Montag, 26. Oktober 2015

Erbgut

Es juckt an meinem Körper.
Ich habe es mit Kratzen probiert. Das treibt die Striemen ins intensive Rot.
Eine Allergie, sagt die Freundin. Frische Luft und richtige Ernährung und dir geht es besser.
Ich ignoriere es und kratze weiter.
Das Blut krustet zu Flecken in der Kleidung. Kunstfaser verklebt mit neuem Gewebe.
Keine Heilung. Jede Bewegung reißt die Wunden auf.
Die Flecken unter den Fingernägeln werden verdächtig dunkel.
Der alte Doktor sagt, es sei eine Infektion. Ich muss Medikamente nehmen.
Die unterdrücken den Juckreiz.
Keine Heilung. Narben zieren mein Fleisch.
Kein Muster. Nur Erinnerung.
Bald geht es von Neuem los. Ich kratze und reibe mich an allem, was rau ist und Kanten hat.
Mein Fleisch wird roh. Die Venen pumpen. Schmerz ist besser als Taubheit.
Der neue Doktor sagt, es liege in den Genen. Da hilft nichts, nur hoffen, sagt er,
hoffen, dass ich nicht grausam daran sterben werde.

Die Familienforschung ergibt:
Großmutters Bruder ist daran verendet.
Große Teile seines Körpers wurden ihm abgeschlagen. Er erholte sich nie.
Kopf hoch, schreit der Nachbar aus Entfernung. Man lernt damit zu leben.

Ich schaue fern. Ich lese Nachrichten.
Was bei mir neu ist, das bringen sie nie.
Der Eiter zieht die Maden an.
Der Dreck in meinem Körper verlangt nach Säuberung.
Ich fiebere.
In Alpträumen schaut mich nur noch mein Totenkopf an.
Andere Körper reifen. Mein Hirn dagegen, meine Augen, meine Haut, meine Sinne, alles fortgewetzt.
Nur noch Knochen, nur noch Seele, die verkümmert darauf schaut, was mit mir geschieht.
Ich wollte mal die Welt sehen, jetzt schaue ich nicht mal mehr zum Fenster heraus.
Das Sonnenlicht schmerzt in meinen Augen und das Lachen der Menschen lässt mich vor Wut weinen.

Mittwoch, 2. September 2015

Blaues Gestein

Nebel lag über den Wiesen des Rosentals. In kleinen, zähen Wolken ballte er sich über dem Boden zusammen. Hier am Zooschaufenster quellte er über den Zaun. Ein stilles Merkblatt, wie sich Tiere einsperren ließen, aber das Wetter sein eigener Herr blieb.
Es war früher Morgen, kurz nach fünf. Eric lief. Es war die letzte seiner drei Runden. Heute schien es ausgesprochen ruhig zu sein. Gestern erst hatte Eric ein Reh aufgeschreckt, was auf der Wiese geäst hatte. Es war hinweg gesprungen, herein in das angrenzende Waldgebiet.
Die Nacht über hatte es leicht geregnet. Die Luft war sehr angenehm. Das feuchte Gras strich an seinen Unterschenkeln vorbei. Der Tau mischte sich zu seinem Schweiß.
Den Rhythmus beachten. Einatmen. Ausatmen. Er lag gut in der Zeit. Sein Puls blieb gleich. Der Körper war auf Ausdauer trainiert.
Er passierte einen der aufgestellten Mülleimer. Eine Krähe zog etwas daraus hervor und flog damit weg. Es war etwas Großes gewesen. Eric warf ihr einen Blick hinterher.
Er stolperte.
Und fiel vorn über.
"Verdammt." Eric wischte sich den Dreck aus dem Gesicht. Sein rechtes Knie war leicht aufgeschrammt. Blut sammelte sich in dünnen Perlen auf der Haut.
Worüber war er gefallen? Er kannte die Unebenheiten im Boden. Ästen und größeren Steinen wich er erfahrungsgemäß aus. Er warf einen Blick zurück.
Tatsächlich. Dort lag ein Stein. Wieso hatte er ihn die letzten beiden Male, die er hier entlang gelaufen war, nicht bemerkt? Der Stein war groß wie eine Kinderfaust, leicht konisch geformt, matt schwarz mit durchbrechenden, intensiv blauen Elementen, die im aufkommenden Sonnenlicht funkelten.
Eric nahm den Stein in die Hand. Er war recht leicht und erinnerte von seiner Struktur an Vulkanstein, auch wenn keine sichtbaren Luftlöcher erkennbar waren. Die Form machte Eric stutzig. Glatte Ebenen, runde Kanten. Das war nichts ihm Bekanntes. Er starrte auf das Objekt in seiner Hand. Es war faszinierend, wie diese blauen Teilstücke das Licht auffingen und wieder von sich gaben.
Eric sah sich nicht um. Er steckte den Stein in die Tasche seiner Sporthose und lief weiter.

