Freitag, 21. Oktober 2016

In eigener Sache

Eine traurige Ankündigung

Mein Laptop ist mir auf einer Fahrt mit dem Markführer der Fernbusreise gestohlen worden und weil ich mir die Elektronik nicht aus dem Hut zaubern kann, kann ich erst einmal nicht an neuen Texten weiter arbeiten, geschweige denn sie hier veröffentlichen.
Ich kann nur sagen: Passt auf eure Sachen auf, vertraut niemanden und glaubt nicht, dass Unternehmen ihre Verantwortung für solche Zwischenfälle ernst nehmen.
Bis dahin, AJH

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (15. Kapitel)

Pegelmann

Am Tagesende stattete Pegelmann dem Standboxsack in seinem Keller einen längeren Besuch ab. Zu gerne hätte er seine Wut an den beiden Anwälten ausgelassen. Wie sich wohl Typen mit manikürten Fingernägeln wehrten, wenn sie schön eins in die Fresse geschlagen bekämen.
Hans Gustav Haselmann.
Pflegekind einer Familie aus Niedersachsen. Seine echten Eltern waren kaum in Erscheinung getreten. Die Pflegefamilie hatten ihn nie adoptiert. Die Eltern verweigerten die Aussage. Deren beiden leiblichen Kinder zeigten sich wenig gesprächsbereit. Die Tochter arbeitete im Bundesinnenministerium in Berlin.
"Er war nicht mein Bruder. Er war nur bei uns in Pflege", giftete sie Pegelmann am Telefon an. "Er zog mit achtzehn bei uns aus und ich habe ihn nie wieder gesprochen."
Den Sohn hatte es als Onkologe in die Schweiz verschlagen.
"Ich bin Arzt. Ich helfe Leuten zu überleben. Hans hat einen Lebensweg eingeschlagen, den ich nicht gut heißen kann, und wenn er jetzt tot ist, dann ist das sein eigenes Verschulden."
Nach der Schule war Haselmann gegen den Willen der Pflegeeltern nach Baden-Württemberg gezogen und hatte sich bei Heckler & Koch zum Industriekaufmann ausbilden lassen. Da war er bereits volljährig und sie hatten keine Handhabe mehr über ihn gehabt. Nach der Lehre, die er mit recht ordentlicher Leistung bestanden hatte, verlor sich seine Spur. Er war kurze Zeit in München gemeldet gewesen. Sein ehemaliger Arbeitgeber kommunizierte über die Rechtsabteilung.
Sie werden den Täter eh nie finden. Dieser kriechende Wichser von einem Anwalt mit seiner Uhr aus Glashütte ließ die Wut in Pegelmann wie ein Stromschlag durch den Körper rasen.
Nächste Woche würden Details im Rahmen einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit getragen werden. Vielleicht führte die Veröffentlichung einiger Informationen zu neuen Zeugen oder Hinweisgebern.
Wenigstens einige der angedachten Ermittlungsansätze konnten mittlerweile ausgeschlossen werden.
Die drei besoffenen Typen waren der Brandstiftung angeklagt. Einer saß bereits in Haft, weil bei ihm noch eine Bewährungsstrafe lief. Sie hatten keine Verbindung zu dem Toten oder zu dem Tötungsdelikt.
Die Frau, die drei Tage vor der Tat mit ihrer Affäre vor Ort gevögelt hatte, und mit ihrem anonymen Hinweis gescheitert war, hatte ihre Aussage unter hysterischem Herumgeheule getätigt. Pegelmann war froh, nicht vor Ort gewesen zu sein. Dafür hätten ihm echt die Nerven gefehlt. Immerhin wurde das vor Ort gefundene Kondom nicht mehr mit dem Mord assoziiert.
Der weiße Transporter blieb verschwunden. Inwiefern die Kabeldiebe in das Tötungsdelikt verwickelt waren, blieb offen. Der Zeitpunkt des Todes wurde vom Gerichtsmediziner auf etwa vierundzwanzig Stunden vor dem Leichenfund datiert. Vielleicht waren es einfach Kriminelle, die am falschen Ort zugeschlagen und dann ziemlich schnell die Fliege gemacht hatten, als sie die Leiche entdeckt hatten. Wenn sie so professionell gearbeitet hatten, wie der Kollege es geäußert hatte, dann war der Wagen längst zerlegt und die Einzelteile unauffindbar verschrottet oder anderswo eingebaut.
Blieb noch der Junge. Moritz Markovitz. 14 Jahre. Das Jugendamt hatte für ihn einen Platz im betreuten Wohnen gefunden, wo er unter therapeutischer Beobachtung stand. Pegelmann gab ihm zwei Wochen, dann würde er wieder auf der Straße unterwegs sein. Aber er war noch nicht mit ihm fertig. Er würde herausfinden, was der Junge beobachtet hatte.
Es war ein dämlicher Zufall, dass der Name des Jungen in einen anderen Zusammenhang mit der Leiche gebracht werden konnte.
Moritz ist entlassen und liegt erschossen an der Mauer. 
Was hatte er sich den wegen dieser verschlüsselten Texte den Kopf zerbrochen. Sie machten in keiner Konstellation Sinn. Frühlings Erwachen. Er hatte sich das kleine Büchlein sogar gekauft und es halb gelesen, halb durchblättert. Es  war ein Theaterstück über pubertierende Jugendliche. Zwei der Hauptprotagonisten starben, der dritte türmte aus der Besserungsanstalt. Der fünfte Mai war der Geburtstag des weiblichen Hauptcharakters Wendla. Sie starb mit vierzehneinhalb Jahren nach einer verunglückten Abtreibung.
Vielleicht hatte Haselmann die Blätter aus Zufall irgendwo gefunden und eingesteckt. Auf den drei Zetteln fanden sich so viele Fingerabdrücke, dass sie schwer zu isolieren waren. Einer davon war anhand der Größe laut Spurensuche vermutlich einem Kind zuzuordnen. Es befanden sich neben Haselmanns noch zwei weibliche DNA-Spuren an den Zetteln. Herkunft ungeklärt.
Pegelmann wickelte die Handbandage ab und massierte sich die Finger. Er war lange genug Polizist, um zu wissen, dass manche Verbrechen Zeit brauchten, um gelöst zu werden. Auch ein im Untergrund lebender, mutmaßlicher Waffenhändler hinterließ Spuren im Leben. Irgendwann würden sie zu Tage kommen.
Bald ging der Fall zu den Akten und Pegelmann würde sich einem neuen Tötungsdelikt in der Stadt widmen. Doch er würde warten. Haselmann war tot, aber seine Geschichte ging erst richtig los. Alles schrie nach einer Fortsetzung und Pegelmann würde geduldig warten, bis er daran war, seine Rolle komplett auszuspielen.



