Donnerstag, 29. September 2016

Der Geheimniskrämer (9. Kapitel)


Ein weißer Transporter

Sie kamen in der Nacht. Der Fahrer des Ford Transits schaltete die Scheinwerfer aus, bevor er in die Straße einbog. Das Auto hielt vor dem Abrisshaus. Ein weißer Transporter wie dieser war hier in der Nähe des Industriegebiets keine Seltenheit. Niemand war der Wagen aufgefallen, als sie die letzten Tage öfters am Grundstück vorbei gefahren waren. Die aktuellen Nummernkennzeichen waren frisch gestohlen und montiert. Routine.
Zwei von ihnen hatten sich die Häuser vorher schon einmal angeschaut. Sie hatten tatsächlich noch Kupferleitungen gefunden. Das rechte der beiden Häuser konnte man leicht begehen. Eine Seitentür war bereits von fremder Hand aufgehebelt worden. Das andere hingegen war nur durch ein eingeworfenes Fenster betretbar. Alle anderen Fenster und Türen waren zugenagelt. Aber sie hatten ihr Werkzeug mit.
Kaum stand das Auto, öffnete sich die Schiebetür. Fünf dunkel gekleidete Männer stiegen eilig aus und bewegten sich zum rechten der beiden Häuser hin. Mit ihren Mützen und Handschuhen waren sie kaum voneinander zu unterscheiden. Der Beifahrer folgte ihnen, blieb allerdings zwischen Haus und Transporter stehen. Der Motor lief. Der Fahrer beobachtete die Straße durch die Spiegel. Ihm fiel auf, dass viele der bewohnten Häuser auf der gegenüberliegenden Seite die Fenster offen stehen hatten. Es war heute sehr heiß gewesen, weit über 30 Grad. Der Fahrer überlegte, ob er den Motor ausstellen sollte, weil er vielleicht jemanden wecken könnte. Das war gegen seine Anweisung. Sie mussten jederzeit so schnell wie möglich die Flucht ergreifen können.
In dem Moment sprang einer seiner Komplizen aus einem der zerstörten Fenster im Erdgeschoss. Er flüsterte dem Beifahrer hektisch etwas ins Ohr und zeigte mehrmals auf den zweiten Stock des Gebäudes. Der Beifahrer stieß einen kurzen Pfiff aus. Sofort kletterten alle vier restlichen Männer aus dem Haus heraus. Sie rannten zum Auto und sprangen herein.
Der Fahrer drückte schon auf das Gaspedal, als der Beifahrer noch dabei war, seine Tür zu schließen.
"Was ist passiert?", fragte einer der Männer durch das Verbindungsfenster.
"Da liegt eine Leiche im Haus", antwortete der Mann, der den Körper gefunden hatte.
"Was? Gestern lag da noch keine Leiche!"
"Hast du es nicht gesehen? Jemand hat ihm in den Kopf geschossen. Das ist noch nicht lang her."



Mittwoch, 28. September 2016

Der Geheimniskrämer (8. Kapitel)