Es wurde ein langer Tag auf der Arbeit. Eric saß an seinem Platz und arbeite an Grafikentwürfen für ein neues Projekt. Der Auftraggeber hatte schon zweimal angerufen, um zu fragen, ob es früher fertig werden könnte. Nein. Unmöglich. Er saß zur Zeit alleine im Büro. Sein Kollege befand sich seit zwei Tagen im Urlaub. Das war in der Zeitkalkulation des Auftrags mit integriert gewesen.
Heute war Eric froh, dass ihm niemand über die Schulter schaute. Immer wieder öffnete er den Browser und schickte alles durch die Suchmaschinen, was ihn zum Thema Geologie einfiel. Er klickte sich durch Artikel um Artikel bei Wikipedia und durchstöberte Foren und Fachseiten. Zu seiner Überraschung war die Auswahl an blauen Steinen und Mineralien relativ groß. Sie fanden sich in unterschiedlichem Ausprägungen auf der ganzen Welt. Manche gab es sogar in Deutschland.
Wieso habe ich den Stein zu Hause gelassen?, dachte Eric.
Hier auf dem Bildschirm ähnelte sich das alles sehr. Chalkanthit, Azurit, Kinoit, Hauyn, Spektrolith, Lasurit, Vivianit. Er müsste sie in echt sehen, wie sie mit Licht reagieren, nur so zum Vergleich mit seinem Fundstück.
Und was hatte diese ungewöhnliche Form auf sich? Wie ein Kuchenstück ohne Ecken und Kanten, glatt geschliffen mit aus dem Kernstück herausbrechenden, blauen Fragmenten.
Eric sah auf die Uhr. Es waren noch zweieinhalb Stunden, bis er Feierabend machen konnte. Er hatte nichts erreicht. Weder war er bei seiner Aufgabe weitergekommen, die Werbegrafiken für den Kunden fertigzustellen noch hatte er herausgefunden, was ihn heute Morgen auf seiner Joggingrunde zu Fall gebracht hatte.
Er seufzte und schaute auf seine herausgesuchten Mineralien. Einige von ihnen konnten nachgewiesen werden, weil sie "in Salzsäure löslich" waren. Alles, was er las, sagte ihm, dass er sich einiges an Wissen aneignen musste, um ein Mineral richtig einordnen zu können. Was war ein "Pleochroismus"? Er sprach das Wort laut aus. Es klang immer noch fremd.
Der Gedanke kam ihm in den Sinn, einen Fachmann aufzusuchen. Aber was war, wenn der Stein etwas Besonderes darstellte? Etwas Wertvolles?
Eric erinnerte sich daran, wie weich sich die Oberfläche angefühlt hatte. Es war wenig Sonnenlicht vorhanden gewesen und die blauen Versatzstücke hatten schon gefunkelt.
Eric wollte den Stein behalten.

"Hast du noch nicht gekocht?" Elias beugte sich über die Couch und gab Eric einen Kuss auf den Kopf.
"Nee, ich hatte noch keine Zeit." Als Eric gehört hatte, wie Elias die Haustür aufschloss, hatte er den Stein schnell in seine Hosentasche gesteckt.
"Seit wann bist du hier?"
"Keine Ahnung. Dreiviertel Stunde oder so."
"Und da hattest du nicht Zeit, mal grad ein paar Nudeln ins Wasser zu werfen?"
"Nein. Ich war in Gedanken."
Eric starrte gezielt auf den Boden. Er konnte Elias' Blick auf sich spüren.
"Ist etwas passiert heute? Du warst schon nach dem Laufen so komisch."
"Nein. Nein." Eric lächelte schief. "Tut mir leid. Ich fühle mich heute einfach nicht so wohl. Ich kann dir nicht sagen, woran es liegt."
"Eric, du weißt, dass ich es nicht mag, wenn du dich verschließt."
"Es ist nichts Ernstes, Elias. Mach dir keine Sorgen."
Elias schnaufte. Kurz darauf konnte Eric ihn in der Küche mit dem Geschirr klappern hören. Er legte seine Hand auf die ausgebeulte Hosentasche. Er brauchte ein Versteck. Wie sollte er Elias erzählen, dass ein blauer Stein ihn so sehr faszinierte, dass er ihn nicht teilen wollte?
Eric stand auf und verstaute den Stein in seiner Unterhosenschublade.