ENDE

Dienstag, 11. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (14. Kapitel)


Gelmatte und Schmuckie

Es war früher Morgen in Leipzig. Die Autos der Pendler verstopften den Stadtring. Die Straßenbahnen fuhren in Schritttempo Richtung Südvorstadt. Die Sonne schien und auf dem Thermometer waren die 20 Grad schon überschritten. Pegelmann stand in der Dimitroffstraße und rauchte. Er lehnte am Baum hinter sich und beobachtete mit zusammen gekniffenen Augen die beiden Männer vor dem Eingang der Polizeistation. Der kleinere trug eine hellgrüne Krawatte zum schnieken grauen Designeranzug. Seine Krawattennadel beinhaltete Schmucksteine, die ihm Sonnenlicht glitzerten. Der größere kleidete sich in einem dreiteiligen Nadelstreifenanzug. Er war fast ein Meter neunzig, schlank und gelte sich die Haare zurück. Die Uhr an seinem Handgelenk glich ungefähr dem Wert von Pegelmanns Privatauto.
Gelmatte und Schmuckie nannte er sie in seinem Kopf. Anwälte einer international vernetzten Kanzlei mit Standort Berlin und sein acht Uhr Termin. Die Chose war sogar so wichtig, dass sie im Büro des Polizeipräsidenten stattfand und nicht bei Pegelmann.
Pegelmann hatte sie schon beobachtet, als sie in ihrer BMW Limousine vorgefahren waren und jetzt noch ein Schwätzchen hielten, bevor sie die Polizeistation betraten.
Was für Lackaffen, dachte er und noch nie hatte er diesen Begriff als so passend empfunden.
Später, als er den beiden Herren gegenüber saß, verstärkte sich sein Eindruck. Sie wandten sich von Anfang an dem Polizeipräsidenten zu und beachteten Pegelmann nicht. Pegelmann ließ die Gelegenheit aus, sich mit an den Tisch zu setzen aus. Er stellte sich mit verschränkten Armen an die Fensterreihe genau mittig zwischen Polizeipräsidenten und Anwälten. 
Schmuckie stellte sie beide vor. Er sprach mit Schweizer Akzent. Verdammt, und er zupfte sich die Augenbrauen. Pegelmann starrte ihn an wie eine fette Made im Speck. Der Polizeipräsident reagierte um einiges souveräner.
"Ich freue mich immer über Besuch. In Ihrem Fall macht mich der Anlass besonders neugierig", begann er das Gespräch mit ausgesuchter Höflichkeit. Weder Gelmatte noch Schmuckie beeindruckten ihn sichtlich.
Schmuckie griff in seine lederne Aktentasche. Gezielt zog er ein Papier heraus und legte es dem Polizeipräsidenten vor. Dieser warf einen kurzen Blick auf das Blatt und und reichte es an Pegelmann weiter. Es war die Kopie eines deutschen Personalausweises. Das Foto zeigte ein Gesicht, das dem des Mordopfers sehr nahe kam. Pegelmann las den Namen. Hans Gustav Haselmann. Geburtsjahr 1983. Geboren im Landkreis Göttingen.
"Das ist Ihr Opfer in Ihrer Soko 'Haus'."
"Woher haben Sie diese Information?"
"Sagen wir, unser Klient möchte Ihnen helfen."
"Ihr Klient ist ein wichtiger Zeuge und wir müssen ihn vernehmen", schaltete sich der Polizeipräsident ein und diesmal lag ein dunkles Grollen in seiner Stimme.
"Unser Klient steht für eine Vernehmung nicht zur Verfügung."
"In welcher Verbindung steht er zu dem Opfer?"
"Kein Kommentar." Es waren die ersten Worte, die Gelmatte sprach.
"Und Sie kommen den ganzen Weg aus Berlin hier her, um uns ein Stück Papier zu überlassen, das Sie uns auch hätten faxen können?"
"Wir sind auf Wunsch unseres Klienten hier", antwortete Schmuckie.
Leicht verdientes Geld, du Arschloch, dachte Pegelmann.
"Sie werden den Täter eh nie finden." Gelmatte musterte Pegelmann vom Haaransatz bis zu den schwarzen Schuhen. "Für weitere Kommunikation stehen wir Ihnen per Telefon zur Verfügung."
Er hinterließ eine weiße Visitenkarte auf dem Schreibtisch. Die Anwälte verabschiedeten sich mit kurzem Gruß und verließen das Zimmer. Der Polizeipräsident wartete ein bisschen, bis er eine recht unchristliche Verwünschung ausstieß.
Pegelmann hob das Blatt Papier vor ihm hoch. "Der Ausweis ist 2011 abgelaufen."

Der Geheimniskrämer (13. Kapitel)


Wendla (2)

"Hast du weitergelesen?" Jillian bezahlte ihre Cola an der Kasse und die beiden Mädchen verließen die Kaufhalle.
"Nein, Meine Mama hat mir das Buch weggenommen."
"Ooooh, Mann!", rief Jillian. "So doof! Mit wem soll ich denn jetzt darüber reden? Wie weit hast du gelesen?"
"Nicht weit. Bis zum ersten Gespräch von Melchior und Wendla."
"Ach, Melchior!" Jillian seufzte. "Ich wünschte, wir hätten einen Jungen wie Melchior in der Klasse."
"Was ist denn so toll an ihm?"
Jillian kicherte. "Das ist ein Geheimnis."
"Leih mir doch dein Buch."
"Nein. Ich will nicht, dass deine Mutter es auch weg nimmt. Aber ich werde mir etwas überlegen, damit du weißt, was im Buch vorkommt."

Am nächsten Tag sah Wendla, wie Jillian im Unterricht immer und immer wieder das Alphabet untereinander in ihren karierten Block schrieb.
"Was machst du da?", flüsterte sie.
"He!" Jillian drehte den Block weg. "Du darfst nicht gucken!"
Wendla verdrehte die Augen. "Warum sagst du mir nicht einfach, wie es weitergeht?"
"Ich verrate dir nicht, wie es weitergeht, sondern wie es ausgeht." Jillian kicherte.

Heute hatte Wendla nach dem Unterricht noch Klarinettenstunden. Sie ging alleine nach Hause. In der Hand hielt sie drei Zettel, die Jillian ihr zugesteckt hatte. Auf allen waren Buchstabenreihenfolgen abgebildet. Jillian mochte diese Geheimniskrämerei. Sie hatte zwei ältere Brüder, die viel am Computer saßen und sich eine Freude daraus machten, der kleinen Schwester unangebrachte Fotos und Themen zu zeigen. Jillian hatte außerdem schon einmal einen Jungen geküsst. Das erwähnte sie andauernd.
Wendla starrte auf die Zettel.

QSCMXDeopIRXPEWWIRqjzPMIKXanoydkooajERzanQWYIV
QIPGLMSVeopTLMPSWSTLqjzMRzanERWXEPX
AIRHPEeopXSX 14½ 5.5.

Sie hatte mitbekommen, wie Jillian beim Alphabet verschiedene Linien gezogen hatte. Die Buchstaben waren vertauscht mit anderen und sie musste nun herausfinden, welche sie stattdessen einsetzen musste. Es ging um Melchior, Moritz und Wendla, soviel hatte Jillian ihr verraten.
"Lustig, du bist genau wie Wendla, Wendla", hatte sie gelacht. "Die hat auch keine Ahnung. Wenn du wissen willst, wie es ausgeht, musst du ein bisschen nachdenken. Jungs wie Melchior mögen kluge Mädchen."
Wendla faltete die Zettel wieder zusammen. Sie würde die Handlung auf Wikipedia nachlesen. "Melchior ist mir egal", sagte sie und warf die Zettel weg.