Brandherd

"Überall hängen diese scheiß Bullen rum. Und dieser Wichser Retacović schwänzelt um sie herum, als wäre er etwas Besonderes." Harto stützte sich auf das Fensterbrett und starrte nach draußen zur Straße hinunter. "Ich will bei der scheiß Hitze nicht hier drin sitzen." Er nahm einen Schluck Bier. "Warum muss so ein Arschloch hier hier erstochen werden."
"In der Zeitung steht, er wurde erschossen." Enrico rülpste und warf die gerade geleerte Chipstüte auf den Wohnzimmertisch. Scheiße, was war seine Wohnung dreckig, seit seine Alte ihn verlassen hatte. Nancy. Fett geworden war sie nach dem zweiten Kind, aber sie hatte sich immer um die Wohnung gekümmert. Und dann war auf einmal ein anderer Typ da gewesen. Einer mit einer Arbeit als Fernfahrer und einer größeren Wohnung. Und schwups: Da war die Schlampe weg gewesen. Noch einmal hatten sie miteinander telefoniert. Der andere Kerl war nie zu Hause. Hieß: Sie musste ihm nicht täglich hinterher räumen. Und er habe nicht so asoziale Freunde wie Enrico sie habe, hatte sie ihm gesagt.
Asozial vielleicht. Aber er war halt mit ihnen aufgewachsen. Harto und sein Cousin Valentin, den alle nur Schoppo nannten, waren ähnlich wie er nie in irgendetwas erfolgreich gewesen und trotzdem hatten sie alle eine eigene Wohnung und irgendwo ein Kind und eine Alte, die nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte. Die Wohnung wurde vom Staat finanziert und wer wirklich der Vater der Kinder war, war nie bewiesen worden.
Jetzt gerade war Harto dabei, sich mit der fünften oder sechsten heutigen Bierflasche in der Hand über die Schwuchteln und scheiß Pädos aufzuregen, die in dem Abrisshaus gevögelt hatten. Und jetzt war einer dieser Kinderficker halt niedergemäht worden. Und alle machten ein riesiges Drama draus.
"Gib mir ne Waffe und ich schieß die alle um. Diese scheiß Rosettenknutscher. Ich würde sie vor die Wand stellen und nur drauf halten."
Harto hatten sie damals bei der Bundeswehr wegen seiner Vorstrafen nicht angenommen.
Schoppo kam geräuschvoll aus dem Bad. "Eh, da kann die nächste Stunde jetzt keiner mehr drauf."
"Boah, Alter." Enrico verzog das Gesicht. "Ich riech's bis her."
Schoppo lachte dreckig. Er hatte mal einen gut bezahlten Job bei der Müllabfuhr sausen lassen, weil er keinen Bock auf das frühe Aufstehen gehabt hatte. "Was'n hier los? Alle so depri."
"Harto will alle Kinderficker umbringen."
"So wie er alle Juden umbringen will?" Schoppo kicherte. "Unser Harto, immer am Töten."
"Ich mein' das ernst, Mann." Harto zeigte auf das Haus auf der anderen Straßenseite. "Ich fackel das Ding heute Nacht ab. Da sehen die Schwuchteln, was ihnen hier blüht, wenn sie noch mal her kommen."


Dienstag, 27. September 2016

Der Geheimniskrämer (7. Kapitel)


Berlin

"Polizei! Stehen bleiben!"
Der Jugendliche warf das frisch geklaute Brot weg und rannte los. Im Zick Zack um die Leute herum, die stehen blieben und mit aufgerissenen Augen die Jagdszene verfolgten. Er sprang über das Geländer, das den Fußweg zur Straße abgrenzte, und überquerte die Straße. Reifen quietschten. Ein Auto hupte. Er hörte Schreie.
Es war nicht das erste Mal, dass er sich ein Laufduell mit der Staatsgewalt lieferte. Es war allerdings das erste dieser Art in dieser Stadt. Er kannte die Straßen nicht. Und so schrillte nur ein einziger Gedanke in seinem Kopf: Weiterweiterweiter. Weg. Weg. Weg.
"Junge, bleib doch stehen!", brüllte ein Polizist ihm hinterher.
Nein. Niemals.
Die Polizistin auf seiner rechten Seite war auf einmal da. Er hatte sie nicht kommen sehen. Sie setzte zum Sprung an und riss ihn mit sich herunter auf den Asphalt. Sie hockte auf ihn und er spürte, wie sie ihm Handschellen anlegen wollte.
Nein. Verdammt.
Er rappelte sich wieder auf. Die Polizistin fluchte und rammte ihm ihr Knie in den Rücken. Er stöhnte. aber er hatte schon ganz andere Arten von Schmerz kennen gelernt.
"Junge, es wird nicht besser", fauchte die Polizistin ihn an, als er nach ihr schlug. Sein Ellbogen prallte an ihrer Schutzweste ab. Sie verringerte ihm mit dem Knie in seinem Rücken die Atemzufuhr. Er riss den Mund auf und schmeckte den Dreck des Asphalts, auf den sie seinen Kopf gedrückt hielt. Er versuchte, sie zu treten, was sie mit einem Schlag in die Kniekehlen beantwortete. Egal, was er versuchte, sie kam ihm zuvor. Die Bullenfotze trainierte wahrscheinlich irgendeine Form von Selbstverteidigung.
Der Polizist, der ihn anfangs verfolgt hatte, war kurz darauf da. Er verdrehte ihm den Arm. Zusammen legten sie ihm die Handschellen an. Der Junge hörte den Polizisten laut Luft holen. Sein Atem stank, als hätte er sich vor kurzem noch einen Döner reingejagt.
"Junge, beruhig dich, oder du kommst in die Zwangsjacke", brüllte er ihn an, als der Jugendliche sich weiter wand. "Was ist denn los mit dir? Es ist doch nur ein Diebstahl."
Der Polizist begann ihn zu filzen.
"Pass auf, dass er dich nicht beißt." Die Polizistin gab über ihr Mikrofon an der Schulter Informationen an die Zentrale weiter.
"Wie heißt du?"
Dagan drehte den Kopf von ihr weg. Sie hatten ihn. Der Diebstahl war ihm egal. Aber jetzt würden sie eine Verbindung nach Leipzig herstellen können. Aber er würde nicht sprechen. Niemand kannte seinen Namen. Sie hatten nur seine Fingerabdrücke.