Elias ging vor ihm ins Bett. Er las, auf der Seite liegend, noch einen dieser skandinavischen Krimis, die er so mochte. Eric spülte die Teller vom Abendessen ab und kochte sich wie jeden Abend noch einen letzten Tee. Er hörte das Rascheln der Seiten, wenn Elias weiterblätterte. Mit der Teetasse in der Hand ging er raus auf den Balkon, der an das Schlafzimmer grenzte. Er sagte kein Wort, aber er fühlte, wie Elias ihm mit den Augen folgte.
Eric beugte sich über das Geländer und sog den Dampf des Getränks ein. Es war ein heller, warmer Abend. Aus der Nachbarschaft klang das ein oder andere Gespräch an sein Ohr. Die Straßenbahn ratterte die Nebenstraße entlang. Ein Hund bellte.
Eric ließ seinen Blick durch die Gegend schleifen. Am Nachbarhaus gegenüber war vor kurzem wieder Graffiti gesprüht worden. Irgendein Typ hatte seinen Schriftzug hinterlassen. Schon das dritte Mal in diesem Jahr. Immer derselbe Typ.
Für einen kurzen Moment flimmerte die Luft. Eric blinzelte. Das Ende der Schmiererei wurde auf einmal verdeckt. Von heißer Luft? Eric rieb sich über die Augen, aber der Eindruck blieb: Etwas hatte sich vor das Mauerwerk geschoben. Er fühlte sich an den Tarnmodus eines Videospiels erinnert, bei dem man chamäleonartig die Farben der Umgebung annahm.
Dort stand jemand auf der anderen Straßenseite an die Wand gelehnt. Er warf sogar einen leichten Schatten.
Eric spürte, wie sein Puls anfing zu rasen.
Der Hund fing wieder an zu bellen. Eric bemerkte, wie sich der Schatten bewegte. Auf einmal war der Schriftzug des Graffitis wieder vollständig zu lesen. In einer Reflexbewegung schüttete Eric seinen Rest Tee vom Balkon und betrat umgehend das Schlafzimmer. Er zog die Jalousie herunter und verriegelte die Balkontür.
"Wieso schließt du die Tür?" Elias sah von seinem Buch auf.
"Hörst du den Hund bellen? Ich möchte in Ruhe schlafen."
"Na dann ersticken wir halt heute Nacht zusammen." Elias drehte ihm den Rücken zu. Er legte sein Buch beiseite und löschte seine Nachttischlampe.
Es dauerte nicht lang, bis Elias regelmäßig atmete. Eric lag neben ihm und ließ seine Gedanken kreisen.
Etwas war mit diesem Stein nicht in Ordnung. Vielleicht sonderte er halluzigene Inhaltsstoffe ab oder beinhaltete etwas anderen Giftiges, was ihm das Hirn vernebelte. Eric hatte noch nie mit Wahnvorstellungen zu tun gehabt. Er steigerte sich in etwas hinein. Es gab keinen Tarnmodus. Seine Augen hatten ihm einen Streich gespielt.
Eric schaute herüber zum Schrank. Er merkte, wie müde er war. In weniger als sieben Stunden klingelte sein Wecker. Er musste dringend schlafen. Aber in seinen Fingern juckte es. Er würde es nicht aushalten können bis zum Morgen.
Und er stand auf, ging auf Zehenspitzen zum Schrank und holte den blauen Stein aus dessen Versteck.
Da lag er endlich wieder in seiner Hand. Selbst hier im minimalen Licht konnte er die blauen Stellen funkeln sehen. Wieso war es ihm noch nicht aufgefallen? Er hielt den Stein jetzt schon einige Minuten, aber die Wärme seiner Handflächen übertrug sich nicht auf das Mineral.