Sonntag, 9. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (12. Kapitel)


Dagan

Er hatte Hunger. Sein Magen krampfte jetzt noch schlimmer als gestern. Und gestern hatte er um die Uhrzeit noch weniger gegessen gehabt als heute. Heute hatte er Glück gehabt. Eine Klasse verzogener Landkinder hatte in der Innenstadt vor dem Zeitgeschichtlichen Forum herum gehangen. Ein Junge hatte sich Pommes geholt, die er dann nicht mit die Ausstellung nehmen durfte. Er hatte sie in den Müll geworfen. Dagan hatte sie herausgefischt und aufgegessen. Die Pommes waren noch warm gewesen. Eines der Mädchen aus der Klasse hatte ihn mit offen stehen Mund angestarrt. Er hatte sie angegrinst. Er wusste, wie er aussah. Die Mayonnaise wirkte bizarr weiß auf seinen dreckigen Zähnen. Oder was von seinen Zähnen von übrig war. Zwei hatte ihm sein Stiefvater ausgetreten.
Dagan war kaum älter als die Jugendlichen, die anscheinend auf Klassenfahrt in die Stadt gekommen waren. Jetzt hingen sie hier mit ihren coolen, modischen Rucksäcken in der Innenstadt und fuchtelten affig mit ihren Smartphones herum. Für einen absurden, kurzen Moment stellte sich Dagan vor, wie er sie zu einer besonderen Stadtführung einlud, zu der Stadt, wie er sie kannte. Kommt, Kinder, ich zeige euch eine Welt voller Hunger und Scheiße.
Dagan war nicht sein richtiger Name. Den Name, den sein Mutter ihm gegeben hatte, würde er nie wieder benutzen. Sie hatte ihn nicht zum Arzt gefahren, als er blutüberströmt am Boden gelegen hatte. Sie hatte die Lehrer und das Jugendamt angelogen, als man auf seine Verletzungen aufmerksam geworden war. Sie hatte seine ausgetretenen Zähne in den Restmüll geworfen. Sie hatte den Missbrauch gesehen und sich weggedreht.
Jetzt lebte Dagan auf der Straße. Immer auf der Flucht vor der Polizei und Leuten, die sich an sein Gesicht erinnerten. Die Narben machten ihn unverkennbar. Er hatte sich in eine Parallele zurückgezogen, die noch schlimmer war, aber hier hatte er zumindest selbst die Kontrolle.
"Pass auf deine Zähne auf", sagte der Typ, der auf dreckige Straßenjungen stand, während Dagan vor ihm kniete. Aber es war Dagan, der entschied, ob er mit ihm gehen wollte, kein Stiefvater, keine Mutter, niemand zwang ihn zu etwas außer er selbst. Er bekam Geld, über das er selbst verfügen konnte. Das hatte er vorher noch nie gehabt.
Es war endlich Sommer. Die Kühle bei Nacht war erträglich. Über ein Seitenfenster war er in ein leer stehendes Haus geklettert. Der Ort war nicht unbekannt. Es war jemand vor ihm hier gewesen, aber die Fäkalien in der Ecke des Raums, der früher mal ein Bad gewesen war, waren so fest eingetrocknet, dass sich nicht mal mehr Fliegen darum kümmerten.
Hier empfand er es als einigermaßen sicher. Die beiden Häuser lagen an einer Straßenkreuzung gegenüber einer kleinen Parkanlage. Hinter den Grundstücken befand sich ein künstlich angelegtes Waldgebiet, das den Lärm der nahen Schnellstraße abhalten sollte. Die nächsten Anwohner lebten auf der anderen Seite der Straße. Es ging kaum einer je an diesen Häusern hier vorbei.
Dagan hatte auf dem Markt ein Bündel Bananen geklaut. Er aß eine davon und warf die Schale aus dem Fenster. Er trank etwas von dem Wasser, das er an der öffentlichen Toilette im Petersbogen aus dem Hahn abgezapft hatte.
In dem Moment hörte er Stimmen. Zwei Männer unterhielten sich. Es war kein Streit, aber eine deutliche Meinungsverschiedenheit. Sie befanden sich im Haus nebenan, ebenfalls ein Abrisshaus. Es hatte mehrere Eingänge, die er nicht alle gleichzeitig einsehen konnte. Deshalb hatte sich Dagan für das andere entschieden.
Er schlich an das vernagelte Fenster und lugte durch eine kleine Lücke zwischen den Brettern hervor. Er sah einen Mann mit den Händen in den Hüften gestemmt. Eine Kappe verdeckte Teile seines Gesichtes. Seine dunkle Jacke hing offen über einem hellen Hemd.
"Es gibt nicht mehr Geld", sagte eine Stimme, deren Herkunft Dagan nicht sehen konnte.
"Glaubst du, ich weiß nicht, wer du bist. Ich muss nur ein paar mehr Information -"
Die andere Stimme war undeutlich zu hören. Es knallte. Der Mann mit der Kappe sank zu Boden.
"Fuck!", sagte jemand.
Dagan drehte sich vom Fenster weg und drückte sich an die Wand. Ein Mord. Ein Toter. Und er in der Nähe. Er musste sofort weg. Dagan griff nach seiner Tasche und seinem Schlafsack, den er noch nicht ausgerollt hatte.
Er kletterte so schnell wie möglich aus dem Haus heraus. Zu seinem Glück war das Fenster von dem anderen Haus aus nicht einsehbar. Gebückt huschte er zur anderen Straßenseite. Dort befand sich ein mit Kies ausgelegtem Platz, auf dem ein Autoverkäufer gebrauchte Wagen zum Verkauf anbot. Dagan rannte weiter, an dem Supermarkt vorbei, wo er manchmal containern ging, weiter bis zur nächsten Haltestation der Straßenbahn. Bloß weit weg von hier. Die Stadt war zu klein, um sich zu verstecken. Hier in der Nähe gab es eine Schnellstraße zum Industriegebiet. Die LKW-Fahrer nahmen manchmal Anhalter mit. Gegen Dienstleistungen. Aus Gutmütigkeit. Dagan würde ihnen sogar sein letztes Geld bieten. Hauptsache weg von hier.



Mittwoch, 5. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (11. Kapitel)


Polizei (3)

Das Telefon klingelte.
"Pegelmann", knurrte der Kriminalhauptkommissar in den Hörer.
"Faust, es ist mir eine Freude, dich am Apparat zu haben."
"Waskoya, ich muss in eine Vernehmung. Ich bin nur an einer einzigen Nachricht interessiert, die du mir überbringen kannst."
"Wow, deine Laune ist aber im Keller."
"Hör auf! Ich wurde heute um halb vier wach geklingelt. Eine Gruppe besoffener Vollidioten haben Molotow-Cocktails auf das Objekt geworfen, in dem die Leiche gefunden wurde. Sie sagten, sie wollten ein Zeichen setzen gegen Schwuchteln und Kinderschänder. Einer von denen hatte so stark getankt, dass er sich im Bus vollgepisst hat. Also heiter mich bitte mit einer guten Nachricht auf."
"Mein Freund hat den Text dekodiert. Willst du wissen, wie?"
"Jetzt nicht. Was steht drin?"
"Ich lese vor." Waskoya räusperte sich. "Erster Text: 'Moritz ist entlassen und liegt erschossen an der Mauer.' Zweiter Text: 'Melchior ist Philosoph und in der Anstalt.' Dritter Text: 'Wendla ist tot 14½ 5.5.' Ende.
Pegelmann ging im Kopf noch mal die Nachrichten durch. "'Wendla ist tot'? Ist das ein Hinweis auf eine zweite Leiche?"
"Ich konnte mir auch keinen Reim draus machen, also habe ich die Namen Moritz, Melchior und Wendla einfach mal gegoogelt. Und jetzt kommt es: Es sind die Hauptcharaktere eines Theaterstücks namens Frühlings Erwachen von Frank Wedekind aus dem Jahr 1891."
"Hä?"
"Das habe ich mir auch gedacht. Ich scanne dir die Auflösung ein und schicke sie dir per Mail. Falls jemand fragt: Natürlich war ich das Genie hinter der Lösung."
"Waskoya, ich dank dir vielmals. Keine der Informationen bringt mich gerade weiter, aber es schön, sie zu haben."
"Du schuldest mir etwas. Seid ihr mit den Ermittlungen weiter?"
"Mal sehen. Ich habe eine frische Lieferung aus Berlin, die damit zu tun hat."

