Mittwoch, 27. April 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 7)

Während sie springt, gleitet der Wind an ihrem Körper entlang. Erhellt ihn für wenige Sekunden, bis er in der Dunkelheit aufgeht. Jetzt will sie ihn nicht nur mehr spüren. Sie will Teil von ihm werden. Sein Widerstand.
Und bald, bald wird es soweit sein, denkt sie. Sie will lachen. Sie schließt die Augen.
In der Ferne hört sie Tybalts Stimme. Sein tiefes Lachen hat immer wunderbar in ihren Ohren geklungen. Es ist ihr liebstes Geräusch. Tybalts wirkliches Lachen erklingt selten. Er lächelt eher.
Tybalt nimmt ihr Gesicht zwischen seine Hände. "Angelique. Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe", flüstert er, bevor er sie das letzte Mal verlässt. "Alles ist erträglicher, weil du bei mir bist."
Sie legt ihre Hände auf seine. "Danke, dass du das sagst."
Er lacht. Weil er froh ist. Er empfindet Glück. In dem Moment kann er es fassen.
"Wie weit wirst du von mir entfernt sein?", fragt sie ihn, bevor er sie das erste Mal verließ.
Mit seinem kleinen Finger zeichnet er ihre Gesichtskonturen nach. "Entfernung ist unbedeutend, Angel. Kilometer sind Sekunden. Fern ist nur, als was du es betrachtest. Du bist immer bei mir.




ENDE

Dienstag, 26. April 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 6)

Sie kam aus dem Badezimmer. Tybalt lehnte mit verschränkten Armen an ihrem Schreibtisch und starrte sie an. Es war das erste Mal, dass sie Zorn in seinem Gesicht wahr nahm. Sie bekam Angst.
"Was ist los?" Die Frage starb auf ihrer Zunge. Auf dem Tisch lagen eine Tüte Gras und mehrere Umschläge mit Kokain.
"Du bunkerst Drogen in deiner Wohnung", knurrte er. Für einen Moment dachte sie, er würde ihr gegenüber handgreiflich werden.
"Ja, das stimmt."
"Ich glaube es nicht, Angelique. Jetzt reagiere nicht so gleichgültig!"
"Warum regst du dich darüber auf? Weil sie illegal sind?"
"Scheißdreck, Angelique! Sag mir, warum du sie nimmst!"
"Um abzuschalten."
"Um dich besser zu fühlen, was?"
"Richtig."
"Seit wann konsumierst du?" Als Angelique zögerte, fragte er eindringlicher: "Wie lange schon, Angelique?"
"Seit Jahren, aber nur sporadisch. Manchmal mehr. Manchmal gar nicht."
"Ich will, dass du es lässt."
"Das hört sich einfacher an als es ist, Tybalt."
"Angelique, schau mich an und wiederhole, was ich sage: Hör mit den Drogen auf!"
Angelique schluckte hart. Sie erwiderte Tybalts Blick. Ihre Hände zitterten. "In Ordnung, Tybalt. Ich höre auf."

Edward nahm einen zusammen gerollten Geldschein und zog die erste Linie. Er hielt ihr das Röhrchen hin. Angelique nahm es und schnupfte die zweite.
"Das ist nicht das erste Mal, dass du das machst", bemerkte er.
"Nein." Sie schloss die Augen.
Wenn Tybalt heute Abend kommt, wird er es sofort wissen. Er wird fort gehen und nie mehr zurückkehren.
"Ich muss nach Hause", murmelte sie und stand auf. Ohne zurückzublicken pfiff sie nach Goliath und verließ die Wohnung. Sie konnte Edward schimpfen hören, aber was bedeutete das schon?

