreien.
Metze warf keinen so langen Blick auf das Wesen, sondern sprintete aus dem Stand herüber zum Eingang der Messehof-Passage. Denny setzte ihm nach. Etwas klobiges Gelbes kam von links die Straße herunter geschossen. Metze und Denny erkannten gleichzeitig den Außerirdischen und warfen sich zu Boden. Seine Metallstange rutschte ihm aus der Hand und schepperte über den Asphalt.
Anscheinend beschleunigte der nasse Boden die Fortbewegung der Angreifer. Er schoss an ihnen vorbei und gab dabei stoßartig dunkle Geräusche von sich, als er, das Lasso schon mit Kreisbewegungen schwenkend, weiter rutschte.
Der Außerirdische, der sich im Laden befunden hatte, kam aus diesem heraus und fuchtelte dabei mit den Armen in Richtung seines Artgenossen.
Zwei von denen auf einmal. Und sie kommunizierten miteinander. Denny griff im Aufstehen nach seiner Waffe und rannte geradeaus in den Messehof.




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Mittwoch, 8. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 6)

Die Erzählung beginnt hier.
Es dauerte nicht lange, bis Denny sich wieder beruhigt hatte.
"He, alles klar bei dir?", fragte Metze leise.
"Ja, danke. Es musste nur mal raus."
"Bei mir auch."
Denny schnüffelte. "Alter."
"Tut mir leid. Ich hab mich vor Angst voll gepieselt. Es tropft schon auf den Boden durch."
Denny fühlte das Lachen in sich hoch kommen. "Nimm das, tödlicher Außerirdischer: Bevor du mich umbringst, bepinkel ich dich noch."
Sie kicherten beide unterdrückt.
"Wie weit war er hier drin?", wollte Metze wissen.
"Bis zum Fenster."
"Hast du ihn gesehen?"
"Ja."
"Wie sah er aus?"
"Irgendwie - also nicht menschlich. Wie eine klotzige Schnecke, nur ohne Schleim, dafür mit einem Insektenauge und langen Armen. Kennst du diese Videos aus der Tiefsee, wo sie Tiere von dort zeigen, und du denkst nur: 'Unsinn. Das kann es nicht geben.' So ungefähr. Oh, und sie haben sehr lange Zähne."
Metze schüttelte den Kopf. "Weißt du. Ich war grad auf dem Weg von der Karli in die Innenstadt. Auf einmal dreht meine Hündin völlig durch. Sonst ist Juni die liebste der Welt. Sie knurrt und ihr Fell sträubt sich. Ich will sie beruhigen, aber sie schnappt nach mir. Das hat sie noch nie gemacht. Sie ist dann zum Ring-Café gelaufen. Ich bin ihr hinterher. Dann kamen die Blitze und ich habe sie aus den Augen verloren. Hoffentlich geht's ihr gut."
Denny versuchte es mit aufmunternden Worten. "Bestimmt, Mann. Sie versteckt sich einfach nur und wartet auf dich in eurem Zuhause."
"Ich hab kein Zuhause. Ich penn grad bei einem Kumpel."
"Hm." Da wusste Denny nicht, was er antworten sollte. Sie schwiegen kurz.
"Wir können hier nicht bleiben", sagte Denny. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Wir müssen irgendwohin, wo sie Schwierigkeiten haben, hin zu gelangen und wo wir Fluchtmöglichkeiten haben."
"Sie können keine Treppen gehen, ne?"
"Ja, aber in Häusern kommen sie von oben."
"Haben sie irgendwelche Schwachpunkte?"
"Keine Ahnung."
"Du hast doch einen gesehen, oder?"
"Ja, aber eben auch nur gesehen. Sie haben auf dem Rücken zwei blaue Flecken, die aussehen wie Gehirne. Vielleicht ist das ein Schwachpunkt. Aber sie können sich schnell wenden."
"Was soll das heißen? Sie können sich schnell wenden?"
"Als das Ding wieder heraus gekrochen ist, hat es sich nicht mit dem ganzen Körper umgedreht, sondern der Teil mit dem Kopf und den Armen sind ist einfach in die andere Richtung gerutscht."
"Das klingt verdammt abgefahren." Metze runzelte die Stirn. "Wo würdest du drauf schlagen?"