Eric legte sich wieder ins Bett. Er hielt den Stein mit beiden Händen ummantelt und drückte ihn an sich. Kurz darauf übermannte ihn die Müdigkeit. Er fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Eine kalte Brise zog an seinem Knie vorbei. Eric erwachte und schaute auf seinen Wecker. Kurz vor fünf. Gleich würde er klingeln. Eric langte herüber und schaltete den Alarm aus. Etwas stach in seine Seite. Er zuckte zusammen und griff nach dem Stein. Über Nacht war er in die Mitte der Matratze gewandert.
Draußen zwitscherten vereinzelt Vögel. Warum waren sie auf einmal so laut?
Die Balkontür stand offen.
Vielleicht hatte Elias sie die Nacht über geöffnet, um frische Luft herein zu lassen. Wie am Abend zuvor spürte Eric sein Herz auf einmal schneller schlagen. Mittlerweile hatte er sein Erlebnis am Abend als Illusion abgetan. Aber irgendwo ganz hinten in der letzten Ecke seines Kopfes hämmerte das Wissen gegen die Verdrängung.
Das erste Sonnenlicht des Tages strahlte durch die Balkontür in das Schlafzimmer. Eric sah sich im Raum um. Vor ihm an der Wand brach der Lichtstrahl vorzeitig ab. Die Raufasertapete glomm.
Was auch immer gestern vor den Nachbarhaus gestanden hatte, befand sich jetzt in seinem Schlafzimmer.
Eric wimmerte.
Keine drei Meter vor ihm befand sich etwas, was sich tarnen konnte. Was auch immer es war, es war nicht ohne Grund hier. Es war ihm gefolgt. Seine Nackenhaare stellten sich auf.
Eric warf einen kurzen Blick auf Elias, der immer noch fest schlief.
"Du willst das hier, nicht wahr?", sprach er leise und öffnete seine Hand mit dem Stein. "Aber ich möchte es auch." Seine Finger schlossen sich wieder um das Artefakt. Er starrte herausfordernd an die Wand.
Und für weniger als eine Sekunde verlor das Gegenüber seine Tarnvorrichtung. Es war blau und langbeinig mit einem schmalen Körper voller schwarzer Musterungen auf dem Rumpf. Es hatte Arme, die in zwei langen Fingern endeten. Es hatte ein langes, hornähnliches Gebilde statt eines Kopfes. Keine Augen. Keinen Mund. Nur schwarze Flecken.
Und schon verschwand das Wesen wieder in die Verborgenheit seiner Tarnung.
Eric schrie auf vor Schrecken. Er zuckte zurück an den Bettrand und warf in einer Bewegung der Abwehr das nächstbeste, was seine Hand griff.
Der Stein flog durch die Luft. Er prallte nicht gegen die Wand. Mitten in der Flugbahn wurde er farblos und verschwand im Raum.
"Was ist denn los?" Sein Schrei hatte Elias geweckt, der jetzt seine Lampe anschaltete. "Hast du schlecht geträumt?"
"Ich kann's nicht erklären, was es war." Tränen traten Eric in die Augen. Er suchte den Raum ab. Er konnte nichts erkennen.
"Jetzt ist es vorbei." Elias nahm Eric in den Arm und drückte dessen zitternden Körper an sich. Es dauerte eine Weile, bis sich Eric wieder beruhigt hatte. Elias stand auf und schloss die Balkontür. "Hast du die gestern doch noch geöffnet?"
Draußen begann der Nachbarshund zu bellen.