Angelique saß am Küchentisch. Sie starrte auf die Tischkante.
Wie kann ich mich so schuldig fühlen? Tybalt kommt heute nicht. Er wird auch morgen nicht auftauchen und wenn doch, dann ist alles schon vorbei. Ich konsumiere seit Jahren. Ich bin immer ich selbst geblieben. Ich war nie abhängig. Warum will er mir auf einmal etwas verbieten, was mir nicht schadet? Soll ich mein Glück in dem Moment suchen, in dem er hier ist, und dazwischen taub durch das Leben ziehen? Warum beeinflusst mich das dermaßen? Warum beginnt die Sehnsucht nach ihm in dem Moment, wenn die Tür hinter ihm zuschlägt? Ich habe noch nie jemanden vermisst in meinem Leben und auf einmal, wenn er geht, verliert meine Welt an Wert. Bin das überhaupt noch ich? Ich lebe nur noch von Türöffnung zur Türschließung.
"Ich glaube nicht, dass es gut für mich ist, dich kennen gelernt zu haben, Angel. Du bist zu außergewöhnlich, um dich aus meinem Gedächtnis zu streichen. Du hast dich dort längst eingebrannt."
Ich hätte das Zeug nicht schnupfen sollen. Er wird toben. Er wird es mir sofort ansehen. Er weiß, was ich denke.
Wie gut es sich angefühlt hat. 
Angelique richtete sich auf und musterte ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe.
Er wird nicht bei mir bleiben wollen. Er wird mich verlasen.
Das Telefon klingelte. Sie nahm ab. "Ja."
"Angelique. Ich dachte schon, du würdest nie mehr dran gehen."
"Hallo Lora."
"Mensch, ich habe so oft an dich gedacht und mir Sorgen gemacht. Warum hast du dich nicht mehr gemeldet?"
"Ich war beschäftigt."
"Mit dem Studium? Hast du deinen Master durch bekommen?"
"Nein, ich habe aufgehört."
"Abgebrochen? Du? Warum das? Du hast Talent und -"
"Lora, hör bitte damit auf. Es ist vorbei."
"Und was willst du jetzt machen?"
"Ich werde verschwinden. Ich habe keine Zeit mehr." Angelique legte auf.




Montag, 11. April 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 5)


Angelique stieß einen Pfiff aus. Sie hörte Goliath herantrotten. Der Pitbull setzte sich vor sie hin und blickte mit großen Augen zu ihr hoch. Sein rhythmisches Hecheln bezeugte seine Aufregung. Er wusste ganz genau, dass sie jetzt spazieren gehen würden. Angelique kraulte ihn hinter den Ohren und er japste erfreut.
Draußen machte sich ein heller Frühlingstag breit. Erstes zartes Grün zeigte sich an den Bäumen. Ein kalter Wind behielt sich jedoch das Vorrecht. Trotz Sonnenschein war es kalt. Die Promenade am Kanal war nahezu leer.
Ihre Route führte sie am Wasser entlang. Goliath sprang um sie herum und lief von einem interessanten Geruchsfeld zum anderen. Der Rüde war nun drei Jahre alt. Tybalt hatte ihn ihr geschenkt, als er zu ihr gezogen war.
"Angelique, macht es dir etwas aus, wenn ich zu dir ziehe?"
"Nein."
Das hieß nicht, dass er öfters anwesend war als vorher. Er tauchte sporadisch auf und blieb für unregelmäßige Zeiträume. Der längste hatte drei Monate gedauert, der kürzeste zwei Stunden.
Nach wie vor wusste Angelique nicht, was sein Beruf war. Weder kannte sie seinen richtigen Namen noch war ihr bekannt, wo er sich aufhielt, wenn er nicht bei ihr war. Nach ihrer ersten Nacht zusammen, hatte er sie gefragt: "Willst du denn nichts von mir wissen?"
"Sag lieber nichts, als dass du lügst. Ich möchte nicht, dass etwas zwischen uns steht, Tybalt. Wenn du mich wegen deiner Arbeit belügen musst, will ich es nicht wissen."
Damit war das Thema für sie abgehakt gewesen. Er hatte es nicht wieder angesprochen. Wenn Tybalt bei ihr war, herrschte Ruhe in ihrem Kopf und nicht wie jetzt das Chaos.
Es fehlte ihr an Konzentration. Sie schlief kaum noch. Ihre Masterarbeit lag in Brüchen. Einzelne Sätze wiesen nicht mal eine zusammen hängende Grammatik auf.
Etwas weiter entfernt bellte ein großer Hund. Ein Mann kam ihr mit einer Deutschen Dogge entgegen. Angelique begegnete dem Herrn öfter während ihrer täglichen Spaziergänge. Sie hatten bereits mehrmals kurz angehalten und miteinander geredet.
Er lächelte sie schon an.
Das ist das beste, was mir passieren kann. Ablenkung. Egal, was für welche. Hauptsache effizient.
"Guten Tag", begrüßte er sie und blieb stehen. Die Dogge und Goliath umkreisten und beschnupperten sich. "Auch mal wieder unterwegs?"
"Scheint so."
"Jedes Mal, wenn ich Sie mit dem Pitbull sehe, frage ich mich, wie so eine zarte Person so einen bulligen Hund haben kann."
"Es gibt keine bösen Hunde. Solange mich niemand bedrängt, ist er harmlos."
"Ich hoffe, ich bedränge Sie nicht, wenn ich Sie auf einen Kaffee einlade?"
Sie kannte das Schema. Leicht lächeln, erst in die Ferne, dann ihn ansehen. "Nein. Das ist noch im Rahmen."
Sie liefen nebeneinander her zu einem kleinen Kaffeehaus in der Nähe. Dort bestellten sie sich beide Getränke. Die Hunde lagen unter dem Tisch.
Sein Name lautete Edward. Er arbeitete bei einem Steuerberater und lebte in Scheidung.
"Und Sie?", erkundigte er sich.
"Ich studiere Kunstgeschichte und Grafikdesign."
"So etwas hätte ich auch gern studiert, aber es gab zu viele, die mir überlegen waren und dann bin ich zu BWL herübergewechselt."
"Ist BWL wirklich so trocken, wie es oft beschrieben wird?"
"Teilweise." Er nahm einen Schluck vom Kaffee. "Aber das Leben besteht nicht nur aus Spaß und Unterhaltung."
"Sie haben gesagt, Sie leben in Scheidung?"
"Ja. Meine Frau ist vor kurzem erst aus der Wohnung ausgezogen. Wir haben keinen Kontakt mehr außer über unsere Anwälte."
"Klingt unangenehm."
"Es ist besser als vorher. Irgendwann wurde sie krankhaft eifersüchtig. Einmal legte sie sich mit der Briefträgerin an, weil sie mir zugelächelt hatte."
"Haben Sie Kinder?"
"Nein. Zum Glück."
"Und der Hund bleibt bei Ihnen?"
"Ja. Der Hund braucht viel Platz. Den kann ich ihr bieten und meine Frau nicht. Das war ja auch das Lächerliche: Nachher war sie sogar eifersüchtig auf Rina. Ich verbrächte mehr Zeit mit der Hündin als mit ihr, hat sie mir vorgeworfen."
Angelique leerte ihre Tasse. "Sie erfüllt also das Klischee einer streitsüchtigen Ehefrau?"
"Ja. Ich bin so froh, dass ich sie nicht mehr in der Wohnung ertragen muss. Möchten Sie sie mal sehen?"
"Ihre Frau?"
"Meine Wohnung. Sie liegt nicht allzu fern von hier und sie lohnt sich. Jetzt, wo meine Frau ihre Sachen bereits abgeholt hat, ist es zwar etwas leerer, aber wir haben einen unfassbar schönen Ausblick über den Kanal."
Angelique willigte ein. Edward bezahlte und führte sie dann zu einem Häuserblock, der etwa hundert Meter Luftlinie von dem Café entfernt lag. Angelique kannte diese Gegen. Als sie nach einer passenden Wohnung gesucht hatte, hatte ihr Makler sie auch in eines der Appartements hier geführt.
Die Wohnung war genau wie Angelique sie sich vorgestellt hatte. Kühl und modern eingerichtet mit eingerahmten Nachempfindungen Paul Klees an den Wänden und Outlet-Designermöbeln. Edward führte sie herum und hatte zu jedem Dekorationsgegenstand eine Anekdote aus einem anderem Urlaub zu erzählen.
Schließlich setzten sie sich auf das Sofa. Edward griff in seine Jackettasche und zog einen kleinen Umschlag heraus.
"Möchtest du?", fragte er und zog auf dem Tisch zwei Linien. Angelique starrte auf das Kokain und überlegte.