"Wenn nicht auf den Rücken, dann auf das Auge", überlegte Denny.
"Wir brauchen irgendwas als Waffe."
"Vielleicht können wir die Tische zerlegen. Die sind doch bestimmt nur zusammen geschraubt."
"Und wo soll es dann hin gehen?"
"Zu einem Ort in der Nähe hier. Viele Treppen. Wenig Fahrstühle. Versteckmöglichkeiten."
Sie überlegten. Denny kannte jedes einzelne Haus in der Innenstadt von seiner Fassade her. Wie sie innen drin ausgestattet waren, wusste er nicht.
"Der City-Tunnel. Ohne Fahrstuhl können sie da nicht runter", raunte Metze. "Im Bahnhof ist eine Bullenstation. Die haben Waffen."
"Die Außerirdischen haben den Bahnhof kaputt geschossen mit ihren Blitzen."
"Du meinst, vielleicht ist der Tunnel eingefallen?"
"Keine Ahnung."
"Mir fällt grad nichts Besseres ein. Sind in Tunneln nicht immer Notausgänge? Da könnten wir durch, wenn's eng wird."
"Gilt das nicht nur für Autobahntunnel?"
"Wir könnten bis zum Bayrischen Bahnhof vorgehen. Da kenne ich ein paar Schlupfwinkel."
Denny fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, im Dunkeln der Gleise zu warten. Aber die Treppen und die Tiefe der Anlage waren verlockend. Hier waren sie definitiv in Gefahr. Vielleicht kam der Außerirdische zurück. Draußen gab es wenigstens verschieden Wege wegzurennen.
Er atmete tief durch. "Lass es uns so machen: Wir bewegen uns zum Markt. Wenn wir zwischendurch ein besseres Versteck finden, dann lass uns da bleiben."
"In Ordnung."
Sie kletterten wieder aus ihrem Versteck heraus. Von draußen war nach wie vor Kampflärm zu hören. Immer noch schlugen Blitze in die Gebäude ein. Zwischendurch klirrte Glas. Keine Schüsse mehr. Der Regen hatte nachgelassen.
Denny bemerkte ein Waschbecken in der Ecke des Zimmers. Er beugte sich runter und ließ frisches Wasser in seinen Mund laufen, bis er sich gesättigt fühlte. Metze hockte an der Ecke zur Tür und warf einen Blick nach draußen.
"Hier ist nichts mehr", flüsterte er. Er griff in seine Hosentasche und holte ein kleines Messer hervor und begann in Windes Eile zwei Tische auseinander zu montieren. Jetzt hatten sie Waffen. Zwei Eisenstangen. Blau lackiert.
"Können wir die als Schild benutzen?" Denny hob einen Tisch hoch. Nein. Zu schwer. Zu unhandlich.
"Scharfe Zähne. Lange Arme. Wendiger Körper", erinnerte Denny. Metze nickte.
Sie schlichen aus dem Seminarraum vorwärts zum Treppenhaus. Die Anzeige des Aufzugs war erloschen. Der Strom war immer noch weg. Und in dem Moment, in dem Denny Metze darauf aufmerksam machen wollte, hörte er vor ihnen ein Geräusch.
Der Außerirdische war nach wie vor in ihrer Etage. Er kam durch den entgegen gesetzten Flur auf sie zu. Hinter sich zog er eine zusammen geschnürte Person. Denny merkte, wie die Eisenstange in seiner schwitzigen Hand rutschte.
Das Wesen war aufgerichtet genauso groß wie er. Es erblickte sie und begann zu grunzen.
Metze erstarrte in seiner Bewegung. Denny griff nach seinem Arm und zog ihn zur Treppe. "Alter, lass uns hier abhauen."
"Das ist ja furchtbar", hauchte Metze. "Mach, dass wir hier wegkommen."
Sie gaben ihre gebückte Haltung auf und rannten die Treppen hinunter.




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Samstag, 4. Oktober 2014

Schlingen um Leipzig (Teil 5)

Die Erzählung beginnt hier.
Dennys Körper verkrampfte. Die Luft, die er ausatmete, hinterließ eine feuchte Spur auf der Deckenverkleidung. Er öffnete die Augen wieder und blinzelte durch den Schlitz zum Fußboden herunter. Ganz leises Schaben erfüllte den Raum. Und er hörte noch etwas. Abgedämpfter Gesang und Gitarrenklänge.