Donnerstag, 18. Juni 2015

Die Quelle


Es gibt keine Wiederkehr.
Der Flügel brennt.
Der Rhythmus bricht.
Wir taumeln in der Nähe des anderen.
Im Kreis treffen wir nur aufeinander,
wenn wir Stück um Stück verrücken.

In der Beziehung zwischen Dieben und Mondlicht
bleibt nur der Kuss für den Verräter.
Das Feuer für die Fackeln
sorgt für das Glitzern in den Augen.
Wie schafft der Mob es nur im Takt zu bleiben
ohne dabei Harmonien zu erzeugen?

Die Schatten sind nicht bei mir.
Sie spalten die Nacht vor mir auf.
Es rasselt in der Dunkelheit.
Der freie Gedanke zündelt. Er stiftet an.
Eine Sprache braucht das Leben.
Ich finde nur Worte für mein Schweigen.

Das Metall in deinem Silberblick
erwärmt sich nicht an meinem Herzen.
Das Dasein mit dir in Harmonie
funktioniert nur, wenn ich es will.
Verkauf mir mein Leben nicht als Stiftung.
Es gibt kein Kursbuch in meinen Händen.
Ich liebe nur, was mich erhalten kann,
denn im Kreislauf springt die Quelle an.

Donnerstag, 16. April 2015

Gegen das Kerzenlicht

Isa Karrmann schloss die Haustür hinter sich. Ein neuer Morgen. Ein anderer Tag. Mit der Stadt, die sie beschäftigte. Mit der Arbeit, die sie erhielt. Mit den Nachbarn, die sie beruhigten. Immer die gleichen Gesichtsausdrücke, während Alltagsphrasen ihr im Treppenhaus den Weg ebneten.
Isa kannte keinen dieser Menschen. Seit Jahren begegnete sie ihnen und in ihren Augen spiegelte sich nichts Ungewöhnliches. Jemand, der den Fernseher nicht zu laut stellte, der keinen aufwändigen Lebensstil führte, jemand, den man sonntags mal um zwei Eier anhauen konnte.
Zuhause war Ruhe. Einklang. Muße. Feuer existierte nur in Form von Kerzenlicht.
Bis der junge Herr in ihr Miethaus einzog.
Isa kam nach Hause und ein Umzugswagen blockierte ihren Parkplatz. Ein junger Herr kam angelaufen. Als er sich entschuldigte, fuhr er sich durch die Haare. Sein Lächeln markierte erste Falten in seinem Gesicht. Er sei der neue Mieter im zweiten Geschoss. Bisher dauerte der Einzug leider länger als eingeplant. Er duzte sie, was Isa eher amüsierte als erfreute.
Sie kannte seine Vormieterin, eine Witwe, die nach dem Betreten des Aufzug stets fünf Mal ihren Etagenknopf gedrückt hatte. Ihr Verständnis von Technik hatte stark ihrer Mitmenschlichkeit geähnelt. Isa freute sich über frisches Blut in der Nachbarschaft. Besonders über so hübsches. Auch wenn die Augenbrauen des jungen Herrn über seinen Nasenrücken zusammen wuchsen und er sich kleidete wie ein nobler Obdachloser.
Nach seinem Einzug sah sie ihn nicht viel. Sie arbeitete tagsüber und er wohl auch. Letzten Endes half die Unaufmerksamkeit einer fremden Person, Isas Interesse am neuen Nachbarn zu wecken. An einem Donnerstag voller betriebsinterner Rundmails und Flucht in die Kaffeepause kam Isa nach Hause. Die Einkäufe für das Wochenende befanden sich in zwei großen Tüten in ihrem Kofferraum. Es regnete leicht. Das Laternenlicht vor dem Nachbarhaus flackerte. Isa packte ihre Einkäufe und huschte unter das Dach des Eingangs. Automatisiert schloss sie ihren Briefkasten auf und ließ dessen Inhalt mit in ihre Beutel fallen. Ein Zettel löste sich und segelte sanft zu Boden.
"Keine Werbung, verdammt", brummte sie und hob das Papier auf. Immer diese dämlichen lokalen Autoverkäufer, Müllentsorger oder sonstwas-Dienstleister, die ihre Werbezettel in ihren Briefkasten stopften, auch wenn dieser mit einem Bitte keine Reklame-Aufkleber versehen war.
Kerrmann, du Ratte. Altes Firmengelände. Diesen Sonntag 23:30
Rote Schrift. Weißer Untergrund. Kerrmann, du Ratte. Wer würde sie bedrohen? Und wer würde dabei ihren Namen falsch schreiben? Es existierte ein altes Firmengelände zwei Straßen weiter. Es gab immer mal wieder Gerüchte, ob die Immobilie verkauft sei, aber alles, was blieb, war das aufgebrochene Tor und ein verwittertes, gelbes Schild mit dem Hinweis "Eltern haften für ihre Kinder".
Isa ließ ihren Blick über die anderen Namen auf den Briefkästen wandern. Kerrmann. Tatsächlich. Der junge Mann, der so schön lächeln aber sich nicht richtig rasieren konnte, hieß fast genauso wie sie. Wieso war ihr das bisher nicht aufgefallen? Und was sollte dieser Zettel? In was war er verwickelt?
Diesen Sonntag. 23:30. Eine Uhrzeit, zu der sie normalerweise schlief.
Isa warf den Zettel durch den Schlitz in Kerrmanns Briefkasten.