Montag, 26. September 2016

Der Geheimiskrämer (6. Kapitel)


Ein Notruf bei Nacht

Es war fünf Tage her, dass sie die Leiche gefunden hatten. Anke Siekheim hatte mit den Polizisten gesprochen. Sie hatte Pressevertretern, die bei ihr geklingelt hatten, Rede und Antwort gestanden. Sie hatte jedem in ihrer Familie und Bekanntenkreis davon erzählt.
Im Haus gegenüber war ein Mord geschehen. Die Identität des Opfers veröffentlichte die Polizei nicht. Sie hatten bisher auch keinen Täter oder auch nur einen Verdächtigen verhaftet.
Eine Leipziger Internetzeitung hatte einen recht interessanten Artikel darüber verfasst, zu welcher Investmentgruppe dieses Abrisshaus eigentlich gehörte. Zur Zeit war es wohl in der Hand einer britischen Immobilienfirma. Diese kommunizierte über eine Londoner Anwaltskanzlei und dort reagierte man recht eisig auf Interviewanfragen.
Kaum nehmen sie uns den Tatort weg, passiert hier mal etwas Echtes, was man verfilmen könnte, hatte Anke gedacht.
Sie war stolz auf sich, dass sie der Polizei etwas hatte mitteilen können. Sie schlief gern bei offenem Fenster. So hatte sie den lauten Motor des Wagens gehört, nach dem die Polizei jetzt suchte. Vielleicht waren es ja die Mörder? Dann müsste sie ihre Aussage bestimmt vor Gericht wiederholen, wenn es soweit wäre.
Auch in dieser Nacht schlief sie mit offenem Fenster. Das Klirren von Glas weckte sie.
Sag bloß, da geschieht schon wieder etwas, dachte sie und stand auf, um einen Blick herauszuwerfen. Die Laternen dieses Straßenabschnittes hatten sich bereits ausgeschaltet, aber der automatische Bewegungsmelder des Hauseinganges erhellte die Nacht. Im Lichtpegel waren die Rücken dreier Männer zu sehen. Sie hielten jeder einen Gegenstand in der Hand. Einer von ihnen hantierte mit einem Sturmfeuerzeug herum. Es fiel ihm aus der Hand auf den Boden. Umständlich hob er es wieder auf. Kurz darauf entflammten drei Feuerquellen. Die Männer warfen sie auf das immer noch mit Polizeiband abgesperrte Grundstück.
"Es darf nicht wahr sein", hauchte Anke und griff zu ihrem Telefon. Ihre Hände zitterten, als sie die 110 wählte. Sie stellte sich seitlich an das Fenster und lugte heraus.
Einer der Männer lachte, als die drei weg rannten. Sie kannte das Lachen. Es war von einem der Asis aus dem Nachbarhaus.