Freitag, 1. April 2016

Bevor sie sprang - Eine Skizzierung (Teil 4)

Tybalt frühstückte in einem kleinen Stehcafé in der Nähe der Universität. Belustigt belauschte er die Gespräche über Politik und Kunst um sich herum. Viele der Studenten hatten eine sehr wichtige Meinung.
Er versuchte, sich Angelique zwischen diesen Menschen vorzustellen, aber seine Fantasie brachte es nicht zustande.
Vielleicht fand er sie auf dem Campus. Kunstgeschichte und Grafikdesign hatte sie gesagt, studiere sie. Tybalt ging davon aus, dass sie gelogen hatte, aber es war einen Versuch wert.
Er frühstückte zu Ende und machte sich auf dem Weg zur Hochschule. Aufmerksam beobachtete er die Gegend. Seine Augen fanden Angelique nicht, dafür aber erblickte er ein anderes Mädchen. Sie hastete an ihm vorbei. Tybalt schnellte einen Schritt nach vorn und hielt sie am Arm fest.
"Spinnst du, du Penner!", fauchte sie ihn an.
Tybalt hielt sie noch einen Moment fest, bevor er sie losließ. "Ich hatte keine andere Chance, dich zum Stehen bleiben zu zwingen. Du bist Angeliques Freundin. Du warst auch anfangs auch bei der Rilke-Lesung. Angelique und ich haben uns da kennen gelernt."
Lora seufzte. "Was willst du von mir wissen?"
"Wo wohnt Angelique?"
"Warum sollte ich dir das sagen? In der Regel interessiert sich Angelique nicht für Leute, die sie kennen lernen."
Tybalt konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen. "Glaub mir, diesmal interessiert es sie definitiv."
Lora legte den Kopf schief und musterte ihn von oben nach unten. "Kann ich mir nicht vorstellen", erwiderte sie süffisant.
"Verrate mir wenigstens ihren Nachnamen."
"Mieran."
"Wie dieser Komponist?"
"Welcher Komponist?"
"Ist schon gut. Jetzt sag mir, wo sie wohnt."
"Warum suchst du sie?"
"Sie hat ihre Zeichenmappe bei mir vergessen."
Lora blickte ihn an und nickte. "In Ordnung. Ich sage dir, wo sie wohnt. Wenn du ihr Ärger machst, bin ich sehr schnell bei der Polizei für eine Aussage, glaub mir."