Das Leipziger Straßenlicht saugte sämtliche Farbe aus der Umgebung auf. Zwischen den orange getünchten Lichtkegeln der Straßenlampen verfiel die Umgebung in zersplitterte Schattenmuster. Was bei Sonnenlicht die sorgsam geschnittene Hecke war, wurde über Nacht die mit kleinen Stacheln versehene Wand. Unregelmäßige Kopfsteinpflaster verwandelten sich in Stolperfallen. Es war kaum zu erkennen, ob sie in Dreck oder auf Schatten trat. Ein leichter Nieselregen sorgte für ein weiches Flimmern in der Luft. Isa war noch nie aufgefallen, was für ein düsteres Gesicht ihre Heimatstadt bei Nacht aufzog.
Sie zog die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf. Ihr Versteck wählte sie hinter dem Gebüsch an der Hauswand. Keine Lichtquelle band sie mit ein. Sie verschmolz mit der Dunkelheit. Und das schon seit über zwanzig Minuten. Es war weder kalt noch windig. Sie lehnte stumm an der Hauswand und wunderte sich für einen Moment, warum sie sich so wohl fühlte.
Die Haustür wurde aufgestoßen. Der junge Mann verließ das Haus. 23:14 Uhr. Innerhalb einer Viertelstunde konnte er die Firmenruine bequem erreichen. Isa löst sich von der Wand. Sie sah noch seinen Rücken, während sie hinter das nächste Auto huschte. Er hatte die Straßenseite gewechselt und überquerte jetzt die Hauptstraße.
Isa achtete darauf, nicht zu schnell zu gehen. Bloß kein Geräusch verursachen. Auf keinen Fall auffallen. Nur ein nächtlicher Spaziergang. Vorbei am rostigen Zaun des Kindergartens hinein in die Nebenstraße. Diese endete mit einer Wendemöglichkeit. Hier wurden mittags die Kinder abgeholt.
Ein Auto näherte sich. Schwer. Schnell. Mit einem großen Schritt bewegte sich Isa hinter den nächsten Busch. Sie ging in die Hocke. Blaues Licht strich über sie hinweg. Ein Krankenwagen. Johanniter.
Isa spähte die Straße runter. Er war weg. Hatte er sich auch versteckt? Nein. Das Tor zur Ruine war leicht verschoben. Vielleicht machte er sich nichts aus Blaulicht. Vielleicht war es am Schuldigen, sich voreilig zu verstecken. Isa ärgerte sich über ihren Mangel an Selbstbewusstsein.
Ihre Knie knackten beim Aufstehen. Wann war sie eigentlich alt geworden? Den Fuß schon angehoben, die Muskeln angespannt, lautlos durch den Mund atmend, zuckte Isa erneut in eine Position der vollkommenen Starre, als zwei Autos in die Seitenstraße einbogen. Ein BMW, neues Modell, nicht vor Ort produziert. Ein Lexus. Nicht so schnittig, aber bestimmt auch schnell. Irgendwo zwischen blau und schwarz.
Nachtfahrzeuge. Im Lack spiegelte sich die Dunkelheit.
Es stiegen Männer aus. Fünf insgesamt. Nur zwei sprachen. Hochdeutsch mit einem hauchzarten Sächsisch. Sie hatte keine Einheimischen erwartet, nachdem das Schriftstück beim falschen Empfänger eingeworfen worden war. Isa tauchte ihr Gesicht bis zu den Augen in ihren Schal. Ohne Geräusch, ohne Bewegung, ohne Körper existieren. Nur für einen Moment.
Einzeln stemmten sich die Männer durch das Tor zum Inneren des Fabrikvorplatzes. Isa starrte auf die Öffnung.
Rufe aus der Ferne. Oder waren es nur Stimmen in ihrem Kopf? Was genau trieb sie nachts dazu, Verbrechern hinterher zu spionieren. Waren es überhaupt Kriminelle? Oder war sie selbst Opfer ihrer Neugierde? Was würde sie der Polizei erzählen, wenn hier etwas Ungesetzliches geschah? Würde sie überhaupt den Notruf wählen? Männer, die sich im Dunkeln treffen und eine Frau, die sie dabei beobachten will.
Sie war Verbündete des Chaos in ihrem Kopf. Sie ballte die Faust in ihrer Tasche. Ihr Haustürschlüssel stach in ihre Haut. Ein Zeichen. Eine Erinnerung. Sie musste handeln.
"Mach es", übertönte eine Stimme in ihrem Kopf den Fragenkatalog. War das der Ruf der Vernunft? Nein. Was für ein Unsinn. Seit wann flüchtete das Chaos denn vor der Vernunft?
Mit dem Schlüssel in der Hand trat sie auf den BMW zu. Sie vermied es, ihr Abbild in den verspiegelten Fenstern anzublicken. Die Spitze des Schlüssels berührte den Lack. Isa merkte den Widerstand. Das Kratzen verursachte ein leichtes Vibrieren, das durch ihre Finger glitt. Für einen Moment öffnete sich ihr Mund. Doch statt eines Stöhnens knallte ohne Warnung ein aggressiv hohes Geräusch in die Nacht hinein. Die Lichter des BMW begannen zu blinken.
Isa sprang schlagartig vom Auto weg und rannte die Straße herunter. Fort vom Geschehenen. Hinein in die Finsternis. Der Schatten bot ihr Sicherheit. Die Dunkelheit als Freund und Helfer.

