Donnerstag, 16. April 2015

Gegen das Kerzenlicht

Isa Karrmann schloss die Haustür hinter sich. Ein neuer Morgen. Ein anderer Tag. Mit der Stadt, die sie beschäftigte. Mit der Arbeit, die sie erhielt. Mit den Nachbarn, die sie beruhigten. Immer die gleichen Gesichtsausdrücke, während Alltagsphrasen ihr im Treppenhaus den Weg ebneten.
Isa kannte keinen dieser Menschen. Seit Jahren begegnete sie ihnen und in ihren Augen spiegelte sich nichts Ungewöhnliches. Jemand, der den Fernseher nicht zu laut stellte, der keinen aufwändigen Lebensstil führte, jemand, den man sonntags mal um zwei Eier anhauen konnte.
Zuhause war Ruhe. Einklang. Muße. Feuer existierte nur in Form von Kerzenlicht.
Bis der junge Herr in ihr Miethaus einzog.
Isa kam nach Hause und ein Umzugswagen blockierte ihren Parkplatz. Ein junger Herr kam angelaufen. Als er sich entschuldigte, fuhr er sich durch die Haare. Sein Lächeln markierte erste Falten in seinem Gesicht. Er sei der neue Mieter im zweiten Geschoss. Bisher dauerte der Einzug leider länger als eingeplant. Er duzte sie, was Isa eher amüsierte als erfreute.
Sie kannte seine Vormieterin, eine Witwe, die nach dem Betreten des Aufzug stets fünf Mal ihren Etagenknopf gedrückt hatte. Ihr Verständnis von Technik hatte stark ihrer Mitmenschlichkeit geähnelt. Isa freute sich über frisches Blut in der Nachbarschaft. Besonders über so hübsches. Auch wenn die Augenbrauen des jungen Herrn über seinen Nasenrücken zusammen wuchsen und er sich kleidete wie ein nobler Obdachloser.
Nach seinem Einzug sah sie ihn nicht viel. Sie arbeitete tagsüber und er wohl auch. Letzten Endes half die Unaufmerksamkeit einer fremden Person, Isas Interesse am neuen Nachbarn zu wecken. An einem Donnerstag voller betriebsinterner Rundmails und Flucht in die Kaffeepause kam Isa nach Hause. Die Einkäufe für das Wochenende befanden sich in zwei großen Tüten in ihrem Kofferraum. Es regnete leicht. Das Laternenlicht vor dem Nachbarhaus flackerte. Isa packte ihre Einkäufe und huschte unter das Dach des Eingangs. Automatisiert schloss sie ihren Briefkasten auf und ließ dessen Inhalt mit in ihre Beutel fallen. Ein Zettel löste sich und segelte sanft zu Boden.
"Keine Werbung, verdammt", brummte sie und hob das Papier auf. Immer diese dämlichen lokalen Autoverkäufer, Müllentsorger oder sonstwas-Dienstleister, die ihre Werbezettel in ihren Briefkasten stopften, auch wenn dieser mit einem Bitte keine Reklame-Aufkleber versehen war.
Kerrmann, du Ratte. Altes Firmengelände. Diesen Sonntag 23:30
Rote Schrift. Weißer Untergrund. Kerrmann, du Ratte. Wer würde sie bedrohen? Und wer würde dabei ihren Namen falsch schreiben? Es existierte ein altes Firmengelände zwei Straßen weiter. Es gab immer mal wieder Gerüchte, ob die Immobilie verkauft sei, aber alles, was blieb, war das aufgebrochene Tor und ein verwittertes, gelbes Schild mit dem Hinweis "Eltern haften für ihre Kinder".
Isa ließ ihren Blick über die anderen Namen auf den Briefkästen wandern. Kerrmann. Tatsächlich. Der junge Mann, der so schön lächeln aber sich nicht richtig rasieren konnte, hieß fast genauso wie sie. Wieso war ihr das bisher nicht aufgefallen? Und was sollte dieser Zettel? In was war er verwickelt?
Diesen Sonntag. 23:30. Eine Uhrzeit, zu der sie normalerweise schlief.
Isa warf den Zettel durch den Schlitz in Kerrmanns Briefkasten.