Donnerstag, 22. September 2016

Der Geheimniskrämer (5. Kapitel)


Polizei (2)

"Poch, poch." Kollege Waskoya trat mit einem schelmischen Grinsen an Pegelmanns Bürotür. "Hier sind ein paar Kekse meiner Frau, wenn du willst." Er hielt Pegelmann eine Dose mit selbst gebackenem Naschzeug hin.
"Danke." Pegelmann griff zu und stopfte sich den ersten Keks in den Mund.
"Hast du die Zeitung schon gelesen?" Waskoya erhielt einen bösen Blick von Pegelmann. Anscheinend hatte er. Kein Wunder. Sie lag in der Küche für jeden sichtbar mit noch ein paar anderen Tageszeitungen.
"Homomord In Leipzig", titelte es dort. Einige Anwohner hatten der findigen Boulevardzeitung erzählt, der Fundort der Leiche sei ein Treffpunkt für männliche Prostituierte mit ihren Freiern gewesen. Die sensationelle Konklusion bestand natürlich darin, das Mordopfer, das auch nach zwei Tagen immer noch nicht identifiziert war, in der Stricherszene zu verordnen. Eine Polizeinahe Quelle berichtete auch noch von Spermaspuren und Kondom am Tatort.
"Die Lackaffen. Ich hasse sie so sehr." Auch mit vollem Mund konnte Pegelmann noch klatschsüchtige Reporter verfluchen.
"Ja, aber dein Hass hält sie am Leben. Ich hoffe, du hast gerade eine Minute. Ich bin eigentlich nicht wegen der Kekse gekommen." Waskoya setzte sich mit einer Gesäßhälfte auf den Schreibtisch. "Du hast mich verschlüsselten Texten zu tun, nicht wahr? Kann ich sie mal sehen?"
Waskoya arbeitete eigentlich bei der Bundespolizei. Weil Kriminalpolizei und Bundespolizei Informationsaustausch miteinander pflegten, war er öfters mal vor Ort.
Pegelmann fixierte den Kollegen, während er ihm Kopien der gefundenen Zetteln herüber reichte. "Sag bloß, du kennst dich damit aus?"
"Nein."
"Aber?"
"Ein Schulfreund von mir tüftelt gerne damit herum."
"Ein Schulfreund von dir tüftelt gerne damit herum?"
"Immer mit der Ruhe. Er ist Informatiker und programmiert Webseiten für Unternehmen. Irgendwie sowas. Zu Abi-Zeiten schon hat er sich mit Dechiffrierungen beschäftigt und das als Hobby beibehalten. Da gab es mal einen Mordfall in Australien mit einer Leiche, bei der ein Zettel mit einer verschlüsselten Botschaft gefunden wurde. Das hat ihn damals dazu verleitet, sich damit zu beschäftigen. Wenn du magst, kann ich ihn mal seine Hilfe bitten."
"Gerne." Pegelmann stand auf und griff nach den Blättern. "Warte, ich kopiere sie dir."
Waskoya zog eine Augenbraue hoch. "Lass das mal." Er holte sein Smartphone hervor und fotografierte die Kopien. "Mal sehen, wie schnell er das löst."
Pegelmann fuhr sich mit den Händen durch das Gesicht. "Das habe ich jetzt nicht gesehen. Verzieh dich einfach und sag Bescheid, wenn du eine Antwort bekommst."

Mittwoch, 21. September 2016

Der Geheimniskrämer (4. Kapitel)


Ein Anruf bei Nacht

Dienstagnacht um kurz vor halb zwei ging im Polizeirevier Zentrum in der Dimitroffstraße ein Anruf ein. Der Diensthabende Beamte erkannte sofort die Telefonnummer. Sie gehörte zu einer der Telefonzellen auf der Karl-Liebknecht-Straße.
"Ich, ähm." Die Frauenstimme zitterte stark.
"Geht es Ihnen gut?", fragte er Polizist.
"Ja. Mir geht es gut. Es geht um den Mord in dem Abrisshaus. Ich war zwei Tage vor dem Mord mit meinem, äh, Bekannten da und wir, also, wir hatten Verkehr, und er will sich nicht melden, weil seine Frau und seine Kinder das nicht wissen sollen. Aber wir haben nichts mit dem Mord zu tun. Wir waren nur da, um, na ja, Sie wissen schon."
"Das ist eine wichtige Zeugenaussage, die -"
"Ich kann nachts nicht schlafen. Wir waren nicht im Haus drin, nur in der Gasse. Da war niemand anders. Das war alles." Sie legte auf. 
Der Beamte seufzte. Jetzt hatte sie ihr Gewissen frei geredet. Was sie nicht wusste, war, dass genau zwei Straßen weiter eine Streife unterwegs war, die sich im Augenblick in ihre Richtung bewegte.