Freitag, 10. April 2015

Lindenauslese: Eine Nachricht

In letzter Zeit war es sehr ruhig auf meinem Blog und die Veröffentlichungen sind rar geworden. Das hat damit zu tun, dass ich an anderen Texten gearbeitet habe, die nicht für eine Veröffentlichung hier bestimmt sind. Der wesentliche Grund ist allerdings das slltagsübliche Zeitdefizit. Leider dreht sich das Leben nicht nur um Literatur, sondern bringt gerne mal aufwändige Baustellen mit ins Spiel, die für Umwege und Wartezeiten sorgen.
Ich möchte wieder mehr schreiben und mich in einem größeren Maß Inspiration und Motivation widmen. Die Stadt birgt Tausende Geschichten. Jeder Mensch färbt die Welt auf seine Art und Weise ein. Zehn Minuten in einen Text versinken sind zehn Minuten, in denen sich ein neues Universum entfaltet. Dazu gehört auch, sich baumeln zu lassen und durchzuatmen, um gewonnene Erlebnisse und Erkenntnisse zu verarbeiten.
Literatur kann so Vieles sein und ich möchte sie in keiner Form missen, weder als Schreibende noch als Lesende.
Auch um mich selbst etwas anzustacheln, habe ich der Lindenauslese ein eigenes Profil bei Facebook gegönnt. Ich freue mich über Unterstützung und Rückmeldung.
Ein neuer Text steht in den Startlöchern und wird die nächsten Tage online gehen.
Bis dahin wünsche ich einen schönen Resttag,
Ariane

Lindenauslese bei Facebook

Sonntag, 15. März 2015

Ariane Anderswo (Teil 3)

Für das Blogger-Projekt "Leipzig Lauscht" durfte ich zu Jochen Distelmeyer ins Werk 2, um mir dort die Lesung zu seinem Debütroman "OTIS" anzuhören. Es war eine spezielle Lesung, bei der es sich der Autor nicht nehmen ließ für die musikalische Rahmenhandlung zu sorgen. Den Bericht dazu gibt es hier.
Wer Jochen Distelmeyer nicht kennt: Er ist ein deutscher Musiker und Gründungsmitglied der Band Blumfeld. Die Musik hat bei mir nie so gezogen, aber ich muss sagen, dass ich seine Darbietung bei der Lesung intensiv, mitreißend und überraschend unterhaltsam fand.
Weitere Information zum Autoren finden sich auf seiner Webseite und natürlich bei Wikipedia.

Freitag, 13. März 2015

Ariane Anderswo (Teil 2)


Für den Blog "Leipzig Lauscht" war ich auf der Leipziger Buchmesse unterwegs gewesen und bin eher rein zufällig über ein Event des Panini Verlags gestolpert, bei dem der Art Director Serban Cristescu auf einer Bühne live Simpsons-Charaktere zeichnete.
Ich bin riesiger Simpsons-Fan und konnte mir die Veranstaltung natürlich nicht entgehen lassen. Hier befindet sich mein Bericht dazu.