Die Lieferung war namenlos, minderjährig und schmerzhaft dünn. Pegelmann überflog ein letztes Mal die Unterlagen, die vor ihm lagen. Der Junge war dabei beobachtet worden, wie er in einer Kaufhalle verschiedene Lebensmittel geklaut hatte. Das Sicherheitspersonal hatte die Polizei gerufen und die Berliner Kollegen hatten ihn kurz darauf festgesetzt. Trotz seiner mageren Erscheinung hatte er sich recht tatkräftig zur Wehr gesetzt. Auf dem Revier kam dann heraus, dass seine Fingerabdrücke in Zusammenhang mit einem Tatort gebracht wurden.
Weil der Junge offensichtlich noch ein Kind war, war jemand vom Jugendamt bei der Vernehmung mit dabei. Aber auch die Frau mit dem Universitätsabschluss in Sozialpädagogik hatte ihn bisher nicht zum Reden gebracht.
Er war frisch geduscht und die Sozialarbeiterin hatte ihm neue Kleidung gegeben. Er versank förmlich in dem dunklen Kapuzensweatshirt. Zusammen gekauert, den Kopf zwischen die hoch gezogenen Schultern gekeilt, starrte er auf den Tisch. Hoffentlich hatten sie ihm auch etwas zu essen gegeben.
Pegelmann faltete die Hände über den Papieren vor ihm zusammen. "Ich habe in meinen Akten leider keinen Verweis auf deinen Namen. Du bist meiner Einschätzung nach noch minderjährig. Deshalb sage ich du. Mein Name ist Faust Pegelmann. Ich bin leitender Ermittler des Sonderkommission 'Haus'. Wir haben eine uns unbekannte Leiche gefunden und wir vermuten, dass du uns etwas dazu sagen kannst. Du willst uns deinen Namen nicht nennen, wahrscheinlich, weil du Angst hast, wir würden dich für etwas belangen, oder dich wieder in eine häusliche Situation zurück bringen, die dich dazu gebracht hat, lieber auf der Straße leben zu wollen. Mir ist die Problematik nicht unbekannt. Wir sind die Bullen. Du willst nicht mit uns reden. Deswegen sage ich dir jetzt, wie ich dich einordne. Deine Fingerabdrücke und deine DNA sind in Tatortnähe - hörst du? - in der Nähe gefunden worden. An einer Bananenschale, um genau zu sein. Wir haben kein Indiz dafür, dass du am Tötungsdelikt beteiligt warst. Wir sehen dich als Zeugen, nicht als Verdächtigen. Vielleicht hast du etwas gesehen oder gehört, was uns dazu bringt, den oder die Täter zu ermitteln, damit es zu einem Verfahren und zu einer Verurteilung kommt. Wenn du als Zeuge aussagst, brauchen wir deine Daten. Wir müssen dir einen Namen und eine Adresse zuordnen können. Wir können dich hier nicht ewig fest halten. Wenn du nicht zu deinen Eltern zurück willst, dann regeln wir das. Du hast zu keinem Zeitpunkt mit negativen Auswirkungen zu kämpfen, wenn du für uns aussagst. Ganz im Gegenteil: Wir werden dir entgegen kommen."
Der Junge hatte kein einziges Mal aufgeschaut. Nicht die geringste Bewegung ließ darauf schließen, dass er Pegelmanns Ansprache positiv oder negativ einordnete.
Die Sozialarbeiterin schaute betreten rein. Sie war noch jung. Die beiden anderen anwesenden Beamtinnen warfen sich skeptische Blicke zu. Frauen wirkten bei Verhören mit Jugendlichen oft beruhigend. Deswegen hatte er die Kolleginnen mit zum Verhör genommen.
Pegelmann trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch. "Sag uns deinen Namen, Junge. Wir kriegen ihn so oder so heraus. Noch hast du alle Trümpfe in der Hand. Ab jetzt verlierst du sie nur noch. Ich will dir nichts Böses. Aber ich will auch meinen Mordfall lösen."
Die Sozialarbeiterin legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. Er wich ihr mit einer Bewegung aus und sie zog sich sofort zurück.
Pegelmann wartete noch mal etwa eine Minute. Dann räusperte er sich. "Gut. Das hier führt uns gerade nicht weiter. Wenn du dich entscheidest, doch eine Aussage zu tätigen, kannst du sie jederzeit schriftlich verfassen. Ich gebe dir das Formular mit. Du kannst mich per Mail erreichen. Ich höre dir zu, wenn du etwas zu sagen hast."
Wann war er das letzte Mal so nett mit einem Zeugen umgegangen? Etwas an dem Kind regte Mitleid in Pegelmann. Der Junge lebte nicht einfach so auf der Straße. Da spielte sich eine lange, wahrscheinlich furchtbare Geschichte im Hintergrund ab, die ihn seelisch zerrüttete. Er würde gute Gründe haben, niemandem zu trauen.
Pegelmann versuchte es mit einem letzten Anlauf. "Sagen dir die Namen Moritz, Melchior und Wendla etwas?"
Beim ersten Namen zuckte der Junge zusammen. Es war eine kaum merkliche, aber für den geübten Beobachter Pegelmann sichtbare Reaktion.
Der Junge schüttelte den Kopf.
Das mit dem Lügen musst du aber noch üben, dachte Pegelmann.


Montag, 3. Oktober 2016

Der Geheimniskrämer (10. Kapitel)

Wendla (1)

"Wendla, hast du", Senta Herder öffnete die Zimmertür ihrer Tochter, während sie sprach. Sie blieb mitten im Satz stehen, als sie bemerkte, wie Wendla zusammenfuhr und schnell etwas unter ihr Schreibheft schob.
"Ja, Mama, was ist denn?" Wendla drehte sich zu ihr um, halb lächelnd.
"Wie weit bist du mit deinen Hausaufgaben?" Senta betrat das Kinderzimmer und stellte sich neben Wendla, die an ihrem Tisch saß und offensichtlich ihre Schulaufgaben verrichtete. Ein Heft lag vor ihr. Dazu hatte sie das Deutschbuch aufgeschlagen.
"Ich habe gerade mit Deutsch angefangen."
"Was macht ihr gerade in Deutsch?" Senta nahm das Heft in die Hand. Sie bemerkte sehr genau, wie Wendla kurz das Gesicht verzog.
"Wir sollen eine Kurzgeschichte zusammen fassen."
"Hat das hier etwas mit eurem Unterricht zu tun?" Senta griff nach dem kleinen, grünen Heftchen, das ihre Tochter vor ihr hatte verbergen wollen. Sie wusste schon, was es ist, bevor sie den Titel las.
Wendlas Stimme kam leise und zögerlich. "Nein."
Senta seufzte. Sie setzte sich auf den Tisch und schaute auf Wendla herunter. "Wendla, was soll das? Wir hatten darüber geredet, ob du dieses Buch lesen darfst, und ich habe es dir verboten. Warum habe ich es dir verboten?"
Wendla ließ den Kopf hängen. "Weil ich noch zu jung bin."
"Genau. Du bist erst elf Jahre alt und ich möchte nicht, dass du das Buch schon liest. Deshalb werde ich es dir jetzt wegnehmen. Ich bin sehr enttäuscht von dir, weil du dir das Buch aus dem Bücherregal genommen hast, obwohl ich es dir untersagt habe."
"Aber sie heißt genau wie ich." Wendla kamen kurz die Tränen. "Sonst hat nie jemand meinen Namen."
"Wendla, deine Oma hatte diesen Namen. Ich habe dich nicht ohne Grund nach ihr benannt. Sie war ein kluger und herzensguter Mensch. Sie war jemand Besonderes. Genau wie du."
"Ich bin auch besonders reif für mein Alter. Das Buch wird mir nicht schaden."
"Netter Versuch, Wendla. Mach jetzt bitte deine Hausaufgaben fertig. Wir müssen nachher noch einkaufen fahren."
Senta schloss die Tür wieder. Sie hörte Wendla leise "Oh, Manno!" rufen.