Dienstag, 20. September 2016

Der Geheimniskrämer (3. Kapitel)



Ein Anruf bei Tag

"Ignorierst du mich?"
"Was willst du denn jetzt? Ich habe dir gesagt, dass ich keine Zeit habe."
"Hast du nicht Zeitung gelesen? Sie haben eine Leiche gefunden ... also, die können da Spuren von uns finden."
"Na und?"
"Wir müssen uns mit -"
"Wir müssen überhaupt nichts. Niemand kann uns etwas nachweisen. Jetzt hör auf mich anrufen. Ich habe weiß Gott Besseres zu tun." Damit legte er auf.

Sonntag, 18. September 2016

Der Geheimniskrämer (2. Kapitel)


Polizei (1)

Kriminalhauptkommissar Faust Pegelmann massierte sich dem Nasenrücken. Das erste Mal seit den Anfangstagen seiner Berufslaufbahn fühlt er sich überfordert.
Man hatte im Nordosten der Stadt einer Leiche gefunden. Der Mann war Opfer eines Tötungsdeliktes. Ihm war in einem stark verwitterten Haus aus nächster Nähe in den Kopf geschossen worden. Ein Anwohner hatte die Polizei gerufen, nachdem er mehrere Männer aus dem Haus hatte rennen sehen. Er hatte sich das Nummernkennzeichen des Fluchtautos gemerkt. Eine erste Überprüfung ergab, dass die Kennzeichen vorgestern als gestohlen gemeldet waren.
Im Haus selber hatte es an verschiedenen Stellen Versuche gegeben, Kabel zu entfernen. In allen Räumen bis auf dem, in dem die Leiche lag, hingen sie halb fertig aus den Wänden heraus gerissen. Der frische Mörtel auf dem Boden überlagerte den restlichen Dreck.
Pegelmann sprach mit einem Kollegen, der bereits mehrere Fälle mit Kabeldiebstahl bearbeitet hatte, und zeigte ihm Fotos vom Tatort.
"Es gibt da organisierte Banden aus Osteuropa, die sehr professionell vorgehen. Die wissen genau, wo sie suchen müssen. Sie reißen nur dort die Wand auf, wo sich die Kabel befinden. Das gleiche Vorgehen hast du auch hier. Sonst findest du keine anderen Blessuren, die von grober Gewalt herkommen. Es ist recht ungewöhnlich, dass sie zwischendurch abbrechen und verschwinden."
Die Spurensicherung hatte verschiedene Abdrücke von Schuhen und Fingern gefunden. Es gab mehrere DNA-Spuren an Zigarettenstummeln und Essensresten sowie Rückstände von Körpersäften, die im Umfeld der Leiche gesichert werden konnten.
Jetzt lag es an ihm und seinen Kollegen, die gefundenen Spuren mit dem Tathergang in Verbindung zu setzen.
Der Leichnam trug keine Dokumente bei sich, die zur Identifizierung dienten. Ein männlicher Weißer mit blonden Haaren, blauen Augen und kräftigem Körperbau. Keine Tätowierungen oder Körperschmuck. Bekleidet war er mit einer knielangen Stoffhose, einem blauweiß kariertem Hemd sowie einer dunklen Jacke. Dazu trug er weiße Socken, weiße Turnschuhe und eine blaue Kappe ohne erkennbare Markenzugehörigkeit. Alles günstige Massenware ohne Gebrauchsspuren, die auf längeren Besitz hindeuteten.
In keiner ihrer Listen war der Mann aufgetaucht. Seine Fingerabdrücke waren bei ihnen nicht registriert. Es gab auch keine Vermisstenanzeige, die mit ihm in Verbindung gebracht werden konnte.
Der einzige Gegenstand, der bei dem Mann gefunden worden war, hatte ihm der Gerichtsmediziner aus der Hosentasche gezogen. Es war ein karierter Zettel gewesen, so geheimnisvoll zusammen gefaltet wie Mädchen es zu Pegelmanns Schulzeit getan hatten.