Als der Horror los ging, hatte er die Kopfhörer abgenommen, aber die Musik nicht abgestellt. Die Hörer baumelten aus seiner Jacke heraus. Wieso war das auf einmal so laut?
Denny hatte das Gefühl, dass er sich zusammen kauern und nur noch weinen wollte. Er war dem Tod so nahe und jetzt versaute er sich jegliche Chance zu überleben. Er brauchte kein Pech, um zu sterben. Seine eigene Dummheit reichte vollkommen aus.
Er presste die Lippen aufeinander. Er durfte sich nicht bewegen. Jedes Rascheln würde die Aufmerksamkeit des Außerirdischen auf ihr Versteck lenken. Wie gut waren seine Ohren? Wie gut seine Nase? Roch er ihre Anwesenheit? Sah er den Spalt in der Deckenverkleidung? Wenn es nur einer war, konnten sie ihn dann überwältigen?
Denny warf einen Blick herüber zu Metze. Der hielt seine Ohren mit beiden Händen zu. Die Augen fest verschlossen murmelte er lautlos zu sich selbst.
Die Sinne weg rationalisieren. Verblendung als Flucht.
Denny konnte das nicht. Den Körper bis auf die kleinsten Muskeln angespannt, heftete er den Blick auf dieses kleine Fenster, das nur graues Linoleum offenbarte.
Das Schaben kam näher. Langsam. Schob sich etwas in sein Sichtfeld. Kein Schatten ging ihm voraus. Es kam.
Denny vergaß die leise plärrenden Kopfhörer, als er den Außerirdischen erblickte. Ein auf den ersten Blick unförmiges Wesen, farblich irgendwo zwischen grau, gelb und grün angesiedelt. Ein Klotz als Gestalt. Vielleicht Fett. Eher Muskeln. Die haarlose Haut wirkte formbar, wenn auch die Gestalt durchaus stabil aussah.
Von diesem Kloßartigen Körper gingen zwei Extremitäten aus. Eher Armen als Beinen ähnlich. Denny konnte keine Knochenstruktur ausmachen. Ellbogen besaß dieses Wesen nicht. Diese Arme gingen in mehrere Finger über. Sie waren länger als menschliche und Denny nannte sie nur Finger, weil sie dieser Beschreibung am nächsten waren. Es gab keine Handfläche. Die Extremität spaltete sich einfach in mehrere kleine andere auf. Die Finger hielten eines der gelben Lassos.
Die Arme waren schmal verglichen zum massiven Körper. Sie dienten nicht der Fortbewegung. Eine Wellenförmige Bewegung des unteren Bereichs des Körpers sorgte für das Vorankommen. Ähnlich wie bei einer Schnecke, nur ohne Schleim.
Auf der Oberseite des Körpers saß ein zylindrischer Kopf mit einem nach vorne gerichtetem Sehorgan. Es erinnerte Denny an die Augen von Insekten. Kein Augapfel, keine Pupille, sondern ein starres Netz aus kleinen schwarzen Punkten, die sich nicht bewegten, sondern nur vorne ausgerichtet blickten, einem Raubtier ähnlich.
Unter dem Auge öffnete sich eine Mundhöhle mit Zahnreihen. Denny konnte von seinem Standort aus nicht erkennen, aus welchen Einzelheiten das Gebiss bestand. Es gab keinen erkennbaren Kiefer. Rumpf und Kopf gingen nahtlos ineinander über und wurden nur von diesem lippenlosen Maul getrennt. Aus diesem stachen einzelne Zähne hervor. Spitze, lange, scharfe Zähne.
Bei all den Diskussionen über eine mögliche Kommunikation mit intelligentem Leben im All, war stets ein positiver, aufgeschlossener Tenor als Grundlage gebraucht worden. Was geschah, wenn die Gefräßigkeit den Verstand besiegte? Was geschah, wenn die Intelligenz der Gegenseite dazu diente, Tötungsstrategien zu entwickeln?
Aber sie mussten eine höhere Intelligenz haben als ein Tier, das nur auf Nahrungssuche ist. Sie hatten Raumschiffe gebaut. Sie hatten Energiestrahlen entwickelt, die Gebäude in Schutt und Asche legen konnten. Sie warfen ein Lasso mit einer nervenaufreibender Zielgenauigkeit. Das sprach von Entwicklung, Verstand und Geschick.
