Samstag, 17. September 2016

Der Geheimniskrämer (1. Kapitel)

Der Mann mit dem Hund

Der Sonnenschein heute hätte aggressiver nicht sein können. Der Asphalt fühlte sich selbst durch seine Turnschuhe heiß an. Jimmy winselte, als Herr Retacović ihn über die Straße zur Wiese gegenüber trug. In seinen Jugendjahren hatte hier ein Haus gestanden. Mitte der Neunziger war es dann abgerissen worden und die Stadt hatte ein paar Bäume und Büsche pflanzen lassen. Auf zwei Parkbänken saßen nun stets die gleichen Anwohner und tranken Bier. Herr Retacović mochte sie nicht sonderlich. Manchmal waren sie widerlich in ihrer Trunkenheit und pöbelten ihn an. Heute allerdings war es zu heiß, um auf einer Bank ohne Sonnenschutz zu sitzen. Er setzte Jimmy ab, der kurz darauf sein Geschäft machte.
"Wenn es so heiß ist, können wir nicht spazieren gehen. Da verbrennst du dir die Pfoten. Nein, Jimmy, sei nicht traurig. Wir warten bis es kühler wird."
Er trug Jimmy wieder zurück. In der Wohnung angekommen stellte er sich den Wecker auf drei Uhr morgens. Dann waren die Wege wieder kühl genug, um Jimmys Pfoten nicht zu verletzen.
Jimmy, die Dackelmischung mit den hängenden Ohren und dem weiß werdenden Fell auf der Schnauze war Herr Retacovićs einziger Freund und Herr Retacović kümmerte sich um Jimmy. Er stand sogar mitten in der Nacht für ihn auf und führte ihn um den Block, damit der Hund etwas Auslauf hatte. Die Hitze hatte ihnen beiden zu schaffen gemacht.
So spät in der Nacht waren die Straßen eingetaucht in das gelbe Licht der Straßenlaternen. Gruppen von Motten sammelten sich an den hoch hängenden Lampen. Herr Retacović nahm Jimmy von der Leine. Der Hund lief hechelnd neben ihm her. Sie hatten ihre feste Runde. Es war eine Strecke von etwa dreißig Minuten, die auf dem Rückweg an einer Kaufhalle vorbeiführte, falls Herr Retacović noch etwas besorgen musste.
Heute passierten sie einen leeren Parkplatz. Die Neonröhren der Werbetafel über den Eingang leuchteten vergeblich. Der halbe Parkplatz lag im kompletten Dunkel.
Herr Retacović gähnte gerade, als Jimmy anhielt und die Ohren spitzte.
"Nein, Jimmy, heute kaufen wir nichts ein. Komm, lass uns nach Hause gehen. Ich brauche noch ein bisschen Schlaf."
Er beugte sich herunter und nahm Jimmy wieder an die Leine. Jimmy ging widerstrebend mit. Er drehte sich noch zwei mal zum Supermarktparkplatz zurück.
"Was hast du denn gesehen, Junge? War es eine Ratte? Aber die schmecken doch gar nicht."
Herr Retacović wollte die Straßenseite wechseln, als ihm ein Auto in der Straße auffiel. Es war ein weißer Transporter, der vor einem der Abrisshäuser stand, die das Straßenbild seit fast zwei Jahrzehnten verunglimpften. Die Scheinwerfer waren ausgestellt, aber Herr Retacović hörte den Motor laufen. Auf einmal kam Bewegung auf. Ein dunkel gekleideter Mann rannte aus dem Haus. Er gestikulierte wild und sprach mit einem anderen Mann, den Herr Retacović bis dahin noch gar nicht ausgemacht hatte. Kurz darauf verließen noch eine Handvoll anderer in schwarz gekleidete Gestalten das Haus und stiegen eilig in den Transporter. Der Fahrer legte sofort den Gang ein und beschleunigte in Richtung Schnellstraße. Herr Retacović sah ihm hinterher.
"Na, das Nummernkennzeichen habe ich mir gemerkt", brummte er. "Komm schnell, Jimmy. Wir müssen die Polizei rufen."


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