Angelique schlief noch, als es an der Tür schellte. Beim vierten Klingeln stand sie auf. Beim Gang zur Tür zog sie ihren Morgenmantel an. Sie öffnete ohne durch den Türspion zu schauen. Tybalt blickte ihr entgegen.
"Guten Morgen", begrüßte er sie.
Angelique warf einen Blick auf ihre Küchenuhr. Halb zwei. "Lora?"
"Ist das ihr Name?"
"Komm herein." Angelique trat beiseite und ging voran in die Küche. "Möchtest du Kaffee?"
"Nein, danke." Er setzte sich an den Küchentisch. "Ich traf Lora an der Uni und fragte sie."
"Hat sie sich wichtig gemacht?"
"Sie hatte Angst vor, dich zu verärgern."
"Ich mag es nicht, weitervermittelt zu werden."
"Sie drückte es anders aus. Sie sagte, du hättest kein Interesse an Leuten, die dich kennen lernen."
"Im Gegensatz zu ihr ist bei mir eine zusammen verbrachte Nacht kein Beziehungsbeginn."
"Ich habe ihr erzählt, du hättest deine Zeichenmappe bei mir vergessen."
"Wie einfältig sie ist. Ich zeichne seit Monaten nur noch auf der Staffelei."
Sie sprachen kein Wort, bis der Kaffee durchgelaufen war und sie sich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte.
"Lora hat mir noch mehr verraten", sagte Tybalt dann. Angelique hob nur die Augenbrauen. "Dein Nachname lautet Mieran. Wie der Komponist Valdur Mieran. Kennst du ihn?"
"Er ist mein Halbbruder und wie mir öfters bestätigt wurde, der einzige in meiner Familie mit Talent."
"Liebt ihn deine Familie mehr als dich?"
Angelique zog die Schultern hoch. "Wer weiß das schon so ganz genau? Das eine Kind bringt Prestige in die Familie und das andere bringt das Erbe durch. Das eine Kind wird gefördert und das andere wird zum Geburtstag angerufen. Das eine Kind dankt immer öffentlich den Eltern und das andere ist nur angeheiratet."
Angelique trank Kaffee und musterte Tybalt über den Tassenrand hinweg. Sie lächelte leicht.
Das Telefon klingelte. Der Anrufbeantworter sprang an. Loras nervöse Stimme erklang: "Angelique, ich glaube, ich habe Scheiße gebaut. Da ist heute ein Typ auf mich zugekommen und hat mich überredet, deinen Namen und deine Adresse herauszurücken. Er wirkte nicht wie einer deiner sonstigen Kerle. Er sagte, er hätte deine Zeichenmappe. Hoffentlich bist du jetzt nicht böse auf mich. Ich konnte nicht anders. Er hat mich unangenehm gedrängt. Nachher dachte ich noch, ich hätte wenigstens nach seinem Namen fragen können, aber das ist mir in dem Moment nicht eingefallen. Er hat mich vollkommen überrumpelt. Bitte melde dich bei mir und sag mir, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Nachher war das irgendein Perverser. Ruf mich bitte an!"
"Ein Lügner, kein Perverser", korrigierte Tybalt. "Wirst du sie anrufen?"
"Vermutlich nicht."
"Wird sie einfach so herkommen?"
"Sie weiß, dass ich das nicht mag."
Tybalt griff über den Tisch hinweg nach Angeliques Gesicht und streichelte es mit dem Daumen. "Ich glaube nicht, dass es gut für mich ist, dich kennen gelernt zu haben, Angel. Du bist zu außergewöhnlich, um dich aus meinem Gedächtnis zu streichen. Du hast dich dort längst eingebrannt."
Angelique verzog das Gesicht zu einem wohlwollendem Grinsen.
"Ich werde nicht mehr lange in der Stadt sein, aber die Zeit hier möchte ich mit dir verbringen."
Angelique nickte. "Ja, lass uns das machen."