Und genau dieses Stück Papier bereitete Pegelmann Kopfzerbrechen. Auf dem Zettel befanden sich Buchstaben in seltsamer Reihenfolge. Sie waren fein säuberlich mit Füller geschrieben worden. Jeder Buchstabe füllte ein Kästchen aus.
Bei der näheren Untersuchung der Umgebung des Tatorts waren sie auf einen Abfalleimer aufmerksam geworden, der sich zwischen den Bänken einer winzigen Grünanlage befand. Neben dem üblichen Müll fanden die Ermittler noch zwei weitere dieser Zettel. Genauso akribisch gefaltet und ordentlich beschrieben. Es war die gleiche Schrift. Nur die Textinhalte lauteten anders.
Der zweite Zettel wiederholte die Buchstabenreihenfolgen "eop" und "qjz". Der dritte unterschied sich zu den vorherigen. Er beinhaltete eine Zahlenkombination und war wesentlich kürzer in seiner Nachricht.
Pegelmann hatte sich noch nie mit Kryptologie beschäftigt. Die letzten anderthalb Stunden hatte er Seiten im Internet durchforstet, die ihm dieses Feld der Wissenschaft näher brachten. Jetzt dampfte sein Kopf vom Informationsüberfluss. Sie mussten einen Experten anfordern in der Hoffnung, dass diesem Buchstabenwirrwarr eine Codierung zu Grunde lag und es nicht einfach irgendein Unsinn war.
Selbst, wenn der Zettelinhalt nichts mit dem Mord zu tun haben sollte, könnte er bei der Identifizierung der Leiche oder wichtiger Zeugen helfen.
Die zahlreichen DNA-Spuren, die am Tatort gefunden worden waren, konnten hilfreich sein, wenn sie dem Verbrechen zugeordnet werden konnten. Anwohner hatten ausgesagt, dass die Abrisshäuser durchaus nicht unbewohnt waren.
Pegelmann blätterte durch die Unterlagen mit den Zeugenaussagen. Er hatte einige der Anwohner selber vernommen. Es war viel Ärger und Verdruss über die leer stehenden Gebäude zum Ausdruck gekommen.
Da hängen manchmal Obdachlose herum. Sie scheißen in die Straße und die leeren Glasflaschen liegen überall herum. Ich habe deswegen mal die Polizei gerufen, aber das hat gar nichts gebracht. Hier konnte man früher einmal so schön wohnen, aber seit der Wende geht es hier den Bach ab.
Informationen über das Tötungsdelikt hingegen waren kaum dabei herum gekommen. Niemand hatte einen Schuss gehört. Außer dem Zeugen Laslo 
Retacović hatte niemand die Männer im Haus oder den weißen Transporter beobachtet. Eine Anwohnerin hatte geäußert, bei offenem Fenster geschlafen und ein Motorengeräusch wahrgenommen zu haben. Die Uhrzeit wusste sie nicht genau zu benennen, aber es war vor Sonnenaufgang gewesen.
Bei diesem Gebäude hängen manchmal Jungen herum, die hier, Sie wissen schon, Männer treffen. Dann verschwinden sie kurz. Jeder weiß ganz genau, was da abgeht. Und niemand macht etwas dagegen!
Es war tatsächlich eine Spermaspur an einer Hauswand gefunden worden so wie ein benutztes Kondom. Pegelmann hatte Fälle aus der Stricherszene mit Raubüberfällen und versuchtem Totschlag bearbeitet. Die Motive basierten meistens auf Habsucht oder Eifersucht. Die Täter waren emotional aufgeladen und agierten weitaus unsauberer als es hier der Fall war.
Es passte nicht.