Donnerstag, 29. September 2016

Der Geheimniskrämer (9. Kapitel)


Ein weißer Transporter

Sie kamen in der Nacht. Der Fahrer des Ford Transits schaltete die Scheinwerfer aus, bevor er in die Straße einbog. Das Auto hielt vor dem Abrisshaus. Ein weißer Transporter wie dieser war hier in der Nähe des Industriegebiets keine Seltenheit. Niemand war der Wagen aufgefallen, als sie die letzten Tage öfters am Grundstück vorbei gefahren waren. Die aktuellen Nummernkennzeichen waren frisch gestohlen und montiert. Routine.
Zwei von ihnen hatten sich die Häuser vorher schon einmal angeschaut. Sie hatten tatsächlich noch Kupferleitungen gefunden. Das rechte der beiden Häuser konnte man leicht begehen. Eine Seitentür war bereits von fremder Hand aufgehebelt worden. Das andere hingegen war nur durch ein eingeworfenes Fenster betretbar. Alle anderen Fenster und Türen waren zugenagelt. Aber sie hatten ihr Werkzeug mit.
Kaum stand das Auto, öffnete sich die Schiebetür. Fünf dunkel gekleidete Männer stiegen eilig aus und bewegten sich zum rechten der beiden Häuser hin. Mit ihren Mützen und Handschuhen waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Der Beifahrer folgte ihnen, blieb allerdings zwischen Haus und Transporter stehen. Der Motor lief. Der Fahrer beobachtete die Straße durch die Spiegel. Ihm fiel auf, dass viele der bewohnten Häuser auf der gegenüberliegenden Seite die Fenster offen stehen hatten. Es war heute sehr heiß gewesen, weit über 30 Grad. Der Fahrer überlegte, ob er den Motor ausstellen sollte, weil er vielleicht jemanden wecken könnte. Das war gegen seine Anweisung. Sie mussten jederzeit so schnell wie möglich die Flucht ergreifen können.
In dem Moment sprang einer seiner Komplizen aus einem der zerstörten Fenster im Erdgeschoss. Er flüsterte dem Beifahrer hektisch etwas ins Ohr und zeigte mehrmals auf den zweiten Stock des Gebäudes. Der Beifahrer stieß einen kurzen Pfiff aus. Sofort kletterten alle vier restlichen Männer aus dem Haus heraus. Sie rannten zum Auto und sprangen herein.
Der Fahrer drückte schon auf das Gaspedal, als der Beifahrer noch dabei war, seine Tür zu schließen.
"Was ist passiert?", fragte einer der Männer durch das Verbindungsfenster.
"Da liegt eine Leiche im Haus", antwortete der Mann, der den Körper gefunden hatte.
"Was? Gestern lag da noch keine Leiche!"
"Hast du es nicht gesehen? Jemand hat ihm in den Kopf geschossen. Das ist noch nicht lang her."



Mittwoch, 28. September 2016

Der Geheimniskrämer (8. Kapitel)


Brandherd

"Überall hängen diese scheiß Bullen rum. Und dieser Wichser Retacović schwänzelt um sie herum, als wäre er etwas Besonderes." Harto stützte sich auf das Fensterbrett und starrte nach draußen zur Straße hinunter. "Ich will bei der scheiß Hitze nicht hier drin sitzen." Er nahm einen Schluck Bier. "Warum muss so ein Arschloch hier hier erstochen werden."
"In der Zeitung steht, er wurde erschossen." Enrico rülpste und warf die gerade geleerte Chipstüte auf den Wohnzimmertisch. Scheiße, was war seine Wohnung dreckig, seit seine Alte ihn verlassen hatte. Nancy. Fett geworden war sie nach dem zweiten Kind, aber sie hatte sich immer um die Wohnung gekümmert. Und dann war auf einmal ein anderer Typ da gewesen. Einer mit einer Arbeit als Fernfahrer und einer größeren Wohnung. Und schwups: Da war die Schlampe weg gewesen. Noch einmal hatten sie miteinander telefoniert. Der andere Kerl war nie zu Hause. Hieß: Sie musste ihm nicht täglich hinterher räumen. Und er habe nicht so asoziale Freunde wie Enrico sie habe, hatte sie ihm gesagt.
Asozial vielleicht. Aber er war halt mit ihnen aufgewachsen. Harto und sein Cousin Valentin, den alle nur Schoppo nannten, waren ähnlich wie er nie in irgendetwas erfolgreich gewesen und trotzdem hatten sie alle eine eigene Wohnung und irgendwo ein Kind und eine Alte, die nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte. Die Wohnung wurde vom Staat finanziert und wer wirklich der Vater der Kinder war, war nie bewiesen worden.
Jetzt gerade war Harto dabei, sich mit der fünften oder sechsten heutigen Bierflasche in der Hand über die Schwuchteln und scheiß Pädos aufzuregen, die in dem Abrisshaus gevögelt hatten. Und jetzt war einer dieser Kinderficker halt niedergemäht worden. Und alle machten ein riesiges Drama draus.
"Gib mir ne Waffe und ich schieß die alle um. Diese scheiß Rosettenknutscher. Ich würde sie vor die Wand stellen und nur drauf halten."
Harto hatten sie damals bei der Bundeswehr wegen seiner Vorstrafen nicht angenommen.
Schoppo kam geräuschvoll aus dem Bad. "Eh, da kann die nächste Stunde jetzt keiner mehr drauf."
"Boah, Alter." Enrico verzog das Gesicht. "Ich riech's bis her."
Schoppo lachte dreckig. Er hatte mal einen gut bezahlten Job bei der Müllabfuhr sausen lassen, weil er keinen Bock auf das frühe Aufstehen gehabt hatte. "Was'n hier los? Alle so depri."
"Harto will alle Kinderficker umbringen."
"So wie er alle Juden umbringen will?" Schoppo kicherte. "Unser Harto, immer am Töten."
"Ich mein' das ernst, Mann." Harto zeigte auf das Haus auf der anderen Straßenseite. "Ich fackel das Ding heute Nacht ab. Da sehen die Schwuchteln, was ihnen hier blüht, wenn sie noch mal her kommen."


Dienstag, 27. September 2016

Der Geheimniskrämer (7. Kapitel)