Der Außerirdische bewegte sich weiter und Denny konnte einen genaueren Blick auf seine Rückenpartie werfen. Dunkelblaue Stränge liefen dort in zwei ballförmige Knotenpunkte zusammen. War das sein Nervenzentrum? Oben im Kopf konnte es nicht sein. Über den Augen endete der Schädel wie schief abgeschnitten.
Es machte ein Geräusch. Dieses Grunzen. Ein dunkler, tiefer Ton, ganz hinten aus der Kehle.
Es wusste, dass sie in diesem Raum waren. Es sah sie nur nicht. Ging es jetzt die einzelnen Möglichkeiten durch? Wie lange waren sie hier oben sicher? Würde es Sinn machen, den Überraschungsmoment zu nutzen, jetzt schnell aus der Decke zu springen, das Wesen mit einem Stuhl zu schlagen und die Tür von der anderen Seite zu schließen. Oder rechnete es damit, angegriffen zu werden? Denny wollte den Zähnen nicht zu nahe kommen.
Unter ihm schlug der Außerirdische gegen das Fensterglas. Metze und Denny zuckten beide zusammen. Metze war aus seiner Agonie erwacht und starrte nun mit offenem Mund an Denny vorbei in den dunklen Raum ihres Versteckes.
Richtig. Er hatte ja das Fenster aufgelassen. Konnte der Außerirdische mit seiner Statur überhaupt bis zur Straße schauen? Vielleicht ging er davon aus, dass sie gesprungen waren. Wie auch immer. Das Wesen blieb im Raum. Denny konnte nicht sagen, wie lange. Seine innere Uhr lief Amok. Vielleicht waren es nur zwanzig Sekunden. Vielleicht fünf Minuten.
Ein langer Moment voller Bewegungslosigkeit. Leise Musik. Lärm von draußen. Schreie. Das dumpfe Zusammenbrechen von Gebäuden, wenn die Blitze einschlugen. Autoreifen quietschten. Er hörte wiederholt Schüsse.
Und dann kam ein neues Hintergrundgeräusch hinzu. Es begann zu regnen. Nicht leicht, sondern in Strömen. Das Wasser färbte die Geräuschkulisse noch dunkler. Und übertönte fast die Schritte, die sich dem Raum näherten.
Oh bitte, komm nicht rein, bettelte Denny in seinem Kopf. Vergebens. Schuhsohlen quietschten auf dem Boden.
"Sind hier noch Leute? Sie sind fast alle - Oh, fuck!" Eine angsterfüllte, hohe Stimme. Die Person rannte davon.
Das Wesen stieß ein weiteres Grunzgeräusch aus. Denny sah, wie es sich wieder auf die Tür zu bewegte. Dabei drehte es sich nicht um hundertachtzig Grad, wie ein Mensch es tun würde, sondern richtete einfach seinen Rumpf in die andere Richtung aus und kroch davon. In einer Geschwindigkeit, die nicht zu unterschätzen war.
Die Angreifer waren keine Schnecken. Sie verfolgten ihre Ziele. Und sie hatten Meterlange Lassos, mit denen sie rennende Menschen einfangen konnten. Selbst ohne Seile blieben sie Kolosse mit fürchterlichen Zähnen und langgliedrigen Extremitäten.
Denny wartete, bis sich das Schaben außer Hörweite befand. Er griff in seine Jackentasche und schaltete die Musik aus.
Sein Smartphone in der Hand schalt er sich einen Narren. Wieso hatte er kein Video gemacht? Er schaute auf das Display. Weil er auf der Arbeit das Gerät stets lautlos stellte, hatte er die Kontaktversuche nicht vernommen. 28 unbeantwortete Anrufe. Seine Mutter. Seine Schwester. Sein bester Freund. Mehrere Sofortnachrichten.
Bist du ok?
Denny, bitte melde dich.
Seine Hand zitterte, als er antwortete: Verstecke mich. Bin am Leben. Melde mich wenn kann. Er schluckte und fügte hinzu: Ich hab euch alle lieb.
Er schaltete das Telefon aus, um den Akku zu schonen. Dann schlug er die Hände vor das Gesicht und ließ den Tränen freien Lauf.




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