Samstag, 17. September 2016

Der Geheimniskrämer (1. Kapitel)

Der Mann mit dem Hund

Der Sonnenschein heute hätte aggressiver nicht sein können. Der Asphalt fühlte sich selbst durch seine Turnschuhe heiß an. Jimmy winselte, als Herr Retacović ihn über die Straße zur Wiese gegenüber trug. In seinen Jugendjahren hatte hier ein Haus gestanden. Mitte der Neunziger war es dann abgerissen worden und die Stadt hatte ein paar Bäume und Büsche pflanzen lassen. Auf zwei Parkbänken saßen nun stets die gleichen Anwohner und tranken Bier. Herr Retacović mochte sie nicht sonderlich. Manchmal waren sie widerlich in ihrer Trunkenheit und pöbelten ihn an. Heute allerdings war es zu heiß, um auf einer Bank ohne Sonnenschutz zu sitzen. Er setzte Jimmy ab, der kurz darauf sein Geschäft machte.
"Wenn es so heiß ist, können wir nicht spazieren gehen. Da verbrennst du dir die Pfoten. Nein, Jimmy, sei nicht traurig. Wir warten bis es kühler wird."
Er trug Jimmy wieder zurück. In der Wohnung angekommen stellte er sich den Wecker auf drei Uhr morgens. Dann waren die Wege wieder kühl genug, um Jimmys Pfoten nicht zu verletzen.
Jimmy, die Dackelmischung mit den hängenden Ohren und dem weiß werdenden Fell auf der Schnauze war Herr Retacovićs einziger Freund und Herr Retacović kümmerte sich um Jimmy. Er stand sogar mitten in der Nacht für ihn auf und führte ihn um den Block, damit der Hund etwas Auslauf hatte. Die Hitze hatte ihnen beiden zu schaffen gemacht.
So spät in der Nacht waren die Straßen eingetaucht in das gelbe Licht der Straßenlaternen. Gruppen von Motten sammelten sich an den hoch hängenden Lampen. Herr Retacović nahm Jimmy von der Leine. Der Hund lief hechelnd neben ihm her. Sie hatten ihre feste Runde. Es war eine Strecke von etwa dreißig Minuten, die auf dem Rückweg an einer Kaufhalle vorbeiführte, falls Herr Retacović noch etwas besorgen musste.
Heute passierten sie einen leeren Parkplatz. Die Neonröhren der Werbetafel über den Eingang leuchteten vergeblich. Der halbe Parkplatz lag im kompletten Dunkel.
Herr Retacović gähnte gerade, als Jimmy anhielt und die Ohren spitzte.
"Nein, Jimmy, heute kaufen wir nichts ein. Komm, lass uns nach Hause gehen. Ich brauche noch ein bisschen Schlaf."
Er beugte sich herunter und nahm Jimmy wieder an die Leine. Jimmy ging widerstrebend mit. Er drehte sich noch zwei mal zum Supermarktparkplatz zurück.
"Was hast du denn gesehen, Junge? War es eine Ratte? Aber die schmecken doch gar nicht."
Herr Retacović wollte die Straßenseite wechseln, als ihm ein Auto in der Straße auffiel. Es war ein weißer Transporter, der vor einem der Abrisshäuser stand, die das Straßenbild seit fast zwei Jahrzehnten verunglimpften. Die Scheinwerfer waren ausgestellt, aber Herr Retacović hörte den Motor laufen. Auf einmal kam Bewegung auf. Ein dunkel gekleideter Mann rannte aus dem Haus. Er gestikulierte wild und sprach mit einem anderen Mann, den Herr Retacović bis dahin noch gar nicht ausgemacht hatte. Kurz darauf verließen noch eine Handvoll anderer in schwarz gekleidete Gestalten das Haus und stiegen eilig in den Transporter. Der Fahrer legte sofort den Gang ein und beschleunigte in Richtung Schnellstraße. Herr Retacović sah ihm hinterher.
"Na, das Nummernkennzeichen habe ich mir gemerkt", brummte er. "Komm schnell, Jimmy. Wir müssen die Polizei rufen."