Berlin

"Polizei! Stehen bleiben!"
Der Jugendliche warf das frisch geklaute Brot weg und rannte los. Im Zick Zack um die Leute herum, die stehen blieben und mit aufgerissenen Augen die Jagdszene verfolgten. Er sprang über das Geländer, das den Fußweg zur Straße abgrenzte, und überquerte die Straße. Reifen quietschten. Ein Auto hupte. Er hörte Schreie.
Es war nicht das erste Mal, dass er sich ein Laufduell mit der Staatsgewalt lieferte. Es war allerdings das erste dieser Art in dieser Stadt. Er kannte die Straßen nicht. Und so schrillte nur ein einziger Gedanke in seinem Kopf: Weiterweiterweiter. Weg. Weg. Weg.
"Junge, bleib doch stehen!", brüllte ein Polizist ihm hinterher.
Nein. Niemals.
Die Polizistin auf seiner rechten Seite war auf einmal da. Er hatte sie nicht kommen sehen. Sie setzte zum Sprung an und riss ihn mit sich herunter auf den Asphalt. Sie hockte auf ihn und er spürte, wie sie ihm Handschellen anlegen wollte.
Nein. Verdammt.
Er rappelte sich wieder auf. Die Polizistin fluchte und rammte ihm ihr Knie in den Rücken. Er stöhnte. aber er hatte schon ganz andere Arten von Schmerz kennen gelernt.
"Junge, es wird nicht besser", fauchte die Polizistin ihn an, als er nach ihr schlug. Sein Ellbogen prallte an ihrer Schutzweste ab. Sie verringerte ihm mit dem Knie in seinem Rücken die Atemzufuhr. Er riss den Mund auf und schmeckte den Dreck des Asphalts, auf den sie seinen Kopf gedrückt hielt. Er versuchte, sie zu treten, was sie mit einem Schlag in die Kniekehlen beantwortete. Egal, was er versuchte, sie kam ihm zuvor. Die Bullenfotze trainierte wahrscheinlich irgendeine Form von Selbstverteidigung.
Der Polizist, der ihn anfangs verfolgt hatte, war kurz darauf da. Er verdrehte ihm den Arm. Zusammen legten sie ihm die Handschellen an. Der Junge hörte den Polizisten laut Luft holen. Sein Atem stank, als hätte er sich vor kurzem noch einen Döner reingejagt.
"Junge, beruhig dich, oder du kommst in die Zwangsjacke", brüllte er ihn an, als der Jugendliche sich weiter wand. "Was ist denn los mit dir? Es ist doch nur ein Diebstahl."
Der Polizist begann ihn zu filzen.
"Pass auf, dass er dich nicht beißt." Die Polizistin gab über ihr Mikrofon an der Schulter Informationen an die Zentrale weiter.
"Wie heißt du?"
Dagan drehte den Kopf von ihr weg. Sie hatten ihn. Der Diebstahl war ihm egal. Aber jetzt würden sie eine Verbindung nach Leipzig herstellen können. Aber er würde nicht sprechen. Niemand kannte seinen Namen. Sie hatten nur seine Fingerabdrücke.

Montag, 26. September 2016

Der Geheimiskrämer (6. Kapitel)


Ein Notruf bei Nacht

Es war fünf Tage her, dass sie die Leiche gefunden hatten. Anke Siekheim hatte mit den Polizisten gesprochen. Sie hatte Pressevertretern, die bei ihr geklingelt hatten, Rede und Antwort gestanden. Sie hatte jedem in ihrer Familie und Bekanntenkreis davon erzählt.
Im Haus gegenüber war ein Mord geschehen. Die Identität des Opfers veröffentlichte die Polizei nicht. Sie hatten bisher auch keinen Täter oder auch nur einen Verdächtigen verhaftet.
Eine Leipziger Internetzeitung hatte einen recht interessanten Artikel darüber verfasst, zu welcher Investmentgruppe dieses Abrisshaus eigentlich gehörte. Zur Zeit war es wohl in der Hand einer britischen Immobilienfirma. Diese kommunizierte über eine Londoner Anwaltskanzlei und dort reagierte man recht eisig auf Interviewanfragen.
Kaum nehmen sie uns den Tatort weg, passiert hier mal etwas Echtes, was man verfilmen könnte, hatte Anke gedacht.
Sie war stolz auf sich, dass sie der Polizei etwas hatte mitteilen können. Sie schlief gern bei offenem Fenster. So hatte sie den lauten Motor des Wagens gehört, nach dem die Polizei jetzt suchte. Vielleicht waren es ja die Mörder? Dann müsste sie ihre Aussage bestimmt vor Gericht wiederholen, wenn es soweit wäre.
Auch in dieser Nacht schlief sie mit offenem Fenster. Das Klirren von Glas weckte sie.
Sag bloß, da geschieht schon wieder etwas, dachte sie und stand auf, um einen Blick herauszuwerfen. Die Laternen dieses Straßenabschnittes hatten sich bereits ausgeschaltet, aber der automatische Bewegungsmelder des Hauseinganges erhellte die Nacht. Im Lichtpegel waren die Rücken dreier Männer zu sehen. Sie hielten jeder einen Gegenstand in der Hand. Einer von ihnen hantierte mit einem Sturmfeuerzeug herum. Es fiel ihm aus der Hand auf den Boden. Umständlich hob er es wieder auf. Kurz darauf entflammten drei Feuerquellen. Die Männer warfen sie auf das immer noch mit Polizeiband abgesperrte Grundstück.
"Es darf nicht wahr sein", hauchte Anke und griff zu ihrem Telefon. Ihre Hände zitterten, als sie die 110 wählte. Sie stellte sich seitlich an das Fenster und lugte heraus.
Einer der Männer lachte, als die drei weg rannten. Sie kannte das Lachen. Es war von einem der Asis aus dem Nachbarhaus.


Donnerstag, 22. September 2016

Der Geheimniskrämer (5. Kapitel)


Polizei (2)

"Poch, poch." Kollege Waskoya trat mit einem schelmischen Grinsen an Pegelmanns Bürotür. "Hier sind ein paar Kekse meiner Frau, wenn du willst." Er hielt Pegelmann eine Dose mit selbst gebackenem Naschzeug hin.
"Danke." Pegelmann griff zu und stopfte sich den ersten Keks in den Mund.
"Hast du die Zeitung schon gelesen?" Waskoya erhielt einen bösen Blick von Pegelmann. Anscheinend hatte er. Kein Wunder. Sie lag in der Küche für jeden sichtbar mit noch ein paar anderen Tageszeitungen.
"Homomord In Leipzig", titelte es dort. Einige Anwohner hatten der findigen Boulevardzeitung erzählt, der Fundort der Leiche sei ein Treffpunkt für männliche Prostituierte mit ihren Freiern gewesen. Die sensationelle Konklusion bestand natürlich darin, das Mordopfer, das auch nach zwei Tagen immer noch nicht identifiziert war, in der Stricherszene zu verordnen. Eine Polizeinahe Quelle berichtete auch noch von Spermaspuren und Kondom am Tatort.
"Die Lackaffen. Ich hasse sie so sehr." Auch mit vollem Mund konnte Pegelmann noch klatschsüchtige Reporter verfluchen.
"Ja, aber dein Hass hält sie am Leben. Ich hoffe, du hast gerade eine Minute. Ich bin eigentlich nicht wegen der Kekse gekommen." Waskoya setzte sich mit einer Gesäßhälfte auf den Schreibtisch. "Du hast mich verschlüsselten Texten zu tun, nicht wahr? Kann ich sie mal sehen?"
Waskoya arbeitete eigentlich bei der Bundespolizei. Weil Kriminalpolizei und Bundespolizei Informationsaustausch miteinander pflegten, war er öfters mal vor Ort.
Pegelmann fixierte den Kollegen, während er ihm Kopien der gefundenen Zetteln herüber reichte. "Sag bloß, du kennst dich damit aus?"
"Nein."
"Aber?"
"Ein Schulfreund von mir tüftelt gerne damit herum."
"Ein Schulfreund von dir tüftelt gerne damit herum?"
"Immer mit der Ruhe. Er ist Informatiker und programmiert Webseiten für Unternehmen. Irgendwie sowas. Zu Abi-Zeiten schon hat er sich mit Dechiffrierungen beschäftigt und das als Hobby beibehalten. Da gab es mal einen Mordfall in Australien mit einer Leiche, bei der ein Zettel mit einer verschlüsselten Botschaft gefunden wurde. Das hat ihn damals dazu verleitet, sich damit zu beschäftigen. Wenn du magst, kann ich ihn mal seine Hilfe bitten."
"Gerne." Pegelmann stand auf und griff nach den Blättern. "Warte, ich kopiere sie dir."
Waskoya zog eine Augenbraue hoch. "Lass das mal." Er holte sein Smartphone hervor und fotografierte die Kopien. "Mal sehen, wie schnell er das löst."
Pegelmann fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht. "Das habe ich jetzt nicht gesehen. Verzieh dich einfach und sag Bescheid, wenn du eine Antwort bekommst."