Das Leipziger Straßenlicht saugte sämtliche Farbe aus der Umgebung auf. Zwischen den orange getünchten Lichtkegeln der Straßenlampen verfiel die Umgebung in zersplitterte Schattenmuster. Was bei Sonnenlicht die sorgsam geschnittene Hecke war, wurde über Nacht die mit kleinen Stacheln versehene Wand. Unregelmäßige Kopfsteinpflaster verwandelten sich in Stolperfallen. Es war kaum zu erkennen, ob sie in Dreck oder auf Schatten trat. Ein leichter Nieselregen sorgte für ein weiches Flimmern in der Luft. Isa war noch nie aufgefallen, was für ein düsteres Gesicht ihre Heimatstadt bei Nacht aufzog.
Sie zog die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf. Ihr Versteck wählte sie hinter dem Gebüsch an der Hauswand. Keine Lichtquelle band sie mit ein. Sie verschmolz mit der Dunkelheit. Und das schon seit über zwanzig Minuten. Es war weder kalt noch windig. Sie lehnte stumm an der Hauswand und wunderte sich für einen Moment, warum sie sich so wohl fühlte.
Die Haustür wurde aufgestoßen. Der junge Mann verließ das Haus. 23:14 Uhr. Innerhalb einer Viertelstunde konnte er die Firmenruine bequem erreichen. Isa löst sich von der Wand. Sie sah noch seinen Rücken, während sie hinter das nächste Auto huschte. Er hatte die Straßenseite gewechselt und überquerte jetzt die Hauptstraße.
Isa achtete darauf, nicht zu schnell zu gehen. Bloß kein Geräusch verursachen. Auf keinen Fall auffallen. Nur ein nächtlicher Spaziergang. Vorbei am rostigen Zaun des Kindergartens hinein in die Nebenstraße. Diese endete mit einer Wendemöglichkeit. Hier wurden mittags die Kinder abgeholt.
Ein Auto näherte sich. Schwer. Schnell. Mit einem großen Schritt bewegte sich Isa hinter den nächsten Busch. Sie ging in die Hocke. Blaues Licht strich über sie hinweg. Ein Krankenwagen. Johanniter.
Isa spähte die Straße runter. Er war weg. Hatte er sich auch versteckt? Nein. Das Tor zur Ruine war leicht verschoben. Vielleicht machte er sich nichts aus Blaulicht. Vielleicht war es am Schuldigen, sich voreilig zu verstecken. Isa ärgerte sich über ihren Mangel an Selbstbewusstsein.
Ihre Knie knackten beim Aufstehen. Wann war sie eigentlich alt geworden? Den Fuß schon angehoben, die Muskeln angespannt, lautlos durch den Mund atmend, zuckte Isa erneut in eine Position der vollkommenen Starre, als zwei Autos in die Seitenstraße einbogen. Ein BMW, neues Modell, nicht vor Ort produziert. Ein Lexus. Nicht so schnittig, aber bestimmt auch schnell. Irgendwo zwischen blau und schwarz.
Nachtfahrzeuge. Im Lack spiegelte sich die Dunkelheit.
Es stiegen Männer aus. Fünf insgesamt. Nur zwei sprachen. Hochdeutsch mit einem hauchzarten Sächsisch. Sie hatte keine Einheimischen erwartet, nachdem das Schriftstück beim falschen Empfänger eingeworfen worden war. Isa tauchte ihr Gesicht bis zu den Augen in ihren Schal. Ohne Geräusch, ohne Bewegung, ohne Körper existieren. Nur für einen Moment.
Einzeln stemmten sich die Männer durch das Tor zum Inneren des Fabrikvorplatzes. Isa starrte auf die Öffnung.
Rufe aus der Ferne. Oder waren es nur Stimmen in ihrem Kopf? Was genau trieb sie nachts dazu, Verbrechern hinterher zu spionieren. Waren es überhaupt Kriminelle? Oder war sie selbst Opfer ihrer Neugierde? Was würde sie der Polizei erzählen, wenn hier etwas Ungesetzliches geschah? Würde sie überhaupt den Notruf wählen? Männer, die sich im Dunkeln treffen und eine Frau, die sie dabei beobachten will.
Sie war Verbündete des Chaos in ihrem Kopf. Sie ballte die Faust in ihrer Tasche. Ihr Haustürschlüssel stach in ihre Haut. Ein Zeichen. Eine Erinnerung. Sie musste handeln.
"Mach es", übertönte eine Stimme in ihrem Kopf den Fragenkatalog. War das der Ruf der Vernunft? Nein. Was für ein Unsinn. Seit wann flüchtete das Chaos denn vor der Vernunft?
Mit dem Schlüssel in der Hand trat sie auf den BMW zu. Sie vermied es, ihr Abbild in den verspiegelten Fenstern anzublicken. Die Spitze des Schlüssels berührte den Lack. Isa merkte den Widerstand. Das Kratzen verursachte ein leichtes Vibrieren, das durch ihre Finger glitt. Für einen Moment öffnete sich ihr Mund. Doch statt eines Stöhnens knallte ohne Warnung ein aggressiv hohes Geräusch in die Nacht hinein. Die Lichter des BMW begannen zu blinken.
Isa sprang schlagartig vom Auto weg und rannte die Straße herunter. Fort vom Geschehenen. Hinein in die Finsternis. Der Schatten bot ihr Sicherheit. Die Dunkelheit als Freund und Helfer.

Freitag, 10. April 2015

Lindenauslese: Eine Nachricht

In letzter Zeit war es sehr ruhig auf meinem Blog und die Veröffentlichungen sind rar geworden. Das hat damit zu tun, dass ich an anderen Texten gearbeitet habe, die nicht für eine Veröffentlichung hier bestimmt sind. Der wesentliche Grund ist allerdings das slltagsübliche Zeitdefizit. Leider dreht sich das Leben nicht nur um Literatur, sondern bringt gerne mal aufwändige Baustellen mit ins Spiel, die für Umwege und Wartezeiten sorgen.
Ich möchte wieder mehr schreiben und mich in einem größeren Maß Inspiration und Motivation widmen. Die Stadt birgt Tausende Geschichten. Jeder Mensch färbt die Welt auf seine Art und Weise ein. Zehn Minuten in einen Text versinken sind zehn Minuten, in denen sich ein neues Universum entfaltet. Dazu gehört auch, sich baumeln zu lassen und durchzuatmen, um gewonnene Erlebnisse und Erkenntnisse zu verarbeiten.
Literatur kann so Vieles sein und ich möchte sie in keiner Form missen, weder als Schreibende noch als Lesende.
Auch um mich selbst etwas anzustacheln, habe ich der Lindenauslese ein eigenes Profil bei Facebook gegönnt. Ich freue mich über Unterstützung und Rückmeldung.
Ein neuer Text steht in den Startlöchern und wird die nächsten Tage online gehen.
Bis dahin wünsche ich einen schönen Resttag,
Ariane

Lindenauslese bei Facebook