"Leipzig Lauscht" ist ein Projekt der Leipziger Buchwissenschaft in Kooperation mit der Leipziger Buchmesse. Die dort veröffentlichten Texte handeln rund um "Leipzig Liest", das europaweit größte Lesefestival. Es werden Orte, Bücher und Protagonisten vorgestellt, aber vor allen werden Veranstaltungen und Lesungen rezensiert. Ein spannendes Projekt und einen Besuch wert.

Montag, 2. März 2015

Ariane Anderswo (Teil 1)


Ich habe für den Blog "Leipzig lauscht" eine Filmreview zu "Als wir träumten" verfasst. Den gibt es hier zu finden: Link. Die anderen Texte auf besagtem Blog sind auch einen Blick wert. Sie handeln rund um das Lesefest "Leipzig Liest", das europaweit größte Literaturlesefest, das jedes Jahr parallel zur Leipziger Buchmesse statt findet. Im Vorfeld werden werden Orte, Bücher und Protagonisten vorgestellt, während des Festivals werden Rezensionen zu einzelnen Veranstaltungen erscheinen. Ein spannendes Projekt in Kooperation der Leipziger Messe mit der Leipziger Buchwissenschaft und immer einen Besuch wert. Noch mal. Hier geht's lang: Leipzig Lauscht, der Blog zu "Leipzig Liest".

Donnerstag, 12. Februar 2015

Element

Dein Herz ist rein und ich werde dir folgen.
Die Wärme, die dich umarmt,
Der Grund, der dich stützt,
Die Flügel, die für dich schlagen,
Die Flossen, die dich durch's Wasser leiten -
Das werde ich sein.
Wer Liebe kennt, wer Freunde sein eigen nennt,
Der weiß, wessen Impuls deine Nähe bringt.
Die Hymne auf dein Leben, die Hingabe zu deiner Person.
Ich werde alles unterstützen, was du anbrichst.
Unsere Zeit ist fern der Fiktion. Klar bei Verstand.
Mitten im Augenblick.
Es wird niemals etwas Schlechtes daraus werden.
Lass uns Feuer bergen.
Lass uns Erde bewegen.
Lass uns Luft anregen.
Lass uns Wasser teilen.
Die Sehnsucht, die ich durchlitt,
ist nun die Kraft, die mich antreibt.
Züngeln, treiben, nähren, lassen -
die Hymne auf dein Leben.
Für immer dein.

Donnerstag, 29. Januar 2015

Serienübersicht

Die drei bisher veröffentlichten Serien sind nun auch als komplette Texte in der Sidebar zu finden.


  • Hohlenfeld - Maleen zieht mit ihren Eltern aus der Stadt aufs Land. Komplett unwillig, sich zu integrieren, flüchtet sie sich in ihre Wut, bis die Geschehnisse um sie herum ihren Tribut fordern.

  • Lani - Scott trifft Lani auf dem Leipziger Augustusplatz. Ihre Lebensgeschichte prallt auf seine generelle Gleichgültigkeit. Als Scott diesen Konflikt sucht, findet er in Lani einen unerwarteten Wegweiser.

  • Schlingen um Leipzig - Die Messestadt wird von Außerirdischen angegriffen. Mitten drin befinden sich Denny und Metze, deren einziges Ziel es ist, zu überleben, während um sie herum die Stadt brennt und die Menschen sterben.

Sonntag, 11. Januar 2015

Tod, schönes Mädchen

Hallo Tod, schönes Mädchen,
im schwarzen Spiegel glänzt dein Licht.
Sammelst du Seelen, sammelst du Namen,
auf welchen Erfolg bist du erpicht?

Ich kenn' dich schon vom Wintertanz.
Im Haar spiegelt der Mondesglanz.
Zwischen uns bewegst du dich
ausgelassen im Kreis umher.
Du drehst dich wie verrückt
so wunderschön dein Angesicht.
Die Sinfonie zu deinen Ehren,
wer kann dir den Tanz verwehren?

Tod, schönes Mädchen,
ich entferne mich.
Deine Augen kennen nicht
Liebe, Güte, Tageslicht.
Dein Kichern klingt so hohl.
'Rattenvolk, was Ratten folgt,
ward ihr gestern, seid ihr heute,
nur nichts Bess'res als meine Beute."

Tod, schönes Mädchen,
alles fällt dir zu Füßen nieder.
Allein ich bin auf der Flucht vor dir,
hinterlasse Zeichen, Texte, Lieder.