Mittwoch, 21. September 2016

Der Geheimniskrämer (4. Kapitel)


Ein Anruf bei Nacht

Dienstagnacht um kurz vor halb zwei ging im Polizeirevier Zentrum in der Dimitroffstraße ein Anruf ein. Der Diensthabende Beamte erkannte sofort die Telefonnummer. Sie gehörte zu einer der Telefonzellen auf der Karl-Liebknecht-Straße.
"Ich, ähm." Die Frauenstimme zitterte stark.
"Geht es Ihnen gut?", fragte er Polizist.
"Ja. Mir geht es gut. Es geht um den Mord in dem Abrisshaus. Ich war zwei Tage vor dem Mord mit meinem, äh, Bekannten da und wir, also, wir hatten Verkehr, und er will sich nicht melden, weil seine Frau und seine Kinder das nicht wissen sollen. Aber wir haben nichts mit dem Mord zu tun. Wir waren nur da, um, na ja, Sie wissen schon."
"Das ist eine wichtige Zeugenaussage, die -"
"Ich kann nachts nicht schlafen. Wir waren nicht im Haus drin, nur in der Gasse. Da war niemand anders. Das war alles." Sie legte auf. 
Der Beamte seufzte. Jetzt hatte sie ihr Gewissen frei geredet. Was sie nicht wusste, war, dass genau zwei Straßen weiter eine Streife unterwegs war, die sich im Augenblick in ihre Richtung bewegte.

Dienstag, 20. September 2016

Der Geheimniskrämer (3. Kapitel)



Ein Anruf bei Tag

"Ignorierst du mich?"
"Was willst du denn jetzt? Ich habe dir gesagt, dass ich keine Zeit habe."
"Hast du nicht Zeitung gelesen? Sie haben eine Leiche gefunden ... also, die können da Spuren von uns finden."
"Na und?"
"Wir müssen uns mit -"
"Wir müssen überhaupt nichts. Niemand kann uns etwas nachweisen. Jetzt hör auf mich anrufen. Ich habe weiß Gott Besseres zu tun." Damit legte er auf.

Sonntag, 18. September 2016

Der Geheimniskrämer (2. Kapitel)


Polizei (1)

Kriminalhauptkommissar Faust Pegelmann massierte sich dem Nasenrücken. Das erste Mal seit den Anfangstagen seiner Berufslaufbahn fühlt er sich überfordert.
Man hatte im Nordosten der Stadt einer Leiche gefunden. Der Mann war Opfer eines Tötungsdeliktes. Ihm war in einem stark verwitterten Haus aus nächster Nähe in den Kopf geschossen worden. Ein Anwohner hatte die Polizei gerufen, nachdem er mehrere Männer aus dem Haus hatte rennen sehen. Er hatte sich das Nummernkennzeichen des Fluchtautos gemerkt. Eine erste Überprüfung ergab, dass die Kennzeichen vorgestern als gestohlen gemeldet waren.
Im Haus selber hatte es an verschiedenen Stellen Versuche gegeben, Kabel zu entfernen. In allen Räumen bis auf dem, in dem die Leiche lag, hingen sie halb fertig aus den Wänden heraus gerissen. Der frische Mörtel auf dem Boden überlagerte den restlichen Dreck.
Pegelmann sprach mit einem Kollegen, der bereits mehrere Fälle mit Kabeldiebstahl bearbeitet hatte, und zeigte ihm Fotos vom Tatort.
"Es gibt da organisierte Banden aus Osteuropa, die sehr professionell vorgehen. Die wissen genau, wo sie suchen müssen. Sie reißen nur dort die Wand auf, wo sich die Kabel befinden. Das gleiche Vorgehen hast du auch hier. Sonst findest du keine anderen Blessuren, die von grober Gewalt herkommen. Es ist recht ungewöhnlich, dass sie zwischendurch abbrechen und verschwinden."
Die Spurensicherung hatte verschiedene Abdrücke von Schuhen und Fingern gefunden. Es gab mehrere DNA-Spuren an Zigarettenstummeln und Essensresten sowie Rückstände von Körpersäften, die im Umfeld der Leiche gesichert werden konnten.
Jetzt lag es an ihm und seinen Kollegen, die gefundenen Spuren mit dem Tathergang in Verbindung zu setzen.
Der Leichnam trug keine Dokumente bei sich, die zur Identifizierung dienten. Ein männlicher Weißer mit blonden Haaren, blauen Augen und kräftigem Körperbau. Keine Tätowierungen oder Körperschmuck. Bekleidet war er mit einer knielangen Stoffhose, einem blauweiß kariertem Hemd sowie einer dunklen Jacke. Dazu trug er weiße Socken, weiße Turnschuhe und eine blaue Kappe ohne erkennbare Markenzugehörigkeit. Alles günstige Massenware ohne Gebrauchsspuren, die auf längeren Besitz hindeuteten.
In keiner ihrer Listen war der Mann aufgetaucht. Seine Fingerabdrücke waren bei ihnen nicht registriert. Es gab auch keine Vermisstenanzeige, die mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte.
Der einzige Gegenstand, der bei dem Mann gefunden worden war, hatte ihm der Gerichtsmediziner aus der Hosentasche gezogen. Es war ein karierter Zettel gewesen, so geheimnisvoll zusammen gefaltet wie Mädchen es zu Pegelmanns Schulzeit getan hatten.
Und genau dieses Stück Papier bereitete Pegelmann Kopfzerbrechen. Auf dem Zettel befanden sich Buchstaben in seltsamer Reihenfolge. Sie waren fein säuberlich mit Füller geschrieben worden. Jeder Buchstabe füllte ein Kästchen aus.
Bei der näheren Untersuchung der Umgebung des Tatorts waren sie auf einen Abfalleimer aufmerksam geworden, der sich zwischen den Bänken einer winzigen Grünanlage befand. Neben dem üblichen Müll fanden die Ermittler noch zwei weitere dieser Zettel. Genauso akribisch gefaltet und ordentlich beschrieben. Es war die gleiche Schrift. Nur die Textinhalte lauteten anders.
Der zweite Zettel wiederholte die Buchstabenreihenfolgen "eop" und "qjz". Der dritte unterschied sich zu den vorherigen. Er beinhaltete eine Zahlenkombination und war wesentlich kürzer in seiner Nachricht.
Pegelmann hatte sich noch nie mit Kryptologie beschäftigt. Die letzten anderthalb Stunden hatte er Seiten im Internet durchforstet, die ihm dieses Feld der Wissenschaft näher brachten. Jetzt dampfte sein Kopf vom Informationsüberfluss. Sie mussten einen Experten anfordern in der Hoffnung, dass diesem Buchstabenwirrwarr eine Codierung zu Grunde lag und es nicht einfach irgendein Unsinn war.
Selbst, wenn der Zettelinhalt nichts mit dem Mord zu tun haben sollte, könnte er bei der Identifizierung der Leiche oder wichtiger Zeugen helfen.
Die zahlreichen DNA-Spuren, die am Tatort gefunden worden waren, konnten hilfreich sein, wenn sie dem Verbrechen zugeordnet werden konnten. Anwohner hatten ausgesagt, dass die Abrisshäuser durchaus nicht unbewohnt waren.
Pegelmann blätterte durch die Unterlagen mit den Zeugenaussagen. Er hatte einige der Anwohner selber vernommen. Es war viel Ärger und Verdruss über die leer stehenden Gebäude zum Ausdruck gekommen.
Da hängen manchmal Obdachlose herum. Sie scheißen in die Straße und die leeren Glasflaschen liegen überall herum. Ich habe deswegen mal die Polizei gerufen, aber das hat gar nichts gebracht. Hier konnte man früher einmal so schön wohnen, aber seit der Wende geht es hier den Bach ab.
Informationen über das Tötungsdelikt hingegen waren kaum dabei herum gekommen. Niemand hatte einen Schuss gehört. Außer dem Zeugen Laslo 
Retacović hatte niemand die Männer im Haus oder den weißen Transporter beobachtet. Eine Anwohnerin hatte geäußert, bei offenem Fenster geschlafen und ein Motorengeräusch wahrgenommen zu haben. Die Uhrzeit wusste sie nicht genau zu benennen, aber es war vor Sonnenaufgang gewesen.
Bei diesem Gebäude hängen manchmal Jungen herum, die hier, Sie wissen schon, Männer treffen. Dann verschwinden sie kurz. Jeder weiß ganz genau, was da abgeht. Und niemand macht etwas dagegen!
Es war tatsächlich eine Spermaspur an einer Hauswand gefunden worden so wie ein benutztes Kondom. Pegelmann hatte Fälle aus der Stricherszene mit Raubüberfällen und versuchtem Totschlag bearbeitet. Die Motive basierten meistens auf Habsucht oder Eifersucht. Die Täter waren emotional aufgeladen und agierten weitaus unsauberer als es hier der Fall war.
Es passte nicht.

