Montag, 26. Oktober 2015

Erbgut

Es juckt an meinem Körper.
Ich habe es mit Kratzen probiert. Das treibt die Striemen ins intensive Rot.
Eine Allergie, sagt die Freundin. Frische Luft und richtige Ernährung und dir geht es besser.
Ich ignoriere es und kratze weiter.
Das Blut krustet zu Flecken in der Kleidung. Kunstfaser verklebt mit neuem Gewebe.
Keine Heilung. Jede Bewegung reißt die Wunden auf.
Die Flecken unter den Fingernägeln werden verdächtig dunkel.
Der alte Doktor sagt, es sei eine Infektion. Ich muss Medikamente nehmen.
Die unterdrücken den Juckreiz.
Keine Heilung. Narben zieren mein Fleisch.
Kein Muster. Nur Erinnerung.
Bald geht es von Neuem los. Ich kratze und reibe mich an allem, was rau ist und Kanten hat.
Mein Fleisch wird roh. Die Venen pumpen. Schmerz ist besser als Taubheit.
Der neue Doktor sagt, es liege in den Genen. Da hilft nichts, nur hoffen, sagt er,
hoffen, dass ich nicht grausam daran sterben werde.

Die Familienforschung ergibt:
Großmutters Bruder ist daran verendet.
Große Teile seines Körpers wurden ihm abgeschlagen. Er erholte sich nie.
Kopf hoch, schreit der Nachbar aus Entfernung. Man lernt damit zu leben.

Ich schaue fern. Ich lese Nachrichten.
Was bei mir neu ist, das bringen sie nie.
Der Eiter zieht die Maden an.
Der Dreck in meinem Körper verlangt nach Säuberung.
Ich fiebere.
In Alpträumen schaut mich nur noch mein Totenkopf an.
Andere Körper reifen. Mein Hirn dagegen, meine Augen, meine Haut, meine Sinne, alles fortgewetzt.
Nur noch Knochen, nur noch Seele, die verkümmert darauf schaut, was mit mir geschieht.
Ich wollte mal die Welt sehen, jetzt schaue ich nicht mal mehr zum Fenster heraus.
Das Sonnenlicht schmerzt in meinen Augen und das Lachen der Menschen lässt mich vor Wut weinen.

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