Samstag, 17. September 2016

Der Geheimniskrämer (1. Kapitel)

Der Mann mit dem Hund

Der Sonnenschein heute hätte aggressiver nicht sein können. Der Asphalt fühlte sich selbst durch seine Turnschuhe heiß an. Jimmy winselte, als Herr Retacović ihn über die Straße zur Wiese gegenüber trug. In seinen Jugendjahren hatte hier ein Haus gestanden. Mitte der Neunziger war es dann abgerissen worden und die Stadt hatte ein paar Bäume und Büsche pflanzen lassen. Auf zwei Parkbänken saßen nun stets die gleichen Anwohner und tranken Bier. Herr Retacović mochte sie nicht sonderlich. Manchmal waren sie widerlich in ihrer Trunkenheit und pöbelten ihn an. Heute allerdings war es zu heiß, um auf einer Bank ohne Sonnenschutz zu sitzen. Er setzte Jimmy ab, der kurz darauf sein Geschäft machte.
"Wenn es so heiß ist, können wir nicht spazieren gehen. Da verbrennst du dir die Pfoten. Nein, Jimmy, sei nicht traurig. Wir warten bis es kühler wird."
Er trug Jimmy wieder zurück. In der Wohnung angekommen stellte er sich den Wecker auf drei Uhr morgens. Dann waren die Wege wieder kühl genug, um Jimmys Pfoten nicht zu verletzen.
Jimmy, die Dackelmischung mit den hängenden Ohren und dem weiß werdenden Fell auf der Schnauze war Herr Retacovićs einziger Freund und Herr Retacović kümmerte sich um Jimmy. Er stand sogar mitten in der Nacht für ihn auf und führte ihn um den Block, damit der Hund etwas Auslauf hatte. Die Hitze hatte ihnen beiden zu schaffen gemacht.
So spät in der Nacht waren die Straßen eingetaucht in das gelbe Licht der Straßenlaternen. Gruppen von Motten sammelten sich an den hoch hängenden Lampen. Herr Retacović nahm Jimmy von der Leine. Der Hund lief hechelnd neben ihm her. Sie hatten ihre feste Runde. Es war eine Strecke von etwa dreißig Minuten, die auf dem Rückweg an einer Kaufhalle vorbeiführte, falls Herr Retacović noch etwas besorgen musste.
Heute passierten sie einen leeren Parkplatz. Die Neonröhren der Werbetafel über den Eingang leuchteten vergeblich. Der halbe Parkplatz lag im kompletten Dunkel.
Herr Retacović gähnte gerade, als Jimmy anhielt und die Ohren spitzte.
"Nein, Jimmy, heute kaufen wir nichts ein. Komm, lass uns nach Hause gehen. Ich brauche noch ein bisschen Schlaf."
Er beugte sich herunter und nahm Jimmy wieder an die Leine. Jimmy ging widerstrebend mit. Er drehte sich noch zwei mal zum Supermarktparkplatz zurück.
"Was hast du denn gesehen, Junge? War es eine Ratte? Aber die schmecken doch gar nicht."
Herr Retacović wollte die Straßenseite wechseln, als ihm ein Auto in der Straße auffiel. Es war ein weißer Transporter, der vor einem der Abrisshäuser stand, die das Straßenbild seit fast zwei Jahrzehnten verunglimpften. Die Scheinwerfer waren ausgestellt, aber Herr Retacović hörte den Motor laufen. Auf einmal kam Bewegung auf. Ein dunkel gekleideter Mann rannte aus dem Haus. Er gestikulierte wild und sprach mit einem anderen Mann, den Herr Retacović bis dahin noch gar nicht ausgemacht hatte. Kurz darauf verließen noch eine Handvoll anderer in schwarz gekleidete Gestalten das Haus und stiegen eilig in den Transporter. Der Fahrer legte sofort den Gang ein und beschleunigte in Richtung Schnellstraße. Herr Retacović sah ihm hinterher.
"Na, das Nummernkennzeichen habe ich mir gemerkt", brummte er. "Komm schnell, Jimmy. Wir müssen die Polizei rufen."


Montag, 27. Juni 2016

Seele im Kreislauf


Das Leben ist so bunt. Wenn ich mich drehe,
vermischt sich alles in fremde Muster.
Ich werde mich verirren.
Meine Seele dreht im Kreislauf.
Bis es anfängt zu regnen.
Wasser kehrt immer wieder zurück,
egal, wo es gewesen ist.
Es kommt zu mir herab und begrüßt mich.
Kühlt mir die Haut.
Erfrischt meinen Kopf.
So viele kleine Tropfen
versammeln sich zum Rhythmus.
Der Regen tanzt für mich.

Im Leben kann es so heiß werden. Wenn ich mich drehe,
erglimmt der Funke zu voller Größe.
Dann zündelt Vertrocknetes in Selbstaufgabe.
Meine Seele brennt zum Kosmos hoch.
Die Glut schlägt immer wieder aus.
Feuer wärmt immer,
egal, was es verbrennt.
Die Flammen lassen schwelen und schmelzen.
Ein Licht in der Nacht.
Schwarzer Rauch am Tag.
So viele kleine Funken
schlagen den Takt.
Das Feuer tanzt für mich.

Das Leben kann so komplex sein. Wenn ich horche
was mich umgibt, dann weiß ich nicht,
welcher Schrei der erste war.
Meine Seele kennt keine Zeit.
Die Zukunft lacht zur Vergangenheit und aus dieser heraus.
Mein Blut pumpt durch die Venen und zurück,
egal, wer die Noten anschlägt.
Stillstand ist nicht möglich.
Unter meinen Füßen dreht der Planet.
Über mir pulsiert die Galaxie.
So viele kleine Akteure
spielen zusammen zum Reigen auf. Und ich?
Ich tanze für mich.

Montag, 2. Mai 2016

Vorgelesen - Erbgut

Ich habe relativ spontan gerade eben eins meiner Gedichte eingesprochen. Hier geht es zum Originalpost.
Anbei habe ich aus das Titelbild etwas abgeändert. Mit dem davorigen war ich nicht zufrieden.
Politische Lyrik ist bisweilen so plakativ, dass sie langweilig wird, oder so offen für Interpretation, dass sie gar nicht als solche wahrgenommen wird. Wie man vielleicht merkt, befürworte ich letzeres.